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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 149 Sonnabend den 15. Dezember 1913

Sluf ein im Landtage von den Demokraten ein gebrachtes Mißtrauensvotum hin hat die sächsische Regierung ihren Rücktritt erklärt.

f ~ 'Poincare hat am Freitag den deutschen Ge- Ichaftstrager von Hoesch empfangen.

infolge der überaus schwierigen Finanzlage des Reichs können die am 17. Dezember fälligen Gehalts- »«Ölungen nur zur Hälfte geleistet werden.

Oeuffchland und die Mächte.

Von Dr. T. M ü h l i n g.

Man kann nicht bestreiten, daß ein in seinen Finanzen zerrütteter und durch leidenschaftliche Parteikämpfe, Rasse- feindschaft und Stammesgegensätze innerlich zerfleischter Staat keine erfolgreiche Außenpolitik machen kann. Und es ist auch aus diesem Grunde begreiflich, daß man in Deutschland um diese Jahreswende die Außenpolitik für eine eura posterior", eine Sorge zweiter Ordnung, hält und die Staatsverwaltung ihre ganze Kraft der Gesundung un­serer inneren Verhältnisse zunächst zuwendet. Wenn es nicht gelingt, sie herbeizuführen, so wird die Einflußlosigkeit Deutschlands in der Welt verewigt werden.'

Dennoch kann unser Vaterland, dessen furchtbares Schick- sal ja durch einen internationalen Vertrag von maß­loser Grausamkeit und Kurzsichtigkeit herbeigeführt worden ist, sich nicht freiwillig jedes Einflusses auf die Gestaltung der zwischen ihm und den Mächten und unter diesen selbst bestehenden Beziehungen begeben. Es muß sich nur darüber klar sein, daß dieser Einfluß außerordentlich gering ist, wenn j^-4epte^buttrnr^^ wiv; denn einen" rrgenowie bestimmenden Einfluß kann ein Volk auf das Weltgeschehen nur ausüben, wenn es entweder geliebt oder g e f ü r ch - tet wird. Vor dem Kriege wurde Deutschland nicht geliebt, über gefürchtet; heute wird es gehaßt oder bemitleidet, aber Furcht einzuflößen, ist es nicht mehr imstande. Die einzige Waffe, über die unsere Diplomatie im Kampf um Deutsch­lands Selbstbehauptung verfügt, ist die geschickte Be­nutzung der Fehlerunserer Feinde, und diese Waffe muß mit jeder List benutzt werden. Wie wirksam sie sein kann, das lehrt die erfolgreiche Politik Cavours, der in einem Jahrzehnt geschickter Diplomatie, ohne sich auf Furcht einflößende Mittel stützen zu können, aus dem kleinen Piemont das einige Königreich Italien schuf.

Wenn man die internationale Lage unter diesem Ge­sichtspunkt betrachtet, so wird man nicht in Abrede stellen können, daß die Möglichkeit einer Besserung vorhanden ist. Es unterliegt feinem Zweifel, daß Frankreich, unser un­erbittlichster, stärkster und teuflischster Feind, in der Welt nicht mehrgeliebt, sondern nurnoch gefürch­tet wird. Herr Poincar^ hat sein Land durch seine auf die vollkommene Vernichtung Deutschlands gerichtete Politik in eine ähnliche Lage gebracht wie die war, in die w i r durch die Fehler unserer Vorkriegspolitik geraten sind. Es bil­det sich eine Frankreich feindlich gesinnte, vorläufig noch nicht durch Verträge unterbaute, aber in den Stimmungen der Regierungen und Völker sich vorbereitende Koalition gegen den französischen Imperialismus, der seine Ziele so schlecht zu verhüllen weiß, daß sie jeder diplo- matische Analphabet erkennen kann. Die Politik Deutsch- lands muß es sich zur Aufgabe machen, diesen Zusammen­schluß durch keine Unvorsichtigkeit zu stören, und ihn, so­weit es irgend in seiner Macht liegt, zu fördern. Frank- reich hat eigentlich nur noch vier Freunde auf der Welt, deren Freundschaft aber auch nicht auf innerlicher Zuneigung be- ruht, sondern auf der Furcht vor Rußland und dem Be­wußtsein, daß sie vollkommen von ihm abhängig sind: diese Freunde sind Belgien und die Staaten der Kleinen Entente.

In England will die große Mehrheit des Volkes den Bruch mit Frankreich nur aus Furcht, nicht mehr aus Liebe vermeiden, und wenn ein Volk erst einmal so ein« gestellt ist, hängt es doch nur von den: Maß der Furcht ab, ob der Bruch erfolgt. Die erglühe Diplomatie wird nach den Wahlen, während deren die weite Verbreitung dieser Stimmung ganz deutlich zum Ausdruck gekommen ist, wie es im Charakter der englischen Politik liegt, nicht herbei- führen, sondern reifen lassen. Die Entwicklung in dieser Richtung wird langsam vor sich gehen, aber sie voll­

zieht sich ganz deutlich vor unseren Rinnen.

