Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 119
Sonnabend, den 6. Oktober
1923
Das Wichtigste.
— In der letzten Septemberdekade hat sich die f ch w e b e n d « Schuld des Reiches auf 46 700 Billionen vermehrt und damit eine Steigerungumdasbllfache erfahren.
— Nach einer Erklärung der Havas-Agentur soll den deutschen Eisenbahnern kein Treueid für die französisch. bel - gische Eisenbahnregie abverlangt werden.
— Nach den letzten Berliner Meldungen dürste Dr. E1 r «s e - mann auch sein zweites Kabinett auf der Hrundlag« d« Sofien Koalition bilden.
Wschenrückblick.
Die britisch e Reichskonfereuz, 'die lange in Wehen lag, hat endlich das Licht der Welt erblickt, und der Premierminister Baldwin hat ihr zur Eröffnung eine Be- grüßungsrede gewidmet, die einen Rechenschaftsbericht mit einer Schilderung der allgemeinen politischen Lage darstellt. Baldwin will, daß England als mäßigende und vermittelnde Macht tätig ist und sich die Freundschaft mit Frankreich erhält. Aber die Stellung Englands zu Deutschland erwähnt er überhaupt nicht. Dies ist ihm von der englischen Presse verübelt worden, die schon bei feiner Begegnung mit Poincars mit Tadel nicht gespart hatte, weil er alle früheren Beleidi- gungen und Anrempelungen geduldig hingenommen und darauf verzichtet habe, Frankreich die richtige Antwort zu erteilen. Selbst konservative Blätter waren mit diesem Stillhalten nicht einverstanden und vermißten die nötige Aktivität ihres Führers. Dieser hat zwar am Schluß seiner Konferenz- MSMirungeü sich auch mit der Reichsverteiöigüng beschäftigt und die Konferenz ausgefordert, sich mit dem Problem ver- traut zu machen, nachdem sich die Regierung nur widerstrebend zur Vergrößerung der Luftverteidigungsmacht ent- schloffen habe, was allerdings die englisch-französische Freundschaft in eigentümliches Licht stellt. In der nächsten Sitzung wurden dann Kolonialftagen behandelt, in erster Linie von wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Das Ziel der Verhandlun- gen muß die Verstärkung der Bande sein, die das britische Imperium zusammenhalten. Das kann durch Vorzugszölle für die Kolonien und Dominions, durch Regelung der Auswanderung und andere Mittel geschehen, stets im Hinblick auf die von Jahr zu Jahr zunehmende Selbständigkeit der Dominions und der allmählich sich dazu auswachsenden Kolonien. Die Grenzlinien zwischen den verschiedenen Machtbefugnissen sind nicht fest, aber bisher hat die brittsche Regierung es verstanden, gegenüber selbständig von einzelnen Dominions mit anderen Staaten getätigten Vertragabschlüssen ein Auge zuzudrücken und keine Prinzipienfragen aufzuwerfen, die das Imperium gefährden könnten. Welche Dauer die Kon- ferenz haben wird, läßt sich nicht bestimmen, da die Beschlüsse durch Kommissionsberatungen vorbereitet werden müssen und in jeder Sitzung neue Probleme auftauchen. Bezeichnenderweise hat man davon Abstand genommen, die auswärtigen Angelegenheiten einer offenen Aussprache zu unterziehen; es soll dabei nämlich die Oeffentlichkeit ausgeschlossen werden, (eine Maßregel, die gerade der Lüge Tür und Tor öffnen wird.
