Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 128 Sonnabend den 27. Oktober 1923
Da* Wichtigste.
— Reichskanzler Dr. Stresemann hat in Hagen vor- sichert, das Reich werde mit Aufbietung aller Kräfte der Not der besetzten Gebiete zu steuern suchen.
— Die Regierung der Vereinigten Staaten ist bereit, an der von England geplanten Reparationskonferenz sich inoffiziell zu beteiligen.
— Herr Krupp von Bohlen u. Halbach und seine drei rt,tn finb °uf sieben Tage aus dem Düsseldorfer Gefängnis beurlaubt worden .
Wochenrückblick.
SÄSS SÄ=S L ^MaÄelte Pfälzische Separationsaktion, und die dadurch her.
ian^ in den Gemütern aller guten Deutschen nachzittern. Zwar hust der sozial- Parteivorstand zurück und hat dekretiert: :Ieg- liche Maßnahme, die auch nur indirekt französische Rhein- damit mirb"b^8^ 'st unbedingt zu unterlassen", aber ^en der Vorwärts mit seiner läp.
Piichen Entschuldigung des Hochverrats der Hofmann u. Gen. gutgemacht. Der Vorwärts versucht sogar die Sachlage zu fälschen, indem er schreibt: „Die pfälzischen Genossen werden ersonnen, daß eine veränderte Lage eine veränderte Taktik erfordert. Durch das Eingreifen der französischen Besatzungsbehörde ist eine ganz neue Lage entstanden, die neue Entschlüsse erfordert. Größer als die Gefahr von München hat sich die von Paris erwiesen, gegen i geschlossen Front gemacht werden." Das Platt stE sich dummer, als es ist. Es sucht die Aktion durch „die stalzischen Genossen" zu decken. Diese Genossen haben jedoch sich an der Verraterei nicht beteiligt, sondern von vornherein abgewinkt, und eine „neue Lage" ist nicht durch die Franzosen WMMMMMIMMgMiM
zogen und mit ihnen verhandelt hatten, vielmehr hat die Bevölkerung, der Kreisrat und der Kreistag sich energisch gegen diese Machenschaften gewehrt, und kein Schuljunge wird glauben, daß irgendeinem der drei Staatsverbrecher die 'Gefahr von Paris erst nachträglich zum Bewußtsein gekommen ist. Die pfälzische Zettelung ist nur ein Glied in der langen Kette der Sonderbündeleien, womit deutsche Landesteile an Frankreich gefesselt werden sollen, unb der Haß gegen Bayern gab Anlaß, zum Schmieden dieses jetzt, wie es scheint, bereits gesprengten Gliedes. In München nimmt man an, der Putschversuch in der Pfalz sei zusammengebrochen. Wir wollen hoffen, daß dem so ist und diejenigen sich täuschen, die in Kenntnis der französischen Hartnäckigkeit und der Annexions- pbsichten eine Wiederholung für ausgeschlossen halten. Die Sozialdemokraten werden sich abgewöhnen müssen, die bayerischen Mücken zu seihen und das französische Kamel herunter« huschlucken, und von ihren Führern wird man im Reichstag su verlangen haben, daß sie die Katze Katze und Hofmann pinen Verräter nennen, mag sein. Gutbaben an parteipolitischen Verdiensten in den Augen der Genossen noch so groß sein.
Neben diesen Trennungsstrich muß ein anderer gezogen werden. Das Kokettieren mit dem Kommunismus, das von dem linken Flügel der „unabhängig" infizierten Partei betrieben wird, ist geeignet, die Homogenität des Reichskabinetts auf die Dauer zu erschüttern. Man mag über die Große Koalition und ihre Nützlichkeit denken, wie man will, in diesem von Putschen und blutigen Krawallen heimgesuchten Zeitabschnitt scheint es strategisch richtiger, mitten im Kampf gegen den Kommunisten-Umsturz, der überall in Deutschland Opfer erfordert, keine Umstellung der Front vorzunehmen. Man soll diese bisher niedergeschlagene Bewegung n i ch t a u f d i e leichte Achsel nehmen, da sie die WMeln ihrer Kraft in der steigenden Lebensmittelnot hat, ui d bevor diese nicht behoben ist, wird eine wirkliche Beruhigung der Massen trotz aller Währungserverimente schwerlich zu erwarten sein. Daß die Gefahr von der Reichsreoierung nicht unterschätzt wird, zeigt die Androhung der Todesstrafe für Streik-, vergehen, die mit Unruhen Hand in Hand zu gehen pflegen, ein äußerstes Mittel, zu dessen Anwendung es glücklicherweise bis seht noch nicht gekommen ist.
