Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Sersfeld
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Nr. 67
Donnerstag den 7. Juni
1923
Das Wichtigste.
— In Düsseldorf ist ein siebenjähriger Knabe von einem französischen Soldaten erschossen worden, der sich durch ihn „beleidigt" fühlte. '
— Die Eisenbahnregie im Einbruchsgebiet will jetzt zum Verkauf des „von ihr nicht bestellten" — also geraubten — Gutes schreiten.
— Der Streik in Schlesien hat eine Verschärfung erfahren. ,
— Im Reichstag wurde die Debatte über die Straf- rechtsreform eröffnet. ___
Inländischer Marksturz.
Bon unserem wirtschaftspolitischen Mitarbeiter,
Markentwertung im internationalen Börsenhandel oder, «on uns aus gesehen, Steigerung der Devisenkurse und insbesondere anziehender Dollarkurs sind uns leider nichts Neues mehr, und selbst solch große Schwankungen und Steigerungen wie die der letzten Wochen verlieren das Außergewöhnliche, wenn man sie auf Prozentsätze umrechnet. Sie finden dann manches Beispiel und manche gleiche Er- scheinung in der Entwicklung der letzten Jahre. Verändert haben sich bei auf lange Sicht gleich gerichteter Entwicklung nur noch die Ziffern. Die gewaltig gestiegenen Ziffern aber lassen auch für den Laien viel deutlicher und erschreckender als die früheren kleineren die Entwicklungsrichtung und ihre Folgen in Erscheinung treten. Dazu tritt, daß die An- Passung der Inlandspreise und Löhne an den gesunkenen Außenwert der Mark von jeher nicht gleichmäßig, sondern wellenförmig erfolgt und daß mit den gestiegenen Ziffern Ausmaß und Wirkung dieser Teuerungswellen immer um NUN wieder m einer derartigen Welle, und zwar in einer, die in ihrer Heftigkeit und ihren unausbleiblichen Folgen alle vorherigen weit hinter sich läßt. Haben doch alle diese Teuerungswellen die gefährliche Wirkung, teils die Mark- entwertung festzulegen und einer neuen Erholung Hemmungen entstehen zu lassen, teils sogar einen fast unwiderstehlichen Auftrieb zu neuer äußerer und innerer Markentwertung zu bilden.
Die Inlandspreise und namentlich die Inlandslöhne und Gehälter folgen der Devisenkursentwicklung nur in erheblichem Abstand. Das ist auf der einen Seite die Ursache des so oft eingetretenen Unterpreises gegenüber dem Weltmarkt, der eine Scheinkonjunktur erzeugte und bei lebhaftem Exportgeschäft und gleichzeitiger Sachwert- hamsterung im Innern eine nicht vorhandene Blüte der deutschen Wirtschaft vortäuschte, während in Wirklichkeit das Volksvermögen aufgezehrt wurde. Sobald aber in der Entwicklung der Devisenkurse ein Stillstand oder gar Rückschritt eintritt, geht infolge des erwähnten Nachhinken s ein weiterer Preisauftrieb noch von der inländischen Wirt, schaft aus, bis sie sich dem End- oder Zwischenniveau der Devisenkurse angepaßt hat. Verspätet erfolgt also auch, wenn überhaupt, der Preisabbau, wobei schon der Stillstand der Preisbewegung tatsächlich einen Abbau bedeuten kann, verspätet aber ebenso die Anpassunc an eine neue Geldentwertungswelle und heftiger naturgemäß als diese, wenn eine Zeit gleichbleibenden Valutawertes dahinterliegt, die den Abstand verringert hat.
