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Hersfelöer Kreisblatt

AMLLZcher Rnzeiger für den Kreis Hersfeld

Grlcheinl Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt Svrch die Dost bezogen monatlich 4000- Mt., für Sersfeld 4000 - Mt., Abholer 3500.- Mk. / / Anzeigen preis für Sie einspaltige Detitzeile oder deren Raum 250-Mk., für auswärts 300 Mk., die Reklamezeile 500- Mt. / / Druck unS Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Sersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Ieitungs-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 78 Dienstag den 3. Juli 1923

Das Wichtigste.

Nach Informationen desObserver" wird England für den Fall, daß Frankreich keine schriftliche Antwort auf den englischen Fragebogen erteilt, Sonderverhandlun« gen mit Deutsch land einleiten.

Die Rheinlandkommission hat wegen eines an­geblichen Attentats auf einen belgischen Urlauberzug eine voll- ständige Grenzsperre für das Einbruchsgebiet auf 14 Tage verhängt. |

Der Vizepräsident von Venezuela ist ermordet worden.

Lm «Mch-französischen Ssannnng

Um zu ermessen, in welchem Grade sich die Beziehungen der beiden Kanalstaaten verschlechtert haben, muß man Ach' an die zwischen Poincars und Donar Law und seinem Nach­folger, Stanley Baldwin, gewechselten Freundschaftsbeteu- rungen erinnern. Sie kamen bei den Engländern zwar stärker zum Ausdruck; denn diese waren die Werbenden und durch eine voreilige Abrüstung auch der schwächere Teil ge­worden, ein offenes Geheimnis, das von den Franzosen weidlich ausgenutzt wurde. Das trat schon vor der Ruhr­besetzung zutage und steigerte sich im Laufe der darauf fol­genden Monate allmählich bis zur Unerträglichkeit. Der Zeiger des Manometers näherte sich dem Gefahrpunkt, und Lord Curzon versuchte, die Spannung mit dem Oeffnen des Fragebogen-Ventils zu beseitigen.

Es war ein fruchtloses Bemühen. Obwohl die englischen Fragen genugsam Verhandlungsmöglichkeiten boten, verlegte sich die französische Regierung auf eine Er- müdungstaktik, die man mit den von Poincars« gegen

.....M§ bezeichnen kann. Im Foreign Office wartete man geduldig Woche für Woche auf Antwort und er­klärte sich zunächst die Verzögerung mit der belgischen Ka­binettskrisis; dann wurde der englische Botschafter in Paris, Lord Erewe, eingesetzt, um die Sache zu beschleunigen. Gleichzeitig nahm der,französische Sadismus im Ruhrgebiet ungeheuerliche Formen an und versuchte, den passiven Wider­stand mit den unmenschlichsten Mitteln zu brechen. Aber die Schaffung einervollendeten Tatsache", einer Unterwerfung, mißlang, und der päpstliche Brief tat ein übriges, die Ruhr­bevölkerung moralisch zu stärken. Außerdem gab die K u n d - gebung Pius' XL allen Kulturstaaten Gelegenheit, sich zustimmend dazu zu äußern und das Bild der Isolierung Frankreichs abzurunden. Dies Warnungszeichen verfehlte jedoch seinen Eindruck in Paris, obwohl es verstärkt wurde durch die Felonie der belgischen Katholiken und Flamen, die noch deutlicher als früher von der französischen Ruhrpolitik «drückten.

