Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 132 Dienstag den 6. November 1923
Das Wichtigste.
— Infolge der Festsetzung des Brotpreises auf 140 Milliarden Mark ist es in Berlin zu Ausschreitungen stark antisemitischen Charakters gekommen.
— Der Banknotenumlauf der Reichsbank hat sich in der dritten Oktoberwoche auf 524 331 Billionen Mark vermehrt.
— Der Reichswehrminister hat eine Verfügung erlassen. wodurch Beschimpfungen der Reichswehr unter Strafe gestellt werden. ; ;
Kritische Lage.
V«n unserm parlamentarischen Mitarbeit er.
3um fünften Male will sich alsbald der 9. November, der schicksalsschwere deutsche Revolutionstag, jähren mit Finster-^ nis vor und hinter uns. Die Sozialdemokratie hat sich zur Schützerin des demokratischen Gedankens aufgeworfen und meint damit klassenkämpferisch die Durchsetzung des für Deutschland wie für alle Staaten wirtschaftlich untragbaren Marxismus, woraus die mephistophelische Formel entsteht:
„Sie streiten sich, so heißt's, um Freiheitsrechte;
Genau besehn, sind's Knechte gegen Knechte."
Um zum Ziel dieser Wünsche zu gelangen, soll dem deutschesten aller deutschen Staaten, Bayern, das Rückgrt gebrochen werden; das ist, allen Beiwerks entkleidet, der Zweck der sozialdemokratischen Zettelungen, und man hat sogar sich nicht gescheut, mit der vergifteten Waffe der Verleumdung gegen die bayerische Regierurm vorzugehen und ihr vorzu- werfen, sie habe die Reichsregierung vor ein befristetes Ulti- matum gestellt, um eine Diktatur zu erzwingen, andernfalls würde ein Vormarsch bayerischer Kräfte gegen Berlin er» ■schneien. Riwrs tit Daran waur. nur ein wrenz neuen einen Ueberfall ist vorgesehen. Und auf diesen Schwindel baut der Vorstand der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands seine Beschuldigung „gegen die bayerischen Reichsverderber" in einem flammenden Aufruf auf! Wer sich solcher verwerflicher Agitationsmittel bedient, verwirkt das Recht, sich als Bollwerk gegen den Reichszerfall zu gebärden.
Während so mit bündiger Widerlegung der Sozialdemo- kratie die Waffe aus der Hand geschlagen ist, bemüht sich das Rumpfkabinett Ersatz für die Große Koalition zu schaffen und die noch brauchbaren Sprengstücke zu einem neuen Gebilde zu vereinigen. Es fehlt das geistige Band in dem Stresemannschen Laboratorium, der Homunculus will nicht entstehen, und er kann nicht wie Wagner rufen: „Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht." Soll er es mit einem nur aus Fachministern ohne politische Färbung bestehenden Kabinett versuchen? Das wäre ein Ausweg, und wenn er betreten würde, könnte nützliche Arbeit geleistet werden. Von der Politik werden die hungrigen Massen nicht satt, sie schreien nach Brot; die Ernährungsschwierigkeiten müssen behoben werden, und das kann nicht durch Wohlredenheit, sondern nur durch Entschlußkraft erreicht werden. Von dem stundenlangen kommunistischem Geschwätz im Reichstag wird niemand satt, und darum ist es zu billigen, wenn er vorläufig seine Diäten einstreicht und Ginen weiteren Schaden an« richtet. Die Parteien haben sich zurzeit so festgefahren, daß sie überhaupt keine Kampffront, weder nach rechts, noch nach links, bilden können und auf ihre Mitwirkung verständigerweise verzichtet wird. Niemand verspürt. Lust, die (Errungenschaften des 9. November anzu-, tasten; sie sprechen für sich selber, was mit dem Ermächtig gungsgesetz und dem Ausnahmezustand zu belegen ist, der sogar von der Sozialdemokratie hinuntergeschluckt worden ist, als Beweis ihrer Ratlosigkeit. Diese beschattet alle Par-: teien; nur so viel ist klar, daß Zentrum und demokratische Volkspartei vor die Frage gestellt sind, ob sie mit einer bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft weiterwursteln oder sich zu einem Anschluß an einen Bürgerblock verstehen wollen. Nachdem die sozialdemokratische Partei den an der Koalition beteiligten Zentrumsleuten und Demokraten den Stuhl vor die
worden
Tür gesetzt hat, sollte eigentlich die Selbstachtung verbieten, fernerhin mit radikalen Elementen zu paktieren. Das gilt vor allem dem Festhalten an der Parteikonstellation in Preußen, wo nach wie vor die großkoalierten Sozial- demokraten mit Demokraten und Zentrum Hand in Hand gehen. Will man diese Gemeinschaft auf sich beruhen lassen, so läßt sich dies nur mit Zweckmäßigkeitsgründen rechtfertigen, um den augenblicklichen Wirrwarr nicht zu ver- Sm; andererseits ist es aber begreiflich, wenn Gegner aller eit gerade jetzt reinen Lisch machen und die Homogenität des Reichskabinetts und des preußischen anftreben wollen.
