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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint DteaLtaa, Sonnet«« und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt für Dezember 2. Golbmart. / / Anzeigeupreis für die einspaltige Detitzeile oder deren Rannt 10 Wla. für auswärtige Anzeigen 15 Pfg. Reklamezeile 30 Dfg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Duchdruckerrl in AerSfelb.

Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Frau, Funk in Ser-felb. / / Serasprecher Nr. 8.

Nr. 144 Dienstag den 4. Dezember 1822

Das Wichtigste.

Durch eine Aktion des Reichsernäbrungs- ministers ist in den Großstädten eine beträchtlich« Senkung der Lebensmittelpreise eingetreten.

Das Kabinett hat die Regierungserklärung über das sog.Kleine Ermächtigungsgesetz" fertiggestellt.

Der Ehes der Reichskanzlei, Dr. Kempke», ist zurück- getreten.

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Dom englischen Wahlkampf.

8um drittenmal nach dem Kriege schreitet das eng- ische Volk am 6 Dezember zu den Wahlurnen. Seit der Reformakt im Jahre 1832 ist keine Neuwahl allen Parteien so unwillkommen gewesen wie diese. Nur zweimal ist in den letzten fünfzig Jahren das englische Parlament so schnell nach seiner Geburt wieder gestorben wie diesesmal. Aber in dem einen Falle im Jahre 1886 wurde die Auf­lösung durch eine entscheidende Niederlage der Regierung und im anderen (1910) durch ein Veto des Königs er- zwungen. Die Auflösung des Parlaments, zu der sich das Ministerium Baldwin im November entschloß, ist bei­spiellos in der englischen Geschichte. Denn dieses Mi- msterium verfügte über eine starke und geschlossene Mehrheit und hätte noch jahrelang regieren können. Wie ist es zu erklären, daß es in den bewegtesten Zeiten diesen Sprung ins Dunkle macht?

Es ist nur dadurch zu erklären, daß während des letzten Jahres, also seit dem Geburtstag dieser konservativen Regie» cung, bedeutende Welterei gnisse auf die inn e- * " O i' -N d r ^zrpstbrltuunrrnr. ~eiHJi v rt^grelfln-ben Einfluß gehabt haben, daß die Versprechungen, mit denen die Konservativen die Regierung übernommen haben, nicht mehr aufrechterhalten werden können und deshalb über die ihnen nötig erscheinende Aenderung des politischen Kurses nach englischer Sitte die Befragung des Volkes notwendig ist. 6übe es in England das, was in der SchweizReferendum" genannt wird, so hätte die Regierung die Auflösung ver- sneiden können.

Herr Bonar Law hat in seinem Wahlprogramm gerade vor einem Jahr die Versicherung abgegeben, daß eine Aen­derung der Z o l l p o li ti k in einem Zeitabschnitt wie dem jetzigen, wo nichts so nottue als Sicherheit und Vertrauen, für seine Partei nicht in Frage'käme, weil ihre Vorteile nicht so groß sein würden wie ihre Nachteile, die sich aus der mit ihr verbundenen Beunruhigung und Störung er­geben müßten. Und sein Fraktionsgenosse Austin Chamber- lain sagte in einer seiner Wahlreden:Es wäre nach meiner Ansicht Wahnsinn, heute das alte Schutzzoll- programm Hervorzuholen in einer Welt, die so völlig verschieden ist von der, in der wir vor dem Kriege lebten, in einer Welt, wo, was nottut, nicht ist, uns gegen Konkurrenz zu schützen, sondern Leute zu finden, die im­stande sind, uns unsere Waren abzukaufen und uns Aufträge zu geben." Seitdem diese Erklärungen abgegeben wurden, hat die konsequente Gewaltpolitik, die Frankrc ch gegen Deutschland getrieben hat, Einflüsse auf den englischen Markt ausgeübt, die so katastrophal sind, daß die Regierung glaubt, dies« Versprechungen nicht mehr auflechterhalten zu können. Die Ueberspannung der flanzösischen Forderungen so meint sie wird in kürzester Frist Deutschland zwingen, um nur sein Leben zu fristen, seine Ausfuhr in ungeheurem Maße zu steigern, und gleichzeitig wird Frankreich dafür liegen schon die größte Besorgnis erregenden Beweise vor- durch die auf seinem ungeheuren Machtzuwachs an Kohle und Eisen beruhende Steigerung seiner Produktion veranlaßt werden, England auf seinem eigensten Gebiet zu bekämpfen. Darum ist es h e u t e k e i n W a h n s i n n m e h r, da» Schutz­zollprogramm hervorzuholen, vielmehr ist es die einzige Ret­tung aus der Flut der von Tag zu Tag anschlvellenden Arbeitslosigkeit, die das wirtschaftliche Leben und die M- «snzen Englands wie n-'e zuvor bedrobt.