Währenddessen war Poincars durch Lord Erewe so in die Enge getrieben worden, daß er Rede und Antwort stehen mußte. Die Zeit der Winkelzüge war vorbei. Schon vorher hatten Pariser offiziöse Federn verbreitet, die Fragebogen- Angelegenheit werde sich mündlich erledigen lassen, eine merkwürdige Auffassung von diplomatischen Gepflogenheiten. Selbst einem Privatmann wird es verübelt, wenn er ein höf­liches Schreiben durch seinen Diener mündlich beantworten läßt; im Verkehr von Staat zu Staat hat dieses Verfahren einen provokatorischen Beigeschmack, und so soll der Mann, der sich wie Shylock auf eine schriftliche Verpflichtung ver­steift, endlich etwas Schriftliches von sich geben. Die eng­lische Wochenschrift Observer, der wir die Enthüllungen über die französischen Rheinpläne verdanken, behauptet, die eng­lische Regierung bestehe unter allen Umständen auf einer schriftlichen Antwort, und wenn sich Frankreich weigere, könne man in wenigen Tagen eine b e - deutsame Aktion der englischen Regierung erwarten; sie werde erklären, wohin die französische Politik Europa treibe, und sei entschlossen, mit allen Mitteln eine wirtschaft­liche Katastrophe in Deutschland zu verhindern, werde nöti­genfalls auch allein in gesonderter Verhandlung auf das letzte deutsche Angebot eingehen. Schließlich wird das vitale Interesse von England, Italien und Belgien und der Neutralen an der Vermeidung eines wirtschaftlichen Chaos betont und eine gemeinsame Konferenz aller Mächte in Aus­sicht gestellt.

Danach scheint man in englischen Regierungskreisen des \ trockenen Tons satt zu sein und sich des Observers bedient zu v haben, um das auszusprechen, was, in offizielles Gewand / gekleidet, einem Abbruch der Beziehungen glei h» } käme. Halbamtlich läßt die französische Regierung verbreiten, /der französische Botschafter in London, Graf St. Aulaire, ; werde die Beratungen in Form mündlichen Meinungsaus- , tauschs fortsetzen, was wohl als letzter Versuch, zu einer Ver- ' ständigung zu oder als letztes Verfchleppungs-

manöver zu gelten hat. Der offiziöse Temps stellt sich, als glaube er an eine gegen die ftanzösisch-englische, sagenhaft gewordene Freundschaft gesponnene Intrige; aber die übrige Pariser Presse tritt nicht in diese Fußtapfen und befürchtet, England wolle einen Druck auf Frankreich ausüben. Damit wird sie das Richtige getroffen haben; der Riß zwischen beiden Mächten hat sich so erweitert, daß er nicht verkleistert werden kam;, und wenn, wie jetzt aus gutunterrichteter Orrelle gemeldet wird, die Franzosen die Proklamation einer rheinischen Republik vorbereiten, was der Beginn der An­nexion des Rheinlandes wäre, tönnte sich vielleicht der wirt- schaftlichen Katastrophe Europas eine politische zugesellen. Bei dem Machtbewußtsein Poinear^s, der es ist der Gipfel der Unverschämtheit vorn. Temps den Observer einen Ruhestörer schelten läßt, ist alles möglich.ud.

GMOMW Binnen einer Koche!

Starker englischer Druckauf Frankreich. Sonder Vorhand.! ungen angedroht.

Reuter verbreitet folgende Information des diplo- uraüsehen .KorrerPondcuten des Observer: Wenn Staus« reich rs Khlrhsit, auf die Fragen Großbritanniens eine schriftliche Antwort zu erteilen, so wird die britische - Regierung sehr wahrscheinlich öffentlich erkläre«, daß die derzeitige Politik Frankreichs zum Ruin Europas führt und wird Verhand­lungen mit Deutschland auf der Grundlage des deutschen Repgrationsangeüots vom '7. 5 u »i einleiten. Wenn Frankreich es ablehnt, daran teilzunehmen, so wird Grofchritannkeü selbständig vor­gehen. Möglicherweise wird eine Konferenz neu­traler Staaten eiKberufs« werden zum Zweck, eine Einigung mit Deutschland ohne Frankreich herbeizu- Mhren

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In den Ausführungen des Observer heißt es im ein­zelnen, die Auffassung in englischen amtlichen Kreisen gehe dahin, daß eine mündliche Antwort auf die eng­lische Fragestellung nicht angenommen, son­dern auf einer schriftlichen Antwort bestanden werde. Lord Erewe habe bei seiner Zusammenkunft mit Poincarö in der letzten Woche die übliche diplomatische Höflichkeit aufgegeben und eine

