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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 101

Das Wichiigste. ,

Reichskanzler Dr. Stresemann hat in eMr Reve vor dem deutschen Industrie- und Handelstag P 0 i ncar 6 eine Antwort erteilt.

Im besetzten Gebiet ist die V erkehrssperre weite« hin verschärft worden.

Die Großhandelspreise in Deutschland haben jetzt das Vorkriegsniveau überschritten.

Die Nationalversammlung von Angara hat den Friedensvertrag von Lausanne ratifiziert.

Wochenrückblick.,^

Die Woche wurde durch französische Noten beherrsch^ und schon richtete sich der Blick in die Zukunft auf die A n t- Wort Baldwins, obschon es ftaglich ist, ob die eng­lische Regierung Ich mit den einzelnen Punkten beschäfti­gen will, oder ob die beiden Premierminister zunächst, falls Baldwin bei seiner Badereise nach Aix les Bains Paris berühren sollte, in mündliche Besprechungen eintreten werden. In der französischen Presse hat Poincarö, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, eine gute Zensur erhalten, und man gewinnt den Eindruck angesichts dieser Einmütigkeit, daß seine Ruhrpolitik auf weitere Unter­stützung des Senats und der Kammer rechnen darf. Die von ihm angewendete Methode des rücksichtslosen Zwanges wird rückhaltlos gebilligt. Nur einzelne Stimmen geben dem Bedauern Ausdruck, daß bei diesem Notenwechseldie unfruchtbare Polemik gegen England" fortdauert. Nicht so gefestigt erscheint Baldwins Position im eigenen Kabi­nett. Während der Außenminister Lord CUrzon in einem französischen Bade weilt, hat der Premierminister sich mit dem Diehard-Kriegsminister Lord Derby und dem Staats­sekretär Lord Robert Cecil, dem Vertreter Englands im heilen über die Haltung gegen Frankreich auszugleichen. jSm allgemeinen verhält sich die öffentliche Meinung in England gegen die Note ablehnend oder erblickt in ihr keinen Fortschritt zur Gewinnung einer gemeinsamen Ver­handlungsbasis. In Italien sind die Ansichten über die Noten geteilt. Ein franzosenfreundliches Organ,Giornale d'Jtalia", billigt die französische Reparationsforderung, die faszistischen Blätter heben neben dem entgegenkommen­den Ton der Note die Unversöhnlichkeit seines Inhalts hervor und fühlen sich beschwert, weil in ihr Italien bei der Kontrolldurchführung nicht erwähnt wird; auch ver­werfen sie die Ruhrbesetzung als vertragswidrig. Die schweizerischen Blätter vermissen ein produktives Pro­gramm und erwarten eine Fortsetzung der Verhandlungen» wobei die Untersuchung der Zahlungsfähigkeit Deutsch­lands nicht zu umgehen sei. Faßt man diese Darlegungen zusammen, so ergibt sich als Resultat, daß Deutschland da­bei besser abschneidet als Frankreich, und das Ruhebedürf­nis Europas England als führende Macht zum Vor­schreiten drängt.

Hervorzuheben ist die Erklärung der franzö - sischenGewerkschaften, worin die militärische Be­setzung des Ruhrgebietes als schwerer Irrtum bezeichnet wird, der schädlich für die Reparationen und ein unver­zeihlicher Fehler im Hinblick auf die Beschwichtigung des Völkerhasses sei. Leider verhallt diese Stimme des Predigers in der Wüste wirkungslos im Toben des Pariser Chauvinismus, und hinter den Gewerkschaften steht keine einflußreiche Macht. Ihre Vertreter in der Kammer können zwar Lärm schlagen, aber dabei hat es sein Bewenden.