Auf der Konferenz hat Baldwin auch den Friedensvertrag mit der Türkei erwähnt, der jetzt durch den Abmarsch der alliierten Truppen aus Konstantinopel bekräftigt worden ist. Da hat Beharrlichkeit zum Ziele' geführt, Zähigkeit und ein unerschütterlicher Wille zum Durchhalten, ein Beispiel für die, die es angeht. Der Besitz der Hauptstadt setzt den Erfolgen der Türken erst die Krone auf als sichtbares Zeichen ihrer Oberhoheit. Allerdings war Kemal Pascha begünstigt durch die Eifersucht der Mächte. Engländer, Franzosen,, Italiener, Griechen, Bulgaren, Russen konnten mit demselben „Recht" Anspruch'auf die Stadt am Goldenen Horn machen, und keiner gönnte sie dem andern. Zuerst schieden die Russen aus. Die russische Politik wollte einst das Andreaskreuz auf die Haggia Sophia aufpflanzen und den Halbmond herunterholen, aber Sowjet-Rußland löste die Zarenherrschaft ab, und damit fiel das religiöse Moment für eine Besetzung hinweg, die einen allgemeinen Orientkrieg entfesselt hätte. Zugleich darf die Türkei fortan auf die Unterstützung durch die Russen rechnen und hat in der ganzen islamischen Welt ihr Ansehen als Hüterin des Islams befestigt. Auf dieses Vorbild von Erhebung eines Volkes aus tiefster Niederlage muß das deutsche immer wieder hingewiesen werden mit einem „Einigkeit macht stark".
Augenblicklich ist sie durch Gewaltmaßregeln, einem problematischen Notbehelf, er- mgen. Allerdings hat sich bisher das Kondominium K Lossow bewährt, und indem der General v. Lossow das bot des Hitler-Blattes „Der völkische Beobachter" an die I llbehörden abschob, beugte er Kompetenzstreitigkeiten vor, . deren ?’ -erfuirg sich kein Anlaß mehr bot, nachdem dc 3latt vo. Bildfläche verschwunden war. Man hat . radikalen etfen für die Charakterisierung der bayerise Zustände die Bezeichnung
„trockener Putsch" geprägt, aber niemand kann bestreitei daß alle von der bayerischen Regierung getroffenen Mal nahmen funsttsch unanfechtbar sind, und wenn dadurch i ausgeregten Zeiten Ruhe geschaffen wird, wie es geschehe lt' mCLnWn mit bicfem Ausgang zufrieden sein.
Nicht unerwähnt soll die Anregung bleiben, die von be Reichsregierung durch die Einrichtung des Flur j s ch u tz e s gegeben wird. Früher verwarf man den Selbst schütz und hat ihn sehr zum Schaden der öffentlichen Sicher heit besonders in den Vororten der Großstädte aufgehoben aber jetzt, wo die Ernte vieler Gemeinden planmäßig voi Banden geraubt wird, redet man auch behördlich von bei Stibung eines freiwilligen Flurschutzes unter Führung vor Landjägern und Schupobeamten. Me Ausräuberungen sini nachgerade eine Landplage geworben, die im Interesse bei Volksernähriurg gründliche Abwehr erheischen. xxx
Die große Koalition gesichert?
Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, ist die Bildung eines neuen Kabinetts auf der Grundlage der Grossen Koalition sehr wahrscheinlich. Die Versuche, die Grosse Koalition wieder znsamwenzubringen, wurden Freitag früh ausgenommen. Es haben bereits längere Besprechungen zwischen den Führern der Par- leien stattgefunden. In der sozialdemokratischen Frak- tton find die Widersprüche gegen die Grosse Koalition «ehr und mehr im Schwinden, auch bei denjenigen Tei- len der Fraktion, die zunächst auf Austritt aus der Koalition hindrängten. Der Parteivorsitzende Hermann Müller hat Dr. Strekemann bereits in aller if*,W>''^lWW!^^ - ers ucht.
Von anderer Seite verlautet über die Lag».:
In der Regierungskrise ist Freitag vormittag eine ent- scheidende Wendung eingetreten, hervorgerufen durch tinen Beschluß der demokratischen Fraktion. Dieser Beschluß hat folgenden Wortlaut:
„Die Demokratische Partei richtet an den Reichspräsidenten und den Reichskanzler die dringende Aufforderung, die Versuche zur Wieder her stellung der Grossen Koalition nochmals ernstlich dorzunehmen. Wird ein solcher Versuch nicht unternommen, steht die Fraktion sich nicht in der Lage, dem sogenannten unpolitischen Kabinett ihr Vertrauen auszusprechen."
