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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Rr. 135

Dienstag den 13. November

1923

# r» Asm- Seitens für «INg« L«s«: "«W

* Der Reichspräsident hat die Ernennung des ehemaligen Oberbürgermeisters von Duisburg, Dr. Jarres, zum Reichs- rnnenmrnlster vollzogen.

* Zum Währungskommissar für die Unterstützung des Reichsfinanzministers soll der Direktor der Narionalbank, Dr. Hjalmar Schacht, ernannt werden.

" Der ehemalige deutsche Kronprinz ist mit Erlaubnis der Reichsregierung nach Oels i. Schlesien zurückgekehrt.

, * Bei Ulfing am Staffelsee wurde der Münchener national- sozialistüche Führer Hitler, der bei dem vorwöchigen Putsch entflohen war, verhaftet.

® ?^us dem thüringischen Staatsministerium sind die kom­munistischen Staatsminister Tenner und Dr. Korsch, sowie Staatsrat Dr. Neubauer ausgetreten.

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^ Weltwirtschaftskrise.

Wenn je eine Rechnung nicht stimmte, so war es die, dre einst vor 27 Jahren die englische Wochenschrift „Specta- tor" ausgestellt hat: „In dem Augenblick, da Deutsch­land zu Boden geworfen ist, ist jeder Engländer um ein paar Hundert Pfund Sterling reicher." Sie hat nicht ge­stimmt, diese Rechnung, und sie wird nicht stimmen, trotz der rigorosen Maßnahmen, mittels derer Man das so schwer leidende Wirtschaftsleben Englands wieder etwas rascher aus die Beine bringen will. Die kürzlich abge­haltene englische Neichskouferenz hat allerhand Beschlüsse nach dieser Richtung hin gefaßt, man hat sogar eine be­sondere Reichswirtschaftskonferenz veranstaltet, hat Vor­zugszölle, Vorzugstarise für englische Schiffe beim Ver­kehr zwischen Mutterland und Kolonien genehmigt, ist auf dem Wege des Schutzzolles eine ganze Menge S^itte vor­wärts gegangen — aber das alles hilft nicht viel. Welt­wirtschaftskrisen sind eben organische Erscheinun­gen, sind unabwendbare Ungewitter am Himmel unseres & Ä^W*^ herarffziehenden Gewitterwolken fortschießen kann.

So will und will sich das Heer der Arbeitslosen ' in England nicht mindern, sondern vermehrt sich täg­lich, nachdem die Ausnützung der Ruhrkonjunktur durch England einen kurzen wirtschaftlichen Auffchwung brächte. Englands wirtschaftliche Kraft beruht aber zur Hälfte aus seiner ganz eigenartigen Stellung an der Weltwirtschaft; es ist nämlich der gewaltigste Umschlagsort, wohin die Güter der ganzen Welt aus zum größten Teil englischen Schiffen herantransportiert werden, um von dort nach Europa verfrachtet zu werden.

Ja, das war einmal. Es gibt keine Verfrachtung mehr nach Europa oder so gut wie keine Verfrachtung; es gibt keinen Güteraustausch mehr mit Englands bestem Vor- kriegsabnehmer, keine Rohstoffverfrachtung mehr in den russischen Häfen. Diese Länder nicht allein, sondern auch der ganze Südosten Europas, wo die Valuten der einzel­nen Staaten von Danzig bis Konstantinopel sämtlich not­leidend sind, können englische oder über England herantrans­portierte Güter einfach nicht mehr kaufen oder in ver­schwindend geringer Menge. Die neuen Randstaaten am Baltischen Meer, sogar Polen selbst beziehen, was sie not­wendig brauchen, meist aus Deutschland.

