Einzelbild herunterladen
 

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag nnö Gamrabeab. Der Deragspreis beträgt durch die Post berogen monatlich 15000. Mk., für Sersfeld 15000. Mk., Abholer 14000. Mk. / / Anzeigen- preis für die einspaltige VetttzeSe oder deren Raum 20 000. Mk., die Retlamerellr 50 000. Mt. / / Druck und Verleg von Ludwig Funks Dnchdrnckerei in Hersfsld, Mitglied des Vereins Deutscher Jettnags-De-leger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Kran» Funk in Sersseld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 06

Dienstag, den 14. August

1923

Rückttt« oes Ueichskadineüs.

Reichskanzler Dr. Cuno hat Sonntagnachmittag dem Reichspräsidenten die Demission des Reichskabinetts mit folgendem Schreiben übersandt:

Herr Präsident!

Als ich, Ihrem Ruf folgend, die Leitung der Regierung übernahm, gab ich der Ueberzeugung Ausdruck, daß angesichts des Ernstes der uns bevorstehenden Zeiten nur eine völlig ein­heitliche Zusammenfassung aller Kräfte Deutschland von schwerem Unheil bewahren werde. Während der seitdem ver­strichenen fast neun Monate lieh ich mich bei bet Führung der Politik stets von dem Bestreben leiten, der Verwirklichung jener Zusammenfassung aller Kräfte den Weg zu ebnen. In der Tat haben die Grundlinien der auswärtigen Politik der Rsichsrcgicrung, hat ihre Stellung im Abwehrkampf im Ruhr­gebiet und am Rhein, haben wichtigste wirtschaftliche und steuerliche Maßnahmen, wie unlängst das Gesetz zur Sicherung der Brotversorgung, die eben verabschiedeten Steuergesetze und die Aktion der grohen wertbeständigen Anleihe die Zustimmung aller den Staatsgedanken bejahenden Kräfte gesunden^ Der Wille der Ration, sich im Kampfe um Leben und Freiheit zu behaupten, kam darin zum klaren einmütigen Ausdruck.

Aus der Entwicklung der letzten Tage habe ich die Ueber­zeugung gewonnen, datz nach einer in weiten Kreisen der be­rufenen Vertretung des deutschen Volkes vorherrschenden An­sicht der entschlossene Wille zur Selbstbehauptung noch stärker -und noch nachdrücklicher durch eine Regierung verkörpert wurde, die von einer Koalition groher Parteien gebildet und damit von einer starken festen Mehrheit des Reichstages getragen ist.

Ich bitte daher, Herr Reichspräsident, mein Amt und die Aemter der Herren Reichsminifter hiermit in Ihre Hände zurücklegen zu dürfen.

Mit der Versicherung aufrichtiger Hochachtung, bin ich,

Herr Reichspräsident,

-Ihr Ihnen sehr ergeLener Enno.

Dr. Strefe mann -er kaö^nettsbilöung beauftragt

'Der R eichspräsideni hat sich nach einer AudjMM^ mit dem Reichskanzler zunächst feine Entschließung Vorbehalten und im Laufe des Abends die hierdurch geschaffene Lage mit den Parteiführern besprochen. In den späten Abendstunden beauf­tragte der Reichspräsident den Abgeordneten Dr. S t r e s e - mann mit der Neubildung des Kabinetts. Dr. Strefemann hat den Auftrag angenommen und wird versuchen, auf der Grundlage der großen Koalition die Regierung zu Hilden.

Die Mulsterliste

Die Zusammensetzung des Kabinetts Strefemann ist im Flehentlichen beendet. Das neue Kabinett wird sich voraus» ichtlich wie folgt zusammensetzen: ..

Reichskanzler: Strefemann, Auswärtiges Amt: noch offen In Aussicht genommen ist der Botschafter in Rom o. Neurath. Reichs Ministerium des Innern: Oberprasident der Reichs- lande Fuchs, (Ztr.).

Reichsfinanzminister: Dr. tzilfer-ing, (Soz.). Reichswirtschaftsminister: v. Räumer, (Deutsche Volkspart.).

Arbeitsminifter: Dr. Srauns, (Zentrum).

Reichspostminister: Stingl, (Bayer. Volkspartei).

" " ' Per: Dr. Segler, (Demokr.).

Per: Dr. RaSbruch, (Soz.).

linifter: Robert SchmiSt; (Soz.).

chspostminisb chswehr mims Reichsjustiz minis Wiederaufbauminister: Robert SchmiSt; (Soz.). Verkehrs minister: In Aussicht genommen Genera!

H e n r i ch.

Reichsernährungsminister: Wie bisher Dr. Luther.

