Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 77 Sonnabend den 30. Juni - 1923
Das Wichtigste.
— Die französische Kammer hat beschlossen, die Kredite für die Luftschiffahrt um 37 Missionen Frank zu erhöhen.
— Nachdem eine Einigung über die Genier Universität erzielt worden ist, darf das neue Kabinett Theunis als gesichert gelten.
— Die Franzosen haben einen Streifzug nach Lim- burg unternommen und zehn angesehene Bürger als Geiseln verhaftet. _
Wochenrückblick.
Die Welt steht im Zeichen der Erwartung. Seit der Uebergabe des englischen Fragebogens an Frankreich ist nur noch der Terror laut und die Politik in den Hintergrund getreten, ein Zeichen, in welch« Verlegenheit Poincar6 durch die Eurzonsche Fragenstellung geraten ist. Die Niederlage, die die ftanzösische Regierung bei der Wahl im Departement Seine und Oise erlitten hat, die Bloßstellung durch die Affäve Tirard-Dorten, der unbequeme Papstbrief, die Bekanntgabe der Vermehrung der englischen! Luftflotte, die belgische Kabinettskrisis, alles das wirkt« wie! Bleigewichte gegen die Entschlußkraft des Premierministers. England nutzt diesen Knäuel von Verlegenheiten aus und' beginnt, auf Antwort zu drängen. Auch malt die Londoner Presse geflissentlich die Gefahren einer weiteren Verzögerung aus, und die „Times" deuten an, daß beim Scheitern eines gemeinsamen Vorgehens der Alliierten England auf eigene Rechnung versuchen wolle, den Zersetzungs- prozeß Deutschlands aufzuhalten, zumal da auf eine Beteiligung Amerikas weniger denn je zu rechnen sei. Unverkennbar befürchtet die Londoner City einen Zu- sammenbruch der deutschen Währung und erwartet für die kommende Woche eine Entscheidung aus Paris.
Ruhrfrage zeichnete sich durch eine ungemein vorsichtige Zurückhaltung aus. Das trat in den Unterhaus-Ber- handlungen zutage, als das Unterhausmitglied Kenworthy um Auskunft über die deutsche Terrornote ersuchte. Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen beschränkte sich lediglich darauf, den Eingang der Note zuzugeben. Im übrigen lehnte er ihre Vorlegung an das Parlament ab mit dem Bedauern, die Regierung wäre nicht gewillt, irgendeine Aktion in einer Angelegenheit zu unternehmen, für die sie keine Verantwortung habe. Das heißt also, man will freie Hand besitzen und eine Debatte vermeiden, die zu Hef- tigen Anklagen gegen die französische Brutalitätspolitik führen könnte. Ganz konsequent ist diese Haltung nicht, denn die Bereifung der von der Hungerblockade betroffenen Ruhrgebiete, die Befragung von Lebensmitteldezernenten und die Untersuchungen der Lebensmittelversorgung stellen zweifellos eine englische Intervention dar und haben. wie aus der Freigebung der militarisierten Strecke Dortmund— Herne hervorgeht, teilweise Erfolg gehabt. Die Terrorakte, die Ermordungen und Ausplünderungen, sind jedoch noch schlimmer als die Aushungerungsversuche, und wenn eine englische Kommission zu aktenmäßigen Feststellungen schreiten wollte, würde das sicherlich den französischen Verfolgungs- eifer dämpfen.
Der Brief des Papstes an den Kardinalstaatssekretär Gasparri über die Wiederherstellung des Friedens, worin Deutschland die Ehrlichkeit seines Angebots an Frankreich und Belgien bezeugt wird, hat die Franzosen auf. geregt. Sie nahmen Anstoß an dem, die Reparationskom- mission ausschaltenden Schiedsgericht und an der Anregung, die Ruhr alsbald zu räumen. Der offiziöse „Temps" deutet an, es könnte die Frage aufgeworfen werden, ob nicht eine offizielle Vertretung Frankreichs beim Vatikan überhaupt überflüssig sei. Die Kundgebung des Papstes wird von der ganzen katholischen Welt zur Kenntnis genommen und ist deshalb der französischen Diplomatie besonders unbequem, weil sich die päpstlichen Vorschläge mit den deutschen in dem Grundriß decken und diese bisher als völlig unbeachtlich beiseite geschoben worden sind. Das läßt sich mit dem, den Charakter eines Vermittelungsversuchs tragenden Brief des Papstes nicht machen, zumal da andere Mächte auf ihn Be> zug nehmen, England und Italien, und das katholische Belgien, ohnehin der Fahnenflucht verdächtig, sich kaum wird dem Gewicht der päpstlichen Friedensmahnungen verschließen ,, können. Das muß sich zeigen, sobald Theunis, gestützt ,'vuf eine Vertrauenserklärung der Rechten und der liberalen 1 Linken, mit dem Aufbau seines neuen Kabinetts fertig ^geworben ÖL Damit ist auch die Frage der Auflösung der belgischen Kammer hinfällig geworben.