Ferner ist der englische Export in die eigenen Ko­lonien durch Japan und Amerika arg bedrängt, noch mehr aber eingeengt eben durch die seit und durch den Krieg xmporblühende und hochgezüchtete Industrie in diesen Ko­lonien selbst. Die Weltwirtschaft leidet vielleicht nicht fo er an Überproduktion als vielmehr an Mangel an Ab- »gebieten, weil große Teile der Höchstkultivieriesten, also güterbedürftigsten und damit güteraufnahmewilligsten und — früher auch -fähigsten — eben ausgefallen oder fast ganz ausgefallen sind, nur so viel kaufen, als sie zur primitivsten Fristung des Lebens unbedingt notwendig haben. Und so muß der englische Großkausmann, der früher ein paar Stun­den des Tages in seinem Bureau saß und in satter Ge­mütsruhe feine Geschäfte betrieb, jetzt mit dem Muster- koffer in der Hand Kunden suchen gehen: so weiß, der amerkanische Produzent, der sich auch riesige Gewinne von der Niederlage seines Heranwachsenden Konkurrenten, Deutschland, versprach, jetzt allmählich auch nicht mehr, wohin mit den Erzeugnissen. Denn auch Amerika ist m und mit dem Kriege wirtschaftlich zwar kolossal gewachsen, aber die Ausnahmefähigkeit des ameri­kanischen Binnenmarktes wuchs nicht ebenso rasch. Fast 20 Prozent seines Exportes gingen nach Deutschland; aber das kann sich jetzt keine Baumwolle und keinen Weizen, kein Kupfer und keinen Mais mehr kaufen. Oder nur in verschwindender Menge. Geht es eben in der. Weltwirt­schaft dem einen schlecht, so leiden alle darunter.. Und da gibt es für einen Industriestaat keine „splendid Isolation", keine „glänzende Vereinsamung", kein „Abwandern von Europa", und wie man sonst noch redet.

Die Weltwirtschaft hat erst vor drei Jahren eine Krise schwerster Art nur halb überwunden, weil Deutschland wie­der allmählich sich einzuschalten vermochte. Durch den Ruhreinbruch wurde das konzentrierteste Wirffchasts- gebiet Europas aber wieder ausgeschaltet, fast ein Jahr hindurch lahmgelegt. Lord C u r z o n selbst hat zugegeben, daß sich dieser Einbruch doch im letzten englischen Palast und in der letzten englischen Hütte spürbar machte. Nicht bloß in England aber spürt man das. Derartiae Veraib

tungen im Organismus der Weltwirtschaft fressen fielt immer weiter, wenn das Übel nicht schnellstens beseitigt wird. —

Freilich hat man bisher in England unl Amerika das Übel und seine Ursache erkannt, - bloß man entschließt sich nicht zu einer Radikalkur, weil man dir Kraft nicht hat, dem Giftmischer P o i n c a r 6 in den Arm zu fallen.

Eine Krmzlsrrede.

/ über innen- und außenpolitische Fraget

A. Halle a. S., 12. November.

Gestern abend hielt hier Reichskanzler Dr. Streseman auf dem Landesparteitag der Deutschen Volkspartei ein Rede, in der er die bedeutendsten Fragen der Innen- un Außenpolitik berührte. Er begann mit der Bemerkung, dat die tiefe äußere und innere Not und der dem Z n s a m menbruch nahe Zustand Deutschlands bei schuldet sei durch die außenpolitische Be drückung. Auch

„das separatistische Gesinde! am Rhein"

• wäre innerhalb 24 Stunden erledigt, wenn es nicht dürc die Besatzungstruppen geschützt worden wäre. Statt voll kommener Neutralität von außen, sei die deutsch Schutzpolizei entwaffnet worden. Erfreulich st hierbei die Haltung Belgiens und Englands, die erklär haben, daß ein Rheinstaat, unabhängig von Deutschland eine Verletzung des Versailler Friedens fei

Aus der Verstümmelung unseres Landbesitzes, de Fortnahme unserer ausländischen Vermögen, unserer Ko lonien und der Urgebiete der Produktion müsse wirtschaft licher, sozialer und finanzieller Zufammenbruch komme«

Unser gegenwärtiges F i n a n z e l e n d ist nicht zuletz darauf zurückzuführen, daß die Erhaltung der gegen wärtig zwei Millionen Arbeitslosen und de zwei Millionen Kurzarbeiter allein im Ruhrgebiet übe MS^aEWMH^^^ I.^Mp-,^« ■ gersnot, die uns bevor st ehe, seien die charitattvei Organisationen der ganzen Welt bereits mit der Bitte un Hilfe hingewiesen. Auch zu den Fragen des Beamten abbaues, der Eisenbahntarifpolitik usw nahm der Reichskanzler eingehend Stellung, indem er ab Ziel dieser Maßnahmen die Balanzierung des Etats un! die Rückkehr zu einer gesunden und vernünftigen Finanz Polittk bezeichnete.

