Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Gonnabeab. Der Berugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1500.— Mk., für HerSfeld 1500— Mk., Abholer 1300.— Mk. / , An,eigen preis für die einspaltigeDetitreile ober deren Raum 250.- Mk., für auswärts300-Mk., dieReklamezeile 500.- Mk. / / Druck und Derlag von Ludwig Funks Buchbruckerel in HerSfeld, Mitglied des DereinS Deutscher Zeitungs Verleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in HerSfeld. / / Fernsprecher Rr. S.
Nr. 76 Donnerstag den 28. Juni 1923
Das Wichtigste.
— Im Unterhaus gab Baldwin die erwartete Er. klärung über die englischen Luftrüstungen ab, wonach England in der Luft stark genug sein muß, der jeweils stärk- sten Luftmacht zu begegnen.
— Ministerprästdent v. K n i l l i n g hat in einer ausführlichen Rede im bayerischen Landtage die Schuldfrage aufgerollt und Stellung zur Politik der Reichsregierung genommen.
— Der Reichswirtschaftsminister hat einige A u s - führungsbestimmungen zur Devisenverord- nung erlassen.
Entscheidende Wochen.
Don unserem wirtschaftspolitischen Mitarbeiter.
Mit ständig zunehmender Geldentwertung und mit von Monat zu Monat entsprechend steigenden Fahlen hatte man sich allmählich bereits abgefunden. Der Kreis derjenigen Deutschen, die die Umdrehungen der Schraube ohne Ende als etwas Unabänderliches ansahen, ober darin keine große Gefahr mehr erblickten, weil sich jede neue Umdrehung mit denselben gewissen Hemmungen, aber im wesentlichen reibungslos vollzog, und die deshalb glaubten, daß die Entwicklung lediglich mit gewissen technischen Aenderungen im Zahlungsverkehr bis ins Unendliche so sich fortsetzen könne, war immer größer geworden. Auch auf dem Gebiete der Wirtschaft stumpft steter Kampf ab und läßt der stete Anblick einer Gefahr diese Gefahr zuletzt unterschätzen. In den letzten Wochen, als die Entwicklung wieder schneller ihren Lauf nahm und als mit der inzwischen erreichten Größe der einzelnen Fahlen ihre Verdoppelung und Verdreifachung imme-: gefährlicher und immer eindrucksvoller sich auswirkte, sind diese Fatalisten und Optimisten bitter aufgerüttelt worden. Die blanke Not führte fast über Nacht in weitesten Volksschichten zu der Er -
Ni cy t w e i ter gr n g uno vag neue wciUel gefunden werden müßten. Beratungen und Experimente über diese neuen Mittel und Wege beherrschten die beiden letzten Wochen. Durch Zwangsmaßnahmen und Strafandrohungen einerseits, durch die Durchführung neuer Grundsätze zur Erhaltung der Wertbeständigkeit der Vermögen, Preise und Gehälter andererseits hoffte man, der Notlag ezu begegnen. Den wohl von vielen der beteiligten Stellen erkannten Zwang öffentlich anzu- erkennen, statt neuer Verlegenheitsmaßnahmen und Vertuschungen eine grundsätzliche Aenderung der Wirtschafts - und Währungspolitik eintreten zu lassen, fühlte man sich offenbar bei der inner- und außen- politischen Lage zu schwach.
