Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 118 Donnerstag, den 4. Oktober 1923
Das Wichtigste.
- Die Aburteilung der Küstriner Aufrührer erfolgt Mrch ein außerordentliches Gericht in Cottbus.
— Der Erlös der Goldanleihe beträgt 164 Mil. 'tonen Goldmark.
5>er Preußische Lantag tritt am nächsten Diens - a g wieder zusammen.
Zwischen den Fraktionen.
3on unserem parlamentarischen Mitarbeiter.
Im Reichstag verfloß der Dienstagnachnnttaq in Hoch- pannung.. Die ursprünglich auf 3 Uhr angesetzte Sitzung ourde auf 5 Uhr verschoben, kam jedoch nicht zustande und nutzte von Stunde zu Stunde verschoben werden, bis sie legen 8 Uhr vom Präsidenten Löbe schließlich auf unbestimmte Zeit vertagt wurde. Was war der Grund dieser Verzögerungen? Ein Ermächtigungsgesetz, das die Heichsregierung zur Lösung finanz-, wirtschafts- und sozial- w litt scher Fragen fordert. Die Erteilung so außerordentlicher Vollmachten glaubten die Fraktionsführer von sich heraus acht bewilligen zu können und behielten sich vor, die Z u - ; t m m u n g ihrer Fraktionen einzuholen.
So füllten sich die Fraktionszimmer zu langwierigen Bettungen, unb die Wandelhalle wurde zu einer Nachrichten- Srfe. Man erinnerte sich an die Einführungsrede des Reichs- anzlers Dr. Streseniann, der auf die Möglichkeit hinge- oiesen hatte, daß beim Scheitern seines Kabinetts dieses ab- ^löst werden könnte von einer Diktatur und fragte sich, H dieser Zeitpunkt in greifbare Nähe gerückt sei. Mit dem Ermächtigungsgesetz war die ganze innerpolitische ,age aufgerollt und außenpolitisch erheischten die Er-
Stellungnahme.
Die Demokraten waren gewillt, dem Reichskanzler ie gewünschten Befugnisse zu erteilen, und das Zentrum ,ahm denselben Standpunkt ein, so daß von dieser Seite die roße Koalition nicht gefährdet erschien. Dagegen ergaben jdj Schwierigkeiten aus der Haltungder Deutschen ^olfspartet Sie erschien zunächst insofern durch die trisis betroffen, als ihr Parteimitglied, der Reichswirt- chaftsminister von Räumer, sein Rücktrittsgesuch ein= streicht hat, da er seine Wirtschafts- und Sozialpolitik im kabinett nicht hat durchsetzen können. Als sein Nachfolger oll ein Mann gewählt werden, der sich des Vertrauens ,er Landwirtschaft erfreut. Die Partei will jedoch mch die Posten des Reichsernährungs - und des lleichsfinanzministers neu besetzt sehen und ihr Vorsitzender, Dr. Scholz, hat die Frage zur Erörterung ststellt, ob nicht in Anbetracht der höchsten Not des Pater- andes die Regierung auf breiteste Basis gestellt werden nüsse. Das würde die Hineinnahme der D e u t s ch n a t i o - lalen Partei in die Regierung bedeuten, und diese An- ündigung hat denn auch sofort die S o z i a l d e m o k r a t i e alt schärfstem Widerspruch beantwortet, wie auch äe volksparteiliche Forderung, die Porkriegsarbeitszeit oiederherzustellen. Sie wollte dem Kabinett in finanzieller Hinsicht wohl die gewünschte Vollmacht geben, aber rn ch t tuf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, loch war sie zu einem Kompromiß in der „Produktivierung >er Arbeit" bereit. Dagegen hält sie an Hil fe rd i n g ris Reichsfinanzminister fest und verlangt von )er Reichsregierung, sie solle sich für die Aufhebung >es von der bayerischen Regierung verhäng, sen Belagerungszustandes einsetzen. An Konfliktstoff war also kein Mangel, aber im Grunde waren die strittigen Punkte keineswegs neu, denn sie entsprechen den Grundsätzen der verschiedenen Parteien, und das Wesen der großen Koalition besteht gerade darin, daß Meinungsver- schiedenheite« über Kardinalfragen zurückgestellt werden müssen, wenn ein Zusammenarbeiten überhaupt ermöglicht werden soll. Neu war nur der Versuch, die Koalition durch die Deutschnationalen zu verbreitern. Indessen ist es bei einer Anregung geblieben, bei einem Wunsch, auf dessen Erfüllung seine Urheber nicht bestanden haben. Ueber andere Puntte, z. B. über die Aufhebung des Achtstundentages ist mit den Sozialdemokraten eine grundsätzliche (Einigung un- möglich; aber da kann das weite Feld des Kompromisses be- schritten werden, wie ja die ganze Koalitionspolittk auf diesem Grunde errichtet worden ist. Der deutschen Menschheit hat sich eine Nervenzerrüttung bemächtigt, die angesichts der deutschen Not zwar begreiflich und entschuldbar ist, aber den Bestand des Reiches bedroht ^enn nicht bald Selbstbesinnung in den Gemütern Einktt mit.
