Hersfelder Kreisblatt
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Nr. 5 ____s__
Sonnabend den 12. Januar
1924
— Auf Grund der B l u t t a t in E p e y e r hat die englische Regierung in Paris eine Untersuchung der Pfalz- zustände beantragt.
— Die deutsche Regierung wird in Paris und Brüssel eine scharfe Protestnote gegen ins Verhalten der Besatzungsbehörden in der Separatisten frage überreichen lassen.
— In einem Interview mit einem französischen Journalisten hat Hugo Stinnes seine Ansichten über das R e p a r a i i o n s- P v o’6 l e m kundgegeben.
Wochenrück-lick.
Aus Paris verlautete einmal, die Ruhrchefetzung solle „unsichtbar" gemacht werden. Das konnte nur dahin verstanden werden, daß nach Abzug der Truppen Zivil- kommissare unauffällig die Ausführung der französischerseits für nötig gehaltenen Maßregeln überwachten. Seitdem ist viel Ruhrwasser in den Rhein gelaufen, und die „Unsichtbar- keit" besteht in Umgruppierung »iniger Truppenteile, und drei volle Slrmeeiotps bleiben nach dem Ende des „Kampfes" nach wie vor auf deutschem Boden, eine selbst den schweren Bestimmungen des Versailler Vertrages Hohn sprechende Geldvergeudung, die den englischen und amerikanischen Sachverständigen der Reparationskommission zur Beachtung empfohlen sei. Gleichfalls im Zeichen einer fragwürdigen Unsichtbarkeit steht die jetzt vorgenommene Militärkontrollkommission, "deren Mitglieder in Zivilkleidung den „Gefühlen der kontrollierten Stellen Rechnung tragen" wollen. Die Reichsregierung hat wiederum darauf hingewiesen, daß die Mission der Kommission als erledigt angesehen werden muß, und in der Tat findet dies Vorgehen im Friedensinstrument vertragsmäßig keine Stütze. Stoßen die Kontrolleure bei ihrer
Tätigkeit auf Widerstand der deutschen militärischen Stellen, und steigert sich die von der Regierung befürchtete Auf. regung der Bevölkerung bis zu Handgreiflichkeiten, wie da. mals in Ingolstadt und anderen Orten, dann muß Deutsch, land die Verantwortung für die Folgen der vertragswidrigen § « lUMn, die auf eine Spionage hinauslaufen, ablehnen. Hoffentlich bewahrt die Bevölkerung ihre Ruhe und führt nrcht Zwpchenfälle herbei, die Repressalien nach sich ziehen
In seiner Albert-Hall-Rede hat Macdonald den Willen seiner Politik betont, „alle Funken kräftig aus. zutreten, die vielleicht zu künftigen Kriegen führen könnten". Ist etwa in seinen Augen die französische Luftflotte ein solcher Funken? Es ist beim Austreten dieses Funkens dem fünf- E'gen Premierminister Vorsicht anzuraten, sonst könnte er sich die Stiefel verbrennen. Sicherlich ist es kein Zufall, wenn gerade angesichts der zur Schau getragenen Friedens- seligkeit des, Leiters der englischen Politik der bedeutendste Sacyverständige Englands für Luftkriegsfragen Graves fest, stellt, daß Frankreichs Luftflotte der englischen fünfzehn- mal überlegen ist, und wenn derselbe Mann seinen Landsleuten zu verstehen gibt, sie lebten im Angesicht der darin liegenden Gefahr in einem „Narrenparadies", es regiere zurzeit die nackte Gewalt in der Welt, und Englands Flot^ sei kein Schutz gegen einen französischen Luftangriff. Das scheint denn doch die vertrauensseligen Gemüter auf. gerüttelt zu haben, und die Einstellung von 400 neuen Luft- schifstFührern verrät, daß das Lustministerium den Ernst der Lage begreift, eine allerdings nicht ausreichende Abwehr- Maßregel, die nicht recht in den Rahmen der Macdonaldfchen Abrüstungspolitik hineinpaßt. In dieselbe Kerbe hat der „Observer" gehauen und der verflossenen Koalitionsregierung wegen der Bedeutungslosigkeit der Luftflotte den Kopf gewaschen. Hinter die dabei ausgesprochene Hoffnung, die Arbeiterregierung werde das gefährdete Prestige Englands wiederherstellen, darf man wohl ein Fragezeichen fetzen. Pazifistenpolitik ist stets mit einem Hemmschuh gegen energisches Handeln behaftet, und warum sollen einfache Arbeiter mehr Verständnis für die Schmach einer selbst- mörderischen Unterwürfigkeit Englands gegenüber Frankreich aufbringen als eine Koalitionsregierung bürgerlicher Parteien, denen vom „Observer" diese Unterwürfigkeit nach, gerufen wird! . , *^ —nd.
