Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
ErscheintAtenSta«, SonntMta» ueD «»»»«hent. Der Bexisprei« beträgt für Dezember 2— Goldmark. / / X«zet«r«pret< für Die «inspelttae Prtltzelle »Der Deren Kann 10 Pfg.. für auswärtiae Ämeloen 15 Pfa, Neklemezeile 30 Pfa. / / Brock n. Serie» Don ßnDmi» still Duchdrmterr! in Herüfel».
Mrtglteb des Verein« Dentfcher 2rttn»««-Derleaer. / / gär Die 6*riftlettna» oersntrosrtli* gram gant in Sersfeld. / / Fernsprecher Ar s.
Nr. 148 Donnerstag Den 13. Dezember 1923
Das Wtchiigffe.
— In Lissabon ist eine Militärrevolte von be Regierring schnell unterdrückt worden.
— Für da« gesamte b«j« zr« Gebiet wird ein wert beständige, Notgeld geschaffen.
— Die mexikanisch« Auf st and, beweg nng bsrnrt erstarkt, daß die Rebellen den Vormarsch auf du Hauptstadt Mexiko angetreten haben.
- Nach einer Meldung «ue Washington wird Deutsch- or"u7 c 7 ^U'^uß der Reparation-kommission sei. °"'°' T'"°nzlage und zur Ausgleichung, seine« S t a a t, h a u s h a I t, , nicht aber in dem Ausschuß zur tM dlu»land überführten deutschen Kapitalien
Preisabbau — Teuerung?
Don unserem wirtschaftrpolitischeu Mitarbeiter. . ,®in Aufatmen geht m den letzten Tagen durch das deu-^che Volk: der Preisabbau hat, und zwar bei den Kä?^°^ Nahrungsmitteln zuerst und am ßen' .^gönnen. Schon mehrt sich die Zahl der es trotz aller bitteren Erfahrungen ^Mrur ^' ^ Er Jahre Leute, die ohne eingehende h?q^W9 ^ wirtschaftlichen Lage und der wirtschaft- b^r§"!EEmhange an Stelle des bisherigen Pessimismus bbe"so unbedingten und ebenso übertriebenen Optimismus haben treten lassen, Leute, die Vorkriegspreise und Vor- oder sogar ein besseres und bequemeres Beben in nächster Nahe sehen. Sicher glaubt heute die überwiegende Mehrzahl des deutschen Volkes, nach den ersten Erfolgen der neugeborenen Rentenmark und der Stillegung der Notenpresse von den nächsten Monaten, ja von den ' nächsten Wochen unter allen Umständen eine 'v leniiiche Resse- -LbLcesfuyouieg M0 bei
warten zu dürfen. So unerfreulich es an sich ist. daß ein uml). und gedankenloser, was schlimmer war: ein willenloser Pessimismus das deutsche Volk beherrschte, ebenso sehr muß vor unklarem und tatenlosem Optimismus gewarnt werden.
Der Preisabbau ist durchaus noch nicht allgemein. Da, wo er eingetreten ist, ist der Grad der Verbilligung sehr verschieden; im Durchschnitt stehen aber auch die verbilligten Preise noch weit über den Borkriegspreisen, und zum Teil — man denke nur an Eier, Butter und ähnliche Erzeugnisse — auch noch weit über Weltmarkpreis. Wer nun von dem Preisabbau und der allgemeinen Kon- folidierung, insbesondere der Wertbeständigkeit der Papier- mark und der Rentemnark — einer Wertbeständigkeit, deren Dauer leider noch nicht ganz außer Frage ge- stellt ist —, zuviel erwartet, und wer insbesondere über- sieht, daß die Lebenshaltung burd) die Erzeugung, und die zur Verteilung zur Verfügung stehenden Güter bedingt wird, steht leicht vor neuen schweren Enttäuschungen. Es muß einmal offen gesagt werben, daß für weite Schichten des deutschen Volkes die Gesundung und die Umstellung auf Wertbeständigkeit, wenigsten, für eine Uebergangszeit von einigen Monaten, eine erneute Beschränkung und Verschlechterung der Leben «Haltung bedeutet.