Antwort ohne weiteren Aufschub

verlangt. Die vor 14 Tagen Frankreich vorgelegten Fragen stellten ein wohlüberlegtes Schreiben der englischen Re> gierung dar. Die englische Regierung sei entschlossen, keiner Z u s a m m e nkunftBaldwins mitPoin - care zuzuftimmens bevor nicht eine schriftliche Antwort er. 'olgt sei. Vorher könne kein weiterer Meinungsaustausch rattfrnden. Wenn die französische Regierung eine schrift- iche Antwort endgültig ablehne, so sei zu erwarten, daß die englische Regierung

in den nächsten Tagen wichtige Schritte unternehmen werde. Wahrscheinlich werde eine öffentliche Erklärung der Regierung erfolgen, wahrscheinlich auch eine Veröffentlichung der Frageliste. Dann werde höchstwahr­scheinlich erklärt werden, daß nach Ansicht der englischen Regierung die gegenwärtige Politik Frankreichs direkt zum Ruin Europas führen müsse. Es werde er­klärt werden, daß die englische Regierung entschlossen sei, die wirtschaftliche Katastrophe in Deutschland und den anderen Ländern zu vermeiden, die die französische Diplomatie aus einer verkehrten Auffassung über die französische Sicherheit heraus hervorrufe. Das letzte deutsche Reparationsangebot vom 7. Juni 1923 fei noch nicht beantwortet worden? Die eng­lische Regierung sei entschlossen, es zu beant. warten und

Verhandlungen mit Deutschland

darüber zubeginnen. Wenn Frankreich es ablehne, an den Verhandlungen teilzunehmen, so werde der englischen Regie­rung nichts "anderes übrig bleiben, als eine unabhän­gige Aktion zu unternehmen. Ueber die Folgen eines solchen Schrittes fei man sich vollkommen klar. Die englische Regierung sei entschlossen, binnen einer Woche eine E n tschei du n g mit Frankreich herbei» zuführen. Man habe bisher übersehen, daß die neutralen Länder mit ihren vitalen Interessen von einem durch die gegenwärtige Politik Frankreichs hervorgerufenen wirtschaft­lichen Chaos ebenso berührt würden, wie Großbritannien, Italien und Belgien. Daraus ergebe sich die Möglichkeit, daß

eine Konferenz neutraler Staaten einberufen werden könne, entweder gesondert oder mit Mit­nahme Englands, Italiens' und solcher Wiierter, bje sich daran beteiligen wollten, um eine Regelung mit Deutschland, ibgefenbert von Frankreich, zu erzielen. Setbstverständl'ch werde dieser Schritt nur unternommen werden, wenn die ftanzösische Regierung ihn im Laufe dieser Woche Unbedingt nötig mache. '

Vollkommene Absperrung des Einbruchsgebietes.

Jeder Verkehr auf 14 Tage untersagt.

Havas berichtet aus Koblenz: Infolge des Eisen- bahnunfalls in der belgischen Bcfahungszone bei Duis­burg hat die Interalliierte Rheinlandkommission nach Beratung mit General Degoutte und dem belgischen Oberkommandanten beschlossen, daß folgende Maß­nahme im Rheinland und im Ruhrgebiet zur Anwendung gelangt. Die Ueberschreitung der Grenzlinie zwischen dem besetzten und dem nicht besetzten Gebiet wird vom 2. Juli Mitternacht ab in beiden Richtungen jedem deutschen Staatsbürger untersagt, wenn es sich nicht um Zwecke der Ernährung oder um besondere Familienereignisse handelt. Diese Ent­scheidung bleibt 1 4 Tage in Kraft. Die Be­stimmungen über den Transitverkehr werden nicht abgr- ändert. Ferner hat die Interalliierte Rheinlandkom- mission mit dem Oberkommandierenden des Besatzungs- Heeres beschlossen, daß in Zukunft in jedem Z n g, der in dqm besetzten Gebiet verkehre, deutsche Zivil­personen mitfahren müßten.