Fünf Separatifienführer . erschossen.
'' Di, Täter unerkannt entkommen. '
Am Mittwoch abend 9M Uhr ist der Führer d « r pfälzischen Separatisten, Gutsbesitzer Heinz aus Orbis, in Speyer im Hotel Wittelsbacher Hof von einem Unbekannten ermordet worden. Havas verbreitet über die Ermordung deS Separatistenführers folgende Meldung aus Mainz:
Heinz (Orbis) wurde abends gegen 9S Uhr in einer Wirtschaft in SPeyer ermordet in dem Augenblick, als er das Essen ein nehmen wollte. Es erschiene« plötzlich drei vermummte Männer, rie
fen „Hände hoch!" und feuerten. Heinz stürzt zu Tode getroffen zu Boden. Die Täte haben die Flucht ergriffen, ihre Persönlichkei ten konnten nicht fest gestellt werden. Di Polizei und die französischen Besatzungsbehördei haben Haussuchungen in der ganzen Stadt veran staltet. Die Automobile, die die Stadt verlassen werden von Patrouillen durchsucht.
Aus zuverlässiger Quelle verlautet, dass bs dem Anschlag im Wittelsbacher Hof in Speyei ausser Heinz (Orbis) noch die Separatisten Weiß Sand, Weigl und Futzheller getötet sowie meh rere Personen, darunter ein gewisser Lilienthal, schwer verletzt wurden. Die Getöteten waren alle Führet der pfälzischen Separatisten.
Die Täter Separatisten?
Ueber die als Täter in Frage kommenden Personen »er« lautet noch folgendes: Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um Personen aus den Reihen der Pfälzev Separatisten selbst. Schon seit längerer Zeit bestehert unter diesen starke Strömungen gegen Heinz und die separa- tistische Regierung, die hauptsächliH in der Nichtauszahlung der versprochenen Löhnung an die Mannschaften des separatistischen Rheinlandschutzes und in verschiedenen Verhaftun- ' jrunb hatten. Me gehäuft. Ver-
gen protestierender Angehöriger ihren $aupfg: Unzufriedenheit hat sich in letzter Zeit stark schiedene, von den Separatisten ausgestoßene Drohungen ließen darauf schließen, daß von feiten der Separatisten schon seit längerer Zeit eine Abrechnung mit Heinz und
Genossen geplant war.
Als Geiseln für die Ermordung des Leiters der „Re- gierung der autonomen Pfalz" Heinz wurden festgenom- «e«: Oberregierungsret Dr. Poellmann, Direktor Dr. 8 ehmann, Oberlandesgerichtspräsrdent B ; label, Staatsanwalt König. _W!ra-- "»eister « * % »mißrat Müller und Jpstizasf-ffor Bilabel. In der Nacht wurde von den Separatisten eine strenge Paß- rontroste eingeführt.
Englische Einmischung in die
Pfalzfrage.
vsrhandlungen in Paris und Lando'n. — Er - nrnnung eines britischen Beauftragten?