Das Stimmungsbild, das der ' gstag mit seinen Frak- ttonsverhandlungen bot, die n nächtlich sich bis in die dritte Morgenstunde erstreckende rettsutzung, legen Zeug- nis dafür ab, daß sich die maßge. Den Personen ihrer Per- antwortlichkeit bewußt und drüber un klaren waren, was für Deutschland auf dem Spiele steht, wenn die Unruhe in der Bevölkerung sich gefahrdrohend auswächst und der oft gehörte Schrei nach einem Diktator allgemein wird. Aber wer soll Diktator werden? Gerade darüber könnte ein brudermörderisches Ringen anheben und uns von einer Krisis in die anbese treiben. Das mich veserigbee «vdemi
®enn ber Feind steht vor den Toren und es dar auf Deutschland nicht sinngemäß die altrömische Warnum angewendet werden: „Während man in Rom sich herum streitet, geht Sagunt zugrunde!" p.
Glücklicherweise scheint die Vernunft die Oberhand ge. wonnen zu haben, und die Vertagung der Krisis bereitet ihr, Lösung vor. Wenn auch noch nicht von einer endgültigen Einigung über alle strittigen Fragen gesprochen 'werden kann, lassen doch die von der Sozialdemokratie vollzogene Shv Näherung an den Standpunkt des Arbeitsministers Dr. Brauns und ein verschleierter Verzicht auf die Aufhebung des bayerischen Ausnahmezustandes die Hoffnung offen, daß die große Koalition nach der Feuerprobe dieses Meinungs- streits sich vielleicht bewähren und dem Vaterlande nützliche Arbeit leisten wird. P R
Die Krise überwunden?
Der Reichspräsident rät zur Mäßigung.
Die Krisenstimmung, die Dienstag in parlamentari- sschen und Regierungskreisen herrschte, ist am Mittwoch wesentlich abgeflaut. Man rechnet bestimmt mit xinerEinigung, wenn auch augenblicklich noch starke Gegensätze innerhalb der Sozialdemokra- !t i e vorhanden sind. Reichspräsident Ebert hat am Dienstag, als die Krise ihren Höhepunkt erreichte, mit verschiedenen Parlamentariern Rücksprache genommen. Man erzählt sich, daß der Reichspräsident in diesen Besprechungen seineParteifreundezurMäßigung ermähnte, und auf die aus einem Rücktritt des Kabinetts entstehende« Folgen aufmerksam machte. Dem Eingrei- fe« des Präsidenten ist es mit zuzuschreiben, wenn die Krise für den Augenblick beseitigt wird.
Die nächtliche Aahmeiiesitzrmg.
