Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag nnS Gonnadenv. Der Bezugspreis beträgt für Vz September 1000 000.— Mk„ für Abholer 950000.— Mk., / Anzeigenpreis für die einspaltige Dellhetle oder deren Raum 30 Mk., Retlamezeile 100 Mk. mal ZeitungSanrelgenschlüssel des D. D 3. D. b. 3l. 30 000). / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buch- druckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Frau» Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 115 Donnerstag, den 27. September 1923
Das Wichtigste.
— Reichspräsident und Reichsregierung haben an da« deutsche Volk einen Aufruf erlassen, in dem die Notwendigkeit der Einstellung des Ruhrkampfe» b«- gründet wird.
— In B e r l i n sind eine Anzahl Perstnlichkeiten wu rechtsradikalen Kreisen verhaftet worden.
— In 3 ittau ist es zu blutigen Krawallen gekommen.
Die Geschichte als Lehrmeisters«.
Die Weltgeschichte besteht aus Wiederholungen von Ereignissen, denn die menschlichen Leidenschaften ändern sich nicht, das Tun und Treiben der Völker bleibt vermöge der ihnen angeborenen Stammeseigenart dasselbe, und so entstehen beim Schütteln des Kaleidoskops in längeren oder kürzeren Zwischenräumen dieselben Spiegelbilder wieder in so rascher Folge, daß es beim Wechsel der farbigen Erscheinungen schwerhält, einzelne als alte Bekannte wie- derzuerkennen. Manchmal gelingt es doch, und der Historiker kann seines Amtes als rückwärtsgerichteter Prophet walten und mühelos Vergleiche zwischen einst und jetzt feststellen. Besonders die große französische Revolution mit ihren wirt- chastlichen Auswirkungen gab dazu Anlaß, und man brauchte ein Aehnlichkeitsjäger zu sein, um in unserer Zwangswirl- chast während des Krieges und in seiner Folgezeit den gleichen Verlauf der Dinge wie in den Jahren der Jako- nnerherrschaft nachzuweisen. Näher noch liegt die Aehnlich- kett der Ereignisse der Novembertage von 1918 und des diesjährigen Septembers.
Wie damals hat, gleichfalls nach dem Scheitern eines heldenmütigen Durchhaltens, sich der Bevölkerung eine ungeheure Unruhe bemächtigt. Wer die inner- politische Entwicklung beobachtet hat, wird nicht im Zweifel uns noch immer in einer latenten Revolution
5 befinden und die Lava des Ausbruchs nur oberflächlich erkaltet ist. Ob wir einen neuen erleben werden, oder ob die unterbrich noch glühenden Massen sich abkühlen und in einen Beharrungszustand übergehen werden, vermag niemand vorauszusagen. Schon der früherer Reichskanzler Dr. C un o hat sich gezwungen gesehen, auf die Gefahr eines Bürgerkrieges hinzudeuten: sein Nachfolger mußte noch deutlicher werden und die Entschlossenheit der Reichsregierung, jeden Putschversuch niederzuschlagen, energisch betonen. Der Seismometer verrät dem Kundigen, daß im Innern des scheinbar erloschenen Vulkans sich unheimliche Kräfte regen -und auch andere Zeichen, die einem Erdbeben vorauszugehen •pflegen: Das Gewürm der Tiefe verläßt seine Schlupfwinkel und setzt sich in Bewegung. Der internationale Kommunismus ist an der Arbeit wie in jener Periode, wo ein Ioffe, der bolschewistischen Agitation in Deutschland überführt, aus Berlin ausgewiesen und über die Grenze komplimentiert wurde, trotzdem er bevollmächtigter Vertreter Rußlands war. Heute scheint dieselbe Botschaft Unter den Linden der Berliner Politischen Polizei verdächtig, mit Hilfe ihres Militärattaches den deutschen Kommunisten durch Errichtung von Waffenlagern in Berlin Vorschub geleistet tu haben. Dieser Sowjetemissär ist spurlos verschwunden und hat nichts hinterlassen als seinen Nomen