Italien ist, nachdem es England in d. Korfufrag« ' - ' ! Völker-

urch nicht

mit vorsichtiger Unterstützung Frankreichs v Hund eine schwere Niederlage bereitet hat. ' an Bedeutung verliert, daß sie eine Riede. läge des g a n »en Völkerbundgedankens in sich schloß, zu bei auf einer langen Ueberlieferung beruhenden ^kfielluni

in fast allen Fragen, welche die Diplomatie Europas beschäf­tigen, auf der Seite Englands, und Mussolini hat in seiner letzten großen Rede über die auswärtige Politik im Senat ganz klar und deutlich die Ruhrpolitik Frankreichs rücksichtslos verurteilt. Wenn England und die Vereinigten Staaten ihm in der Frage der internationalen Schulden ent­gegenkommen, dann wird es die letzte Fessel lösen können, die es mit Frankreich verbindet, gegen das es natürlich unter Ableugnung der leicht zu durchschauenden Tatsache, ein Mit- telmeerbünbnis mit Spanien zum Schutze und vielleicht auch zur Erweiterung seines afrikanischen Besitzes vorbereitet hat.

In den Vereinigten Staaten ist die Begeiste­rung der Kriegszeit für Frankreich längst erloschen. Die Propagandareise Lloyd Georges, die ganz antifranzösisch eingestellt war, hat viel tiefer gewirkt als die ihr voran­gegangene ElSmenceaus. Die im Kriege neutralen Staaten haben sich samt und sonders von Frankreich abgc- wendet; einer unter ihnen, die Schweiz, ist durch einen Gewaltakt Poincarös so tief verletzt worden, daß seine Presse, auch die in französischer Sprache geschriebene, einen geradezu feindseligen Ton angeschlagen hat.

Es bereitet sich also ohne Zweifel die vollkommene Isolierung Frankreichs vor, eine Isolierung, die deshalb von großem Wert für Deutschland ist, weil sie vor­nehmlich ihren Grund in der für alle anderen Mächte ge­fährlichen, den Stieben Europas immer wieder bedrohenden, auf bie Vernichtung des Deutschen Reiches gerichteten Politik PoinearSs ihren Grund hat.

Herr v. Hoesch bei poinrare.

Poincars hat am Freitag den deutschen Geschäfts­träger von Hoesch empfangen, um von ihm eine Mit­teilung der deutschen Regierung über die Wieder­aufnahme der Reparationsverhandlungen entgegenzunetzmen. .

Wie ein Berliner Mittagsblatt meldet, hat Reichskanzler Marx den direkten Meinungsaustausch zwischen der französischen und der deutschen Regierung durch Vermittelung des norwegischen Gesandten in Paris vorgeschlagen. Die gesamte Pariser Morgenpresse bespricht den Schritt des Botschaftsrats von Hoesch bei Poincars, durch den mit Frankreich Verhandlungen über alle die Rheinlande und das R u h r g e b i e t be­treffenden Fragen eingeleitet werdensollen. Im Petit Parisien heißt es, wenn das deutsche Kabinett an einen aufrichtigen Meinungsaustausch über die Probleme, die zwischen Deutschland und Frankreich schweben, denke, dann könne man schon im voraus sagen, daß einesolche Initiative in Paris aufmerksam geprüft (!) werden wird. P o in car6 wird auch in der Interpel- Ktionsdebatte der Kammer das Wort nehmen, um die außenpolitischen Ereignisse der letzten Tage zu besprechen.

Das Re ch in Zahrunasschwiengkeiiech

K-ir- Geld mehr in den Kassen. Die Beamten- gebälter können nur zur Hälfte gezahlt werden.

W.T.B. teilt mit: Das Reichskabinett mußte sich »»Gesichts der außerordentlich schwierigen Finanzlage w4 Reichs zu feinem Bedauern entschließen, anzuord- n«n, daß die für den 17. Dezember in Aussicht genom- «»neu Gehaltszahlungen an Beamte und Angestellte lür die zweite Dezemberhälfte nur zur Hälfte an diesem Tage geleistet werden. Es ist in Aussicht genommen, »-n Rest am Freitag, dem 21. Dezember, anszuzahlen. Die Reichsregiceung sah sich zu dieser Anordnung trotz der ihr bekannten Rotlage der Beamten- und An- ^d-vtenschaft gezwungen, da die Mittel zu einer recht- --*r«w. vollen Auszahlung nicht vorhanden sind und ^«i'c<«er Anßreugnngen nicht herbeigeschafft werden konnt-». ,

Fyrtfteuerung der Hypsthekengetviune.