Aus PariS wird gemeldet, daß die britische Regie- rung bei der französischen Regierung Beschwerde erhoben habe, weil die französischen Besatzungsb«S;ör- den in der Pfalz die Separatisten ermutigen, und dass die britische Regierung eine Untersuchung der Vorgänge vor-geschlagen habe. Es verlautet, dass Frankreich diesem Borschlage zustimmen will, vor- ausgesetzt, dass die Untersuchung von der Jnter- alliierten R h e i n l a n d k o m m i ? s i o n ausgeführt werde. Der französische Botschafter Graf de St. Aulaire hat sich umgehend auf das Foreign Office begeben und mit Lord Curzon eine lange tlnterredung gehabt. Lord Curzon wünscht an Ort und Stelle eine Untersuchung von einem britischen Vertreter vornehmen zu lassen und gab zu verstehen, dass dieser Vertreter sehr wohl der britische Generalkonsul in München sein könne. - Man versichert, dass der englische Außenminister beabsichtige, die ganze Angelegenheit der Genfer Tagung des Völker- bundes zur Begutachtung zu unterbreiten.
Bie Schüsse von Speyer.
T' : ■ Weitere Einzelheiten.
Ans den Kugelfpuren in dem Saale, in dem das Attentat auf Heinz verübt wurde, ergibt sich, dass e t w a 18 Schüsseabgegebcn wurden. Als die Täter ver- schwunden waren, erschien ein Mann aus der Umgebung des Heinz, namens Schmitz-Epper und nahm sofort die Untersuchung auf. Wachen wurden aufgestellt und die im Saale anwesenden Gäste notiert. -?ie Oertlichkeit wurde photographisch ausgenommen. Bei der Untersuchung fand man lediglich verschiedene Revolver n e u e st e n Systems, die von den slüchtenden Ta- tern fortgeworfen waren. Die Täter entkamen offenbar zu Fuss. Die Leiche des Heinz b l i e b n o ch länger« Zeit im Saale liegen und wurde dann im Regie- rungsgebäude anfgebahrt.
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Die vier außer Heinz Angeschossenen starben erst im Krankenhaus. Einer der Hotelgäste wurde durch erneu Schutz in den Mund, jedoch nicht lebensgefährlich, verletzt; ein anderer Gast, der, ohne zu wissen, wem die Schusse ga^cn durchs Fenster entkommen wollte, erhielt erneu en). In ’ glücklicherweise nur seinen Rock durchlöcherte. Das vor
gehen der Attentäter kam außerordentlich überraschend. Es wird erzählt, daß zwei von ihnen sich schon vorher an den Tisch gesetzt hatten, an dem Heinz Platz genommen hatte, und daß sie sich mit ihm und seiner Umgebung eine Zeitlang unterhielten. Kaum hatten sie sich aus dem Saal zurückgezogen, so öffnete sich die Tür; vier oder fün junge Männer, die ungemein kaltblütig vorgingen, riefen: --Hände hoch!" und gaben sofort Schüsse ab. Ein anderer ihrer Mithelfer, der ebenfalls einen Revolver hochhielt, schaltete unmittelbar nach Abgabe der Schüsse den elektrischen Zentralschalter aus, so daß die Täter, die die Schüsse ab^L gegeben hatten, unerkannt und unbehelligt im Dunkeln ent^ kamen. Augenzeugen erzählen, daß jene keine Mäntel oder Kopfbedeckung getragen haben. Am Sonnabend ist noch eine weitere der von den Schüssen im Wittelsbacher Hof getroffe- neu Personen ihren Verletzungen erlegen, so daß 'sich die Zahl der Toten auf sechs erhöht.
Der Sonderberichterstatter der Daily News in Speyer schreibt zur Erschießung des Separatistenführers Heinz, dieser sei in der Pfalz als ein Werkzeug der Franzosen angesehen worden. Da er die Hauptfigur in der Unter« drückung der PfäIzer gewesen fei, so fei es nicht überraschend, daß er ein Verräter genannt worden sei Mzd daß fein Tod nirgends bedauert werde. Sein Mörder würde andererseits als Held in der Sache der Befreiung des pfälzischen Volkes angesehen werden.