Betreff, was ein Sammelname zu sein scheint; denn die russische Botschaft behauptet in einer amtlichen Erklärung. dieses Namens erfreuten sich mehrere Angehörige der Botschaft und der Handelsvertretung Rußlands, und der dort beschäftigte, die Wohltat der Exterritorioiltät genießende Reformist Petroff habe, wie er selber versichert, nicht das mindeste mit den Vorgängen zu tun. Die Vorsicht, ein halbes Dutzend Petroffs gleichzeitig exterritorial anzustellen. dürfte andere auf dem Lauerposten befindliche ausländische Vertretungen zur Nachahmung reizen, und die Franzosen hätten sich viel Aerger erspart, wenn sie in München ihre sämtlichen Agenten Richert benamset hätten. Diese Art von Geheimdiplomatie wird niemand wundernehmen, der mit den Zielen der Dritten Kommunistischen Internationale vertraut ist Wie Ioffe damals den deutschen Kommunisten mit vollen Händen russisches Geld svendete und Spione warb, arbeiten jetzt seine Nachtreter mit Waffenlieferungen und unterstützen ihre deutschen Anhänger, um die Abspaltung des radikalen Flügels der Sozialdemokratie und die Zertrümmerung der Gewerkschaften zu erzielen. Auch das haben wir schon erN' ' nur wird der Kampf verknüpft mit den Angriffen auf die Reichswehr. Sie soll beseitigt werden, und an ihre Stelle sollen die proletarischen Hundertschaften treten. Die Parallele hierzu finden wir in der Bewaffnung der Pariser Piekenmänner. der Sanskulotten, von denen die Nationalversammlung ihre Weisungen erhielt. Unwillkürlich werden wir dabei an das Verlangen der Kommunisten erinnert, die den Deputationen ber, Arbeiterschaft vor versammeltem Reichstag das Wort erzwingen wollten, ein Hohn auf den Begriff der Volksvertretung.
Die schlimmste Parallele zu früher bieten die rheinischen Separatisten und ihre Ablösungsbutrebungen, die auf die Gründung eines Rheinlands unter französischer Vormundschaft nach napoleonischem Muster hinauslaufen. Die Abtrennung von Rhein. Ruhr und Saar von Deutschland wäre ein furchtbarer Schlag gegen die deutsche Einigkeit und würde seine wirtschaftliche Seiend higkeit vernichten.
Soll Deutschland in die Kleinstaaterei zurückfallen? Immer schärfer prägen sich die parteipolitischen, mit Partikularismus durchsetzten Gegensätze aus, und wie ein Ausgleich zwischen dem überradikalen Sachsen und Bayern gefunden ■ werden soll, wird den maßgebenden Faktoren noch viel Kopfzerbrechen verursachen. Die Gefahr liegt nahe, daß die Reparations- Verhandlungen, die im größten Stil sich auswachsen könnten, die deutsche Landkarte nach dem Muster des Wiener KoNgres- ses, aber ohne Zutun Deutschlands, umzeichnen. Schon jetzt sieht sie nach dem Verlust von Oberschlesien, Westpreuße,:, Danzig, Memel, Elsaß-Lothringen buntscheckig genug aus, und niemand weiß, woher das geschwächte Reich die Kraft zum Zusammenhalten widerstrebender Elemente hernehmen soll, obald die Rheinlande in verschleierter Form der Entente überantwortet sind. Noch ist es nicht so weit, aber damit dies Schreckbild verschwindet, muß Selbstbesinnung ein- treten. Es ist zwar eine alte Erfahrung, daß die Völker aus chrer Geschichte nichts lernen und eigensinnig jedes warnende Beispiel beiseiteschieben, aber vielleicht trägt diesmal die Nähe tes Abgrundes dazu bei, die Massen zur Umkehr zu bewegen und sich zur Abwehr des inneren Feindes aufzuraffen. Das rrscheint in diesem Augenblick das Gebot der Stunde zu sein. . —nd.
Proklamation der Reichsregierung.
Der Abbruch des Kampfes.
Reichspräsident und R e i ch s k a b i u e t t haben He folgende Proklamation erlassen:
An das Deutsche Volk!