In Sachsen muß mit einer Regierungskrisis gerechnet werden, wenn die Zwistigkeiten zwischen der Sozialdemo- kratie und der kommunistischen Minderheit zu einem Bruch . führt. Jedes Vorgehen gegen Plünderer und Aufrührer zieht dem Ministerpräsidenten Zeigner den Vorwurf deS Hochverrats" zu, während doch an verschiedenen Stellen auf dem Lande alle Ordnungsbande gelöst erscheinen und der Raub von Feldfrüchten einen Grad erreicht hat, das die Ernährung der Bevölkerung bedroht und niemand mehr seines Eigentums sicher ist.

Eine wichtige Besprechung der Parteiführer mit dem Reichskanzler und den Ministern Hilserding und Räumer zeitigte die Feststellung eines Programms zur Er­fassung allerDevisenim Wege einer Verordnung, wodurch zeitraubende langwierige Parlamentsverhand­lungen vermieden werden. Die Grh miß der Reichsregie­rung, sie sei sich bewußt, daß sie das letzte verfassungs­mäßige Kabinett sei. Versage sie, dann gebe es nur noch Gewalt. Sie werde deshalb gegebenenfalls vor diktatori­schen Mitteln, die zur Rettung Deutschlands dienen könnten, nicht zurückschrecken. Diktatorische Mittel bedeuten nicht die Einsetzung eines Diktators, wie er in den Köpfen der

Sonnabend, den 25. August

Kommunisten als Ideal herum spukt, sondern es sind Maß­regeln damit gemeint, die sich als Notverordnungen ver­fassungsmäßig rechtfertigen.

Eine weitere bedeutsame Programmrede hat der Reichsfinanzminister Dr. Hilserding im Haushalts­ausschuß gehalten. Auch er kündigte angesichts der fast verzweifelt anzusehenden politischen und sozialen Lage energischste Maßregeln an. Er bekannte sich zu einerbru­talen Steuerpolitik", zur Aufbringung eines Devisenfonds und zu einer schleunigen Änderung der Reichsbankpolitik in dem Sinne des Übergangs der Reichsbank zu wertbe­ständigen Kreditabgaben auf der einen Seite und zur Er­öffnung von Goldkonten auf der anderen Seite und will im Kabinett für die Kontrolle der Finanzgebarung in allen Ressorts eintreten. Die Finanz- und Wirtschaftspolitik des Kabinetts müsse mit der der Reichsbank in Einklang gebracht wxrden. Es ist abzuwarten, welcher Erfahrungs- satz auf dieses schneidige Vorgehen stressen wird:Allzu scharf macht schartig", oderNeue Besen kehren gut".

Die Wertbeständige Anleihe des Deutschen Reiches und der

Reichskanzler Stresemann

An alle Schichten des Voltes richten swir die Aufforderung, diese deutsche Goldanleihe aufs kräftigste zu unterstützen. Sie soll uns eins der Mittel sein, um die Geldinstation rurückzu- dämmen, die Verhältnisse geschaffen hat, unter denen weite Volksschichten in Deutschland kaum noch über die notwendigsten Gubststenzmittel

an alle Varteien, an dseser für unser Volk so entscheidend gewordenen Frage mitruarbeiten. In dieser Frage gibt es keine Varteimeinungen, in dieser Frage ist die positive Mitarbeit jedes, der die Verhältnisse ;u bessern vermag, vater­ländische Pflichterfüllung, Die wir dankbar be- grÜsteN." Redeinder Sitzung des Reichstags am 14.Aug. 1923

Zeichnungen können bei der Reichsbank u. bei den im Prospekt angegebenen Stellen sowie bei diesen durch Vermittlung sämtlicher Banken, Bankiers, Sparkassen und Kreditgenossenschaften bewirkt werden. Zeichnungspreis 1OO°/o, bei Einzahlung von Devisen und : Dollarschatzanweisungen 95°/o. Das kleinste^Stück lautet auf den Gegenwert von j Dollar.

Giresemanns Antwort an poincare.

