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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Sienstaa. Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1200. Mt., für Sersfeld 1000 Mk.. Abholer 900. Mt. / / Anreisen preis für die einspaltige Detitreile ober deren Raum 80. Mt., für auswärts 100 Mt., die Reklame-eile 200. Mt. / / Druck und Verlas von Ludwig Funks Buchdruckerei in Sersfeld, . Mitglied des Vereins Deutscher ZeituagS-Derleser. / / Für dir Schriftleltung verantwortlich Franz Funk in Sersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 55 Dienstag, den S. Mai 1923

Das Wichtigste.

" Die Antwort Poincare s, die auf eine Ablef nung des deutschen Angebots hinausläuft, ist dem deutschen G schäststräger in Paris übergeben worden.

Im preußischen Landtag kam es infolge der koa monistischen Obstruktion zu noch nicht dagewesene Lärmszenen. ' Kommunisten wurden ausge geschlossen.

Der Banknoten Umlauf der Reichsbank hat su ^. der Berichtswoche um 4 4 9.9 Milliarden Mark erhöh!

Das letzte Wort?

Der Bureaudiener, der den Papierkorb des Quai d'Orsa KU leeren pflegt, wird erstaunt gewesen sein, ihn nach klebe: Eichung der deutschen Note ohne Inhalt vorzufinden. Dq Unbeschreibliche, hier ist's getan: Poincare hat, entgegen seine Gepflogenheit, die Note einer Antwort gewürdigt Das ist schon etwas, aber noch bemerkenswerter erscheint di Art, wie er sich seiner Aufgabe entledigt hat. Wir müssen um vergegenwärtigen, mit wem wir es zu tun haben: mit einen Advokaten, einem Meister in der Silbenstecherei,' einem Vir snosen in der Verdrehungskunst, mit der Gabe ausgestattet stur das zu hören, was er hören will. So oorbereitet, werder wir seine dem deutschen Geschäftsträger in Paris überreichst Gnfgegnungsnote verstehen.

Um es vorweg zu sagen, sie läuft auf st a r r e A b I e h gung der deutschen Vorschläge und Darlegung gen hinaus, aber sie ist sehr lang, und man ist versucht darauf Heinrich Heines Spottverschen anzuwenden:. . . ein u kleines Manuskript. Man schreibt nicht so ausführlich, wenr man den Abschied gibt." Indessen, unsere Lage ist nicht zum marS an. gedeihen läßt, fordert mehr die Entrüstung heraus. Schon dir Behauptung, es sei nicht richtig, daß keine der von Frank­reich und Belgien ergriffenen Maßnahmen in Ver- kennung des Versailler Vertrages erfolgt sei, schlägt den Tatsachen ins Gesicht. Es ist unvergessen, daß z. B. die Ruhrbesetzung von der englischen Regierung äls Vertragsverletzung angesehen wurde; doch würde es zu weit führen, diese Verletzung und andere an Hand des Vertrages nachzuweisen. EineUnverschämt- heit sondergleichen es gibt keine andere Bezeich­nung dafür, ist die Erklärung, die Pfandnahme (Ruhr- gebiet) sei ohne die geringste Gewalt seitens Belgiens und Frankreichs erfolgt. Glaubt denn Herr Poincare, die von feiner Soldateska verübten Bestialitäten und Ermordungen, die Plünderungen und Raub üb erfülle seien unbekannt geblie­ben? Nein, keine Lügenpropaganda Frankreichs kann diese /Untaten aus dem Gedächtnis der Menschheit vertilgen. Dann versucht er, die Schuld dem passiven Widerstand der Regierung allein aufzubürden; er kennt entweder die deutsche Mentalität nicht oder er lügt. Organisiert wurde der Widerstand, das ist richtig, aber doch nur, um ihn in den Schranken der Passivität zu halten. Ohne dieses Eingreifen der Regierung wäre die Bevölkerung zur blutigen Notwehr des Klein­krieges übergegangen, und unsägliches Unheil wäre über das unglückliche Gebiet hereingebrochen ohne das von Berlin aus veranlaßte Bremsen. Von demselben Kaliber ist die Unterstellung, die Regierung habe Streike, systemati - sche Konflikte, Angriffe, Sabotage und Ver­gehen gegen das gemeine Recht provoziert. Wenn irgendwo, dann trifft hier die Geschichte vom Schafe zu, das dem Wolfe das Wasser trübt.