BombenexpLosion auf der Hochfelder Membrücke.

Der Agentur Havas wird aus Duisburg berichtet: In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend explodierte auf der Linie DuisburgFriemersheim in der belgischen Zone im Innern eines Wagens eines Urlau- berzuges kurz nach der Ausfahrt aus Duisburg auf der Hochfelder Eisenbahnbrücke zussschen Duisburg und Rheinhausen eine Bombe. Der Wagen wurde voll­kommen zertrümmert; neun belgische Soldaten wurden g et ö t e t und 40 bis 50 verwundet, davon M stffwer verletzt. Ein Wachtposten, der die Brücke bewachte, wurde durch ein Eisenstück getötet.

Aus Duisburg wird hierzu ergänzend gemeldet:

Bei dem Eisenbahnunglück auf der Rheinbrücke wurden ungeheure Verheerungen angerichtet. Die Waggons flogen in Stücken auseinander, und Teile des Brückengeländers wurden abgerissen. Unter den Toten befinden sich auch Zivilpersonen. Sie wurden in das Hochfelder Marienhospital gebracht. Ob sich der Sprengkörper bereits im Zuge befunden oder ob er auf den Schienen gelegen hat, ist bisher noch nicht aufgeklärt'.

Dem Petit Parisien wird aus Düsseldorf berichtet: Die ersten Ergebnisse der Untersuchung ließen erkennen, daß die Bombe in dem Abort des Zuges sich befunden habe.

Schwere Sünkilonen gegen Duisburg.

Der Oberbefehlshaber der Besetzungstruppen hat, trotz, dem keineswegs erwiesen ist, daß der Anschlag von deutscher Seite ausging. für Duisburg unter Androhung hoher Strafen folgende 'Maßnahmen angeordnet: Verhaftung von zwanzig Bürgern als Geiseln, Schließung der Kaffeehäuser, Theater, Kinos und sonstigen öffentlichen Lo- kale, Verbot des Straßenoahnverkchrs , Ver­bot des Verkehrs vonPersonenkraftwagen und Lastkraftwagen sowie von Motorrädern, Verbot des Fußgängerverkehrs von 10 Uhr abends bis 5 Uhr morgens, Einstellung der Erteilung von Passierscheinen und.von Fahrtbescheinigungen für Wagen tHer Art und für Persopen.

Teilweise BestGng der Krupp-Werke.

Gestern nachmittag wurde ein Teil der Kruppschen Werke in Essen von französischen Truppen besetzt und abgesperrt, so oaß die inchen besetzten Betrielo-n beschäftigten Arbeiter heute morgen die Betriebe-nicht betreten konnten. Zu den besetz- in Betrieben gehören neben den Gießereien auch die Loko- moiio- und Wageubauwerksttitten. Man kann wohl an- nehmen; daß es sich bei dieser Besetzung, ähnlich wie bei T®i Rheinischen Stahlwerken uüd der Rheinischen Metall- waren- und Maschinenfabrik in Düsseldorf, um die Beschlag- Nahme und den Abtransport der auf dem Werke aufgestapek- . ten Fabrikerzeügvisse handelt. Namentlich in den Lokomotiv- unb Wagenbauwerkstätten haben sich in den letzten Monaten große Mengen von neuen Lokomotiven und .Eisey.bahn wagen angcfammeli, mit deren Abtransport Mrch die Franzosen zu rechnen ist*

Ermordung des Vizepräsidenten von Venezuela..

Juan Gomez, der Vizepräsident der Republik Vc- ; r e z u ela und Dunsesgorwerneur.'der Bruder des Präsi- eilten Gomez, wurde in seiner Wohnung ermordet. Die ;

Zu der Ermordung bemerkt betTemps", daß Gomezj )n allgemeinen anstelle seines Bruders, des P r ü s i d e n t e n s