Am Dienstag vormittag hatte die Regierung, wie schon oben angedeutet, den Fraktionen das Ermächtigungsgesetz zugehen lassen und die Zustimmung der Fraktionen bis 7 Uhr abends verlangt. Zu diesem Zeitpunkt teilten die Sozialdemokraten mit; daß sie dem Ermächtigungsgesetz nur in beschränktem Umfange zustimmen und für den kommunistischen Anttag auf Aufhebung der bayeri- schen Verordnungen stimmen würden. Auch bezüglich der Arbeitszeit trat eine Verschiedenheit der Auffassungen hervor. So unterblieb die in Aussicht genommene Erklärung des Kanzlers vor dem Plenum des Reichstages.
Das K a b i n e t t ttat zu einer Sitzung zusammen, die sich bis drei Uhr morgens hinzog. Die Hauptstreitfrage wurde im Verlaufe dieser Sitzung nicht die Ausnahmeverordnung und die Lage in Bayern, sondern vielmehr das Wirtschaftsprogramm der Regierung. In früher Morgenstunde kam ein K o m p r o m i ß zustande, das besagt, daß der Achtstundentag zwar nicht aufgehoben werden soll, doch soll er geschmeidiger gestaltet werden. In der zweien Streitfrage, die sich auf die
Lage in Bayern
bezicht, erklärten sich die sozialdemokratischen Minister damit einverstanden, daß sie ihre Fraktion veranlassen wollen, dem kommunistischen Anträge nicht zuzustim - men. Die sozialdemokratische Fraktions- sitzung, die am Mittwoch vormittag zusammentrat, erklärte sich mit dem Kompromiß ni cht in allen Punkten einverstanden; doch hält man in parlamentarischen Kreisen die Einigung über die noch strittigen Punkte für s o gut wie sicher.
Wie es zu dem Küstriner Putsch kam.
Eine Verzweiflungstat des Majors Vuchrucker.
Halb amtlich verlauten jetzt die folgenden näheren Ginzelheittn über den Küstriner Putschversuch:
„Seit Mitte letzter Woche fauben in der Umgebung Berlins Ansammlungen von jungen Leuten statt, die angaben, daß sie sich der Reichswehr zur Verfügung stellen wollten. Der Verdacht lag vor, daß diese Leute unter Vorspiegelung nationaler Ziele von einer Stelle aus einheitlich an gesetzt worden seien, um, zu militärischen Verbänden zusammengestellt, innerpolitischen Zwecken zu dienen. Als Führer der Bewegung wurde Major B u ch r u a e r er- mittelt und so wurde
am 30. September Haftbefehl
gegen ihn erlassen. Major Vuchrucker hat offenbar erkannt, daß seine Pläne durchkreuzt werden sollten; er zog in der Nacht vom 30. September zum 1- Oktober so viele 1 einer Un- Hänger, als er erreichen konnte, in Küstrin zusammen, ote verbargen sich zunächst in dem Zeughof, einem alten Festungswerk, in dem nur ein Trupp von Z i v i l a r b e i t e r n
der Festung lag, der mit ihnen int Einverständnis handelte. Die Altstadt von Küstrin; von Oder und Werthe um- schloff« und von alten Wällen umgeben, läßt sich leicht nach außen absperren. Die Garnisonen liegen jen. seits der Warthe. Major Vuchrucker scheint beabsichtigt zu haben, durch die Ueberrumpelung der Festung im ganzen Neich
Gleichgesinnte zum Losschlagen
zu veranlassen und durch diese Verzweiflungstat sich selber zu retten. Im Morgengrauen des 1. Oktober ließ er die wichtigsten Punkte und Zugänge der Stadt besetzen unb* begab sich selbst mit anderen Rädelsführern in die Kommandantur, um zu verhandeln. Der Kommandant aber, Oberst G u d o v i u s, ließ sich nicht auf Verhandlungen ein, sondern handelte mit größter Energie. Die Führer ließ »r ungehört verhaften. Einen nach drängen- den Stoßtrupp nahm die Wache fest. Pionierbataillon 8 und eine Schwadron der Fahrabteilung 3 wurden alarmiert und herbeigerufen. Vor ihnen zogen sich die Auf- ständischen in den Zeughof zurück, wo sie e i n g e s ch l o s s e n wurden. Das Wehrkreiskommando 3 hatte auf die erste Nachricht von den (Ereignissen den Obersten von Z e e b e ck und
Truppen aller Waffe« in Marsch
gesetzt. Das Pionierbataillon, das keine schweren Waffen besitzt, mußte sich bis zu ihrer Ankunft auf die Absperrung beschränken. Es wies gegen Abend den Vorstoß eines schwächeren Trupps Aufrührer ab, die zum Teil in! Autos von außerhalb gekommen waren, um dieI Eingeschlossenen zu entsetzen. Die Angreifenden hatten hierbei einen Toten, zwei Schwer- und vier Leichtverwundete.! Nach dem Eintreffen der Verstärkungen ergaben sich die im Zeughof Eingeschlossenen.