Wer der Volksmeinung auf den Puls gefühlt hat, weiß, daß sie vom Zuge nach rechts mehr als von dem nach links erfaßt ist und entscheidende Schritte erwartet. Einstweilen ist für manche Politiker der mittleren Linie die Beteiligung der Deutschnationalen an der Regierung ein Rührmichnichtan. Man bemängelt ihre Gegnerschaft gegen den Reichskanzler und ■ wirft ihnen vor, daß sie selbst den Rücktritt des Reichspräsidenten fordern. In dieser Hinsicht befinden sie sich in guter Gesellschaft, denn in Berliner Volksversammlungen haben radikale Sozialdemokraten auch schon den Kopf Eberts Der* 1 langt und sich nicht mit dem Stresemanns begnügt. Einstweilen läßt es der Reichskanzler mit dem Kopfschütteln be-,
wenden, aber die Ungeduld steigt. Er wird zu einem Entschluß kommen müssen, ob er mit einer kleinen Koalition, wie sie Fehrenbach und Euno zu Gebote stand, die Geschäfte weiter führen oder sich der Gefahr aussetzen will, eine Abwanderung des rechten Flügels seiner Partei nach rechts zu erleben. Das eine wäre wie das andere keine Lösung, von der man sich für Deutschland Nutzen versprechen dürfte. Nur eine kompakte Mehrheit vermag Deutschland die Stärke zu verleihen, deren es bedarf, um bei den tommenben Reparationsverhandlungen als mitberechtigt angehört zu werden.
Mit fünf neuen Reden hat Poincars sich wiederum vernehmen lassen, ein Eifer, der die innerliche Schwäche feiner Position vor der Sachverständigekommission verrät, und man versteht, was gemeint ist, wenn er versichert: „Wir haben niemals versprochen, die deutsche Verfassung gegen die Deutschen zu schützen und haben ein solches Versprechen auch nicht für die Einheit des Reiches abgegeben." Das heißt mit anderen Worten: er spekuliert auf den Abfall der Rheinlande und den Reichszerfall. Dem kann nur ein einiges Deutschland Widerstand leisten und ein Staatsmann, der eine Volksmehrheit hinter sich hat. Diese zu schaffen, ist des Schweißes der Edlen wert, und es ist unbegreiflich, wenn aus dieser Mehrheit die Volksteile ausgeschlossen fein sollen, deren Nationalbewußtsein und Reichstreue außer allem Zweifel steht. Soll ein Kabinett Dauerbarkeit besitzen, so darf es nicht den fchönen Augen der Sozialdemokratie zuliebe seine Entschlüsse fassen, und von -. " ' " LUen beseelt fein, oder lang das
demselben Geist müssen alle bürgerlichen sonst drängt sich ganz von selbst über .. ...
Ceterum censeo der Neuwahlen in den Vordergrund, und vielleicht gerade in dem Zeitpunkt, wo der internationale Sachverständigenausschuß seine Beratungen beginnt. K. P.
Brotkrise in Berlin.