Leider hat die Entwicklung der Wirtschaft und der Preise in den letzten vierzehn Tagen nur zu deutlich bewiesen, daß die Dinge schon viel zu weit gediehen sind, um mit Verlegenheitsmaßnahmen und staat- lichenEingriffendasrollendeRadnochaus» zuhalten oder auch nur Zeit zu gewinnen. Die Preise aller wichtigen Artikel steigen von Tag zu Tag; in den letzten Tagen sind abermals gewaltige Erhöhungen der Preise für Kohle, Eisen, Kali, Zement, Düngemittel, Holz und Webwaren kurzfristig aufeinander gefolgt. Der Papierpreis wird wohl mehr als verdreifacht werden, die Frachten werden ver- dreieinhalbfacht, die Portosätze zum 1. Juli verdreifacht und, wie heute bereits feststeht, binnen Monatsfrist abermals wenigstens verdoppelt, und mit den steten Preiserhöhungen für den gesamten Bedarf der Landwirtschaft und der allgemeinen Geldentwertung steigen selbstverständlich, gefördert noch durch die ungünstige Witterung, die Preise für Nahrungsmittel und alle landwirtschaftlichen Nebenerzeugnisse. Schon können wir mit Sicherheit annehmen, daß in den nächsten Tagen die verschiedensten wichtigen Erzeugnisse, deren Preis kaum erhöht ist, abermals im Preise steigen infolge der Verteuerung ihrer Herstellung aus der Erhöhung anderer Preise und der Löhne. Kalkulationen und irgendwelche andere Vorausbere chnungen von Preisen, Ausgaben oder Einkünften sind im Laufe von fünf Jahren jetzt immer mehr zunichte geworden. Konnte man früher auf ein Jahr, später auf Vierteljahre, im Früh- jahr wenigstens noch auf Monate, disponieren und rechnen, so ist es jetzt nur auf 14 Tage, vielfach auf Wochen, in manchen Gewerben und Berufen nicht einmal über den Tag hinaus mehr möglich. Wie soll z. B. der Feitungsverleger seinen Monatsbezugspreis errechnen, wenn er erst nach dessen Bekanntgabe den Papierpreis, und wenn er während des Monats dauernd neue Lohnsätze, Frachten und Porti erfährt und bezahlen muß? Wie soll der Einzelhändler seine Preise stellen, wenn auf der einen Seite soziales Pflichtgefühl und Wucher- qesetz mäßige Preise von ihm verlangen und zugleich der ,Wiederbeschaffungspreis sich täglich, ja stündlich ändert, wenn . er seinen Einkaufspreis für neue Waren oft sogar erst nach s Empfang der Ware erführt? Wie soll schließlich der Land- j wirt, dessen Haupteinnahmen sich ebenso wie seine Haupt- i ausgaben auf wenige Monate und Wochen des Jahres zu- 1 sammendrängen, wie sollen entsprechend die vielen Saison- jindustrien, deren Rohstoffbedarf und Umsatz auf bestimmte JIahreszeiüm zusammengedrängt ist, ihren Geldbedarf decken und über ihre stille Zeit hinaus für die nächsten Aufgaben
disponieren? Ebenso liegen die Dinge ja für die Arbeiter und die Festbesoldeten. Der Geldwert zerrinnt ihnen unterdenHänden. War früher das ausreichende Gehalt von heute nach Monatsfrist ein Hungerlohn, so gilt das gleiche jetzt nach Wochen.
Indexlohn und wöchentlicheGehalts- und einmal, Devisenzwangswirt-
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chaft und schärfere Steuerpolitik zum andern ollen Abhilfe bringen. Man will wieder einmal Symptome kurieren statt der Krankheit und übersieht dabei, daß kurzfristige Erhöhungen der Löhne und Preise die
Schraube nur noch schneller sich drehen lassen. Die liche Festsetzung wird bald der halbwöchentlichei müssen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen soll. Und deutlich, daß die Entwicklung einem En
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Wege,
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treibt. Heute läßt sich schon klar erkennen, daß wir uns diesem Ende mit Riesenschritten nähern. Sicher ist, daß es so, wie bisher, nicht mehr weiter geht. Fraglich ist, ob rung versucht werden wird auf politischem . d. h. durch Gewalt und Macht, durch Diktatur aus dem Recht des Stärkeren, der die Schwächeren zertritt, oder auf wirtschaftlichem Wege, durch Aenderung der Wirtschaftsund Sozialpolitik, durch Einschränkung des Verbrauchs und der Lebenshaltung von Staat und Privaten, vielleicht durch Abbau des Staatsgedankens und durch Verbesserung der Leistung und Vermehrung der Erzeugung. Wie die Ent- s ch e i d u n g auch fällt, sicher ist heute, daß sie nicht mehr lange auf sich warten lassen kann, daßsiedieganzeWelt a n g e h t und in ihrem Wirtschaftsleben mit beeinflussen muß und daß schließlich die kommenden Wochen von allen Einsichtigen ihrer Vorbereitung und dem Ausgleich der Gegen, säge gewidmet werden müssen.