In einer solchen Zeit verstärkten Racheilens des inländischen Geldwertes hinter dem gesunkenen internationaler Markkurs befinden wir uns jetzt, und es gilt für den Geschäftsmann wie für den Verbraucher, seine Schlüsse daraus .zu ziehen und sich möglichst über die Entwicklungsrichtung der nächsten Wochen klarzuwerden Uebersieht er den bisherigen Gang der Ereignisse, die wieder holten scharfen Kohlenpreiserhöhungen, die folgenden Eisen und Kalipreise, die noch nicht abgeschlossenen Erhöhungen des Eisenbahn- und Posttarife, denen kurzfristig weitere folget sollen, übersieht er ferner die zahlreichen Lohn- und Gehalts erhöhungen und die durch sie bedingte Ausgabensteigerunj für alle staatlichen und privaten Betriebe, vergegenwärtigt ei sich schließlich die zahlreichen Absichten auf Erhöhung be stehender oder Einführung neuer Steuern und Abgaben uni berücksichtigt er die Verteuerung der eingeführten Lebens i mittet wie der deutschen landwirtschaftlichen Produktion t prüft er schließlich, wie sehr viele dieser Erhöhungen zwar oer ihältnismäßig leicht durchgesetzt, eine Ermäßigung aber kaun später zu erreichen sein wird, so ergibt sich, daß wir in bei ) Teuerungswelle im Inland und in der Angleichung der Kauf Traft der Papiermark an die unglaublichen Devisenkurse ers , am- allerersten Anfänge stehen. Selbst wenn ei , gelingt, durch wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Maß t nahmen schließlich einen Damm aufzurichten, selbst wem
ferner gegen alle Erwartungen die Verhandlungen mit der Entente zu einer einigermaßen tragbaren Lösung des Re- parationsproblems führen sollten, wird man heute kaum mehr hoffen können, den Dollar jemals auf das Maß der Stützungsaktion, ja nicht einmal auf das Doppelte davon herunterdrücken zu können. Das muß heute bei allen Dispositionen wirtschaftlicher Art mit in Rechnung gezogen werden. Mit dieser fortschreitenden Markentwertung rückt aber auch die Notwendigkeit eines kommenden Verzichts auf die Mark, ihres Ersatzes durch eine andere Währung immer näher und erhöht den Trieb zur Vermögensbindung und den Epartrieb. Beide haben in den letzten Monaten in steigendem Maße Be- tätigungsmöglichkeiten sich geschaffen, unter deren Wirkung vielfach, so namentlich in Süddeutschland, im Südharz und in landwirtschaftlichen Gebieten tatsächlich produktive Goldwerte zuwachsen. Sie haben aber auch den Blick für wirtschaftliche Notwendigkeiten und die Ablehnung politischer Experimente gestärkt. Wirtschaftspolitik und Privatwirtschaft müssen heute mit allen diesen möglichen Folgewirkungen der inneren Mark-^ entwertung zu rechnen beginnen. G. M.
Kindermord in Düsseldorf.
In einer Seitenstraße im Düsseldorfer Hafenviertel wurde der siebenjährige Knabe Hans Hermes von einem französischen Soldaten erschossen, der bei seiner Verhaftung angab, von dem Kinde beleidigt worden zu sein.