Am Montag früh ist die Berliner Bevölkerung durch das Bekanntwerden eines neuen BrotUreises auf toa jMüiii«,»i»Mu»m1,J.iH.. —- märtfHnhm wurden
nämlich nicht weniger als 140 Milliarden für ein Brot verlangt. Im Laufe des üblichen Festsetzungsverfahrens zwischen Bäckermeisterorgani- fation und Preisprüfungsstelle wirr am Sonntag dieser ungeheuerliche Preis festgesetzt worden, gegenüber dem
letzten Preis von 25 Milliarden Mark. Der neue also nahezu eine Bersechsfachung bedeutet Milliarden sind austerbem bei dem seit
Preis würde haben. 140 Sonnabend Goldmark preis! Das
geltenden Umrechnungsverhältnis i n
1.4 0 Mark, also dreifacher Friedens- Reichsernährungsministerium
erklärte sofort, als es diesen Preis erfuhr, daß es diesen Preis keinesfalls für gerechtfertigt halte und mit allen Mitteln gegen eine ungerechtfertigte Brot- preistreiberei einschreiten werde.
Mehlbeschlagnahme bsl den Großhändlern.
Halbamtlich wird mitgeteilt: „Die Reichsrcgie^ rung und die preußische Regierung haben Maßnahmen in die Wege geleitet, um jed: ungerechtfertigte und übertriebene Brotverteuerung zu unterbinden. Die Mehlvorräte, die sich in den Speichern der Mehlhändler in Berlin befinden, werden noch heute beschlagnahmt, und das Mehl wird sofort von den zuständigen Regierungsstellen zu ordnungsgemäßen Preisen den Bäckern zugesührt werden. Gleichzeitig werden die Verhältnisse auf dem Mehl- und Vrotmarkt behördlich aufs strengste nachgeprüft und etwaige Wuchervergehen sofort unnachsichtlich geahndet."
D«e Schuldigen.
Die Bäckermeister haben zu der Preisfestsetzung wie folgt Stellung genommen:
„Daß dieser Preis für weiteste Kreise der Bevölkerung untragbar ist und unter allen Umständen baldigst revidiert werden muß, ist selbstverständlich. Die Zustände auf dem Mehl markt haben sich in den letzten Tagen katastrophal entwickelt. Abgesehen davon, daß die Gold- grunbpreife für das Mehl in der letzten Woche um nicht weniger als 40 Prozent erhöht worden tnb, und zwar im Hinblick auf die künstliche Niedrighaltung >es Dollarkurses, fordern die M ü h l e n und Händ - er von den Bäckern das Doppelte der amtlich notierten Mehlp reise, wenn die Bezahlung nicht in.wertbeständigem Geld, sondern in Papiermark erfolgt." |
Attsschreiirms en gegen Ostjuden Folgen der Brotpreis-Gestaltung. — Zahlreich« Juden mißhandelt. — Arbeitslose nzug
; durch d ie Grenadier straße.
' In Berlin ist die Erregung unter der Verbraucherschaft über den neuen Brotpreis so groß, daß zahlreiche Bäcker- meisten angesichts der drohenden Haltung der vor dem Ge schaffen versammelten Menge nicht gewagt haben, ihre Läden zu ^öffnen. In Eharlottenburg drangen
erregte Volksmengen in die Lebensmittelgeschäfte ein und verlangten die unentgeltliche Abgabe von Brot- und Fleisch waren. Wo sie nichts erhielten, nahmen sie die Lebensmittel mit Gewalt fort. In der Kant st raße waren die Ausschreitungen besonders ernster Natur. Die Unruhen und Ausschreitungen nahmen in der zweiten Nach- Mittagsstunde einen immer größeren Umfang an.
Die Wut der Menge richtete sich in der Hauptsache
gegen die östlichen Einwanderer.
