Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 110
Sonnabend, den 15. September
Das Wichtigste.
— Die revolutionäre Bewegung in Spanien die faschistischen Charakter annimmtz hat weitere Fort- schritte gemacht.
In Beuthen ist es infolge der Teuerung zu Lebensmittelunruhen und blutigen Zusammenstößen gekommen.
Laut Reichsbankausweis steigerte stch der Roten- umlauf in der Berichtswoche um 389 Billionen Papiermark.
Wocheurückblick.
Im Mittelpunkt der für Deutschland und, wie alles, was Deutschland betrifft, auch für die Welt wichtigen Ereignisse der vergangenen Woche stand die neue Rede desReichs - kanzlers. Sie warf ihre Schatten auf den ersten Teil der Woche voraus und beherrscht die Erörterungen der Presse des pn- und Auslandes während des zweiten Teils dieses Zeit- caums. Sie enthält, wie bekannt, ein über den Vertrag von Versailles weit hinausgehendes Angebot, das die mtschädigungslofe Enteignung eines sehr beträchtlichen Teils — wie groß dieser Teil ist, steht noch nicht fest — des deutschen Privateigentums zugunsten des Reparationskontos in Aussicht rellt. Selbst das Angebot dieses ungeheuren Opfers hat in Frankreich keine Gegenliebe gefunden, weil es nicht be - »ingungslos gebracht werden, weil es uns wenigstens Üe F r e i h e i t erkaufen soll. Poincare hatte in Abrede ge- tellt, daß dieses Opfer über die Forderungen des Vertrags ^on Versailles hinausginge. Herr Etresemann hatte ihn viderlegt. Aber der französische Ministerpräsident läßt biefe Widerlegung nicht gelten. Er läßt durch den „Temps" erklären, daß deshalb, weil nach dem Vertrag von Versailles. )er deutsche Steuerzahler ebenso schwer belastet sein soll, wie. der des Auslandes und alle Einkünfte des Reichs und der! Länder für die Reparationen in Anspruch genommen werden können, auch dieser ungeheure neue Eingriff in die Substanz Cartons o in Anspruch genommen werden könne. Eine! Behaup^ng, die ganz unsinnig ist, weil schon vor dieser neuen Belastung der deutsche Steuerzahler viel höhere Steuern zahlte als der Steuerzahler des Höchst- yelasteten nichtdeutschen Landes, diese Belastung also übe r: die Forderung des Versailler Vertrages weit hinausgeht und darum den Charakter der Freiwilligkeit hat. So ist 'Sie Reparationsfrage und vor allem die Befreiung des Ruhr- zebiets auch in dieser Woche ihrer Lösung nicht nahergebracht, worden.
Die Erörterungen über die Schaffung eines wert- seständigen Zahlungsmittels sind noch nicht sum Abschluß gekommen. Ausgeschaltet durch das in der Rede des Reichskanzlers gemachte Angebot sind alle die Projekte, die beabsichtigten, die neue Goldnote durch eine Erste Hypothek auf den Grundbesitz zu decken. Denn diese erste Hypothek wird ja durch das Angebot Strese- manns als Bürgschaft für die Reparationsschuld und Zinsen, zu deren Verzinsung und Tilgung in Anspruch genommen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, so viel De- üsenaus den Geldschränken und den Brieftaschen der deutschen Bürger und Körperschaften herauszuziehen, wie erforderlich sind, um die Deckung für einen Notenumlauf von etwa vier Milliarden Goldmark zu gewährleisten. Ob das möglich sein wird, ist sehr fraglich, weil die Devisenmenge, die nicht von der Industrie für ihre Zahlungen ans Ausland lebenswichtig sind, viel geringer ist, als angenommen wird, und weil der Staat einfach nicht die Möglichkeit hat, die Herausgabe der Devisen zu erzwingen, die von ihren Besitzern verborgen werden. Selbst die Einführung der Todesstrafe für Devisen- Hinterziehung würde daran nichts ändern, weil die durch unser Steuersystem erzeugte Gewissenlosigkeit in Steuersachen in Verbindung mit der vollkommenen Ohnmacht des Staates jedes Maß überschreitet und die Zahl der Menschen, denen ihr Geld lieber ist als ihr L e b en, mit unserer fortschreitenden Verelendung wächst.