Wer weiß, daß der Kampf um Freihandel und Schutzzoll seit einem Jahrhundert der politische Kamps ist, der dem englischen Volke an Wichtigkeit alle anderen zu übertreffen schien, der wird begreifen, was die Parole Schutzzoll zum Zweck der Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Absperrung der Konkurrenz gegenüber der Parole Freihandel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Erschließung möglichst vieler Absatz­gebiete bedeutet. Die Zugkraft dieser Parolen ist so groß, daß sie ein Wunder gewirkt hat. Der englische Libera­lismus, der in zwei Lager gespülte ^ war, die sich gegenseitig fast heftiger bekämpften als ihre konservativen Feinde, hat sich zusammengeschlossen, weil die Fahne des Freihandels für beide Gruppen ein heiliges Symbol ist. Und die beiden Rich­

tungen der konservativen Partei, die sich nicht minder heftig bekämpften, haben ihre Stimmen im Ruf nach dem Schutzzoll verschmolzen. Baldwin geht Arm in Arm mit Chamberlain und Birkenhead, und Asquith geht Arm in Arm mit Lloyd George in den Wahlkampf. Aber auf der Seite der Freunde des Freihandels kämpft auch die Arbeiterpartei, die in diesem Wahlkampfe wegen der großen Unzufriedenheit, welche die Arbeitslosigkeit erzeugt hat, große Aussichten haben wird.

In dem aufgelösten Unterhause saßen 342 Konservative, 144 von der Arbeiterpartei, je 59 der beiden liberalen Grup­pen und 7 anderen Parteien ungehörige Abgeordnete. Für den neuen Wahlkampf sind im ganzen 1420 Kandidaten aufge- stellt 60 von ihnen haben keine Gegenkandidaten, werden also nach englischem Wahlrecht von vornherein als gewählt betrachtet. Von ihnen entfallen 35 auf die Konservativen, 11 auf die Liberalen und 3 auf die Arbeiterpartei.

Der Ausgang der Wahl ist außerordentlich un­sicher; denn es wirkt auf ihn, abgesehen von der Wahl- oarole, eine Bewegung ein, deren Intensität sich schwer ab­schätzen läßt. Es sind daran läßt sich nicht zweifeln In England große Besorgnisse über das Anwachsen des fran­zösischen Militarismus entstanden. Diesen Besorgnissen hat zwar die konservative Partei auch Ausdruck gegeben, ja, die Note Curzons vom IL August wird in dieser Beziehung von keinem anderen offiziellen Aktenstiick des Foreign Office an Deutlichkeit erreicht. Aber die liberale Partei stellt tiefe Besorgnis mit einer Heftigkeit in den Vor­dergrund des Wahlkampfes, daß es den Anschein rrweckt, der Sieg der Liberalen werde nicht nur die Ab- rehrung der englischen Politik von der Entente bedeuten, andern bewirken, daß sich unter Englands Führung, wie sich wr 25 Jahren unter der Eduards VII., eine europäische

Zusammenschluß der europäischen Mächte gegen Frank- reich vollzieht. Und darin liegt auch für uns die ungeheure Bebeutung, die der Entscheidung zukommt, welche das eng- stsche Volk am 6. Dezember zu füllen hat.

