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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt für Vs Oktober 25 000 000.- Mk., für Abholer 24 000 000. - Mk. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Detitzetle oder deren Raum 30 Mt.. Retlamezerle 100 Mk. mal der am ZahluugStag gültigen Anzeigenschlüsselrahl des D. D 3. D. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buch­druckerei in SerSfeld. Mitglied des Vereins Deutscher 3eitungS-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk tu Sersfelb. / / Fernsprecher Rr. s.

Nr. 12t Donnerstag den 25. Oktober 1923

Das Wichtigste.

— Nach einer amtlichen Erklärung soll die Ausgabe wert­beständigen Geldes in kürzester ss r i st ' erfolgen.

— Die Kommandeure der Reichswehrdivisio- nen außer der bayerischen haben den Chef der Heeresleitung General von Seeckt ihres vollsten Vertrauens und unverbrüchlichen Gehorsams versichert.

Der französische Oberkommissar T i r a r d hat das von den Separatisten eingesetzte D i r e k to r i u m als tatsächliche Regierungsgewalt vorläufig anerkannt.

Die Eisenbahntarife sind wiederum beträcht­lich erhöht worden.

Hungersnot und Politik.

Mehr und mehr trübt sich die Reichslage, außenpolitisch und innenpolitisch, aus derselben Ursache. Mag auch auf den Westen ein Lichtschein fallen, indem eine von fremd­ländischer Vergewaltigung niedergeworfene Bevölkerung doch noch die Kraft aufbringt, sich des landesverräterischen Separatismus zu erwehren, so wird damit keinesfalls das Siechtum der Ruhrindustrie beseitigt und den Befürchtungen der Boden entzogen, daß die französischen Annexionsgelüste in anderer Form ihrem Ziel nachstreben werden. Wäre die Ernährung gesichert, so könnte man der Widerstands­kraft der Massen vertrauen, aber im Rheinland wie in anderen Gegenden Deutschlands, namentlich in den Groß­städten, herrscht Rot und Mangel, obwohl nach amt­lichen Versicherungen die Kartoffelernte als befriedigend an- zusprechen sein wird und für eine genügende Menge von Brotkorn Vorsorge getroffen ist. Nur werden die breitesten Schichten, Mittelstand und Arbeiterschaft, nicht von diesen 'VersichÄunKn^tzesättigt; um es ungeschminN—WM zusagen: Deutschland befindet sich in vielen Landstrichen mitten in einer Hungerrevolution, die da­durch nicht niedergeschlagen werden kann, daß man die ver­antwortlichen Verwaltungsstellen mangelnder Voraussicht anklagt. Geldentwertung und Angstkäufe vergrößern das Uebel und haben eine Stimmung erzeugt, die destruktiven Tendenzen Nahrung gibt, den Weizen des Kommunismus in die Halme schießen läßt. Die, Einrichtung des Ausnahme­zustandes und die schleunige Verabschiedung des Er­mächtigungsgesetzes verleihen der Regierung eine fast un­beschränkte Machtvollkommenheit, und man darf fragen, warum diese prophylaktischen Maßregeln bisher so wenig imstande gewesen sind, beruhigend zu wirken. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, die innere Hungerblockade zu brechen. Die Ernennung des neuen Reichsernährungsministers hat sich gerade noch in letzter Stunde eingestellt, und sein Sippen an seine agrarischen Berufsgenossen zur tätigen Mitarbeit, zur Linderung der furchtbaren, unbeschreiblichen Not der Städte, kommt aus warmem Herzen. „Daß auf dem Wege der rein politischen Auseinandersetzung Deutschland nicht gerettet werden kann", dieser Ansicht des Grafen Kanitz wird jeder Kenner der derzeitigen Verhältnisse beipflichten, und ebenso wird er keinen Widerspruch erfahren, wenn er eine nationale Erstarkung nur von einer Erhaltung der Reichseinheit und, auch nur dann erhofft, falls kein Hunger- chaos entsteht.

