Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 64 Donnerstag, den 31. Mai
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Das Wichtigste.
" — Die französische Kammer hat die Ruhrkredit« bewilligt und PoincarS mit großer Mehrheit ein Ver
trauensvotum ausgestellt.
— P o i n c a r S wird sich zur Durchführung der Reparations- bssprechungen am 6. Juni nach Brüssel begeben.
— Im Ruhrgebiet ist die kommunistische Auf- fstanüsbewegung im Erliegen. Bochum hat wieder .Polizeischutz, der Streik ist an einzelnes Stellen schon -völlig beendet, .
Zwischen Frankreich
und England
Mit seinem letzten Sieg in der Kammer ist Poincare bescheinigt worden daß die erdrückende Mehrzahl sich mit dem Ruhrabenteuer befreundet hat; solange er sich auf die äußere Politik beschränkt, mag er schalten und walten, wie er will, Je toller er seine Soldateska an der Ruhr zu Bestialitäten und Plünderungen ermuntert, um so mehr kommt er den
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schlimmsten Instinkten seiner Nation entgegen und darf ihres i Beifalls sicher sein. Mit der Erschießung Schlageters krönte her sein Werk, und da nichts darauf erfolgte als Pro- feste, ist die Bahn für weitere Heldentaten dieser Art frei und Poincares Stellung unangreifbar. Er denkt so wenig an Nachgeben wie Millerand, der sich im Elsaß feiern läßt und in Mülhausen erklärt hat, Frankreich habe ein Pfand ergriffen, weil es nicht bezahlt worden sei; es werde dieses Pfand gegen Bezahlung freigeben, aber nicht vorher. Es fei lächerlich, wenn man Frankreich wegen dieser so einfachen und gerechtfertigten Haltung militärischer und Erobererabsichten verdächtigen wolle. Das wird dieses Frankreich mit Befriedigung erfüllen, zumal da es diese Erklärung zu deuten versteht. Die Freigabe des Pfandes ist ja an Bedingungen geknüpft, die der Aufforderung, den Mond herunterzuholen, gleichkommen, und außerdem hat der fran- szösische Ehauvinist angesichts dieser Unerfüllbarkeit die an- -genehme Gewißheit, daß ein gewisser Dariac für seine Auftraggeber am Quai d'Orsay Geheimberichte verfaßt hat, durch ^jMMM^ -
Und wer will dem Beherrscher des europäischen Festlandes in den Arm fallen, wenn er das „Provisorium" der Besetzung verewigt? Angenommen, die passive deutsche Resistenz verewige sich gleichfalls und gebe von Zeit zu Zeit Lebenszeichen in Form von Noten von sich; werden Deutschland Helfer erstehen, Helfer in einer Not, unter der die ganze Welt zu leiden beginnt? Das ist zu hoffen, wenn es auch augenblicklich noch in Nebel verborgen liegt. In Umrissi ist zu erkennen, daß anderen Staaten das französische Uebe. gewicht in Handel und Wandel Beschwerden bereitet. Abgesehen . von den kleinen, aber doch schmerzhaften Stagnationen, die für die Kohlenversorgung Hollands und Italiens die Ruhrbesetzung nach sich zieht — Dinge, die sich bei gutem Willen leicht abstellen lassen —, wird der deutsche Absatzmarkt für ausländische Rohstoffe eingeschränkt, nnd die französische Eisenindustrie könnte die englische empfindlich unterjochen. Auch Amerikas Handel wird in Mitleidenschaft gezogen. Das ist oft betont worden, und doch muß es hin und wieder erwähnt werden, um zu zeigen, daß unsere Lage doch nicht so aussichtslos schlecht fst, wie es den Anschein hat; nur kann diese, aus den Umständen sich von selbst ergebende Unterstützung von außen .noch nicht in Erscheinung treten. Es sind näherliegende Fragen vorgelagert, die aufgearbeitet werden müssen.