Rei'

Einstellung der Sachlieferungen

Amtlich wird verlautbart:

Deutschland hat nach dem Ruhreinvrwch versucht, die Reparations- und Restitutionssachlieferungen an hio am Ruhreinbruch nicht beteiligten Mächte aufrechi n erhalten, obwohl durch die Abschnürung des RH. landes unddesRuhrgebietsdaswichtigsteGebietDeutschl- s für Ausfuhrproduktion und Reichseinnahmen weggefallen war. Deutschland hat damit den Beweis seines Lei» stungswillens bis zum äußersten erbracht. Die jetzige Situation, die durch einen Dollarstand von mehr als 5 Millionen Mark charakterisiert ist, verlangt aber Zusammenfassung aller Kräfte Deutschlands, um von der Bevölkerung den Hunger abzuwenden. Eegenuosr diesem Ziel müßen alle andern Aufgaben zurucktreten. Die Reichsregierung ist daher gezwungen, vorüber­gehend die im Vertrag von Versailles vorgesehenen Sach­lieferungen an England, Griechenland,Italien, Südslawien, Portugal und Rumänien einzu- stellen, da gerade deren Finanzierung das Budgetdefizit und die Inflation zum wesentlichen Teile hervor­gerufen hat Allein die bis jetzt übernommenen und noch nicht bezahlten Sachlieferungen erfordern bei dem jetzigen Dollarstande eine Auswendung von rund 300 Bil­lionen Papi rmark. Wenn dazu noch weitere Sachlieferungsvervflichtungen treten würden, wurde der Erfolg der vom Reichstag augenblicklich beratenen Steuer­reform und der Goldanleihe von vornherein in Fra-e gestellt sein. In Ansehung der großen Schwierig­keiten wird aber versucht werden, die K o h l e n l i e f e - tung a;n Italien fortzusetzen.

MmmumMche DMeralMMMe in Berlin.

Die Unruhe, die gegenwärtig wieder einmal unseren Sowieso schon schwerkranken Wirtschaftskörper erfaßt hat, ist auch diesmal wie bei ähnlichen früheren Streik­bewegungen auf linksradikale Propaganda zurückzuführen.

Der Berliner Buchdrucker streik, der am Freitag abend durch Verhandlungen im Reichsarbeits- ministerium beigelegt worden war, sollte nach kom­munistischem Plane den Auftakt zu einer allgemeinen

, reils. Da jedoch Sonnabends die meisten industriellen Großbetriebe bereits in den Nachmittags«

Am Nachmittag faßte dann die von dem ungesetz­lichenFünfzehnerausschuß" einberufene Betriebsräte­versammlung den Beschluß des allgemeinen Generalst " " j

industriellen Großbetriebe bereits in den Rachmittags- stunden schließen, konnten die Belegschaften an dieser Streitparole reine Stellung nehmen. Bis zum Montag ist es oen Radikalen nicht gelungen, den Generalstreik der lediglich politische Zwecke verfolgt durch- tuführen. Die Gewerkschaften und die sozialoemokratische Partei sind bekanntlich dagegen.

Die erste Folge des von dem 15er Ausschuß der

kommunistischen Betriebsräte proklamierten General­streiks war die Stillegung der Straßenbahn.

Kurz nach der Sperrung des elektrischen Stromes er­klärten sich die Easarbeiter mit den Streikenden solidarisch and unterbanden die Easabgabe so weit, daß lediglich diekleinen Flämmchen" übrig blieben. Die Straßen­beleuchtung setzte infolgedessen zumeist aus und ganze Stadtteile lagen im Dunkeln.

blutige Unruhen in Hannover und 1 Lübeck.

annover wurden am Sonnabend das

reiben u

des Streits auf.

mmuni|

Huberte die Straßen und mußte mehrmals von der Waffe Ee« stauch machen. Bisher gab es 12 Tote und etwa 50 Verletzte, rommunisten forderten zur Fortsetzung des Streiks auf.

Auch in Lübeck kam es zu Ausschreitungen. Vor der Kanzler« oache sammelten sich Tausende an, die der Aufforderung -er Solizei, auseinander,',ugehen, nicht Folge leisteten. Als chließlich in unmittelbarer Nähe der Wache eine Handgran: e ixvlodierte, gab die Polizei Feuer, wobei HPersonenver- e tz t wurden, darunter 2 Frauen und 1 Mann schwer. Auf 5r« ordern der Arbeiterschaft zog der Senat die Polizei urück und dieVereinigung Republik- übernahm den Ord« lungsdienst. Die Arbeiterschaft hat den Generalstreik proklamiert, lon dem nur die lebensnotwendigen Betriebe ausgenommen sind. - Travemünde ist infolge des Generalstreiks in Lübeck

ih«e Gas und Elektrizität.