ß An Dachsen hatte der Ministerpräsident Zeign er < bot Bedürfnis gefühlt, einen Ausflug auf das Gebiet der ! vMwärtisen Angelegenheiten zu unternehmen, indem er
in Niederplanitz eine Rede über die Ruhrfrage hielt, du weidlich „mißverstanden" wurde, weil sie als ein Verhandeln mit Frankreich vor der Räumung der Ruhr vor verschiedenen Seiten aufgefaßt wurde. Das erzeugte Be unruhigung und längere, der Einheitsfront gegen Frankreich nicht förderliche Auseinandersetzungen. Jetzt hat Zeigner in sächsischen Landtag sich gegen den Vorwurf der bedingungslosen Verhandlungsbereitschaft verteidigt, indem er erklärte! „Ich tadle nicht die Politik der Reichsregierung; ich bin nur für sofortige Verhandlungsbereitschaft auf Grund des letzten englischen Vor« s ch l a g s eingetreten." Es ist niemand zu verdenken, wenn er die feinen Unterschiede in der staatsmännischen Darlegung nicht begreifen kann und annimmt, Herr Zeigner habe sofort, nachdem Lord Curzon mit seinem Vorschläge hervorgetreten sei, verhandeln wollen, obwohl die Franzosen und Belgier noch an der Ruhr stehen. Im schlichten Versammlungsdeutsch läßt sich die Vorbedingung der Ruhrräumung ganz unmiß- verständlich ausdrücken, und daran hat es gefehlt. Trotzdem hat Zeigner im Landtag mit Hilfe feiner kommunistischen Busenfreunde ein mageres Vertrauensvotum mit 48 gegen 4<$ bürgerliche Stimmen erzielt.
Frankreich erhöht die
Luftschiffahrt-kredit«.
Eine Brüskierung Englands. — Erregte Nachtsitzung in der Kammer.
Die französische 5tammer hat mit 490 gegen 79 Stimmen beschlossen, die vorgeschlagene Herabsetzung der Kredite für die Lnftrnstungen abzulehnen, dagegen aber die vom Kriegsminister M a g i n o t geforderte Erhöhung des Etats um 37 Millionen Frank sowie die Einsetzung einer Studienkommission zu bewilligen. *
Kammer hat eine Nachtsitzung stattgefunden, die Freitag morgen um 4 Uhr noch nicht beendet war. Bei einer Be- sprechung des Militärbudgets schlug der Abgeordnete Mistral eine Kreditherabsetzung von 5 Millionen für die Luftschiffahrt vor. Er beantragte gleichzeitig, mit den anderen Regierungen in Verbindung zu treten, um die Luftflotte abzubauen. Der Kriegsminister Ma- g i n o t bekämpfte die vorgeschlagene Reduktion des Kre- . dites und schlug im Gegenteil eine
Erhöhung um 37 Millionen
überdieErhöhungvon7öMillionen hinaus vor, die der Senat bereits angenommen hatte. Der Minister erklärte, daß die französische Militärluftflotte, die am Ende des Krieges 3300 Einheiten zählte, nur noch 1300 Einheiten aufweife. Die Anstrengungen, die Deutschland mache, um seine Luftflotte zu vermehren, erforderten eine entsprechende Anpassung von französischer Seite. Der Minister schlug außerdem vor, eine Studienkommission einzusetzen, um die Frage der französischen Luftflotte zu prüfen. Darauf beschloß die Kammer mit 490 gegen 79 Stimmen, die von Mistral vorgeschlagene Herabsetzung bet" Kredite abzu- lehnen, dagegen wurde die vom Kriegsminister Maginot vorgeschlagene Erhöhung um 87 Millionen sowie die Einsetzung einer Studienkommission angenommen.
Die Regierungvorlage über die Bewilligung von weiteren 240 Millionen für die Ruhrexpedition ist dem Finanzausschuß des Senats zugegangen und genehmigt worden.
Das Kabinett Theunis gesichert.
Alle Minister bleiben.
Aus Brüssel wird gemeldet: Die Liberalen und Katho liken hielten am Donnerstag eine Sitzung ab und nahm« eine Entschließung an, in der Theunis das Ver^ trauen ausgesprochen wird. Theunis teilte bereit« am Abend dem Könige mit, daß er das Kabinett bilden werde Das neue Kabinett wird aus allen früheren Mi n i st e r n, auch aus dem bisherigen Landesverteidigungs minister D e v ä z e , bestehen. Die Liberalen hatten ihn .ge beten, daß er sein Portefeuille übernehme, um die Annahmi des Gesetzes über die militärische Dienstzeit zu sichern Devtzze hat diesem Wunsche entsprochen. Der einzig, Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Kabinett ist daß das alte Kabinett keinerlei innerpolitisches Programn hatte, während es jetzt in der Frage der Gentei Universität zu einer bestimmten 6teL lungnahme gelangte. Auf der Universität wird in der
Hauptfächern in der flämischen Sprache unterrichtet werden, nur in technischen Fächern können auch .ftanzösische Vorlesungen stattfinden.
