Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 62 Sonnabends den 26. Mai 1923
Das Wichtigste.
— Poincars hat eines Konfliktes mit dem Senat halber Millerand ein Demissionogefuch unterbreitet, das dieser jedoch zurückwies.
— In Gelsenkirchen ist zum Schutz der Stadt ein Schutz aus Gewerkschaftlern aller Richtungen unter Ausschluß der Bürgerlichen gebildet wordem
— Der Reichsar beitsmini st er hat in einer halbamtlichen Auslassung auf die Bedeutung der Brot preis- «r h S h u n g bei den kommenden Lohnverhandlungen hingewiesen.
— Zu ' der Warschauer Universität ist ein schwerer Bombenanschlag verübt worden.
Wochenrückblick.
Der englische Schatzminister B a I d w i n ist zum Premierminister aufgerückt und hat damit allen denen ein? Ueber- raschung bereitet, die auf den Favoriten Lord Curzon gesetzt hatten. Am meisten soll von diesem Wechsel Curzon selber überrascht worden sein, wie man sich in London erzählt. Aber wenn er wirklich fest auf die Nachfolgeschaft für Bonar Law gerechnet haben sollte^ so ist ihm die Enttäuschung doch nicht anzumerken, und er verharrt gleichmütig auf seinem Posten als Außenminister. Stanley Baldwin ist ein Konservativer, ein Tory ohne liberale Beimischung, und seine Dr- Vermutung
Raum, daß deren außenpolitisches Schwergewicht zurzeit durch finanzielle Fragen gebildet werden und deshalb ein erfolgreicher Finanzmann bem Kabinett seine Richtung geben soll. Das drückt sich auch in dem Hinzögern der Entscheidung über die Person des künftigen Schatzkanzlers aus. Ob noch Mi- nister ohne Portefeuille in das Kabinett eintreten werden, ist zurzeit ebenso unentschieden, nur soviel scheint sicher, daß keine derartige Veränderung die Einigkeit der konservativen Partei erschüttern wird. Zugleich deutet das Verbleiben Lord Curzons auf seinem Posten an, daß Baldwin dessen Außenpolitik fortzuführen gedenkt.
Das betrifft zunächst Rußland. Ein Bruch mit Eng- land hat nicht stattgefunden und scheint einstweilen vermieden jgu sein. Die starke Sprache des englischen Ultimatum« hat gewirkt: die Sowjetregierung ist zu Kreuze gekrochen, indem ifie die beiden von der englischen Regierung beanstandeten INoten zurückgezogen, Genugtuung für die Erschießung eine« iEngländers und die Verhaftung eines englischen Journalisten zugesagt und ihre Bereitwilligkeit erklärt hat, den englischen ^Fischdampfern außerhalb der Dreimeilenzone die Fischerei zuzugestehen. Dagegen ist die englische Beschwerde über die bolschewistische Propaganda in Asien noch nicht erledigt, und Tschitscherin, der russische Außenminister, hält diesen Punkt jfür wichtig genug, um ihn persönlich in London aufzuklären, da englischerseits Beweise für eine vertragswidrig» russisch« Propaganda nicht erbracht seien. In weiten Kreisen hält man in England dies Entgegenkommen für ausreichend, um di« Aufrechterhaltung des Handelsabkommens mit Rußland zu rechtfertigen, und Baldwin kann jetzt ein« Probe feiner Staatskunst ablegen mit der Entscheidung über die künftigen Beziehungen zu Rußland.