;G. M.
Englisch-französisches Wettrüsten in der Lust.
Baldwins Erklärungen über die Verstärkung der englischen Luftmacht.
angekündigt, über die Verstärkung der Luft» streitmacht zur Verteidigung des Mutterlandes um 34 Geschwader. Er erklärte, die Regierung sei zu der Schlußfolgerung gelangt, daß, abgesehen von der Befriedigung der Bedürfnisse der Marine, des Heeres und der Verpflichtungen in Indien und anderen überseeischen Ländern, die britische Luftstreitmacht eine Verteidigungsluftflotte zum Schutze der Heimat einschlietze« müsse, die genügend stark sei, um England ausreichend gegen Luftangriffe der stärksten Saft* streitmacht innerhalb von Schlagweite zu schützen. Eine solche Streitmacht müßte organisiert werden teils in aktiver Form und teils als Reserve, die Vorkehrungen müßten aber so sein, daß eine aus- reichende Stärke für Verteidigungszwecke unverzüglich verfügbar sein werde.
Zunächst sollte die Streitmacht zur Deckung der Heimat aus 52 Geschwadern bestehen, die so schnell wie irgend möglich gebildet werden müßten. Das (Ergebnis dieses Vorschlags bedeute eine Vermehrung der bisher 5fr willigten Luftmacht um 34 Geschwader. Aber bevor weitere Maßnahmen getroffen würden, werde die Frage nochmals geprüft werden im Lichte der gegenwärtige« Luftstärken fremder Mächte. Entsprechend der Verpflichtung Groß-Britanniens, wie sie aus der Völker- bundssatzung sich ergebe, werde Groß-Britannien hiert« mit anderen Regierungen zusammenwirken, um die «StiMe der Luftrüstungen zu vermindern nach Grundsätzen, die beste« des Washingtoner Vertrags ähnlich seien. Jedes derartige Abkommen würde die Politik der Verstärkung der Luststreft. macht, die in seiner (Baldwins) Erklärung dargelegt werde, maßgebend beeinflussen.
Po s o n b y fragte, ob dieser neue Rüstungswettbewerb zu denselben Ergebnissen führen werde wie der vorige Rüstungswettbewerb. Baldwin erwiderte: „Nein, ich hoffe nicht, ich hoffe, daß, lange bevor diese Gefahr entstellt ein Abkommen betreffend Rüstungseinschränkungen geschlossen sein wird.
H o a r e erklärte, das neue Programm schließe eine weitere Ausgabe von einhalb Millionen Pfund Sterling in diesem Jahre ein. Die endgültigen Gesamtkosten würden 5% Millionen Pfund mehr betragen.
»Frankreich, der Herr der Lust!"
Die Bedrohung Englands.
Zu den Erklärungen des englischen Ministerpräsidenten über die Luftschiffahrt schreibt „Chicago Tribune", trotz des erweiterten englischen Lustprogramms werde Frankreich der unbestrittene Herr in der Luft bleiben.
Seine Ueberlegenheit werde nicht in der Tatsache liegen, daß >ie französische Armee 126 0 nach dem Kriege ge« laute Flugzeuge im Dienst habe, während England iber weniger als 400 verfüge, sondern darin, daß Frankreich fünf- bis zehnmal größere Aufwendungen für Militärluftfahrt machen könne als Großbritannien und sie Bereinigten Staaten.
„Star" sagt, Frankreich häufe seine Luftstreitkräfte in vahnsinnigem Maße an. Gegen wen würden diese riesigen Streitkräfte vorbereitet? Es könne nicht gegen Deutschland ein, da Deutschland entwaffnet sei. Frankreich könne wotestieren, soviel es wolle, aber da Deutschland unbewaffnet ei, bleibe nur noch England als möglicher ? e i n d. „Star" fragt, ob es nicht unglaublich sei, daß im zahre 1923, vier Jahre nach dem Friedensvertrag, der Al- tierte Englands im Kriege, mit dem und für den England jeblutet habe, England durch die Bedrohung mit diesen vor Englands Tür konzentrierten Vorbereitungen zwinge, Jcine ler'eits geschmälerten Hilfsquellen noch weiter zu schwächen, ks sei die Pflicht der britischen Regierung, diese Be- > rohung zur Kenntnis zu nehmen. Die Per- intwortung liege klarerweise bei Frankreich.