Sehr viele Glieder des deutschen Balles — und wahrhaftig nicht nur Arbeitnehmer — werden in den nächsten Monaten, in bereit wir nur unsere Erzeugung, genau gesprochen nur einen Teil unserer Erzeugung, der nach Deckung der Reparation »lasten und gewisser Kapitalsanlagen verbleibt, zu verzehren haben, wesentlich einfacher und sparsamer leben müssen als in den zurückliegenden Monaten, wo zur tatsächlichen Erzeugung für den Verbrauch immer noch aus der Mobilisierung von Bolksoetmögen und aus Anleihen ein sehr erheblicher Zuschuß kam.. Es ist kein Zufall, daß gerade jetzt das gesamte Ausland in un- Sm Kundgebungen die ungeheure Not in Deutschland
nnt, und es ebensowenig ein Zufall, daß — in nur scheinbarem Wide. ud) — die Forderung auf Verlängerung der Arbeitszeit zusammentrifft „mit immer neuen Arbeiterentlassungen und mit einer vorläufigen Nekordziffer von rund 4% Millionen Erwerbslosen. Die deutsche Wirtschaft steht im toten Punkt. Durch unproduktwe Verwendung menschlicher Arbeitskraft und cachltchen Ar^- wandes und durch eine Bezahlung nach Anwei engen, nicht nach Leistung sind die Kosten der deutschen Erzeugung unter gleichzeitigem ständigen Rückgang dieser Erzeugung imb im Zeichen einer nicht mehr egoistischen, sondern oft geradezu sinnlosen Kalkulation auf durchaus unmögliche Hohe ge- stiegen. Nur eine Erdrosselung dieser Erzeugung, nur eine Abtötung kranker Glieder in Kreisen der Industrie unb des Handels, der mit vielen Nachkriegsgründungen auch ichlecht- " geleitete alte Unternehmen und ganz« unzeitgemäß gewordene Branchen zum Opfer fallen dürften, kann den Weg und die Möglichkeit zu neuer verbilligter Produktion WUTen.
Werden aber die Verteilung des Produktionsertrages zwischen der Arbeit und den anderen beteiligten Faktoren, werden die Lebenshaltungsmöglichkeiten im Zeichen dieser verbilligten Produktion einigermaßen den Hoffnungen entsprechen können, die heute durch das Volk gehen?- Die nsusn Beamtengshälter, die eine so fürchterlich«
Verproletartfierung bedeuten, die neuen Arbeiterlöhne uni die Angestelltenlöhne verschiedener Branchen, alles Ein konanenszahlen, die weit unter Vorkriegszifferi liegen utt* oft nicht einmal ein Viertel der Vorkriegskaufkraf bebeuie®, zeigen uns erst, wie verarmt das deutsche Volk ist und vor »«lch« Hungerperiode wir stehen. Die Produktionskosten »erben in ber nächsten Zeit mit Dingen belastet sein die teils überhaupt, teils wenigstens der Höhe nach vor den Krie« »ntumkdar schienen. Das arme Deutschland wirk Zinssätze zählen müssen, die über denen der übrigen Well liegen, um Au»kmd<apttal anzulocken und auf diese Weise Betriebsmittel sich zu sichern; es wird Steuern zahlen müssen, um mit verringertem Sebiet feine und feiner Gegner Kriegs- kosten zu zahlen, di« in der Welt ohne Beispiel sind, und wird trotzdem mit gesunkener Durchschnittsarbeitsleistung selbst bei verlängert»: Arbeitszeit rechnen müssen, weil ihm Millionen von Arbeitern in den besten Jahren, weil ihm wichtig, Rohstoffe fehlen ober verteuert sind. Es wird aber angewiesen sein auf erhebliche Mehrausfuhr, also auf Morstenungskoften, die keinesfalls über denen ander»: 2M*»; liegen dürfen, anderer Länder, die solche Lasten nicht zu. tragen haben.