<&« Reickskabinett hat in seiner Sitzung am Donners- tag. t>u sich bis in die Nachtstunden ausdehnte, die zweite 61 e v e t n o t v e r o r b n u n g genehmigt. Ferner stimmte ru,« »abinett den Richtlinien über die Schadloshaltung der «»«gewiesenen Beamten zu. Die zweite Steueroerordnung faw w Freitag im Fünfzehnerausschuß zur Verhandlung. Nach her Beratung im Ausschuß wird diese Verordnung noch aw Reicherat behandelt werden, und dann ist mit der io« fertigen Veröffentlichung dieser Verordnung zu rechnen. Das Kabinett wird sich inzwischen mit der dritten Verorö. nun«; über die

Aufwertung der Obligationen und Hypotheken beschäftign. Es ist anzunehmen, daß für die Frage der

Aufwertung, in der bekanntlich die Meinungen in Juristen kreisen und in Finanzkreisen auseinandergehen, künftig ai dem Grundsatz festgehalten werden wird, daß die Gläubige von Forderungen, die auf Reichsmark lauten und bei beiiei eine Aufwertung durch besondere Vereinbarung nicht vor gesehen war, auch nicht berechtigt sein sollen, eine derartig, Aufwertung zu verlangen. Dadurch entsteht ein Geld- entwertungsgewinn für die Schuldner, und dieser wird voraussichtlich zum Teil weggesteuert wer­den. Vorläufig kommen für eine derartige Erfassung die Wohnhaushypotheken (in Form einer Mietzins- steuer) und die privaten Obligationen in Frage.

Für die Mietzinssteuer

wird das Reich voraussichtlich nur allgemeine Richtlinien herausgeben und die Erhebung im einzelnen den Ländern überlassen. Für die Besteuerung der Geldentwertungsgewinne bei Obligationen dürfte ein Satz von 10 Prozent in Frage kommen, der allerdings nicht auf einmal, sondern an verschiedenen Terminen zu erheben wäre.

Nie Rückkehr zur Friedensmieie.

Ueber die Kursänderung in der Mietenpolitik verlautet: Im Laufe einiger Monate soll ganz allgemein die Friedensgoldmiete erreicht sein. Davon sollen 50 Prozent den Hausbesitzern und 50 Prozent den Län- dernundGemeindenzufallen. Der ursprüngliche Plan, 25 Prozent den Ländern und 25 Prozent dein Reiche zugunsten einer Fortführung der Wohnungsbautätigkeit zu überlassen, ist fallengelassen worden, da das Reichsfinanzmini sterium sich in Uebereinstimung mit dem Reichswirtschafts- Ministerium auf den Standpunkt gestellt hat, daß im Hinblick auf die vielen sonstigen wirtschaftlichen Nöte in unserem Vaterlande die Wohnungsnot nicht so groß ist, daß zu ihrer Ueberwindung jetzt besondere Mittel zur Verfügung gestellt werden konnten. Site Heranziehung ^er Besitzer von Eigenhäusern zu der Mietzinssteuer soll in das Be­nehmen der Länder gestellt werden.

Kanzler-Telearamm an den Papst.

Wie an zuständiger Stelle verlautet, hat der Reichs­kanzler an den Papst folgendes Telegramm gerichtet:

Ew. Heiligkeit bitte ich namens der deutschen Regie­rung für die vermittelnde Tätigkeit Ihres Delegaten für das Ruhrgebiet, Monsignore Testa, dem es gelungen ist, die Begnadigung oder die vorzeitige Freilassung von etwa 300 Ausgewiesenen und politischen Gelungenen bei den Besatzungsmächten zu erreichen, w ä r m st e n Da n k aus- sprechen zu dürfen. Das karitative Werk, das die römische Kirche unter Ew. Heiligkeit und Führung im be­setzten deutschen Gebiete durch diese Vermittelung und auch sonst durch unmittelbare Hilfeleistung für die Notleidenden und Bedrängten vollbringen, ist dem deutschen Volke ein starker Trost in der schweren Heimsuchung, der es im Verfolg des Krieges verfallen ist."

An den apostolischen Gesandten Monsignore Testa hat der Reichskanzler ein länger es Schreiben gerichtet, in dem er ihm den wärmsten Dank des deutschen Volkes für feiM Tätigkeit ausspricht.

Der Freiheit wiedergeaeben!

Der französische und der belgische Befehlshaber haben den Delegierten des deutschen Roten Kreuzes für das Ruhr- gebiet mitgeteilt, daß mit der Freilassung einer grö- ßeren Änzahl politischer Gefangenen in der nächsten Zeit zu rechnen sei. Das deutsche Rote Kreuz hatte sofort nach Aufgabe des passiven Widerstandes im Interehe d« politischen Gefangenen bei den einzelnen in Betracht tommenben Dienststellen der Besetzung sowie beim Inter- rationalen Roten Kreuz Schritte unternommen, um die Be- giteebigung der Gefangenen zu erwirken.