Gefahrdrohender für den europäischen Frieden sieht es im Süd osten aus. In Lausanne kriselt es eigentlich seit der Wiederaufnahme der Verhandlungen fortwährend. Das Verhältnis von Griechenland zur Türkei hat sich zugespitzt. Me Griechen weigern sich/ Reparationen zu zahlen, und wollen ihre Schulden an die Türkei mit der Abtretung von Karageatsch, dem Brückenkopf Adrianopels an der Ma- ritza, begleichen, ein Vorschlag, der von Angora angeblich als -ungenügend, aber iinmerhin als Anknüpfungspunkt für .weitere Verhandlungen angesehen wird. Nach anderen Melangen bestehen die Türken auf ihren finanziellen Forderungen und stellen den Abbruch der Lausanner Konferenz in Aussicht. Da die griechische Regierung mittels eines UM- mahtms die Regelung der türkisch-griechischen Reparations- fxage bis Sonnabend verlangt und ein großer Teil der englischen Mittelmeerflotte nach den Dardanellen entsandt war. dem ist, kann man sich der Vermutung nicht erwehren, daß in । London die orientalische Krise nicht leicht genommen wird, und ftrlls die Lausanner Konferenz wieder einmal in die Brüch« > gehen sollte, wird dies niemand Wunder nehmen.
Beunruhigend wird auch von der russischen Botschaft in j Berlin, nach Aeußerungen von dieser Stelle, die als authen- s tisch einzuschätzen sind, die Lage für Rußiaich angesehen und ^deshalb für „besonders ernst', weil einige seiner west» slichen Nachbarstaaten neu« militärisch, In- 'Me«ytton«, SegenAißland ginnten, zu deren Durch
führung ein Bruch zwischen Rußland und England den entscheidenden Anstoß geben könnte. Dieser Bruch ist zwar vermieden, aber jeder andere Krieg, in den Rußland verwickelt wird, birgt dieselbe Gefahr, sich zu einem Weltkrieg auszu- wachsen, und deshalb sind die Reisen der französischen Generale in Polen, Tschechien, Rumänien und die damit verbundenen Konferenzen mit Besorgnis verfolgt und nicht gerade als Friedensversicherungen aufgefaßt worden.
Die Besprechungen über ein neues deutsches An- gebot sind nach kurzer Unterbrechung fortgesetzt worden. Es verdient bemerkt zu werden, daß in Londoner Kreisen die Lesart umläuft, es werde mit starkem Druck auf Frankreich eine interalliierte Besprechung angestrebt, und zpar soll bei König der Belgier den Anstoß dazu gegeben haben. (Einfluß aus die Stimmung in Deutschland haben derartige Gerücht« kaum. Der Rückgang der deutschen Ausfuhr von 10 aus 3,62 Milliarden im Jahr, das Steigen des Brotpreises, die zunehmende Teuerung, der unheimliche Marksturz und bis Putsche im Ruhrgebiet verdunkeln einstweilen die Aussicht auf Besserung, und wenn etwas unsere Hoffnung auf Ent- wölkung des Horizonts beleben kann, dann ist es nur das Ausharren der Ruhrbevölkerung, die sich dem äußeren Feind nicht beugt und auch mit dem inneren Feind fertig werden wird, der mit Landesverrat und Landfriedensbruch vergeblich die Ruhrfront berennt. . Xxx
Gewerffchafisfchlch
in Gelsenkirchen.
____Nuhe in Gelsenkirchen ist, wie von zu- ständiger Seite mitgeWM —«&,.■-«» WMOWWKWWM»^ hergestellt worden. Auf Veranlassung und unter Mit- beteiligung der Stadtverwaltung ist in Gelsenkirchen eine Notorganisation gebildet worden, die den Sicherheitsdienst übernimmt. Diese Organisation besteht im wesentlichen aus Angehörigen der Gewerkschaften aller Richtungen, die den Straßendienst bereits übernommen haben und gegen Plünderungen einschreiten. Immerhin ist die Lage nach wie vor e r n st, da die staatlichen Machtmittel durch die Ausweisung und Verfolgung der polizeilichen Organe durch die Franzosen stark vermindert worden sind. Auch die Streikgefahr besteht weiter.