Da« all« thuf den Ertrag der Arbeit wie des Kapital» beschränken, beschränken in dem Maße, wie er sich heute bereits für die Arbeitnehmer in den niedrigen O^kommenssätzen, für das Kapital in den minimalen Aktten^rson, in der ungeheuerlichen Verringerung der Divstxnderck sitze und in der Verteuerung des Geldes aus- drückt. W;r meinen den Preisabbau haben und haben müssen, um auf dem Geldmarkt konkurrenzfähig zu sein, wt sicher werden die sinkenden Preise beruhigend wirk«, trsüssv." ihrer Senkung Grenzen gesetzt sind; aber wir stoben o» einer Teuerung trotzdem, weil die Real- etntowepeii aLo». Glieder des Volkes, und damit des Volkes als Gufq-uchd--^ .M««nblicklich sinken und noch stärker sinken werden. ®rr an feines Volkes und seine eigene Zukunft denkt, soll sich darauf jetzt einstellen.
gü® Kertm-LiM Amerika.
Umfasse*»« Regeln ma..^chtisster Frag«».
Ueber die Srurndiinten des am 8. 12. b. I. in Washington unterzaichireren Handelsvertrages zwischen den ‘Bereinigten Staaten von Amerika und Deutschland meldet das Wolffsche Bureau: Die Grundlage des Vertrages bildet die Gewährung dar beiderseitigen Meistbegünstigung.
Der Vertrag geht über das rein wirtschaftliche Gebiet weit hinaus und greift auch auf rechtliche, kulturelle und andere Fragen über. In dem Vertrag finde» u. a. folgende Punkte ihre Regelung: Einreise und Niederlassung; Erwerb und Uebertragung von beweglichem und unbeweglichem Eigentum; Ausübung des Handels- und Ge- werbebetriebes; Zulassung und Gründung von Gesellschaften, Beteiligung an ihnen und ihre Besteue- rung; die Aus-, Ein- und Durchfuhr; die Frage der Handelsreisenden und des Musterverkehrs. Einen integrierenden Bestandteil des Vertrages bildet ein eingehendes Konsular abkommen.
Die Geltungsdauer beträgt zehn Jahre vom Tage der Ratifikation ab. Nach Ablauf dieser Zeit gilt eine einjährige Kündigungsfrist.
Teilnahme Deutschlands am
Sachverstandigen-Ausschuß?
Reuter meldet aus Washington: „Einer hier eingelaufenen Nachricht zufolge verlautet, daß Deutschland die Teilnahme an dem Ausschutz der ReparationskomMission zur Untersuchung der Finanzlage Deutschlands und zur Ausgleichung des deutschen Staatshaushalts, nicht aber an dem Aus- schütz zur Untersuchung der aus Deutschland lveg- geführten Kapitalien gestattet werden wird.
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Dom Weißen Haus wird mitgeteilt, daß die Regierung die Teilnahme a m e r i k a.n i s ch e r S a ch v e r fta n - diger an den Untersuchungsausschüssen der Reparations- kommission günstig an sehen würde. Es um* betont, baß, während die Regierung selbst nicht in der Lage iet, offiziell an den Ausschüssen teilzrmehmen ober, offifielle Vertreter dazu zu ernennen, die Teilnahme amerikamicher Wirtschaftssachverständiger in prioater Eigenschaft ge- billigt werden würde. Die Tatsache, daß die Einladung an Amerika zur Teilnahme von allen alliierten Regierungen und ebenso von Deutschland unterstützt wird, wird als be- deutungsvoll betrachtet, da man stets auf der Emstimnngrru der europäischen Mächte als Voraussetzung für die Sicherung wirksamer amerikanischer Hilfe bestanden hat. Dcis ametita« msche Interesse an der Untersuchung wird hier voruehm-ich auf die Tatsache zurückgeführt, daß die amenfam-M Regie- rung einer der Hauptgläubiger Deutschland s ist. ____
Baldwin will zum Rücktritt gezwungen werden.
Reuter meldet: Das Kabinett kam zum ersten Male feit den Wahlen zusammen. Alle Minister waren anwesend. Valdwin führte den Vorsitz. Nach Beendigung der Sitzung dewahrten die Minister st r e n g st e s Stillschweigen, doch wird die Veröffentlichung eines Eommunique, er- ivartet. Das konservative Hauptquartier meldet, das Kabinett werde am Ruder bleiben, bis es zum Rücktritt gezwungen werde. Man glaube, daß binnen einem halben Jahre Neuwahlen notwendig werden würden. Baldwin hatte auch bereits mit Asquith und Namsay Macdonald Besprechungen. Der Premierminister machte den beiden Parteiführern von seinem Entschluß .sllit- teilung, bis zum Zusammentritt des Parlaments im Amt zu bleiben.