Am 11. Januar haben französische und belgische Truppen vider Recht und Vertrag das deutsche Ruhrgebiet besetzt. Seit tiefer Zeit hatten Ruhrgebiet und Rheinland schwerste De- srückungen zu erleiden. Ueber 180 000 deutsche Männer, Frauen, Greise und Kinder sind von Saus und Hof vertrieben vorden. Für Millionen D en tf ch e gibt e s den g « g r ! f f der prrsö n l i ch e v Freiheit nicht n ehr. Gewalttaten
Ration begleitet. Mehr als h it der t Volksgenos - ien haben ihr Leben dahin geben müssen, Hunderte schmachten noch in Gefängnissen.
Gegen die Unrea-tmäßigkeit des Einbruchs erhoben sich -kechtsgefühl und vaterländische Gesinnung. Die Bevölkerung weigerte sich, unter fremde n Bajonetten su arbeiten. Für diese, dem Deutschen Reiche in schwerster Zeit bewiesene Treue und Siandhastigkeit dankt das zanze deutsche Volk.
Die Reichsregierung hatte es übernommen, nach ihren Kräften für die leidenden Volksgenossen zu sorgen. In immer steigendem Maße sind die Mittel des Reiches dadurch In Anspruch genommen worden. In der abgelaufenen Woche erreichten die Unterstützungen für Rhein und Ruhr die Summe von 3 v 0 0 D i l l i o n e n M a r k. In der laufenden Woche ist mindestens die Verdoppelung dieser Summe zu er warten. Die einstige Produktion des Rheinlandes und des Ruhrgebietes hat aufgehört. Das Wirtschaftsleben im besetzten und unbesetzten Deutschland ist zerrüttet.
Mit furchtbarem Ernst droht die Gefahr, dass bei Festhalten an dem bisherigen Verfahren die Schaffung einer geordneten Währung die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens und damit die SicherungdernacktenExistenzfürunser Volk unmöglich wird. Diese Gefahr muss im Interesse der Zukunft Deutschlands ebenso wie im Interesse von Rhein und Ruhr abgewendet werden. Um das Leben von Volk und Staat zu erhalten, stehen wir heute vor der bitteren Notwendig- keit,den Kampfabzubrechen.
Wir wissen, daß wir bamit von den Beohnern der besetzten Gebiete noch größere seelische Opfer als bisher verlangen. Heroisch war ihr Kampf. beispiellos ihre Selbstbeherrschung. Wir werden niemals vergessen, was diejenigen erlitten, die im be-etzten Gebiet duldeten. Wir werden niemals vergessen. was diejenigen aufgaben, die lieber die Heimat n- Hegen, als dem Vaterlands d i e T r e u e z u ch c n.
Dafür zu r», dass die Gefangenen freigegeben werden, dass rüebenen zurückkehren, bleibt die vornehm tzi « ? - a b e der Reichsregierung.
Bor allen w . pn und materiellen Sorgen steht der Ka m p f für , ese elementaren Menschen- rechte. Deutschland hat sich bereit erklärt, die schwersten materiellen Opfer für die Freiheit deutscher Volksgenossen und deutsch :rbe auf sich zu nehmen. Diese Freiheit ist uns aber kein Objekt für Verhandlungen oder f ü r £ a u f es) g e f ch ä f t e.
Reirhvnräsidenl und Reichsrrg:rrnng versichern hierdurch feierlich vor dem deutschen - alt und vor
der Welt, dass sie sich zu keiner Abmachung verstehen werden, die auch nur das kleinste Stück deutscher Erde vom Deutschen Reiche loslöst. In der Hand der Einbruchsmächte und ihrer Verbündeten liegt es, ob sie durch Anerkcnnnng dieser Auffassung Deutschland den Frieden wiedergeben oder mit der Verweigerung dieses Friedens alle die Folgen hcrbeifiihren wollen, die daraus für die Beziehungen der Völker entstehen müssen.
Das deutsche Volk fordern wir auf, in den bevorstehenden Zeiten härtester seelischer Prüfung und materieller Not treu z u s a m m e n z u st e h e n. Nur so werden wir alle Absichten auf Zertrümmerung des Reiches zunichte machen, nur so werden wir derNation Ehre und Leben erhalten, nur so ihr die F r e i h e i t w i e d e r g e w i n n e n, die unser unveräußerliches Recht ist.