Offenbar ist dieser Beschluß auf Fühlung mit den Führern bet Sozialdemokratte gefaßt worden, denn die sozial- demokratische Reichstagssraktion hat beschlossen, dem demo- krattschen Vorschläge zuzustimnien und sich zur B e r f ü - zung zu stellen, wenn es möglich sein sollte, den Vor- jchlag m die Tat umzusetzen.
In der deutsch n Volkspartei
Myt man allerdings der Auffrischung der alten Koalition nicht gerade freundlich gegenüber. Besonders auf dem rechten Flügel der Deutschen Volkspartei besteht gegen die Große Koalition eine außerordentlich starke Abneigung, die wohl in rrster Linie auf die Haltung der Sozialdemokratte zurückzu- führen ist. In der Stimmung vieler Volksparteiler vollzieht sich aber unter dem Eindruck der Beschlüsse der anderen ^rattionen unverkennbar ein Umschwung.
Das Los der fünfzehniausend DR* ge^ nen.
‘Seinerlei Erleichterungen.
Von zuverlässiger Seite wird dem W. T. B. aus Gelsen- kirchen mitgeteilt: , _ -
„Zurzeit ist die Stimmung unter den Deutschen Gefangenen sehr gedrückt, da diese über ihr Schicksal völlig im Ungewissen sind und da die Erwartungen, Daß _ me Franzosen zum mindesten die politischen Gefangenen frei - lassen würden, sich nicht erfüllt haben. Wie groß noch die Zahl der Gefangenen ist, geht daraus hervor, daß sich t n achtzehn G e f ä n g n i s s e n des Ruhrgebiets und des Brückenkopfes Düsseldorf noch l5 000 Gefangene oe finden. Dazu kommen noch mehrere Tausend Gefangene, Me sich in den Gefängnissen des. altbesetzten Gebietes befinden, weiter jene Unglücklichen, die sich in Frankrer ch in Stt Martin be Rs und anderen Orten, in Belgien in ieroiers befinden. Im Übrigen werden auch nach Einstellung des passiven Widerstandes den Gest-igenen kenierlei Erleichterungen gewährt. So ist ih-en z. B. das Leien politischer Tages- zeitungen immer nett -erboten; die Haft ist vor allem deshalb für viele gegene ig eine scelnche Marter, wett sie über die Entwicklung der »ge im Ruhraebiet und in Deutschland nur sehr ‘ mangelhaft unterrichtet ,mM Auch bte Unterbringung der Gefangenen lägt nach rote vor ,ehr zu wünschen übrig. ’ So leiben die 170 Gefangenen, die aus dem
Werdener Zuchthaus in ein Essener Gefängnis gebracht war den sind, unter der R a u in not. Ein Teil von ihnen ij gezwungen, auf dem Fußboden zu nächtigen.
Gm sauberer Separaiisienführer.
Die Wandlungen des Peppi Matthes.
Der Hauptschuldige an dem am Sonntag in Düsseldorf geflossenen Blut ist in Bayern als Peppi M a tthes wohl, bekannt. In Aschaffenburg und Passau hat er sich vom Libe- ralen zum Bauernbündler und dann zum sozialdemokra- tischen Redakteur durchgemausert und sowohl in seinem politischen als auch in feinem persönlichen Auftreten nichts weniger als erfreuliche Erinnerungen hinterlassen. Als er zuletzt in Aschaffenburg wegen Beleidigung des bortigen Oberbürgermeisters zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden war, flüchtete er ins besetzte Gebiet und stellte sich dort den Franzosen zur Verfügung. Matthes ist es gewesen, der am Sonntag die Hilfe der französischen Militärmacht gegen die deutsche Sicherheitspolizei aufgerufen hat.