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Ueber die Bildung des Gewerkschaftsschutzes verlauten die folgenden Einzelheiten: Nach der Aufreibung des Selbstschutzes war die Stadt völlig schutzlos dem Gesindel preisge- geben. Unter diesen Umständen ergriffen die freien Gewerkschaften die Initiative. Sie setzten sich mit den übrigen Gewerkschaften in Verbindung und ersuchten den hiesigen Oberbürgermeister um Verhandlungen zur Uebernahme des Schutzes der Stadt durch die Gewerkschaften und zwar, wie die Kommunisten verlangten, unter Ausschluß des Bürgertums. Nach den ergebnislos geführten ersten Verhandlungen wurde bei ihrer Fortsetzung im Rathaus das obenstehende Ergebnis erzielt. Bei den Verhandlungen erklärte der Oberbürgermeister, daß der neue Sicherheitsdienst unter keinen Umständen das Recht habe, irgendwie in die Preisgestaltung der Lebensmittel einzugreifen. Er habe vielmehr nur die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten.
Bei den Abmachungen im Rathaus war auch vereinbart worden, daß bis zur Uebernahme des Sicherheitsdienstes durch die vier Gewerkschaften die K. P. D. für die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt sorgen sollte. Die D e r p f l e - gungskosten trägt die Stadt.
Nachmittags fand auf der Wiese eine allgemeine Der- sammlung statt, die von einer unübersehbaren Menge von Arbeitern besucht war. Hier wurde das Ergebnis der in Rathaus getroffenen Vereinbarungen bekanntgegeben. Sie Uebernahme des Sicherheitsdienstes durch die Arbeiter würbe von der Menge gutgeheißen.
Die „billige Einkaufsgelegenheii" besteht weiter.
In Gelsenkirchen sind am Freitag erneut Lebensmittelgeschäfte geplündert worden. Die Inhaber wurden wieder gezwungen, ihre Läden zu öffnen und zu herabgesetzten Preisen zu verkaufen. Dichtgedrängte Mengen von Frauen mit Körben stauten sich vor den Türen. —
In den Krankenhäusern befinden sich sieben Tote. Zwei davon gehören dem bürgerlichen Ordnungsdienn an. Von den zahlreichen Verletzten schweben fünf >n Lebensgefahr. Ob sonst noch Personen getötet worden sind, konnte nicht festgestÄlt werden. j k
planmäßige Hehe im ganzen Ruhrgebiet.
Es zeigt sich jetzt, daß die Ereignisse, die die Stadt Gelsenkirchen nach der Vertreibung des Selbstschutzes der Bürgerschaft vollständig in die Hand der Kommunisten gebracht haben, der Vorläufer der allgemeinen Welle waren, welche planmäßig über das ganze Ruhrgebiet Hinweg- betragen wird. Die Kommunisten arbeiten überall mit denselben Mitteln; sie nutzen die Unzufriedenheit und die neue Teuerung aus, stoßen gegen die Lebensmittelgeschäfte vor und hetzen die Bergarbeiter in den Streik, zu dem sie nötigenfalls durch den bekannten Terror einfach gezwungen werden.
Der Freitag zeigte überall im ganzen Ruhrgebiet das- -elbe Bild. Im Dortmunder Bezirk dürfte der Streit, namentlich auf den Zechen, ziemlich allgemein sein. In 6 o ch um wurde erneut der Versuch gemacht, den Markt zu Kündern. Eine Anzahl Verkaufsstände wurde umgeworfen. Her Tumult dauerte an, bis die Feuerwehr erschien, das Gesinde! vertrieb und Verhaftungen vornahm. In Essen land auf dem Burgplatz ebenfalls eine große Versammlung statt, in der die Massen von den radikalen Führern aufgehetzt wurden. Zwischen der Menge sind bereits kommunistische Sturmtrupps festgestellt worden. In Gelsen- kirchen streiken die.meisten Zechen, Hibernia und Alma. Rhein- Elbe ist zunächst noch eingefahren, mußte aber bereits einen Teil der Arbeiter als Werkschutz über Tage behalten, da die Kommunisten die Leute unter unerhörten: Terror aus den Gruben holen.