Eine ganze Anzahl von ihnen hatte seit Tagen vor den Zahlstellen der Erwerbslosenfürsorge Aufstellung genommen und versuchte die diesen eben ausgezahlten wertbeständigen Zahlungsmittel gegen Papiergeld umzuwechseln, wobei sie den Erwerbslosen weit geringere Beträge in Papiermark boten, als der Um« rechnungskurs betrügt. Am Montag wurden nun Hetzrufe wie „Schlagt die Juden tot" laut. Dann fielen die ersten über einige Galizier her, die Scharen verdichteten sich, und bald wurde eine größere Anzahl Galizier, denen es nicht mehr gelungen war, durch Flucht zu entkommen, schwer mißhandelt und ihrer bereits gehamsterten Devisen sowie der Papiermark beraubt. Nun zog die erbitterte Menge nach bem
Hauptsitz der östlichen Einwanderer, nämlich Grenadier-, Münz-, Dragoner st raße usw. fiel dort über alle Personen, die jüdisches Aussehen zeigten, her und mißhandelte sie in schlimmster Weise. Dabei unterlief hin und wieder auch das Versehen, daß etwas jüdisch aussehende Lhristen gleichfalls mißhandelt wurden. Als die Menge in den Laden eines j ü d i« _ c rmeisters eindrang, ergriff dieser
f »ur ÄTwebst-chn g>oßes Bett, warf sich: der an» stürmenden Menge entgegen und hieb in der Notwehr auf i diese ein. Ein Mann wurde durch Veilhicbe schwer, mehrere ' leichter versetzt. In dem vollen Aufruhr griffen mehrere Hundertschaften der Schutzpolizei ein, die die Ruhe wieder herzustellen versuchten. Ein großer Teil der hier zerstreuten Demonstranten wandte sich mit den Rufen: „Jetzt schlagt
d i e B ö r s e n j u d e n t o t!"
nach der Burgstraße,
wo rasch die Börse umzingelt war. Zurzeit geht es in der Burgstraße sehr unruhig zu, in die Börse hinein ist es den Tumultanten nicht gelungen, einzudringen. UeberaU in der Nähe der Börse sieht man große Ansammlungen, und überall wird die Frage ventiliert, ob der Brotpreis auch zum großen Teil auf die Atnnnöver der Börsenspekulanten zurückzuführen ist, die seit Ausgabe der Goldanleihe diese Hamstern und dem i Verkehr entziehen. Um weiteren Unruhen nach Möglichkeit vorzubeugen, sind in den Mittagsstunden sämtliche beurlaubten und dienstfreien Mannschaften der Schutzpolizei einge- zogen und in Bereitschaft gestellt worden.
Die sage an der bayerischen Grenze-
E h r h a r d t - V o.rm a r s ch ?
Die Öffentlichkeit ist, besonders in den letzten beiden Tagen, durch verschiedene wilde Gerüchte aus Nord- Bayern beunruhigt worden, die von einem Vormarsch illegaler Verbände, sei es gegen Berlin, fei es gegen Thüringen, wissen wolllen. Es ist allerdings nicht abzu- leugnen, daß in der Nähe von C o b u r g „Sturmtrupp"-Zu- sammenziehungen ftattgefunben haben; man muß sich aber vergegenwärtigen, daß die bewaffneten illegalen Organisationen südlich der thüringisch-bayerischen Grenze ihrer Zahl nach verhältnismäßig so gering sind, daß es vollkommen ausgeschlossen erscheinen muß, daß ein ernsthafter Vormarsch nach Thüringen oder gar noch weiter von diesen Trupps u erwarten ist. Ob, wie behauptet, Kapitän Ehrhardt der Führer der Truppe ist, konnte bisher noch nicht einwandfrei festgestellt werden. Ueber die
?\ * Gegenmaßnahmen
die seitens der Reichswehr getroffen worden sind, wird zurzeit aus begreiflichen Gründen noch amtliches Stillschweigen beobachtet. Gegenwärtig befindet sich die Reichswehr in Thu- ringen in den normalen Garnisonen, außerdem auf dem Trrtppeniibungsplatz in Ohrdruf. An der thu- cingfsch-bWzerischen Grenze liegt auf beiden Seiten Landes polrzei, und zwar ist besonders hervorzuheben, daß auf baixvrUeber Seite die Grenze durch bayerische Landespolizei bewÄiht wird und daß diese Landespolizei sich zwischen den inegalen bewaffneten Trupps an der Grenze aufhält.
; ; 360 Milioner: neue Goldanlechen.
? D s Är: ünanzminisienum hat sich entschlossen, 6pro- genüge im Jahre 1932 fällige Goldschatzanweisungen bis zu linem Betrage von 300 Millionen Goldmark auszugeben.