Im ganzen sind es 381 Mann,
von denen ma» 13 als Rädelsführer ansehen kann. Dazu! mürben no& 30 Mann ieKaenommen, die den Entsühn erluchs m« auHerhüld aemachWWMDi.- Aburteilung der ;. genommenen trab durch ein außerordentliches Gericht in Kottbus erfolgen. In der näheren Umgebung Berlins wurden noch etwa 200 Mann festgenommen, die sich in Wt Döberitzer Gelände sammelten.
Gerüchte.
Wie die Korrespondenz Hoffmann von zuständiger Seite erfährt, entspricht das Gerücht, wonach Gcncralstaatskom- miffar von Kahr zum bayerischen Ministerpräsidenten ernannt worden sei, in keiner Weise den Tatsachen. Die Korrespondenz Hoffamnn meidet weiter: Die Nachricht »ines Münchener Blattes, daß zwischen der württembergischen and der bocherffchen Regierung Verhandlungen über die Lage schwebe::, entspricht nicht den Tatsachen.
Der «verbotene" Beobachter.
Saut „Münchner Neuesten Nachrichten" ist der Befehl des Generalreichskommissars bett, das Verbot des Völkischen Beobachters, der bisher weiter erschienen ist, General von Lossow in München zugestellt worden., General von Lossow hat den Befehl an Generalstaatskommissar von Kahr weitergegeben.
Der Bezirks- und Ortsvorstand München der Sozial-, denwkrattschen Partei hat die Ortsgruppen Südbayerns unb; Schwaben» aufgefordert, die Sicherheitsabteilungen ber; sozialdemokratischen Partei auf Grund der Verordnung bes] Generalstaatskonnnissars als aufgelöst zu betrach-! t en. Den bisherigen Führern und Mannschaften der S:cher- Heitsabteilugnen wird der Dank der Partei ausgesprochen und bemerkt, daß man nur der Gewalt gewichen sei, daß die Partei aber strengste Durchführung der Au f- lbsungsanweisung verlange.
465 Millionen Goldmark gezeichnet.
Das Ergebnis der Goldanleihe steht nunmehr vorbehaltlich geringfügiger Ergänzimgen fest. Es wurden insgesamt 165 224 186 Mark Gold gezeichnet und zwar:
gegen Mark 129 "788 194 Mark Gold,
gegen Devisen 30 852 809 Mark Gold,
gegen Dollarschatzanweisungen 2 59G 552 M:rk Gold, gegen Golduwrkquittungen 986 630 Matt Gold.
Streik im Gleiwitzer Indk' ^r egebiet.
Die Belegschaft der o b er s ch I e s i i ch e n E l e k i r I - zitätswerke in Hindendurg-Zabrr' ist Montag nadpntv taq gegen 4 Uhr in den Streit geiu; Dadurch sind die i Städte GI e i w i tz und H i n d e n b u : - wwie d:e zu dienen , Kreisen gehörenden Ortschaften vollstMö g lccht- un» » stromlos. Die Ursache des Streiks ist darin zu suche», . daß seitens des Arbeitgeberverbandes zu nt wurde, daß am Mittwoch das Mache des August: i «tts Dies als
Vorschuß gezahlt werden sollte. Als Borausietzusa dafür ■ wurde allerdings seitens des Arbeitgeberverbandes der Er- ■