Im griechisch-türkischen Konflikt hat. die B o t - schafterkonserenz eine Entscheidung getroffen, die die italienische Presse und, auf deren Autorität gestützt, auch die Weltpresse als Triumph Mussolinis bezeichnet. Sieht man sich aber die Entscheidung näher an, so findet man, daß sie den von Griechenland freiwillig in ihrer ersten Antwort an Italien gemachten Zugeständnissen näher steht als den Forderungen des italienischen Ultimatums. Die von Mussolini verlangte tiefe Demütigung Griechenlands, die in der Tatsache bestand, daß die griechische Flotte bei der Einfahrt des italienischen Geschwaders in den Hafen des Piräus die italienische Fahne an ihrem H a u p t m a st hissen und damit symbolisch die Herrschaft Italiens in griechischen Gewässern zum Ausdruck bringen sollte, ist von der Botschafterkonferenz nicht aufrechterhalten worden. Ebensowenig hat sie die Todesstrafe für die Mörder verlangt, sondern nur ihre Verfolgung und Bestrafung, zu der sich Griechenland schon freiwillig bereiterklärt hatte. Die Kontrolle der Untersuchung der Straftat soll nicht, wie Mussolini verlangte, einem italienischen Offizier, sondern einer Kommission übertragen werden, die sich aus den in der Botschafterkonfernz vertretenen Mächten zu-
sammensetzt und dem Vorsitz eines Japaners unterstellt werden soll. Das ist für Griechenland natürlich viel weniger empfindlich, als die Kontrolle durch den in seiner Ehre verletzten Staat, weil die Unparteilichkeit der Ueberwachung durch eine internationale Kommission besser verbürgt ist. Von einem Triumph kann also gar keine Rede sein. Aber es ist gewiß klug, daß Mussolini sich mit der Entscheidung des Bot- schafterrates zufrieden gibt, und noch klüger, daß er sein ganz unzweifelhaftes Zurückweichen ableugnet. Denn die Demütigung Griechenlands ist nicht der Zweck seines Vorgehens, sondern nach berühmten Mustern das Mittel zur Begründung der italienischen Vorherrschaft in der Adria und im Mittelmeer, das Mussolini schon in einer vor zwei Monaten von ihm in Venedig gehaltenen Rede als „mare nostro" — als italienis ches Meer — bezeichnete. Darum denkt der schwarze Herzog auch nicht daran Korfu zu verlassen, obwohl er der Bot- schafterkonsercnz versprochen hat, es zu tun, sobald alle Forderungen ihrer Note erfüllt sind. Er versteht unter Erfüllung etwas anderes als die Konferenz; er betrachtet sich nicht als befriedigt, wenn die Untersuchung eingöleitet ist, sondern erst, wenn die Bestrafung erfolgt ist, und beabsichtigt augenscheinlich, ewig in Korfu zu bleiben, wenn die Mörder nicht entdeckt und hingerichtet werden.
Er braucht die Insel Korfu auch als Stützpunkt für die Aktion, die er gegen I u g o s l a v i e n ins Werk gesetzt hat. Am 15. September will er eine endgültige Antwort über seinen Vorschlag zur Lösung der Fiume-Frage haben. Wie ernst es ihm mit diesem Vorschlag ist, geht daraus hervor, daß an der jugoslavischen Grenze inzwischen Truppen zusammengezogen worden sind. Aber in Belgrad besteht menig Neigung zur Annahme dieses Vorschlags, nach dem zwar die gemischte italienisch-serbische Kommission die O b ergötz e i t über den kleinen Freistaat übernehmen, aber die Aegierungsgewalt in Italiens Hände gelegt werden und Der Hafen von Baros zwar jugoslawisch werden, iber ein Jahrhundert lang unzertrennlich nitFiume verbunden sein soll. So steigt neben MHMiiM inuch kommt. Sicher ist nur eins, daß die Gesellschaft, die Don 30 Staaten eingesetzt worden ist, um Kriege zu verhindern, daß der Völkerbund allen diesen so viel Zündstoff bergenden Entwicklungen ganz ohnmächtig zusehen muß und ich ganz gewiß nicht den Lorbeerkranz des Friedensstifters verdienen wird. C Mg.