Daß dieses Chaos bereits Vorboten in Gestalt von Re- volten ausschickt, lehren die fast aus allen deutschen Ländern einlaufenden täglichen Meldungen, und wenn auch die Staatsgewalt noch immer wieder Ordnung schaffen kann, so darf dabei nicht vergessen werden, daß wir uns erst am An­fang einer elementaren Bewegung befinden und uns ein harter Winter bevorsteht. Schleuniges Eingreifen ist erforderlich, um die Währungskalamität zu bannen und den Warenumlauf in richtige Bahnen zu lenken. Das Ermächti- gungsgesetz kann nach dieser Richtung mittels Verordnungen Ersprießliches schaffen, nur darf sich der Bürokratismus nicht zwischen Käufer und Verkäufer stellen. Die reibungslose Warenzufuhr ist die Hauptsache, besonders bei den Kartof­feln, und was in dieser Hinsicht während der Zwangswirt­schaftszeit gesündigt worden ist, dürfte unvergessen sein.

Diese Not könnte auch ein starkes Volk zermürben, und wenn das Ausland die deutschen Verhältnisse überblickt, muß es zu der Anschauung gelangen, in Deutschland sei noch ein Ueberschuß von Stärke vorhanden, weil es, aller Schwierig­keiten ungeachtet, mit dem Gedanken des Bürgerkriegs spielt. Glauben wir, was sehr schwer fällt, dem Reichsminister Soll wann, dann hat Bayern schon Vorbereitungen da. zu getroffen, indem es eine wirtschaftliche Mobilmachung vorbereitet hat. Der Minister hat einem ausländischen Korre­spondenten mitgeteilt, bayerische Guthaben wären aus nord­deutschem Gebiet zurückgezogen worden, die bayerische In­dustrie habe sich in Voraussicht einer Zufuhrsperre mit Köhler ehrgcheckt usw. Das klingt gefährlich und sei nur als Stim­

mungssymptom wiedergegeben, und wir wollen hoffen, dai diese Kriegsgespenster bald durch eine Verständigung ver scheucht werden. Ob dies durch eine Aussprache im Reichsra oder durch einen Staatsgerichtshof in Szene gesetzt wird ist gleichgültig, nur muß es bald geschehen. Artikel 108 bei Weimarer Verfassung sieht die Einrichtung eines solchen Ge richtshofes vor. Ist man erst bis zu diesem Punkte ange. langt, dann bietet sich auch Gelegenheit, die Verständigungs- Möglichkeiten auszunutzen und die schwebenden Fragen zu klären. Das ist um so nötiger, als bereits bedrohliche G e r ü ch t b i l d u n g e n sich einstellen. Z. B. soll der Ein­marsch der Reichswehr in Sachsen eigentlich einen Aufmarsch gegen Bayern bezwecken, was mit den Erklärungen der Reichsregierung in schärfstem Widerspruch steht. Wir wissen, wie es in Westsachsen aussieht, und welche Not in anderen Landesteilen des Freistaats herrscht. Die Reichswehr hat für Sicherheit von Leben und Eigentum zu sorgen ohne Ansehen der Partei. Sie ist ein Exekutiv-Jnstrument für Notfälle. Sache der Reichsregierung ist es, in diesem kritischen Augenblick mit allen verfügbaren Mitteln die Quellen der wirtschaftlichen Unzufriedenheit zu verstopfen; gelingt dies, dann ist das Reich gerettet. Es ist ein Verhängnis, daß gerade jetzt Berfaffungsstreitigkeiten zwischen Reich und Bayern mit den Ernährungsschwierig- keiten zusammentreffen und darunter auch Volksteile leiden müssen, denen augenblicklich die hohe Politik weniger am Herzen liegt als die Stillung ihres Hungers. Diesen zu bekämpfen, scheint die Hauptsache zu sein; der Annahme, Bayern wolle mit dem Reich brechen, stehen die Versicherun- zen der bayerischen Reichstreue gegenüber. Erst wenn voll­gültige Beweise vom Gegenteil vorliegen, wird es an der Zeit sein, die Konsequenzen aus dieser Tatsache zu ziehen.

—nd.

Barrikadenkämpfr in MMr.rg.

Herrin der Lage. — Reichswehr bei Itzehoe eingesetzt.