- , / Dr. E. Mühling.

. Preisabbau! ' T

Senkungraktion des Ernährungsministers. Preisstürze in Berlin und Hamburg bis zu 50 Prozent.

Der Abbau der hohen Lebensmittelpreife, seit langem sehnlichst herbeigewünscht, scheint sich jetzt endlich vorbereiten zu wollen. Eine Aktion des Reichs- ernährungsministers hat hierzu den Anlaß gegeben. Allerdings vollzieht sich der Abbau zunächst auf einzel­nen Gebieten recht zögernd. Doch dürste in nächster Zeit mit weiteren Preisermäßigungen zu rechnen sein. Erhebliche Rückgänge sind vor allem auf Fleisch-, aber auch auf anderen Lebensmittelmärkten zu ver­zeichnen.

Ueber das Vorgehen des Ernährungsministers verlautet im einzelnen: Im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft fand mit Vertretern des Fleischergewerbes eine Besprechung wegen Herabsetzung der Fleischpreise statt. Die Beteiligten wurden aufgefordert, die gegenwärtigen Preise unverzüglich herabzusetzen und für die Zükunft die Preise auf der . ,

Grundlage der tasachlichen Gestehungskosten

und unter Einrechnung eines Gewinnzuschlags, der den im Frieden für die Gewichtseinheit gehabten Verdienst keines­falls überschreiten darf, in Goldmark neu festzu- setzen. Die Vertreter des Fleischergewerbes sagten zu, daß sie in ihren Kreisen auf die Einhaltung dieser Richtlinien hin. wirken werden. Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft wird in ähnlicher Weise auch mit anderen Zweigen des Nahrungsmittelgewerbes und -Handels ins Benehmen treten, um eine allgemeine Senkung der hohen Sehensmittelpreife zu erzielen. ,

Jn Berlin kommt die Senkung der Preise schon seit Sonnabend in den Fleischerläden zum Ausdruck. So ist z. B. Nückenfett von 4,9 auf 3,2 Billionen im Preise gefallen. Schweinczleuck zeigt folgende ermäßigten Preise: Bauch, Liesen 3,2, Mager fletsch 3, Dickbein 2, Kopf 1,5, Lunge und Spitzbein 1 Billion Hammelfleisch ist um 20 Prozent billiger, es kostet bis z> 3,1 Billionen. Am Mittwoch soll der Versuch gemacht wer den, auf dem Vieh- und Fleischmarkt die E o ! d n o t i c rung einzuführen, und man wäll danach streben, du

Fleisch-Goldpreise möglich st den Friedenspreis»» anzupassen. Auch mit einer

Brotpreisermäßigung

ist in aller Kürze zu rechnen. Das Mehl ist im allgemeinen nur 10 Prozent billiger geworden, bei wertbeständigem Gelde vorläufig um 15 Prozent. Daraufhin beabsichtigt der Zweck- verband der Großberliner Bäckermeister, sobald wie möglich eine entsprechende Herabsetzung des Brotpreises eintreten zu lassen. Auf dem übrigen Lebensmittelmarkt ist aber vorläufig von einem Preisabbau wenig zu spüren. Der Verkehr in der Zentralmarkthalle ist gering.

Auf dem Fettmarkt

ist eine Wendung zum Besseren nicht eingetreten. Margarine und Schmalz, also die Fette, die aus dem Auslande bezogen werden, zeigen keine Tendenz, billiger zu werden. Diese Waren sind dazu nach wie v o r s e h r k n a p p, die Nach- frage kann bei weitem nicht befriedigt werden. Es fehlt immer noch an den für die Einfuhr erforderlichen Devisen. Wegen einer Senkungder Milch preise findet Dienstag eine Verhandlung des Milchamtes der Stadt Berlin mit der Ab- teilung W im Polizeipräsidium statt. An zuständiger Stelle ist man heute der Ansicht, daß als Ergebnis der Besprechung eine Herabsetzung der Preise für Milch eintreten wird. Die Milch Händler selbst sind mit dieser Maßgabe voll- kommen e i n v e r st a n d e n , mehrfach unter der Voraus- setzung, daß in wertbeständigen! Gelde gezahlt wird.