Aufs fchärffte verurteilte der Kanzler den Streik i i den Berliner Buchd ruckereien, der die Hev ftellung des wertbeständigen Geldes stillege oder doch ver sögere und damit die schwierige Lage des Augenblicks nod verschärfe. Die Regierung werde deshalb mit strenge) Maßnahmen gegen diesen Streik vorgehen und rücksichtslos Entlassungen vornehmen, falls die Arbeit am Montal zicht wieder ausgenommen werde.

Zu dem Putsch in München

centerfte der Kanzler, daß wir den Schaden, den die Aus tufung des Herrn Hitler zum neuen Leiter b e: Reichs gefchicke angerichtet hätte, noch lange werde; ku tragen haben. Das Verhalten Ludendorffs in die ser Angelegenheit sei höchst bedauerlich. Die Reichs wehr sei in den schwersten Gewissenskonflikt geführt wor den. Der Kanzler würde den Augenblick begrüßen, in den das Streitbeil zwischen Bayern und dem Reiche begrabet würde. Was den Marxismus angehe, so meine er jener passe für eine Zeit nationaler Vollkraft, nicht für ein, Zeit des Niederganges wie die jetzige. Marx selbst würd auf die Zeit, wie die jetzige, seine Ideen nicht anwendet wollerk.

Die Rückkchr des früheren Kronprinzen nach Deuffchland, so führte der Reichskanzler aus, könnt; nicht verwehrt werden, da der Kronprinz wahrlich nicht bei schlechteste Deutsche sei. Die Entscheidung über seine Rück kehr sei eine durchaus inenpolitische Angelegenheit, die das deutsche Volk sich nicht vorwegnehmen lassen könne. Mö der Mahnung zur Zusammenarbeit, damit wir aus bei tiefen Not dieser Tage herauskommen, schloß der Kanzlv feine anderthalbstündige Rede. ■ i -

> Hitler verhaftet.

Die kommunistische Partei in Bayern aufgelöst.

Die vielfach im Reich umlanfenden Gerüchte über neue große VerwiÄungen in München haben sich als unrichtig oder übertrieben herausgestellt. Sonntag und auch Sonn­abend fanden zwar an verschiedenen Steffen1 Umzüge und Kundgebungen statt, besonders durch naffonalsozralffttfche Studenten. Teilweise wandten sich dabei die Demonstrie­renden scharf gegen Kahr und brachten Ovationen für Hitler aus. Einigemale kam es zu Zusammenstößen mit Reichswehr und Landespolizei.

Hitler wurde am Sonntagabend in Uffing am «tasfel- kc (an der Bahnlinie München—Garmisch-Partenkrrchrn, Peziek Weilheim), wo er sich in einem Hause ausgefallen hat, verhaftet. Er fügte sich der Verhaftung ohne Gegen­wehr und wurde nach Landsberg am Lech abgeführt, wo er tzefangengehalten wird. Die Tatsache der Verhaftung wird veffchiedentlich amtlich bestätigt.

Am Montaa herrschte in München. abaeleLeu von eim-

jen kleineren Ansammlungen Ruhe. In den Provinzorten rufen die Münchener Ereignisse vielfach große Erregung hervor. Verschiedentlich wurden nationalfo$ialiftifd)e Führer in Schutzhast genommen. Ein versiäkrter Ord­nungsdienst mußte eingerichtet werden. Ernste Ereignisse haben sich anscheinend nirgends zugetragen,

Maßnahmen v. Kahrs.

Der Generalstaatskommissar hat die Komnirmistische Partei aufgelöst und die sozialistische Presse verboten.

Generalstaatskommissar Dr. V. Kahr erläßt einen Auf- tuf, in dem er auf die große Verantwortung hinweist, die ihm durch die Übertragung der gesamten vollziehenden Macht des bayerischen Staates auserlegt worden sei. Ich darf mir, so erklärt Dr. v. Kahr, den fdaueren Weg reicht zerstören lassen durch Bestrebungen, die nach meiner fest« begründeten Überzeugung zum sicheren Untergänge führe» müssen, weil sie auf Utopien beruhen, weil ihnen die prak­tische Kenntnis des Möglichen, die nötige Vorbereitung fehlt, weil sie die Früchte pflücken wollen, ehe sie reif sind, auch wenn ihr vaterländisches Wollen rein und groß ist. Der Aufruf betont schließlich, daß der nationale Gedanke über dem traurigen Streit dieser Tage nicht zrrgrunde gehen dürfe. * -

Ludendorff an Kahr.