Die Erschießung hat sich folgendermaßen abgespielt: Hans Hermes spielte mit zwei anderen Knaben vor dem Hause, in dem das Kartoffelmagazin der Stadt Düsseldorf untergebracht ist. Das Magazin ist jetzt von den Franzosen beschlagnahmt und dient als Aufbewahrungsort für Fouragemittel der Rheinarmee. An dem Magazin befinden sich an der Straßen- NWeiÄ m ->ä
Hinter dem einen vergitterten Fenster liegt eine Kammer, die als Wachstube dient und in der ein Bett steht. Die drei Kinder tarnen nun beim Spielen in die Nähe dieses Fensters, sahen herein und bemerkten auf dem Bett einen Soldaten, dem sie im Scherz zuriefen: „Monsieur, nicht Brot?" Der Soldat sagte: „Alles weg!" Die Kinder machten aber nochmals denselben Zuruf. Darauf stand der Soldat vom Bett auf,
nahm sein Gewehr von der Wand und stellte sich in die Toreinfahrt. Nach Aussage des älteren Knaben hat er dann an dem Gewehr hantiert, angelegt und geschossen. Der auf die Entfernung von drei Metern abgegebene Schuß traf den kleinen Hermes an der linken Schläfe und riß den ganzen Hinter köpf weg. Die Hirnschale lag etwa % Meter von der Leiche entfernt. Die Gewehrkugel streifte eine Mauer, an der sie aufgefunden wurde. Der Täter wurde von dem wachthaben- dn Unteroffizier verhaftet. Die weitere Angabe des Soldaten, ihm sei das Gewehr „zufällig losgegangen", wird durch die Aussagen der mit dem Getöteten spielestden Kinder widerlegt. Die vorläufige Untersuchung ist in den Händen der französischen Gendarmerie. Der Vater des erschossenen Kindes ist Hafenarbeiter und zurzeit arbeitslos.
Verkauf geraubten deutschen Gutes.
Die Interalliierte Rheinlandkommission hat durch eine am v. Mai erlassene Verordnung Nr. 171 bestimmt, dass die auf den von der Regie betriebenen Eisenbahnen unbestellt (!) gebliebenen Waggonladungen vom 10. Juni ab ausgeladen und für die sowohl in Waggons als auch in Magazinen befindlichen Waren ge- nauere Verkaufsbedingungen festgesetzt werden. Wie von zuständiger Stelle hierzu mitgeteilt wird, ist diese Ordonnanz ungültig und nicht zu befolgen. Ihr Zweck ist, durch Anerbieten scheinbarer Vorteile die Wirtschaftskreise für die Eisenbahnregie zu gewinnen und dadurch den deutschen Widerstand zu erschüttern. Wer Frachten an die Regie zahlt, begeht Landesverrat, wer die geraubten Güter kauft oder beim Abtransport mitwirkt, begeht Hehlerei.
Aus dem Rheinland kommen Zuschriften, in denen bitter darüber geklagt wird, daß Deutsche aus dein unbesetzten Gebiet seelenruhig Franzosenzüge benutz e n, die von der Bevölkerung an Rhein und Ruhr unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemieden werden, von benen man sich gar keine Vorstellung machen kann. Man kann es verstehen, daß solche Beobachtungen große Bitterkeit bei den Leuten auslösen, die die ganze Schwere des Abwehrkampfes zu tragen haben. . ‘ .....
Nun gibt es sicher vereinzelte Fälle, in denen eine um bedingte Notwendigkeit besteht, trotz aller Bedenken, wie sie übrigens allein die Fahrkunst der französischen Eisenbahn- regte auszulösen angetan ist, deren Züge zu benutzen. Aber man sollte sich jede solche Notwendigkeit zweimal, dreimal überlegen; sollte sich, wenn die Versuchung zu einer solchen Reise auftaucht, klarmachen, daß man mit ihrer Ausführung dem äußeren Anscheine nach der deutschen Abwehr- frontinden Rücken füllt; sollte sichaufsreiflichste überlegen, ob sich nicht doch irgendein Ausweg finden läßt, auf dem man die Benutzung der Franzosenzüge umgehen kann.
Beginn der Brüsseler Konferenz.
Aus Brüssel wird gemeldet: Der französische Mini- sterpräsldent Po i n c a r s ist mit seiner Begleitung heute, • Mittwoch, hier eingetrosfen. Die ersten Besprechungen, an denen auch de Lastehrie und Le Trocquer teilnahmen, wurden sofort ausgenommen.
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Die Stellungnahme der Pariser und der Brüsseler Regierung ist in den letzten Tagen in der Presse so klar wie möglich gezeichnet worden und hat sich in den letzten 24 Stunden vor Beginn der Verhandlungen nicht mehr geändert. Bemerkenswert ist, daß einige Berichterstatter fest- stellen, die belgische Regierung sei verstimmt darüber, daß Poincare seinen Brüsseler Aufenthalt von vornherein so außerordentlich kurz bemessen hat.