Reichskanzler Dr. Stresemann sprach am Frei­tag auf dem Industrie-und Handelstage. Er !nüpste an das Wort an, das er in seiner letzten Rede als Abgeordneter im Reichstage geprägt hatte, daß nämlich Die eigene Sanierung im Innern zugleich von wirksamster außenpolitischer Wirkung für uns sei und wies auf die einschneidenden Maßnahmen hin, die >ie jetzige Regierung zur Schaffung eines Devisenfonds, mr Schaffung wertbeständiger Zahlungsmittel und zur Sanierung der Fina'nzen eingeleitet habe. Er wies ein- zehend den Vorwurf zurück, daß D e u t s ch l a n d s elb st »en Währungsverfall herbeigeführt habe. Er würde den Staatsmann, der absichtlich eine solche Polr- tik getrieben hätte, für den größten Verbrecher an seinem Volke ansehen. Die Regierung scheue nicht vor einem schar­fen Eingriff in die Vermögenssubstanz zurück und sie ver­täue darauf, daß die Wirtschaftskrise nicht nur aus Zwang, sondern aus eigener Überzeugung von der Notwendigkett sicher Maßnahmen überzeugt daran mitwirken würden.

Der Kanzler leitete mit dem Hinweis, daß trotz.dreser Türgriffe in die Vermögenssubstanz eine dauernde Sanre- cung der Finanzen ohne vorherige Lösung der außenpolr- tischen Probleme nicht möglich sei, auf die außenpoli­tische Lage über. Der französische Ministerpräsident habe die Ruhrbesetzung damit begründet, daß sie notwendig gewesen sei, um Deutschland dazu zu zwingen, Verpflichtungen zu erfüllen, denen es sich bisher absichtlich entzogen habe. Er versage es sich, an dieser Stelle aus die Vergangenheit im einzelnen einzu- gehen, so sehr es gerade vom deutschen Standpunkt ver­führerisch sei, auch die Frage von Recht und Schuld nochmals zu erörtern, nachdem sie in der Note der briti­schen Regierung eine so bedeutsame und durchgreifende Würdigung gefunden habe. Fragen von Schuld und Recht werden das deutsche Volk dein Urteil unparteiischer Schiedsrichter zu unterwerfen bereit sein, weil sein gutes Gewissen diesen Fragen jedem Urteilsspruch entgegensehen könne.

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Auf dem Gebiete der Reparationsleistungen Deutschlands habe gerade kürzlich eine unparteiische Un­tersuchung Deutschland die Genugtuung gebracht, daß seine bisherigen Leistungn wesentlichhöher bewertet sind als die Gutschriften der Mparationskommission. Das Institute of Economics in Washington habe nach sehr ein­gehender Prüfung der deutschen Leistungen sich auf den Standpunkt gestellt, daß Deutschland seit dem Waffenstill- tanv ois zum 30. September 1922 mindestens 25 bis 26 Milliarden Goldmark in greifbare«

Werten geleistet

-abe und daß das deutsche Verlangen nach Buchung noch weiterer erheblicher Posten zugunsten Deutschlands un­zweifelhaft gerechtfertigt sei. Die deutsche Regierung selbst beziffere die deutschen Gesamtleistungen auf Grund sorg­fältigster und eingehendster Untersuchungen auf über 42 Milliarden in Gold. Was die Welt von den Staats­männern der Völker erwartet, ist nicht unfruchtbare Polemik über Vergangenheit, sondern d e r W e g i n d i e Zukunft, der ein friedliches Neben­einanderleben der Nattonen gestattet, der an die Stelle der Währungschaos uns zu den Gesetzen des Welthandels zurückführt, auf denen sich einst der Wirtschaftsverkehr der Weltvölker aufgebaut hatte.