Der Sturm auf die Polizeiwachen in Hamburg hat sich immer mehr als ein großangelegter kom - munistischer Putschversuch herausgestellt. Nach Möglichkeit haben die roten Stoßtrupps sofort über­all Barrikaden errichtet, um die zum Teil recht heftige Stümpfe entbrannt sind. Verschiedene Polizei­beamte sind in gemeiner Weise ermordet worden. Die Kämpfe dauerten an vielen Stellen bis in die Nacht hinein; unangenehm machten sich auch die Dachschützen bemerkbar. Die Polizei beherrscht die Lage wieder völlig; gegen Kommunistentrupps in der Gegend von Wandsberk und Itzehoe sind Reich s- wehrtruppen eingesetzt. Der Kreuzer „Hamburg" ist im Hafen eingelaufen, jedoch war sein Eingreifen bisher nicht erforderlich. An Toten sind bisher fünf Beamte gemeldet, schwer verwundet wurden neunzehn Beamte. Genaues über die Verluste der Auf­ständischen läßt sich nicht sagen, doch haben die Kranken- transportstellen insgesamt 108 Schwerverletzte und 14 Tote transportiert. Die Zahl der Gefange­nen geht in die Hunderte.

Ueber den Verlauf der Kämpfe seien noch die folgenden Einzelheiten wiedergegeben:

Noch nach Einbruch der Dunkelheit wurde an den Haupt­punkten der Barrikaden gerümpft und von den Dächern und Fenstern auf die Polizeimanm chastengeschossen, trotzdem sämtliche von den Kommunisten besetzte Polizeistationen bis 4 Uhr nachmittags geräumt worden waren. Auch in den verschiedenen Straßenzügen kam es in den Abendstunden zu Zusammenrottungen, und bis 10 Uhr hörte man die Schüsse aus den Polizeirevolvern in den verschiedenen Richtungen.

Die Staatliche Pressestelle in Hamburg teilt mittags um 11 Uhr mit: In der vergangenen Nacht waren südlich des Bahnhofs Barmbeck noch drei K o m m u u i st e n n e st e r , insbesondere an der Vogelweide, übriggeblieben. Die Kom­munisten hielten von Barrikaden und von Häusern die Zu­fuhrstraßen zum Barmbecker Markt unter scharfem Feuer. Die Nester wurden beim Morgengrauen durch stärkere Polizeikräfte nach geringem Widerstände ausgehoben. Unter dem Eindruck dieser Niederlage gaben die Koinmunistcn den Widerstand in der Gegend nördlich des Bahnhofs Barmbeck, den sie durch große Schanzarbeiten

Art Festung ausgebaut hatten, auf. Gi .tig wird an keiner Stelle mehr bewaffneter Widerstand geleistet. Dagegen tauchen in em^. -m SladtoeLenVen vereinz elte Dach - schützen auf, i ie im er wieder die Bevölkerung durch ihr unsinniges Schießen .ruhigen. Es ist erwünscht, daß die Bevölkerung die Polizei durch Anzeigen unterstützt, da­mit diesem Unfug bald ein Ende bereitet werden kann.

Augenblicklich ist eine Säuberungsaktion in Fischbeck im Gange.

Bildung einer Bürgerwehr.

Der Magistrat hat zur Sicherung des Rathauses eine freiwillige BUrgerwehr gebildet, die bereits in Tätigkeit trat und während der Dauer der Unruhen ihren Dienst fort- setzen wird. Die V e a m t c n s ch a f t in Altona und Wands­beck hat freiwillig einen Mündigen Sicherheitsdienst über, nommen. In den Straßen von Altona herrscht Ruhe. Die Bekanntmachung des Magistrats, daß Brot in genügender Menge vorhanden fei, hat auf die Bevölkerung sehr be­ruhigend gewirkt. Die Schupo hat erheblichen Zuzug von Freiwilligen, die von der Stadt aus bewaffnet werden. Ueber das gesamte Groß-Hamburger Gebiet ist der verschärfte Belagerungszustand verhängt worden.

Bekämpfung des Hungers-

Verteilung von Brot und Kartoffeln. — Wert­beständiges Hamburger Geld.