Streik im mitteldeutschen Sraunkohlearevier.

Im Rositz - Meuselwitzer Braunkohlenrevier trat sie Arbeiterschaft am Sonnabend in den Streik mit der Be- tründung, daß ihr keine Lebensmittel zur Verfügung ständen ind daß sie deshalb nicht mehr arbeiten könne. Die Arbeiter des ganzen Bezirks stehen im Streik.

In den Revieren Weißenfels, Zeitz, Raumburg und im Reiseltal streiken die Bergarbeiter. Die Arbeiter verlangen Lebensrnittel und Wirtschaftsbeihilfen. Im Kreise IeriSow sind die Landarbei ter auf,fast allen Gütern in den Streik retteten und verweigern selbst die Notstandsarbeiten. Aus ruderen Kreisen werden Teilstreiks gemeldet. Auch hier haben sich die Kommunisten der Führung bemächtigt und hetzen zum Generalstreik.

Sicherung der Lebensmittelversorgung

Der Reichsernährungsminister Luther hat eine Ver­öffentlichung erlaffen, in der es heißt:

Durch die großen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von ausländischen und inländischen Zahlungsmitteln waren in der Lebensmittelversorgung Störungen entstanden.

Das bis zum Oktöber erforderliche Brotgetreide ist in der Hand der Regierung. Die Zufuhr an Kar­toffeln und Gemüse nimmt zu. Die Heranschaffung aller anderen Waren wird von der Regierung gefördert.

Die Regierung kann ihre Absichten nur durchführen, wenn die tägliche Zufuhr der Lebensmittel keine Unter­brechung erleidet.

Aufruf öes Reichslanööunöes an die die Hauernfthast.

Der Eefamtvorftand des Reichslandbundes hat am 11. August im Anschluß an seine^Besprechung der Ernährung!: e folgende Aufforderung an seine Mitglieder gerichtet:Di: .xb« tischen Märkte in allen Teileo Deutschlands müssen sofm in erheblich gesteigertem Maße mit Kartoffeln und Vieh I . ett werden. Landwirte tut wie stets, so auch jetzt, Eure t an Staat und Volk, ihr durchkreuzt damit auch das Spiel der kommunistischen Umstürzler, die den Hunger der Frauen und Kinder nur für ihre verbrecherischen Pläne mißbrauchen. Durch­kreuzt auch die Rechnung Poincares, der in der deut chen I Hungersnot einen neuen Verbündeten sieht! Auf dem. deutschen I Bauern und seiner Pflichterfüllung ruht in diesen Tagen der | Staat und seine Zukunft!"

Englands Antwort an Frankreich und $elgiem

Die englische Note an Frankreich und Belgien ist veröffent­licht worden. Die englische Regierung bestreitet vor allem die Legalität der Ruhrbesetzung, fit sei aber bereit, die Frage der Auslegung des Versailler Vertrags über diesen Punkt dem Haag er Schiede -gerichtshofz« unterbreiten. Wenn die englische Regierung bisher in dieser Frage nicht weiter hervorgetreten sei, so sei dies deshalb nicht geschehen, um ihren Alliierten keine nutzlosen Verlegenheiten zu bereiten. Mit Bezug auf die Entschädigungen schlägt die en^ lisch« Regierung von neuem eine Sachverständigen- kommission vor. Sie betont, daß Deutschland bis zur Grenz«;, seiner Leistungsfähigkeit bezahlen müsse, ehe aber die Zahlungs­fähigkeit festgestellt sei, sei nicht an die Erlangung von Entschädi­gungen zu denken. Es nute auch nchts, den Schuldner zur Liqui­dation zu bringen. Deutschland könne nur bezahlen, wenn seine Finanzen wiederhergestellt würden.

.enr

Die Note erklärt ferner, daß kein Vergleich mit Frankreichs Kriegsschuld vom Jahre 1871 gezogen mergelt könne. Die Besetzung französischen Gebietes durch Deutsich- -land sen damals in aller Form durch die Friedens-Präliminarien vorgesehen worden. Man könne heute auch nicht jene Schuld von nur fünf Milliarde» mit einer mehr als 30mal größeren, Schuld vergleichen, außerdem sei Deutschland durch dc tr Krieg und die Blockade erschöpft worden, während' Frankreich im Jahre 1871 nicht in einem derartigen Zustand ge, wesen sei. Mit Be^ug auf tue Sachverständigenkommission besagt die Note, daß die englische Regierung gegen die Zulasiung amerikanischer und neutraler, ja sogar deutscher Delegierter nichts einzuwenden hätte.