Das letzte Schicksal des Verräters.
Die Kirche lehnt die Mitwirkung bei ber Beisetzung ab.
In der offiziellen Todesanzeige der sogenannten autonomen Regierung der Pfalz ist auffälligerweise kein Termin für die Beerdigung angegeben. Es wird bekanntgegeben, daß die Trauerfeier für Heinz-Orbis am Sonntag in dem „Re- gierungsgebäude" stattfinden wird. Wie wir erfahren, haben die kirchlichen Behörden ihre Mitwirkung an der Trauerfeier und der Be »rbiau na « b.
Sanktionen gegen die Pfalz.
Das Echo de Paris meldet aus Mainz, daß anläßlich der Ermordung des Heinz General de Metz folgende Maßnahmen ungeordnet hat:
Der Zugang zur Pfalz ist jeder Person untersagt, die aus dem unbesetzten Gebiet kommt und deren Wohnort sich nicht in der Pfalz befindet.
Die Rheinbrücken werden geschlossen mit Ausnahme der Teile, die dem Eisenbahnverkehr dienen.
Im Gebiete der Stadt Speyer ist der Verkehr von 7 Uhr abends bis 6 Uhr morgens unter- jagt.
Am Sonnabend sind eine große Anzahl von Vertreter« der pfälzischen Verbände in Koblenz, um persönlich bei den Mitgliedern der Rheinland-Kommission vorstellig zu werden. Die Separatisten haben auf der Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen eine PaßVatroste errichtet. Sie wurden von einem übel beleumundeten Individuum namens Roß geführt, der mit v o r g e h a k t e n e m Revolver zahlreiche Verhaftungen vernahm und den Aus- weis eines französischen Bezirkedelcaierlen oorzcigte, der ihm die Berechtigung zu der Paßkontrolle erteilte.
Auf Veranlassung des früheren Geschäftsführers des Gutenberg-Berlages wird der Staatsanwalt gegen den sepa- ratistischen sogenannten „stellvertretenden Bänisterpräsiden. ten" Theodor Oehmen ein Verfahren wegen « ch w e r e r U r - k u n d e n f ä l s ch u n g einleiten.
BayerMer Haftbar utr" 19 Separatist-«.
Der Etaatsanwcklt am Volksgericht Würzburg hat gegen die separatistischen Führer in der Pfalz Heinz-Orbis, Bley, Schmidt-Eppers und 16 weitere separatistische Führer Hast- befehl erlassen wegen eines nach den bayerischen Bekannt machungen vom 11. Mai und 8 Oktober 1023 mit der Todesstrafe bedrohten V e r b r e ch e o e s H o ch v e r r a t ».
Immer noch Meinungsverschiedenheiten zwischen
Paris und Brüssel.
Die französische Antwort auf die deutsche Denkschrift vom 24.12. betreffend die Herstellung eines modus yivendi in den besetzten Gebieten wird nach den: „Matin" zweifellos spätestens Sonnabend dem deutschen Geschäftsträger über, reicht werden. Am Freitag habe nochmals ein längerer M e i nung s aust au sch zwischen dem b e I giichen Außenminister und dem franzoiNchen V o t • < Auster in Brüssel stattgefunden. Jetzt sei man einig darüber, was man annehmen und was man ablehnen solle Man sei einig in der Annahme, day die antwort nicht die Verhandlungen mit den Deutlchen abschließen werde. Die französische und die oelgnche Regierung wollten die Tür für weitere Verhandlungen often ^yen, abe S Siegierm-d h-tt- d«M reit. »^ »VTÄfeS wolle sich damit begnügen, es lagen zu lassen. Ctne unteren,, fei also fast (?) nicht mehr vorhanden, jedenfalls bestehe |u nur in der Form und werde leicht geregelt werden.