Einen Hoffnun-mfstnmmer der Besseruna unterer ^'ge bietet ein sich zwischen London und Washington entspinnender Notenwechsel über die Möglichkeit der Teilnahme Amerikas an einer Reparationskonferenz. Arme schwitzende Menschenhäupter haben sich seit Jahren mit dem Problem befaßst wie der Weltwirtschaft wieder auf die Beine geholfen werden könnte, und der Weisheit letzter Schluß war regelmäßig der Dorschlaa. eine internationale Aussprache über die deutsche Leistungsfähigkeit herbeizuführen. Die Vor- frage, aus welchen Elementen sich die Konferenz zusammen- setzen soll, erscheint nebensächlich. Es haben sich schon Sachverständige. allerdings ohne imperatives Ma"dat, m*t ^en deutschen Finan'.Verhältnissen beschäftigt, allein stets stießen wohlmeinende Anreaungen auf den Widerstand Frankreichs, und Poincare konnte mit seinem Beta jedesmal die deutsche Misere vergrößern, weil die Bereinigten Staaten ihm indirekt durch ihre 'Zurückhaltung Unterstützung liehen. Schon damals wurde sie' betont, erst wenn die Wirtschaftsnot alle Völker der Erde begriffen hätte, würde das europamüde Amerika sich
zu einem Eingreifen verstehen. Der A u g e n b l i ck f ch e i n t da zu sein. Die Ratschläge Curzons, es mit einer Konferenz zu versuchen, werden aus den Aktenschränken heroor- geholt, allerdings nicht, ohne daß an den französischen, die Einigung der Mächte störenden Widerstand, erinnert wurde. Aber England und Amerika sind nunmehr zum Handeln entschlossen und rechnen mit einem Einlenken Frankreichs, um gemäß den schon im Dezember des Vorjahres abgegebenen Erklärungen des amerikanischen Staatssekretärs Hughes die Zahlungsfähigkeit Deutschlands zu prüfen mit Hilfe einer durchaus informierten und unparteiischen Körperschaft. Das ganze Beratungsprogramm atmet Verständigungswillen, und aus der von Baldwin in Plymouth gehaltenen Rede geht hervor, daß sich der Premierminister endlich aus seiner Lethargie aufgerafft hat und nach dem Einstellen des passiven Widerstandes an der Ruhr und dem Zusammentreten der Londoner Reichskonferenz gewillt ist, die Dinge vor- wärtszutreiben. Er hat sich dabei nicht versagt, noch einmal Poincare zu eröffnen, es sich zweimal und dreimal zu überlegen, bevor er die Einladung zur Reparationskonferenz ablent, und man wird in Paris daraus schließen müssen, daß die Ablehnung die Konferenz nicht von ihrer Arbeit abhalten wird, was eine Isolierung Frankreichs bedeuten wurde. Daß der Premierminister auf eine „gerechte Buße" Deutschlands im Rahmen der Reparationen besteht, ebenso wie auf die Stabilisierung der deutschen Währung und auf Finanzkontrolle, versteht sich am Rande und war zu erwarten. Erfreulicher klang die Ankündigung, daß die auf seinen Appell an die europäischen Alliierten ergangenen Antworten alles andere als entmutigend feien, und daß für England die Abtrennung irgendeines Teiles Deutschlands nicht in Betracht gezogen werden könne, was u. a. an die Adresse des Generals de Metz gerichtet sein dürfte. Einen weiten Raum in den Baldwinschen Auslassungen nahm das Arbeitslosenproblem und feine Bedeutung für den Welthandel ein und der Hinweis auf die Gefahren, die aus einer Verschleuderung'der im Rührgebiet aufgehäusten Borräte für die englischen Fabrikanten entstehen könnten, was Poincars vielleicht als eine unfreundliche Anspielung auf gejijjjijil^^
sein ist, zustande, dann wird das deutsche Volk mit mehr Zuversicht auf seine Zukunft erfüllt werden. Aber bis dahin ist noch ein langer, entbehrunas^eicher Weg zurückzulegen, und wir müssen uns in Geduld fassen. Boineare steht noch Immer vor den Toren des deutschen Westens. xxx
Kmpp aus ihm Gefängnis beurlaubt.