Bezüglich der Sicherheitsfrage sagt die Rote, daß England bereit sei, diese zu behandeln, solange Frankreich sich- aber weigere, dies zu tun, könne England keinen Garantien Mk Die Sicherheit Belgiens Üdernehmeii.

Am die Goi-rechnu«g.

Das große Schlaawort der aufieroröe«tttÄen Reichs- taastaauna wird die Gotdmark sein. Man wird zuerst den aanzen Inhalt des Rcaierunasmoaramms abwar- ten müssen. Bisher hat man nur von Steuern nach dem Gvköwcrt aeyorr. zu deren ^nmcotun«en -wer an« eu.« nahmen nach dem Goldwert nnerläfiliche Boraussetznu- gen sind. Es muß also die allgemeine Goldrechnung zugelassen werden, sonst würden einseitige Goldsteuern doch wieder nur zur Markflucht und Devisendeckung an­reizen.

Die angeküuöigte wertbeständige Anleihe wird nur dann ihren Zweck erfüllen können, wenn sie zugleich den Charakter von Umlauf- und Rechnungsaeld trüge. Wenn Reichswirtschaftsminister Becker als sein Ziel die Erhaltung der Pavtermark bezeichnet hat, so führt der Weg dazu über wertbeständige Preise, wertbeständige Site und Gehälter, wertbeständige Anlagen und wert« ändige' Steuern nicht umgekehrt, weil nur eine vollkommen organische Aktion, die die Papiermark leb­ten Endes als Wertmeffer, wenn auch nicht als Zab- lungsmittel preisgibt, eine zwangsläufige Verstärkung der MarMucht zur Ausfüllung der Systemlücken ver- meidbar macht.

Die Erfahrungen der letzten Woche, besonders auf dem Gebiete der Devisenpolitik, haben erwiesen,, batz Einzelmatznahmen, gleichviel ob sie nach rechts oder nach links, nach vorwärts oder nach rückwärts orientiert sind, immer zu Berfchlirmnerungen führen. Die gleiche Ge­fahr wird, nur in verschärftem Umfange, durch das Pro­gramm der 9teaieruna herc ^beschworen, wenn es nicht organisch in ein vollkommen geschlonenes, wirtschaflli- ches System hineingebaut wird.

Der Reichstaa steht vor antzerorbentlich schwierigen Entschlüssen) er hat, kurz gesagt, eine Umstellung nicht nur der Finanzaebarung des Reiches, sondern der gan­zen deutschen Wirtschaft zu sanktionieren. Sinter dieser Aufgabe müssen die parteipolitischen Gesichtspunkte voll­kommen zurücktreten, und es nmtz der Versuch gemacht werden, sich auch von den nationalökonomischen Dok­trinen freizumacken. die in den letzten Jahren unsere Senfweife beherrscht haben, ohne uns vraMsch vor dem Verhängnis zu retten.

Die Markflucbt hat aerabeut aroteske Normen an­genommen: der eine bamstert Devisen, der zweite wert­beständige Anleihen der dritte gar Lebensmittel. Stoffe oder andere Sachwerte, für die er an sich aar keine Ver­wendung hat und deren Fehlen hinterher im offenen Mark zu weiteren Verteuerungen und zu einer Panik führen mutz. Von dieser Schuld, die pspcholoai'ch leider nur zu verständlich ist, ist kein Volksteil frei. Der Staat, das Parlament bat deshalb die Pflicht, ein Ueber-- handnehmen in letzter Stunde zu verhindern.

--

Der Notendruck wieder in Gang.

»-«.Nachdem es bereits Freitag mittag durch die Be- urühungen des Reichsarbeitsministers Dr. Brauns ge­lungen war den Notendruck in der Netchsdruckerei m vollem Umfange wieder anfzunehmen, führten die wei­teren vom Minister geleiteten Verhandlungen in. spater Abendstunde zu einer vollen Verständigung. Die Ar­beit wird im Laufe des Sonnabends allgemein wieder ausgenommen. .

Nachdem die Arbeit in der Netchsdruckerei wieder aufgenmnmen ist, wird nach amtlichen Mitteilungen die außergewöhnliche Sto rg in der Lieferung von Zah. lunasmitteln behöbe,' it Die ant Sonnabend sich er- gebärden Fehlbeträgi. werden voraussichtlich bereits schon Sonntag und MoMag naMelicsert werden. So­bald auch die Privatdruckereien die Arbeit wieder auf- aeuommen haben, wird in wenigen Tagen eine regel­mäßige und umfangreiche LaAungSruittelversorgrrua a^- üüKii i-^ -----