Wiederaufnahme der Verhandlungen paris-London.
Angeblich auf Grund der Beendigung der belgischen Ka- binettskrise hat sich PoinearL entschlossen, die Besprechungen mit England wieder aufzunehmen. Der französische Botschafter in London, Saint Aulaire, hatte bereits wieder mit Lord Curzon eine Unterredung, während der Direktor für politische Angelegenheiten auf dem Ouai d'Orsay, Peretti della Rocca, den englischen Botschafter in Paris, Lord Crewe, empfing. Die Pariser Zeitungen betonen, daß nunmehr eine sofortige Wiederaufnahme des französisch-englischbelgischen Gedankenaustausches erfolgen werde., Saint Aulaire wird nunmehr der englischen Regierung mündlich alle Aufklärungen geben. Poincar^ hat sich immer noch nicht dazu verstehen können, dem Londoner Kabinett schriftliche Antwort zu erteilen. Die Möglichkeit einer Besprechung zwischen Baldwin und Poincar^ hängt noch immer in der Luft; in unterrichteten Kreisen gibt man sich aber trotz der herrschenden Unsicherheit !der Hoffnung hin, daß die diplomatischen Besprechungen nunmehr zu einer endgültigenLösungderRuhr- jund Reparation sfrage führen werden.
Ue6erfdll auf Limburg.
Aus Limburg wird gemeldet: In der Nacht zum Donnerstag waren von auswärtigen deutschen Kriminalbeamten zwei in Diez an der Lahn im Dienste der T ran o i en stellende Limbura wohnende Arbeiter verhaftet und in das unbesetzte Gebiet abtransportiert worden. Infolgedessen unternahmen die Franzosen in der Nacht von Freitag einen neuen Ueberfall auf Limburg. Sie rückten in Bataillonsstärke an und nahmen
zehn Limburger Bürger
fest; Landrat Dr. H ai per, Gymnasialdirektor Dr. Wö- ris, Oberstadtsekretär Zeiger, Telegraphen-Inspektor Klepper, Regierungsrat Müller, einen Oberbahn- Hofsvorsteher, einen Lokomotivführer, einen Hotelier, einen Assessor und einen anderen Herrn. Die Franzosen erklärten, die Herren blieben so lange in Haft, bis die beiden
verhafteten Arbeiter wieder freigelaffe«
worden seien. Unter lebhaftem Winken und Zurufen bet Bevölkerung wurden die Herren um 9 Uhr auf Lastautos abtransportiert. Um 9% Uhr verließen die Franzosen wieder Limburg in der Richtung nach Diez.
Ein Vorstoß gegen die
Strecke Oarmstadt—Frankfurt.
Freitag ftüh nach 5 Uhr hat eine Kompagnie Marokkaner denBahnhofLangen auf der Strecke Darmstadt—Frankfurt a. Main besetzt und den Verkehr gesperrt. Nur die ersten Frühzüge Darmstadt—Frankfurt konnten noch ihr Ziel erreichen. Die Schienen vor dem Bahnhof Langen sind beseitigt. Der kurz nach 5 Uhr Frankfurt verlassende V-Zug Köln-Renschen konnte noch rechtzeitig angehalten werden. Der Verkehr Darmstadt und umgekehrt wurde über Dieberg—Oberroden—Offenbach und Babenhausen—Hanau geleitet, wodurch allerdings starke Verspätungen nicht zu vermeiden sind. Ernstere Stockungen sind bisher nicht eingetreten.
Der geraubte Wald.
Die Interalliierte Rheinlandkommission teilt mit, daß infolge des „deutschen Versäumnisses" in den Holzlieferungen, das am 26. Dezember 1922 von der Reparations- kommission „festgestellt" wurde, und mit Rücksicht auf die Weigerung der deutschen Regierung, der von der Repara- tionskommission im vorigen Jahre ausgesprochenen Forderung nach Lieferungen nachzukommen, beschlossen wurde, dem französischen Staate 50 000 Kubikmeter Hokz aus den Domänenwäldern des Tr Kreises zuzuführen. —
Gelehrige Schüler Frankreichs.
Der Senat der Freien Stadt Danzig hat an den, diplomatischen Vertreter Polens in Danzig eine Note ge-!' eichtet, in der es u. a. heißt: , &
„Der Senat bedauert, daß die polnische Regierung diel Ausweisung der 16 Danziger Staatsangehörigen nicht rück-; gängig gemacht hat. Bei den Ausweisungen polnisch« Ftaatsangehöriger aus Danzig handelte es sich fast ausnahmslos um Personen, welche unsere Gesetze verletzt habKA'