Wie die „Kölnische Volkozeitung" aus Essen meldet, sind Krupp von Bohlen und Halbach sowie die drei im Düsseldorfer Gefängnis be> s i n d l i ch e n Direktoren zur Erledigung dringen- der geschäftlicher Angelegenheiten auf sieben Tage aus der Haft nach Essen beurlaubt worden. Wie verlautet, finden am Montag Gerhandlungen statt über die Haftentlassung weiterer Politischer Gefangener. Man nimmt an, dass die „Beurlaubung" der Kruppschen Direktoren die Einleitung zu ihrer end> zültigen Freilassung sein wird.
Lebenslängliche Festungshaft gegen Buchrulker beantragt.
Die Vertreter der Anklagebehörde vor dem Außerordent- lichen Gericht in Kottbus beantragten wegen der KLstriner Vorgänge am 1. und 2. Oktober gegen die Angeklagten folgende Strafen:
Gegen Buchrucker lebenslängliche Festnngs- haft, dauernden Ehrverlust, des Rechts zur Bekleidung öffentlicher Aemter, gänzlichen und dauern- den Verlust des Ruhegehalts und die Absprechung der Fähigkeit zum Tragen der Offiziersnniform unter Versagung mildernder Umstände. Den übrigen dreizehn Angeklagten sollen mildernde Umstände zugebilligt werden. Dementsprechend wird gegen H e r ze r beantragt 12 Jahre Fe stu n gs- haft, im übrigen die gleichen Strafen wie bei Buchrucker.
Hayn und Fliege je fünf Jahre Festungs - haft, Vogt vier Jahre und fünf Monate Festung, St o e b e vier Jahre und zwei M 'e Festung, K o e r t g e drei Jahre und neun Monate Festung, Wojezcinski, Walter und S ch r e n k je drei Jahre und sechs Monate Festung, R e i ch e l drei Jahre und drei Monate Festung, Dabkowsk:, Kühne und Burahard je drei Jahre Festung. Der Strafantrag stützt sich bei Buchrucker auf Hochverrat und bei den übrigen zwei' Angeklagten auf Beihilfe zum Hochverrat.
Gerichtliches Vorgehe egen die pfälzer Verräter.
Nach einer Melk aus München wird gegen die pfälzischen Landesverräte -nur, Wagner und Kleefoot Au- Lage wegen Landesver 3 erhoben werden, auf den nach der
bayerischen Notverordnung Verlust der öffentlichen Remter sowie die Todesstrafe steht.
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Der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei hat folgendes Telegramm an den sozialdemokratischen Bezirksvorstand in Ludwigshafen gerichtet: „Ersuchen dringend, in Pfalzfrage Einvernehmen mit Koalitionspar- t e i e n herzustellen. Jegliche Maßnahme, die a u ch nur indirekt französische Rheinbundpläne unterstützt, ist u n - & e i n g t z u unterlassen." Der „Vorwärts" be- schästigt sich wieder mit den Vorgängen in der Pfalz. Er bedauert es, daß die pfälzischen Parteigenossen sich in gutgemeinter Absicht von General de Metz hätten mißbrauchen lassen und koimnt zu folgendem Schluß: „Größer als die Gefahr von München hat sich die von Paris erwiesen, gegen sie muß geschlossen Front gemacht werden."
Sie Sagener Reichskanzlerrede.