Wie uns von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, hat General Ludendorff dem Generalstaatskommissar Dr. v. Kahr mitgeteilt, daß er getäuscht und ohne jede Kenntnis' der Zusammenhänge in das Hitler-Unternehmen hineinge­zogen sei, und daß er Herrn Hitler habe mitteilen lassen, er solle sich freiwillig dem Herrn Staatskommissar stellen. Ludendorff befindet sich in sogenannter Ehrenhaft, b. h. er kann sich seinen Aufenthaltsort selbst wählen, wird aber streng überwacht.

Gegr« franste Einmischung.

Während die Putichnachrichlen aus München einliefen, erschien der französische Botschafter in Berlin beim Reichs­kanzler und teilte mit, daß der französische Ministerpräsi­dent, obwohl es ihm völlig fernliegt, sich in irgend welche innerdeutsche Verhältnisse einzumischen, sich veranlaßt sehe, auf die Bemrnchigung hinzuweisen, die in Frankreich durch Gerücksie über politische Vorgänge in Deutschland enfftan- den sei. Die Gerüchte besagten, daß bei einem Erfolg ge­wisser Besttebungen eine R e ch t s d i k t a t u r zu erivarten fei;, in diesem Falle müsse, nach bisherigen Äußerungen sührender Persönlichkeiten der deutschen Rechten, mit einer Zerreißung des Versailler Vertrages und der Vorbereitung eines deutschen Revarichekrieges gerechnet werden. Der Reichskanzler nahm Kenntnis davon, daß dem sranzöst- schen Ministerpräsidenten jeder Versuch einer Einwirkung auf innerdeutsche Verhältnisse fernliege.

Dann betonte der Reichskanzler, dass einzig und allein das deutsche Voll darüber zu entscheiden l;abe, unter welcher Verfass-mgsform eS seine Politik fortent­wickeln wolle. Den Bestrebungen einzelner deutscher Län­der, die auf eine grössere Selbständigkeit im Nähmen des Deutschen Reiches hin,zielten, stehe die Reichsregierung selbst nicht unsympathisch gegenüber. Wenn im übrigen die extremen Parteien links und rechts an Boden gewän­nen, so sei das eine Folge der verzweifelten Lage, in die Deutschland geraten sei und der gerade der französische Mftnfierpräsident die Macht habe zu steuern. Die heftigsten Angriffe, die gegen die Reichsregierung von radikaler Seite geführt mürben, beruhten darauf, dass heute, sechs Wochen nach Abbruch des passiven Widerstandes, daS ganze Wirtschaftsleben an Rhein und Ruhr schwerer bar« niebetliege als vor dieser Zeit.

Die Münchener Vorgänge hatten gezeigt, daß die Re- giertutgen genügende Kraft und Autorität besitzen, um ge» walffamer Bewegungen Herr zu werden. Der französische Ministerpräsident müsse aber arich bedeNkdn, daß derartige Bewcgltiigen gar nicht zum Ausdruck kommen würden, wenn nicht seit dem Friedensschluß jede deutsche Re­gierung, gleichgültig auf tvelchcm politifdjen Standpunkt sie gestanden habe, vergeblich um erträgliche B e d i n g u n g e n g e k ä m p f 1 h a b e.

Der Eisenbahnverkehr im Westen.

Deutsch-französischer Vertrag abgeschlossen.

Zwischen Vertretern des dentschon Eisenbahnmini steriums und französischen Delegierten wurden in Dussel, d o r f die demnächstigen Eistnbahnverhäftnisse im R h e i n. und Ruhrgebiet vertraglich festgelegt.

Nach dem Abkommen verpflichtet sich oas Reich, bei franco-belgischen Effenbahnregie sämtliche Waggons mit Lokomotiven zur Verfügung zn stellen, die für die Wiederhol ftellung des normalen Eisenbahnverkehrs als uolwcnvix angeschen würdcir. Es handelt sich um ungefähr 30 000 Wag gons. Weiter bleibt rs der franco-belgischen Regie Kraft mt Vertrages überlassen, nach eigenem Gutdünken und nach Maß­gabe der Zweckmäßigkeit die streikenden dcuffchc» Eisen­bahner wieder einzustellen.

Die französischen Behörden setzen voraus, daß inner, halb von einer Woche von insgesamt 120 000 Eisenbahner,