In erster Linie das durch Lord Curzons Rat in Fluß gebrachte Reparationsproblem und die in Angriff .genommene deutsche Note. Es hieß neulich, das Auswärtige Amt habe drei Unterhändler zur Einziehung von ^Informationen nach London abgesandt. Das wurde schleunig Zementiert, und zwar mit dem Hinzufügen, es könne keine Mede davon sein, daß England Deutschland Ratschläge er. feilen wolle. Man verwahrte sich auf englischer Seite "damit gegen den leisesten Verdacht einer Einmischung in einen zwischen Deutschland und Frankreich sich abspielenden Streit und unterstrich wieder einmal die Allianz.
Es verrät auch nichts, daß B a l d w i n von der Politik seines Vorgängers abzugehen gedenkt. Er steht noch fester lauf den Füßen als Poincare, und die Wahl seiner Mitarbeiter, unter denen MacKenna und Lord Robert Cecil bervorragen, geben die von Donar Law bereits eingeschlagene Richtung an. Ob der neue Schatzkanzler für eine Regelung ■bet, interalliierten Schulden vor Feststellung eines gegenseitigen Garantiepakts zu haben ist, steht dahin. Aber wir dürfen von diesem kühlen Rechner, der als Kenner des herrischen Finanzwesens gilt, wenigstens eine sorgfältige Er- vrterung des Zahlenmaterials der" deutschen Note erwarten. jEr wird bis an die Grenze der Leistungsmöglichkeit Deutschlands gehen, aber nicht auf den Ruin unserer Volkswirtschaft Wie Poincare hinarbeiten. Für ihn und sein Kabinett ist (deshalb das Schicksal des Ruhrgebietes wichtig, 'Sahet das der Rheinlande erregt bei England nur ein sekundäres Interesse, und das ist für Deutschland gefährlich. ^Das wurde schon in früheren Unterhaus-Verhandlungen berührt und kein Einspruch gegen die französische Besetzung von Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort erhoben. Mit d?x
MW jedoch die Franzosen ein Kompen» satiönsobjekt in die Hand bekommen, und dadurch ist ihnen ermöglicht, auf die Ruhr zu verzichten, um sich auf dem- linken Rheinufer um so fester zu behaupten, Das braucht nicht in Gestalt einer Angliederung an Frankreich zu geschehen, das ohnehin auf 15 Jahre die Rheinlande besetzt halten darf, sondern man schafft ein autonomes Rheinland unter Ober-' aufsicht des Völkerbundes. Lord Robert Cecil ist ein Protektor des Bundes, er ist seine Lieblingsidee, und wenn es sich für diese Lösung begeistern sollte, dürfte er für ein entmilitarisiertes Rheinland in weiten englischen Kreisen auf Unterstützung zu rechnen haben. Das Mandat über diesen neuen autonomen Zwergstaat würde Frankreich erhalten und dadurch an das Ziel seiner Wünsche gelangen. In diesem Falle wäre, wie üblich, auf Deutschlands Kosten ein Friede zwischen den beiden Kanalmächten hergestellt. Es soll nicht gesagt sein, daß es so kommen muß, so verzweifelt ist die Lage nicht, aber wenn die deutsche Einheitsfront weiterhin erschüttert wird und der Widerstand gegen den Feindbund geschwächt erscheint, könnten wir im Zeitalter der neuen ReMionskammer eine furchtbare Ueberraschung erleben^
Baldwins praktische Politik.
Aus London meldet Havas, daß der neue Ministerpräsident Baldwin in der Reparationsfrage eine aktivere Politik verfolgen werde als Bonar Law. Es wird betont, daß Baldwin beabsichtige, eine ganz neue und praktische Politik zur Regelung der deutschen Angelegenheiten in die Wege zu leiten. Er würde alle Anstrengungen machen, um eine s ch n e l l e R e g e l u n g in der Reparations- frage und der Frage der alliierten Schulden zustande- zubringen. Die Ernennung Lord Ceeils stehe mit dieser Haltung des Ministerpräsidenten in Zusammenhang, und man dürfe nicht überrascht sein, wenn schon sehr bald das englische Projekt für die Reparationsfrage veröffentlicht würde. Lord Cecil werde beim Völkerbund den Antrag stellen, daß die Reparationsfrage durch den Völkerbund geregelt werden soll.