Der politische Berichterstatter der „Dciily Alail" will wissen, daß Asquith dem Premierminister mitgeteilt habe, er fei persönlich bereit, dem Premierminister jede Unterstützung zu geben, soweit er sie als im Interesse des Landes liegend erachten könnte. Im Verlauf der letzten Tage hätten unter Gruppen der Liberalen Partei Besprechungen statt- gefunden, in denen erklärt worden sei, daß Stimmen für die Bildung einer neuen Verfassungspartei zur Bekämpfung der Bestrebungen des inter- nationalen Socialismus vorhanden seien.
Daily Chronicle" schreibt dagegen, die Regierung habe nach Unter stützung herumgefischt, aber die inspirierten Meloungen, wonach Baldwin vielleicht die wohlwollende Unterstützung der Liberalen erhalten könne, feien unwahr. Baldwin werde keine Unterstützung von der Liberalen Partei erhalten. Ebenso unwahr fei die Mit- . teilung, daß Asquith in irgendeiner Form etwas derartige» L zugesagt habe.
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Die Lösung des rheinischen
WArunosproblemS.
Wertbeständiges Geld aller Gemeinde».
Das Düsseldorfer städtische Presseamt nieldet:
Es ist im Einvernehmen mit der Reichsregierung gelungen, ein gemeinsames wertbeständiges Geld aller Ge- meinben des besetzten Gebietes zu schaffen, und zwar eine» Gebietes, das sich von Dortniund bis imch Ludwigshafen er. streckt und Rheinland, Westfalen, Hesseii-Naffau, Hessen und die Rheinpfalz umfaßt. Dieses Geld wird gedeckt durch eine gemeinsame 6prozentige, auf Gold lautende K o m - munalanleihe der beteiligten Städte und Landkreise und der sonstigen kommunalen Verbände, für die die gesamten Körperschaften solidarisch haften, ferner durch 6 projen- tige Reichsgoldanleihe und durch ß p rozentige Reichsschatzanweisungen. Die Einlösung diese» Geldes erfolgt nach Auftuf.
Die Einheit ist eine Goldmark
(4,20 Goldmark = 1 Dollar). Die Regierung wird eine Verordnung erlassen, durch die die Stadtkreise und die Gemeinde- verbände ermächtigt werden, anzuordnen, daß alle Zahlungen an sie nur in von ihnen auszugebendem wertbeständigen Geld geleistet werden bürfen. Dadurch wird erreicht, daß das wertbeständige Geld immer wieder den Gemeinde lassen zufließt. „ , ,
Die Ausgabe des wertbeständigen Geldes erfolgt durch die Landesb ank der R h e i n p r o v i n z , die für die gesamten Landesbanken die Geschäfte wahrninimt. Die Vorbereitungen zur Ausgabe des Geldes siud so weit ge- diehen, daß noch vor Weihnachten mit dem Erscheinen der ersten Serie eines wertbeständigen Geldes gerechnet werden kann und daß, wenn keine unvorhergesehenen Störungen eintreten, im Januar 1924 der gesamte Zahlung», mittelbedarf der besetzten Gebiete auf biete Weise wertbeständig gedeckt werden kann. Die Gemeinden werden ihrerseits das gei nute Notgeld, das sie b'sqei aus- gegeben haben, am 1. Sar mir 1924 aufrufen und spätesten« bis zum 1. Februar 1924 ein lösen.
M'l'iSrputsch in Lissabon.
Nach einer Havas-Meldung aus Lissabon ist in bet Nacht zum Dienstag ein Angrifisversnch gegen das Palais des Präsidenten der Republik von der Wache des Palais zurückgewiesen worden. ES habe sich darum gehandelt, dem Präsidenten ein neue« Kabinett aufzuzwingen. Der Versuch dürfte von Extremisten mit Unterstützung der Mannschaft bei Torpedobootes „Douro" unternommen worden sein.
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Ein Madrider Blatt veröffentlicht folgende Mitteilungen über die Z w i s ch e n f ä l l e i n L i s s a b o n.
Am Montag abend 9 Uhr hätte ein starker Airgriffs- .vorfttch gegen das Palais des Präsidenten der Republik statt