Unter den vorliegenden Umftänben ist der Hamburger Senat davon überzeugt, daß wirkungsvoller und nachhaltiger als alle noch so notwendigen bewaffneten Polizeiaktionen eine schnelle und durchgreifende wirtschaftliche Maßnahme sein wird. Um der Gefahr der Hungerrevolution Herr zu werben, gibt es nur noch das Mittel, die zum Gespött geworbene Papiermark preiszugeben und den einzelnen Län- )ern Währungsnutonomie zu lassen. Wie in Hamburg, wird auch in Altona noch in dieser Woche ein wertbeständiges Zah- » iingsmittel von K und & Dollar in den Verkehr gebracht wer- )en. Alle Einkünfte und das Vermögen der Stadt haftet da- ür. Die Schließung aller Luxusgaststätten ind Bars soll in Hamburg und Altona mit größter Strenge rurchgeführt werben. Während in Altona jeder Er­ve r b s l o s e kostenlos 10 Pfund Kartoffeln whält und Brot und Mehl zum Preise vom letz- en Sonnabend ausgegeben wird, soll in Hamburg dem 5enat das Recht gegeben werden, auch über den Betrag von »00 Billionen beliebig hohe Summen ohne Befragen

Borlausiae AEkennunq der

Separatisten durch Frankreich.

Der „Petit Parisien" schreibt, daß das wichtigste Ereig- lis, das sich am Dienstag abgespielt habe, ein Schritt des t e u e n Direktoriums bei T i r a r d war.

Drei Mitglieder dieses Direktoriums b-gaben sich zu Lirard und erklärten, daß sie aus patriotischen Grün­ten (!) sich veranlaßt gesehen hätten, die Rheinische Kep « blik zu Proklamieren. Die Rheinische Republik verdc das Nötige veranlassen, um die Bedingungen >es Versailler Vertrages durch zuführen and die Besatzungsmächte anzuerkennen.

Tirard antwortete, daß er diese Erklärung zur llenntnis nehmen werde, und daß er bis auf weiteres !»as Direktorium in den Ortschaften, in denen die öffentlichen Dienststellen unter seiner Leitung stehen, »ls die tat sachlicheRegierungsgewalt an­sehen werde. Er werde es darum den alliierten Be­hörden gegenüber für die Aufrechterhaltung der Ord­nung in diesem Gebiet verantwortlich machen.

Die Mitglieder des Direktoriums haben daraufhin einen ihnlichen Schritt beim englischen und belgischen 2 b e r k o m m i f f a r unternommen.

Eine Koblenzer Depesche des „Matin" gibt die Zu­sammensetzung des rheinischen Direktoriums folgendermaßen an: Kremers aus Koblenz, von Metzen aus Düsseldorf, v e h m e n aus Koblenz, I >>. W o l t e r n o f aus Düsseldorf, Dr 2 i e b i n g aus Mainz, Brock aus Köln, deGrand-Ry aus Aachen, Kleber aus Düsseldorf, Dr. Müller aus Düsseldorf, Simon Frauenstein aus Wiesbaden, p Dr bis aus bet Pfalz, Natter aus Bonn, Marx XUS Trier, Koch und Pfeiffer aus Gemünd, Kentz lus München-Gladbach S e n f c n aus Prüm. vr. Dorten xnb Matthes haben die Vollmachten der provisorischen Regierung erhalten.

Der Re chskan 'er prM4 in Hasen.

Der Reichskanzler Dr. 3 trefemann, der Reichs- Innenminister Sollman n, der Minister für die be- setzten Gebiete Fuchs und der preußische Minister- Präsident Braun werden sich in allernächster Zeit nach Hagen i. W. begeben, um dort mit den Ver- tretern der politischen Parteien und Gewerkschaften über die ' ige in den besetzten Gebieten zu sprechen. Es ist auch absichtigt, an? erotag in Hagen eine öf fe n t 1 i ch c V e r s a m . l n n g ab.«halten, in der der Reichskanzler und die ihn begleitenden Reichsminister das Wort ergreifen we en.

gm Zm.u..... der Reise des Kanzlers uns

mehrerer Minister nach Ha. i:. rechnet man in unterrichteten Kreisen damit, daß auch gleichzeitig die weiteren