Dr. <5 15 am e * . balle. _____ ffib-HeU.i »ii« ■•■■ fini. ferenz mit Lord später v§Ni' Kon^empfängen wurde. Auch Lord d 'A bernon wird in London eintreffen und ebenfalls mit bem König über die Reparationsfrage sprechen. Aus allen Meldungen läßt sich herauslesen, daß man in London nunmehr tätiger in der deutschen Frage vorgehen will als bisher. Veranlassung hierzu kann der belgische Reparationsplan gegeben haben, den man allerdings amtlich noch nicht zur Kenntnis genommen hat.
Die französischen Mhrkrediie bewilligt.
Groß eMehrh er tfür Poincare.
Die französische Kammer hat am Dienstag abend nach bewegter Debatte die Ruhrkredite gleichzeitig mit einem Vertrauensvotum für die 9tei gierung mit 505 gegen 67 Stimmen angenommen. Vorher war es zu außerordentlich lebhaften Zusammenstößen zwischen Poincare und Tardieu gekommen.
T a r d i e u erklärte sich zu Anfang seiner Rede für die Bewilligung der Ruhrkredite, tadelte aber aufs heftigste die mangelndeVorbereitung und unzulängliche Durchführung der Ruhrbesetzung und verlangte Verstärkung der Besatzungstruppen. Das R u h r g e b i e t sei das Verdun desFriedens. Die Aktion sei vollkommen berechtigt, sie müsse aber einen doppelten Zweck erfüllen: Herr des Willens des Reiches werden und Herr des Ruhrbeckens. Poincars habe unrecht gehabt, auf die Zusammenarbeit mit den Deutschen und auf deren guten Willen zu zähle n. Er wolle gern beweisen, daß man noch unter dem Regime vom 11. Januar lebe. (Poincare bestreitet das durch einen Zwischenruf.) Es sei klar, daß gewisse Erklärungen Briands im Senat die Aufgaben seiner Nachfolger nicht erleichtert hätten, worauf Dr i and erwiderte, die, bis den Feind mit seinen Fahnen hätten in die Heimat zurückkehren lassen, hätten die Aufgabe seiner Nachfolger nicht erleichtert.
Tardieu sprach alsdann über Attentate gegen die französischen Soldaten im Ruhrgebiet.
■ Poincare behauptete, jedesmal, wenn derartige Angriffe erfolgten, würde geschossen und allgemein seien auch die Angreifer getötet worden. Diese Bemerkung rief auf der äußersten Linken Proteste hervor.
Tardieu setzte seine Kritik fort und warf namentlich der Regierung vor, daß man nicht vom Anbeginn der Besetzung zur Ausbeutung des Ruhrgebietes geschritten sei. Auf die Bemerkung, daß vielleicht die Saboteure nicht streng genug bestraft seien, erwidert Poincare: Das sagen Sie amTagederHinrichtungSchlageters!
Schließlich besprach Tardieu die Beschlagnahme der Koks- und Kohlenvorräte, die nicht genug vorbereitet worden sei. Die Autorität im Ruhrgebiet habe keine Grundlage. Tardieu bedauerte, daß General De- g o ritte nicht von Anfang an die Operationen geleitet habe
und betonte, daß vor allem ein Einverständnis zwischen der Rheinlandkommission und Paris notwendig gewesen wäre. Gewisse Ordonnanzen des Generals Degoutte seien wochenlang in Paris verzögert worden.
Poincare widersprach dem mit dem Hinweis, daß im Ruhrgebiet seit Beginn der Besetzung der Belag e r u n g s z u st a n d bestehe. Die Behauptung Tardieus, daß die Ruhrbesetzung nicht vorbereitet worden sei, entspreche nicht den Tatsachen. Er selbst habe lange Monate mit den Sachverständigen gearbeitet, um einen Plan für die Ruhrbesetzung vor zubereiten. Dieser Plan sei befolgt worden. Die Regierung meine genügende Beweise ihrer Festigkeit gegeben zu haben; wenn Tardieu und seine Freunde mit der Regierungspolitik nicht einverstanden seien, sollten sie gegen die Ruhrkredite und die ^Regierung stimmen.
Am Schlüsse seiner Rede, die die Stimmung der Kammer wieder ganz zu seinen Gissten zu wenden vermochte, erklärte Poincare, daß die Regierung im Einvernehmen mit General Degoutte die Verstärkung der Be- satzungstruppen ablehne. Deutschlands Widerstand würde dadurch nicht gebrochen; dagegen würde die Mobilisierung einer Iahresklasse die französische Wirtschaft empfindlich treffen. Endlich stellte Poincar« ' Vertrauensfrage.