Kaschismus auch in Spanien?
$ie Fortschritte der Revolution. — Keine BewegunggegendenKönig. — Der Mini st errat in Permanenz.
Die französische Presse steht dem Gewaltstreich in Spanien, der unter der Oberleitung des Marquis d'E stell« vor sich ging, sympathisch gegenüber. Der »Matin" begrüßt in dieser Persönlichkeit einen Freund Frankreichs. Das Blatt erblickt in ihm ferner einen warmen und aufrichtigen Genossen Mussolinis und kommt zu dem Schluß, daß General de Estella die Absicht habe, in Spanien den Faschismus zu begründen.
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Marquis d'Estella erklärte einem Vertreter der „Agence Havas", daß die in Barcelona ausgebrochene Bewegung auf eine Reinigung der P o l i t i k abziele. Die Bewegung sei ohne irgend ein Kompromiß mit zivilen Elementen ausgebrochen und entspreche dem Empfinden des Volkes. Wenn die Bewegung die Oberhand behalte, werde eine neue Politik durchgeführt werden, die die strenge Unter. drückung der revolutionären, kommunisti- schen und separatistischen Machenschaften, soweit diese Gruppen auf ungesetzlichem Wege vorgingen, mit sich bringen werde. Ein weiteres Ziel sei eine regionale Gesetzgebung, die die Landeseinheit nicht gefährde und eine freie regionale Entwicklung gewährleiste.
Das Kabinett weicht nur der Gewalt.
Aus Madrid wird unter dem 13. gemeldet: Der heute nacht zusammengetretene Ministerrat hat bis zu den Morgenstunden verhandelt und nachher folgende Erklärung veröffentlicht: „Der Generalkapitän von Barcelona hat in der vergangenen Nacht von sich aus den Kriegszustand erklärt und sich der Nachrichtenmittel bemächtigt. Er erklärt, die Armee verlange zur Rettung Spaniens vom König, daß er sich von den derzeitigen Ministern trenne. Die Regierung, die in Permanenz berät, erfüllt ihre Pflicht, die darin besteht, a u f dem Posten zu bleiben. Sie wird sich nur durch die Gewalt davon abhalten lassen, wenn die Urheber des Aufrufs sich entschließen sollten, sie mit allen ihren Folgen anzuwen- den." —
Der König wird in Madrid erwartet. Ueber die Haltung Der Madri der Garnison, mit der das Schicksal der
1923
TiiiTmus -|j^^^^^^^, - »i ■»—h-*»taMiia»aaMIIMM»
Bewegung steht und füllt, liegen die widersprechendsten Meldungen vor, da beide Teile behaupten, sie aus ihrer Seite zu haben.
Havas meldet aus Barcelona: General Lossada hat die Regierung der Provinz Barcelona übernommen und die ' Gouverneure abgesetzt. In den übrigen kataloni- schen Provinzen haben sich die Militärs der Regie- rungbemächtigt. Die Bewegung scheint in Katalonien nicht auf Schwierigkeiten gestoßen zu sein.
Im übrigen lassen die Nachrichten noch kein klares Bild erkennen. Es heißt aber, daß sich die Aufstandsbewegung jedenfalls nicht gegen den König richtet. Von einer Seite wird allerdings behauptet, daß der König, wenn er das gegenwärtige Kabinett nicht zur Abdankung veranlassen könne, in Gefahr gerate, des Thrones verlustig zu gehen. Die „Daily Mail" will auch bereits wissen, daß der König das gegenwärtige Kabinett fallengelassen habe und nach Beratung mit den aufständischen Führern ein neues einberufen wolle.