Der Berichterstatter der Times erführt aus Düsseldorf, daß Matthes dort eine neue separatistische Kundgebung für den nächsten Sonntag plane. Er habe sich am Dienstag nach Koblenz begeben, wo er von dem französischen Oberkommissar Tirard empfangen wurde, dem er eine lange Liste von Forderungen unterbreitete, namentlich Beschlagnahme aller Feuerwaffen der Hauen Polizei im besetzten Gebiet und Auflösung der noch übrigen grünen Polizei. Wenn Matthes die Entwaff. nung der Polizei erreiche, so werde die Bevölkerung der iönade seiner „Sturmtruppen" ausgeliefert sein.
Ausgabe von Veqie-Vanknoten
Einer Düsseldorfer Meldung des Journal zufolge steht die Ausgabe besonderer Regie-Noten im be. setzten Gebiet bevor. Das Geld wird von der französischbelgischen Eisenbahnverwaltung ausgegeben werden. Es liegt bereits seit einiger Zeit gedruckt vor. Da die Eifenbahnregie seit einiger Zeit die Bezahlung des Fahrpreises in fran- zösischen Franken fordert, die Bevölkerung aber Devisen nicht besitzt, soll jetzt mit dieser Währung bezahlt werden.
Buer ohne Gas.
Die Gasbefieferung der Stadt Buer ist seit einigen Tagen fast völlig eingestellt. Die städttschen Lichtwerke können wegen Kohlenmangels kein Gas erzeugen. Der Bezug von Ferngas ist wegen Sttllegung der ^eche Rhein-Elbe in Gelsenkirchen unmöglich. Viele gewerbliche Betriebe haben geschlossen. Wegen der Dunkelheit in den Straßen nimmt die Unsicherheit immer mehr zu.
Oitomanifche Jrepublif.
i Die neue Verfassung der Türkei.
Nach Mitteilungen aus Angara wird die neue Ver- fassung im wesentlichen folgendes enthalten: Die Türkei proklamiert die Republik. Der Präsident der Republik wird für vier oder fünf Jahre gewählt. Die Große Nationalversammlung hat gesetzgebende Befug- »iffe. Die Exekutivgewalt wird dem Ministerium ,»vertraut, das der Nationalversammlung verantwort- lich ist. Ein Staatsrat wird gebildet, der die Funk- ttonen des Senats einnimmt. Seine Mitglieder »oerde« vom Präsidenten der Republik ernannt.
a r a n t i e
Der ruffisch-simlische Grenzkonflikt.
Wegen der Ermordung des stellvertretenden Vorsitzenden der russischen Grenzkontrollkommission Lawrow und ^ tödlichen Verwundung eines Mitgliedes der Kommtifton durch ostkarelische Flüchtlinge am 24. September hat der Helsingforjer Vertreter Sowjetrußlands der finnischen Regierung die Forderungen unterbreitet, eine Schade n ser, a tz g er -- o on 5 0 0 0 0 Goldrubeln zu stellen und ein beson- deres Komitee zur Ermittlung der -roter einzusetz^. Jm Falle der Nichterfüllung dieser Forderungen werde Rußland Maßnahmen ergreifen. Hierauf hat der Minister des Aeußern geantwortet, daß Finnland, da der Mord auf ruf sischem Gebiete und von russischen Untertanen verubt worder ei w e d e r v ö l k e r r e ch t l i ch noch v e r t r a g *ma ß t $ bgfür verantwortlich gemacht werden komite.
Schwerste Stürme im Kanal.
Seit Donnerstag Mitternacht wütet über ganz Eng land ein für chtbarer Stur m. Bon den Küste, roerben zahlreiche Schiffbrüche gemeldet, und an vielen Platzei mußttn ^je Rettungsboote zur Hilfe der Schiffbrüchigen E konnte M 6« W»e« «g ^t"1"?^ SÄ ^dou. D- ilgdienst -wische,
in den Hafen ein' zeitweise e i n g e
; London und Par
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