Wieder Ordnung
" Po chum unter Polizeischütz.
Der Kölnischen Zeitung wird aus Bochum gemeldet:
An den Straßenecken sind Anschläge der Polizeiverwal- tung folgenden Inhalts angebracht worden: „Die gesetzmäßige Polizei hat den Ordnungsdienst wieder übernommen. Jede Gewalttat wird rücksichtslos unterdrückt. Ansammlungen sind zn vermei
den. Jeder gehe seiner Beschäftigung nach." Die An- Wesenheit frischer Polizeikräfte machte sich in den frühen Morgenstunden in erfreulicher Weise bemerkbar. Die Feuerwehr und der ihr beigegebene Sicherheitsdienst fuhren in Lastautos durch die Stadt und be- WWVWWWwaren a l l e Straßen und Plätze wieder frei.
Die Gewerkschaften geben in Anschlägen bekannt, daß die organisierten Arbeiter sich von den K o m - munisten nicht zu Putschen mißbrauchen lassen sollten. Das Ziel dieser Ausstandsbewegung sei der kommunistische Staat. Mit der Wiederkehr der Ordnung ist der Streik in sich zusammengebrochen, und es ist damit zu rechnen, daß in allen Betrieben und Zechen die Arbeit wieder ausgenommen wird.
Zufammenöruch des Gireiks.
Soweit sich bisher feststellen läßt, scheint die Arbeit im Bergbau in den meisten Revieren des Ruhrgebietes am Mittwoch wieder ausgenommen zu sein. Im Dortmunder Bezirk sind 19 Schachtanlagen vollständig angefahren, 8 teilweise. Nach Ansicht unterrichteter Kreise ist anzunehmen, daß auch auf den noch streikenden Zechen, deren Zahl etwa 7 beträgt, im Laufe des Tages eine Beste- rung eintreten wird. Im G e l s e n k i r ch e n e r Revier wird durchgehend gearbeitet, bis auf einige Randzechen in den umliegenden Bezirken. Am Donnerstag nachmittag findt die Beerdigung der Opfer der großen Unruhen statt. Der gewerkschaftliche Sicherheitsdienst ruft die Be- völkerung auf, dazu auf dem bekannten großen Platz Am Markt anzutreten.
Wie Schlageter erschossen wurde.
Ueber die Erschießung des Deutschen Schlageter gibt die AgenturHavas folgendes Comniuniquä heraus:
„Der Deutsche Schlageter, der durch das Kriegsgericht in Düsseldorf wegen verbrecherischer Umtriebe, Svio- nage und Sabotage gegen Eisenbahnen zum Tode verurteilt wurde, ist heute (am 26.) bei Tagesanbruch hingerichtet worden. Der Verurteilte nahm die Nachricht, daß sein Re- visionsgesuch zurückgewiesen sei, mit Ruhe auf. Er beichtete, nahm das Abendmahl und bat um die Erlaubnis, einen , , , ,
kurzen Abschiedsbrief
an seine Familie zu schreiben.. Die Erschießung fand in einem Steinbruch statt, der hinter dem Nordfnedhof von Düsseldorf liegt. Abteilungen verschiedener Truppen der Garnison, Jäger, Infanteristen, Artilleristen und Kavalle- risten zu Fuß, gruppierten sich im Hintergrund der Senkung, welche der Steinbruch bildet. Vor ihnen eine kleine, unbe- ; mögliche Gruppe: Die Exekutionsabteilung. Auf der Anhöhe i hebt sich ein Schwärm Kavallerie mit gezogenem Säbel gegen ; die erste Morgenröte ab. Ein kurzes Kommando ertönt. Ein ■ Trommelstgnal, und die Truppen präsentieren die Waffen.: Der Verurteilte steigt aus dem Automobil, das ihn dorthin f transportierte. Er trägt einen weichen Hut und ist begleitet f von zwei Priestern und seinem Anwalt, umgeben von einer ; Iägexsbteilung. Er geht mit durch den abschüssigen.Weg b§ - -