Reichskanzler Dr. Stresemann hat am Donnerstag In der Stadthalle zu Hagen über die gegenwärtige Lage Deutschlands eine Rede gehalten, in der er u. a. folgendes msführte: Wir stehen jetzt auf dem Höhepunkt des Kampfes um Rhein und Ruhr. Neuerdings versuchen die Separatisten, gestützt auf französische und belgische Hilfe, das ktheinland mit Gewalt zu unterwerfen. Das ist nn Wortbruch allerschlimmster Art gegenüber den feierlichen Versicherungen des Versailler Vertrags und den Grundsätzen )es internationalen Rechtes. Mit diesem Karnevalsspuk muß
innerhalb 24 Stunden ein Ende gemacht
»erben. (Lebhaftes Bravo.) Man sagt zwar, der passive Wi- »erstand sei eine falsche Waffe gewesen. Er hat aber der Welt las eine gezeigt, wie man seinem Lande aufrichtig die Treue )ält, und wir sind gezwungen worden, diesen Widerstand lbzubrechen. Ich wiederhole hier, was ich kürzlich im Reichstag gesagt habe: Unser ist der Besitz, unser das Land) dKMUMMtoBM^ ' ort erst die früheren Zustände wiederhergestellt werden, wenn »er passive Widerstand abgebrochen ist, dann frage ich: Was rat sich nun geändert?
Hat man die Gefangenen freigegeben?
Ran geht weiter mit Ausweisungen und Drangsalierungen tot. Jetzt wird uns sogar ein Vertrag für die französische Regie vorgelegt. Er verlangt von uns, daß wir die Eisenbahnen ausliefern. Ist das überhaupt eine Souveränität tos Rheinlandes? Wir haben uns nicht 24 Stunden »esonnenund denken nicht daran, sie freizu- teben. (Beifall.) Es muß einmal die Zeit vorüber sein, n der man auf dem Wege der Diktatur weiter mit uns prechen kann. , ,
Wir von der Reichsregierung sind hierhergekommen, um Made der Torheit zu begegnen, die davon sprach, wir dachten toran, das Rheinand aufzugeben. Das wird nicht geschehen. Die Abschnürung des besetzten Gebietes hat für tns v e r h ä n g n i s v o l l e F o l g n gehabt. Das sind die folgen der französischen Politik, auf sie fällt die Verant- mortung. In der Verurteilung des französischen Einbruchs ist ein S t r e i t unter den Alliierten ausgebrochen, bei dem England mit uns einig geht. Ich muß aber den- noth sagen, daß England nichts tut, um diese Rechts- vidrigkeit aus der Welt zu schaffen.
Innere Anstimm^keiien in München?
Die vielfach umlaufenden Gerüchte, daß der Konflikt zwischen der bayerischen und der Reichsregierung durch eine Bermittlung beseitigt werden soll, haben zu zahlreichen Anfragen an das Gene.ralstaatskoinmissoiiat geführt. Herr oon Kahr hat, wie die „Telegraphen-Union" mitteilt, diese Anfragen dahin beantworten lassen, daß er jedes Verhandeln in dieser Sache'mit der gegenwärtigen R e i ch s r e g i e r u n g a b lehn c. Wie die „Telegraphen- Union" hierzu eben von Berliner unterrichteter Seite erführt, handelt es sich bei der verstehe -bc Meldung anscheinend um ritt Sondervorgehen Kahrs, da bis zur Stunde tatsächlich zwischen den Berliner a :n t! i ch e n Stellen und dem Ministerpräsidenten von Knilling durch den hiesigen bayerischen Gesandten von P reg er Verhandlungen ge- pflogen werden. Man führt das Verhalten Herrn von Kahrs auf interne Unstimmigkeiten in München zurück.
Amerika nr enBfche ^onferenzplan.
V e r ö f f e oi i < l, u n g d e s N o t e n w e ch s e l s
E u r z o n — H u g h e s.
Am Douuerstaa .d in L, don w i ch t i g e Do k u m ente oeröffentlicht worden über einen Meinungsaustausch zwischen der britischen und der amerikanischen R: . g wegen einer