Berlin, den 26. September 1923.
Der Reichspräsident.
Ebert.
Die Reichsregierung.
Dr. Stresemann Schmidt Dr. Segler Dr. Braun» v. Räumer Dr. Radbruch Oeser Dr. Luther Sollmann Dr. Hilferding Fuchs Dr. Höfle.
Die Ginwiiligung der Kra-iionsführer.
Der. abweichende Standpunkt der Deutschnationalen.
Am Dienstag abend versammelten sich die Führer der Reichstagsfraktionen beim Reichskanzler. Ueber diese Konferenz wird eine amtliche Verlautbarung herausgegeben, in der es u. a. heißt:
„Heute versammelten sich die Führer der ReichS- tagsfraktionen im Reichskanzlerhaus. Der Reichs- kanzter führte auS, wclctze innenpolitischen und —■-^i”'1Kiiifllii'^ die RevtzLreatcrung zu ihrer von den L-ertrEmr^Vl «ii i ■ iiiwuWu» billigten Auffassung gebracht haben, dass der passive Widerstand aufgegeben werden müsste. . . . Die Fraktionsführer schloffen sich diesen Auffassungen des Reichskanzlers an, mit Ausnahme des FührerS der Deutschnationalen Volkspartei, der den passiven Widerstand d u r ch s ch ä r f e r c M a ss n a h m e « z u übertrumpfen wünschte."
Me Deutschnationale Volkspartei hat in der Besprechung der Reichsregierung mit den Führern der politischen Parteien folgendes zum Ausdruck gebracht: „Nachdem alle Versuche, auf dem Wege der Verhandlung mit Frank- reich zu einer für die Ehre des Deutschen Reiches wie für die Zukunft des deutschen Volkes erträglichen Lösung zu kommen, an dem unbedingten Vernichtungswillen unseres Gegners gescheitert sind, kann es für Deutschland nur noch einen Weg geben: Ultimative Forderung an Frankreich zur Wiederherstellung des illechtszustandes und Wiedergutmachung aller Rechtsbrüche. Falls diese Forderung abgelehnt wird: Bruch mit Frankreich, mit allen sich daraus ergebenden Folgerun- gen.
Der ständige Ausschuß der deutschnationalen Fraktionen des Reichstages und des Preußischen Landtages niacht sich diesen Standpunkt der Parteiführung in vollem Umfange zu eigen. Er fordert eine Neubildung der Re i ch s - regierung und die Uebertragung der leitenden Aemter im Reiche und in Preußen an Männer, die sich dieses Pro- gruimn zu eigen machen.
Die Lage nach Auffassung der Regierung.
Ueber die Vorgänge der letzten Tage und über die Auffassung der Regierung zur Lage wurde Mittwoch mittag vor Pressever- tretern von maßgebendster Stelle ausgeführt:
„Wenn gesagt werde, man müsse den Widerstand durch neue Steuern finanzieren, so müsse an den Sturm erinnert werden, der sich bei der Verabschiedung der Steuervorlagen durch das vor- angegangene Kabinett erhob. Gerade die Länder, die am meisten national zu sein glaubten, drohten mit ihrem Abfall, namentlich Bayern.
Der passive Widerstand hatte in letzter 8-rt nicht mehr die moralische Kraft, auf Frankreich und Belgien irgendwelchen Nachhaltigen Eindruck zu machen. Er war so ge- schwächt, daß er nur noch ein Schemen war dessen, wa, im Januar dort vorgegangen ist. Erinnert sei nur an die französischen Sportfeste, zu denen der Ülnbrang so groß war, daß die Einlaßkarten nicht ausrcichten'nnd schließlich die Tore offen ge- lassen werden mußten für die Ta usende, die dort hinein- °,n°Cn' Die Schwierigkeiten fangen jetzt erst an.
Jetzt erhebt sich die große Frage, wie der Zustand im besetzten Gebier wieder in Ordnun g gebracht werden kann. Es