Alles 50 pM. billiger!

©er große Preissturz in Homburg.

Aus Hamburg wird gedrahtet:Unter dem Einfluß der verschwindenden Papiermark hat seit Sonnabend in Hamburg eine scharf rückläufige Bewegung der Preise für Lebensmittel, Bedarfsartikel usw. eingesetzt. Der Rückgang beträgt im Augenblick durchschnittlich 50 Prozent, besonders für Fleisch, Schuhe, Fettwaren usw. Restaurationen, Hotels usw. ermäßigten heute ihre Preise ebenfalls bis um 50 Pro­zent. Auch die Hamburger Straßenbahn-Gesell- völkerung atmet sichtlich^uft In den Strichelt lümmelt sich

eine kauflustige Menge.

Die ersten Beschlüsse des Kabinetts Marx.

, Das kurzfristige Ermächtigungsgesetz.

54 Stunden Arbeitszeit für Beamte.

Halbamtlich wird mitgeteilt: Das Reich skabi- nett hat in seiner Sitzung am Sonntag beschlossen, dem Reichstag in seiner ersten Sitzung am Dienstag, dem 4. Dezember, ein Ermächtigungsgesetz vorzu- legen, durch das die Regierung die Vollmachten erhält, um Maßnahmen zu treffen, die im Hinblick auf die Not des Volkes und des Reiches notwendig und dringend sind. Die Geltungsdauer des Gesetzes, das sich als ein ««gesprochenes Notgesetz charakterisiert, soll auf kurze Zeit beschränkt werden.

Die Reichsregierung hat ferner beschlossen, die Ar- beitszeitde r B samten endgültig zu regeln, und zwar ist eine wöchentliche Arbeitszeit oon 54 Stundenin Aussicht genommen. Das Kabinett wird nach Anhmmng der Spitzenorganisationen in nächster Zeit Beschluß fassen. Die Verlängerung der Arbeitszeit der Beamten war bereits von dem ersten Kabinett Stresemann grundsätzlich beschlossen worden. Im Anschluß an diese Frage wird als eine der dringendsten Aufgaben die

allgemeine Regelung der Arbeitszeit

überhaupt vom Kabinett voraussichtlich alsbald in Angriff genommen werden. Besondere Bedeutung mißt man in dieser Hinsicht auch bem Abkommen über die Mehrarbeit im Bergbau bei, welche für den wirtsclmMchen Wiederaufbau von weitreichenden Folgen sein dürfte. Es ist zu beachten, daß dieser Schritt ohne auft -bende Kämpfe zwischen Arbeit- geber und Arbeitnehmer durch den Reichsarbeitsminister ver- wirklicht werden konnte. Ihn- werden in der nächsten Zeit weitere Schlfl^e in gleicher Richtung folgen. Vor allem wird man damit rechnen können, daß das Arbeitszeitgesetz nun keinen weiteren Aufschub mehr erleidet.

Die bevorstehende Regierungserklärung.

Weiterhin hat sich das Kabinett auch mit der, wie ge­meldet, am Dienstag im -Reichstag abzugebenden Regierung,- erklärung beschäftigt. Diese.Erklärung ist im wesentlichen f e r t i g g e st e l l t. Die Kanzlerred« wird diesmal oesrmo- sichtlich nur sehr kurz sein und dürfte wesentliche Aenderungen des bisherigen politischen Gesamtkurses taten enthalten;' sie wird in der Forderung nach dem Ermächtigungsgesetz gipfeln, das unter den Stich­worten

Kleines Ermächtigungsgesetz

sich streng auf den Kreis der nächstliegenden 9 tu (gaben schränken wird. Der Inhalt des Ermächtigungsgesetze- dürft, sich im wesentlichen auf soziale und wir »'Haft«