Die Kriegsgefahr auf dem Balkan.
Ueber den Fiumekonflikt wird von Reuter eine außerordentlich pessimistische Schilderung der Lage verbreitet; besonders die Tatsache, daß ein Schiedsspruch des schweizerischen Bundespräsidenten von Mussolini abgelehnt wird, hat in London große Beunruhigung hervorgerufen. Da außerdem das Ultimatum an Jugoslawien am 15. d. M. abläuft, ist man sich darüber klar, daß der Sonnabend möglicherweise weitere Verwicklungen bringen wird. Die Gefahr eines Krieges liegt in der Luft. Doch hofft Reuter, daß eine Beilegung des Konfliktes durch direkte Verhandlungen noch möglich sein werde.
Die Namen der Iamna-Mörder ermittelt. 1
MMtto^mu W^ eine Mitteilung, wonach die Ergebnisse der bisherigen Untersuchung an der griechisch-albanischen Grenze bereits die Namen der Mörder zutage gefördert haben. Sie seien alle bekannt, auch die italienische Regierung kenne sie, ihre Namen können aber aus begreiflichen Gründen noch nicht veröffentlicht werden. Es handle sich um sieben Soldaten und Zivilisten, von denen zwei bekannte Bandenführer seien.
Am 2T. September äußerster
Näumungstermin für Korfu.
Wie die Pariser Blätter mitteilen, hat die Botschafter, konferenz als äußer st en Termin der Räumung Korfus den 2 7. September bestimmt, falls an diesem Tage die internationale Untersuchungskommission feststelle, daß Griechenland alle seine Verpflichtungen erfüllt habe. Falls Griechenlands Haltung in Sachen der Untersuchung nicht voll befriedige, könne Italien als besondere Entschädi. gung außer den bereits hinterlegten 50 Millionen Lire eine weitere Summe von 5 Ö Millionen Lire verlangen.
Teuerunqsunruhen in Beuchen.
Aus Deu then wird gemeldet: Infolge der außerordentlichen Preissteigerungen ist es hier zu großen Demonstrationen gekommen. Am Vormittag wurden verschiedene Kaufleute von der Menge gezwungen, die Waren zu bedeutend herabgesetzten Preisen ab- zugeben. Vereinzelt wurden auch Waren ohneBezah- lung fortgenommen. In den Nachmittagsstrmden nahmen die Demonstrationen bedrohlichen Umfang an. Die Menge drang an verschiedenen Stellen der Stadt in die Geschäfte ein und versuchte zu plündern. Auf dem Ring versuchte die Mestge die Polizei ins Rathaus zu drangen und zu entwaffnen. Nachdem einzelne Schupobeamte tätlich angegriffen worden waren, wurden in der Notwehr etwa 60 Schüsse abgegeben. Hierauf wurden die Straßen abgesperrt und die Demonstranten mit Hilfe der Polizei- kraftwagen in die Nebenstraßen abgedrüngt. Kurz nach 7 Uhr fielen erneut Schüsse im Mittelpunkt der Stadt. Im Der- laufe der Zusammenstöße wurden drei Personen ge- tötet und drei verletzt. Vereinzelt wurden spät abends noch Schaufenster eingeschlagen und die Auslagen geplündert.
Weitere pariser Stimmen zur
Siresemann-Mde. *
Wenn auch das Hauptthema der Pariser Presse die reao- 1 lutionäre Bewegung in Spanien ist, so besassen sich doch die 1 meisten Blätter auch eingehend mit der letzten Rede des» deutschen Reichskanzlers. „Ere Nouvelle" schreibt: Die Rede» des Reichskanzlers Stresemann hat die Anhänger der Politik, g die mit der Auflösung Deutschlands rechnete, nurg enttäuschen können. Reichskanzler Stresemann hat ein p o - k sitivesAn gebot gemacht. Welche Kritik auch an diesem I