Entrüstung in Paris.
Die Debatte im englischen Unterhaus erregt in politischen Kreisen großes Aufsehen und starke Entrüstung. Im Gaulois meint d'Äral, ein Wettrüsten stehe bevor. Baldwin sehe zwar •in Abkommen über die Begrenzung der Luftrüstungen, vor- rus und wünsche dies, aber er verlange als Basis die in Washington für die Begrenzung der Seerllstungen festgesetzten Maßstäbe. D'Aral fragt endlich: „Bedeutet dies, daß Frankreich seinen Rang als Großluftmacht e i n b ü ß t, wie es bereits den verloren hat, den es c i n st - mals als Seemacht eingenommen hat? Es würde sich sicherlich hierauf nicht einlassen können." ...
_________Tbeunis verzichtet?
Entgegen anders lu.uenben optimistischen Nachrichten behauptet eine belgische Nachrichtenagentur, Theunis habe den Widerstand der flämischen Katholiken nicht brechen können, verzichte daher auf die Kabinettsbildung und habe dem König von seinem Entschluß Kenntnis gegeben. In politischen Kreisen herrscht der größte Pessimist mu s. Man steht noch immer da, wo man indenersten Tagen gestanden hat.
Nach einer Brüsseler Havasdepesche haben die französisch- belgischen Besprechungen eine Unterbrechung erfahren, um zunächst einmal die Ergebnisse der neuen Kabinettsbildung abzuwarten. Die bisherigen Verhandlungen würden ein künftiges belgisches Kabinett nicht zu verpflichten brauchen.
Bayern und die Außenpolitik des Reiches.
Ministerpräsident von Knilling über Frankreichs Schuld.
Anläßlich der Beratung des Haushaltes des Staats- Ministeriums des Aeußern hielt der bayerische Mi- nisterpräfident vr. von Knilling im Bayerischen Landtag eine Rede über die Frage der Ruhrbesetzung, worin er ausfiihrte:
„Der Ruhreinbruch ist ein frevelhafter Bruch des Der- failler Vertrages und des Völkerrechts und eine brutale Vergewaltigung eines wehrlosen Volkes. Das französische Ziel ist kein wirtschaftliches, sondern ein politisches, nämlich die - endliche Verwirklichung der historischen traditionellen Rhein- politik Frankreichs. Die Reparationspolitik wäre längst gelöst und
könnte jeden Tag erledigt werden,
wenn es Frankreich ernstlich um ihre Erledigung zu tun wäre. Frankreich hat den Weltkrieg von 1914 durch seine jahrhundertealte, eroberungslustige Rheinpolitik verschuldet. Es führt seinen Krieg gegen Deutschland, dessen Entwaffnung es erreicht hat, weiter, um auch seine letzten Z i e l e zu verwirklichen. Alle Kreise des deutschen Volkes erwarten Deshalb zuversichtlich, daß die Reichsregierung
in der Schuldfrage zur Offensiv«
übergeht. Unser passiver Widerstand ist ein elementarer, mit Naturgewalt aus der Seele des Volkes gewachsen und von allen seinen Kräften getragen. Er kann daher auch nicht von der Regierung abbefohlen werden, weder ganz noch teilweise. Ohne Rückgängigmachung der ungerechten Maßnahmen gibt es daher keine wirtschaftliche Verständigung. Am 2. Mai hat die Reichsregierung an die alliierten Mächte eine Note gerichtet, in der sie erneut die BereitwRigkeit zu Der- Handlungen erklärte. Ich war nichtin allem damit ein. verstanden. Eine Reichsregirrung aber, die den berechtigten Lebensnotwendigkeiten der Länder gebührend Rechnung trW