Demissionsgesuch poincares.
Von Millerand abgelehnt. — Mißglückte! Theaterdonner.
Aus Paris wird gemeldet: Der als Staats- nach dreieinhalbstündtger Beratung in Sachen des kommunistischen Abgeordneten Cachin und Genossen für unzuständig erklärt. Der Beschluß wurde mit dreißig Stimmen Mehrheit gefaßt. Ministerpräsident Poincare berief daraufhin auf 8 Uhr einen Kabinettsrat ein. Um 8 Uhr 30 Min. begab sich das Ministerium ins Elhsöe und reichte seine Demission ein mit der Begründung, daß es den Beschluß des Senats als ein Mißtrauensvotum auffasse, durch das die Regierung außerstand gesetzt werde, der kommunistischen Machenschaften Herr zu werden. Wie Havas mitteilt, hat der Präsident der Republik sich geweigert, die Demission des Kabinetts anzunehmen.
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Havas verbreitet über die durch die Entscheidung des Senats geschaffene Lage folgende, offenbar beeinflußte Mitteilung: Wenn Präsident Millerand die Demission Poincares abgelehnt hat, geschah dies, weil die allgemeine Politik der Regierung keineswegs kompromittiert ist. Der Senat hat sich in seiner Eigenschaft als Staatsgerichts. Hof bei seinem Beschluß gestern nachmittag ausschließlich auf den Rechts stand punkt gestellt, und seine Abstimmung kann und soll keinerlei politische Rückwirkung haben. Es habe sich lediglich darum gehandelt, festzustellen, daß das Verfahren gegen die Kommunisten vor dem Geschworenengericht stattfinden solle. Es sei vorauszusehen, daß in ganz kurzer Frist der Senat auf dem Wege einer Interpellation über die Politik des Kabinetts berufen fein werde, Poincarö gegenüber feine Haltung zum Aus- druck zu bringen: Dieses könne niemand zweifelhaft erscheinen. Am Abend sei das Gerücht im Umlauf gewesen, daß wegen der durch den Beschluß des Staatsgerichtshofes geschaffenen Lage Präsident Millerand beschlossen habe, seine Reise in die Provinz und nach Elsaß-Lothringen aufzu- schieben. Dieses Gerücht sei nicht zutreffend, denn, da das Kabinett im Amt bleibe, werde im Programm der Reise keine Veränderung eintreten. Millerand werbe zur festgesetzten Zeit abreisen.
„Eine hübsche Ohrfeige".
Ere Nouvelle sagt: „Niemals hat eine Regierung von einer als Staatsgerichtshof zusammengetretenen Versammlung eine hübschere Ohrfeige bekommen als die, mit der der Staatsgerichtshof gestern Poincare bedachte. Der Senat, bei nicht spaß: wenn seine Würde in Frage kommt, hat nicht zu- gelassen, m ß die Anklage, die sich allein auf Presse und Pol tU stützt, ihm überwiesen wird. Er hat die Bezeichnung „Anschlag auf die innere und äußere Sicherheit des Staates" fu, übertrieben gehalten und der Regierung zu verstehen gegeben, daß er nicht plumpen politischen Kombinationen dienstbar sein will. Das Ansehen Poincarss ist, schwer getroffen und seine moralische Autorität scheint z stark kompromittiert. , , £
„Oeuvre" schreibt, Poincare habe dem Senat gesagtes Wählt zwischen mir und der Justiz! Der Senat habe d i«b Suffix gewählt, er habe aber außerdem auch HerrnL Poincare behalten, nach einer kleinen Komödie, uberR die niemand sich täusche und die nur dazu gedient habe, eine^ Haltung der Regierung zu unterstreichen, von der das Blatt. sagen inüßte, daß sie nur lächerlich sei. _ J»