Die StreLkwetSe in Schlesien.
Im Oberschlesischen Industriegebiet kam es, wie bereits kurz gemeldet, anläßlich der neuen Teuerungswelle zu Streiks unter den Bergarbeitern, Metallarbeitern und Transportarbeitern. Die Belegschaften von mehreren Groß- ■toMWjMM^HWiil^ - Preußengrube, die Hohenzollerngrube, der Ioyannaschacht, Grube Neühoff, die Heinitzgrube, die neue Viktoriagrube, die Iulienhütte und die Karstenzentrumsgrube. Die Streikenden verlangen Auszahlung der Löhne unter Zugrundelegung bei Goldwährung sowie einmalige Ausgleichszahlungen in Höhe von 300 000 Mark für verheiratete Arbeiter mit Kindern.
Am Mittwoch hat sich die Ausstandsbewegung noch weiter ausgedehnt. Die neue Fiedlersglückgrube ist in den Streik getreten. Auf allen im Streik befindlichen Werken werden die Notstandsarbeiten verrichtet. Der Ausstand greift auch auf Hindenburg und Gleiwitz über. Die Berufsorganisationen der Bergarbeiter, Metallarbeiter und Transportarbeiter bleiben weiterhin bemüht, eine Ausdehnung der Streikbewegung zu verhindern,
Fortdauer der Leipziger Tumulte.
Me Erwerbslosendemonstration in Leipzig nahm am Dienstag abend wieder einen bedrohlicheren Charakter an. Am Augustusplatz kam es zu einer Zusammenrottung von mehreren tausend Personen, wobei durch Steinwürfe und Schläge mit eisernen Stangen mehrere Schutzleute verletzt wurden. Bis dahin hatte die Polizei auffällige Zurückhaltung gegen die Belästigungen geübt. Erst nach diesen tätlichen Angriffen, wurde eine Hundertschaft eingesetzt. Es gelang darauf, die! Ansammlung auseinanderzutreiben und einige besonder» radaulustige Personen sowie Jugendliche zu verhaften. E» war jedoch nicht möglich, die Hauvtführer festzunehmen.- Seitens der Polizei ist festgestellt worden, daß gu tge klei - bete Personen sich bemühten, die Demant str anten aufz uhe tz en. Die Zusammenrottungen bau- orten bis in die späten Abendstunden an. Die Straßen im Stadtinnern durchziehen verstärkte Polizei- Patrouillen. Für Mittwoch nachmittag haben die sozialistischen Organisationen die gesamte arbeitende Bevölkerung! Leipzigs zu einer Massenkundgebung auf den Augustusplatz! aufgefordert.
500-MMionen-Oiebstahl
in her Michsdruckerei.
Die Reichsdruckerei gibt durch Anschlag in ihren Betrieben bekannt, daß ihr für 500 Millionen M. 5 0 000« Mark scheine gestohlen worden sind. Für Wiederherbei- schaffung der Scheine oder Namhaftmachung des Diebes oder der Diebe wird eine Belohnung von 1 Million ausgesetzt. Die Scheine waren zum Teil schon nummeriert, zum Teil noch ohne- Kontrollnummern. Das ist aber für die Verwendbarkeit dieser Diebesbeute leider gleichgültig. Die Kontrollnummer läßt sich mittels Gummistempels nachtragen, und kein Mensch kann. dann ohne weiteres sehen, ob sie echt ober unecht sind. Auch eine Verfallerklärung der schon numerierten Scheine ist nichts möglich. Erfahrungen, die man mit solchem Verfahren bei j den Franzosenränbereien im Ruhrgebiet gemacht hat, bewei-l sen, daß die D i s k r e d i t i e r u n g e i n z e l n e r Serien big Verweigerung der Annahme sämtliches