Gedanken, welche die Aussicht haben, eine solche prak- ttsche Lösung zu eröffnen, finden sich in der le tz t e n V e r- öffentlichung der englischen Regierung. Auch poincare hat in Charleville eine praktische Lösung als Ziel seiner Politik gezeichnet. Der Weg, auf dem er diese praktische Lösung zu finden versucht, geht da­hin, daß er positive Pfänder beansprucht. Als solche Pfän­der bezeichnet Frankreich in seinen Instruktionen an die Botschafter in London und Brüssel vom 10. und 12. Juni einmal die Garantie der deutschen Eisenbahn neu und der deutschen Wirtschaft, ferner die! Jnanspruchnabmeder deutschen Zölle. So­weit der Grundsatz in Betracht kommt, eine wirksame Ga­rantie für künftige deutsche Leistungen zu geben, ist die Inanspruchnahme deutschen Reichsbcsitzes und deutscher Leistungen im Memorandum der deutschen Regierung vom 7. Juni zum Ausdruck gebracht, jenem Vorschläge der ^tEt-tzk^MMchdÄ» »EöhM^WMWWW.. W heute. keine Antwort der A ll i i e rt e n oder einer alliier­ten Macht gefunden hat. Wir sind uns bewußt, mit diesem Memorandum eine grundsätzliche Entscheidung getroffen zu haben, die deshalb als »eine

Kraftanspannung des deutschen Volkes bezeichnet werden muß, weil sie über die Pfandnahme deS Versailler Vertrages Hinausgehend die uns verbliebenen Kraftquellen, auch der Privatwirtschaft, unmittelbar in den Dienst der Garantien hineinzieht.

Gerade von feiten der französischen Regierung ist auf die Bedeutung der deutschen Wirtschaft vielfach hingewiesen worden. Wir lesen in dem französischen Gelbbuch davon, daß der wahre Reichtum Deutschlands nicht zerstört sei, daß seine.wirklichen Hilfsquellen und seine Steuerkraft, die in feiner Wirtschaft lägen, unberührt für die Zukunft vorhanden seien. Sie wissen, wie ich, daß hier eine Überschätzung der deutschen Wirt- schaftskraft vorliegt, daß die angeblichen großen Ge­winne der deutschen Wirtschaft wie die Verzinsung unserer Aktiengesellschaften ausweift, vielfach so lächerlich gering sind, daß beispielsweise die letzte Jahresdividende der Deutschen Bank nicht den Wert einer Straßen- bahnfahrt in Berlin ausmacht. (!) Aber wenn in dieser deutschen Wirtschaft Möglichkeiten einer Zukunfts- entwicklung liegen, so bedarf es für die Alliierten nur des Eingehens auf die Grundsätze des Memorandums der deutschen Regierung, um mit uns gemeinsam einen Weg zu finden, der diese letzte uns verbliebene Kraftquelle zum Träger der Garantie deutscher Reparationsverpflichtunge« macht.

Die jetzige Regierung hält an dem Angebot der vorigen Regierung fest.

Für die Freiheit des deutschen Bodens, für die Bewahrung unserer Souveränität, für die Konsolidierung unserer Ver- Hältnisse sieht sie das Opfer als nicht zu hoch an, eine* Teil der deutschen Wirtschaft als produktives Wand für die Durchführung der deutschen Reparattonsverpflichttm- gen anzubieten. Wenn die französische Regierung aus. richtig von dem Gedanken ausgeht, positive Pfän­de r für die deuffchen Lieferungen nach Ablauf eines Mo­ratoriums zu erhalten, so könnte sie wohl einen Weg der Verständigung mit uns finden. Aber dieser Weg darf nicht über die Differenzierung zwischen Rheinland und Ruhr einerseits und dem Deutschen Reiche anderer­seits stehen. Für uns in Deutschland gibt eS keine Rheinlandfrage, die international zu lösen wäre. Fragen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit können Fragen der Verhandlungen, können Frage» des Kompromisses sein.

Die Frage des deutschen Rheinlandes ist aber für uns keine Frage von Kompromissen, sie ist für uns die Lebensftage, in der es für jeden Deutschen, der diesen Namen verdient, in der es für jede deutsche Partei nur ein Ziel gibt: den deutschen Rhein innerhalb des einigen Deuffchen Reiches.

Mit der Erklärung des französischen Ministerpräsiden­ten, daß er weder politische Ziele verfolge, noch annexio-