Die finanziellen Auseinandersetzungen über die belgi­schen und französischen Reparationsforderungen sind auf­fallend langatmig- und es scheint in ihnen der K e i m von Perhandlungsmöglichkeiten zu stecken. Bei diesem Punkt wird jedoch auch die deutsche Anregung kriti­siert, wonach eine internationale Kommission mit der Feststellung der Zahlungen und ihrer Modalitäten befaßt werden soll. Poincare stellt sich so an, als ob dadurch eine Unsicherheit geschaffen werde, dieeine jede ernste Schätzung des Gegenwertes des Angebots unmöglich mache". Unmöglich sind für Deutschland die französischen Forderungen und vermutlich schließen sich dieser Ansicht auch die anderen -Ententemächte an. Kommt es zu einer Konferenz, so wird die ^von Poincars mit Gruseln betrachtete internationale Kom- amiffion nicht nur die Unterlagen für das bisher von Deutsch- land Geleistete, sondern auch für den Grad seiner künftigen Leistungsfähigkeit mit allem gewünschten Zahlenmaterial erhalten.

Die Kommission liegt den Franzosen schon jetzt in den Gliedern, das zeigt sich auch in dem Festklammern an den Nachgerade in Verruf geratenen Reparationsausschuß, der

Mrch die Kommission üllsgeschältet werden würde, und was gegen sie schon jetzt vorgebracht wird, wo sie noch gar nicht in die Erscheinung getreten ist, klingt wie ein vielsagendes Miß­trauensvotum.

Liest man die weiteren Ausführungen der Antwortnote über die finanzielle Lage Deutschlands, so er- scheint sie in rosigem Licht, und von den Versuchen, die deutsche Währung zu stabilisieren, hat man in Paris offenbar nichts vernommen. Dagegen wird das Verhalten Deutschlands zur Neutralität Belgiens im Jahre 1914 als Vertragsbruch angemerkt. Ueber diesen Punkt zu diskutieren, wäre für unsere Unterhändler leicht. Die belgischen Archive haben über die belgischeNeutralität" so viel Belege geliefert, daß wir einer Aussprache mit gutem Gewissen entgegengehen können.

Die Aussichten auf eine Verständigung sind trübe. Poin- carS hat so viel vorgeschlagen, daß der Gedanke nahe liegt, er wolle sie von vornherein vereiteln. Anlaß dazu entnimmt er aus der von Cuno verlangten Räumung der Ruhr, die von Poincars zu denfriedlichen Sanktionen" rechnet, auf die Frankreich nicht verzichten kann. In anderen Ententestaaten ist man über die Ruhrsanktion anderer Ansicht und würde damit nicht hinter dem Berge halten, Grund genug für die französische und belgische Regierung, den Bogen zu überspannen.

Nur widerwillig hat man sich überhaupt zu einer Beant­wortung der Note bequemt ustd möchte die Einmi s ch un g anderer Mächte vermeiden. Aber jetzt beginnt sich England zu regen. Schon vor einigen Tagen befürchteten maßgebende englische Kreise, die «mals noch nicht bekannte französische Note könnte englische Interessen schädigen, und die Frage, ob die Absendung einer gemeinsamen Note an Deutschland möglich sei. Poincars hat die Frage kurzerhand nach seiner Weise gelöst und seine Entscheidung 0hne Cin­ner n e h m e n mit den G a r a n t i e m ä ch t e n von Versailles gelöst. Jetzt heißt es, England werde keine Repa- rationsregelung anerkennen, die "inseitig von Frankreich ge­troffen werde. Unterstützung dieses Widerstandes findet die erblicken in dem deutschen Angebot keine geeignete Grundlage zur Verhandlung, aber wenigstens die M ö g l i ch k e i t zu einer Anknüpfung. Poincare wird diesen Wink verstehen-und eine seiner advokatorischen Hintertüren öffnen müssen, um den Anschluß zu erreichen. Das kann er um so leichter, als Deutschland bei seinem Angebot seinen guten Willen offen­bart und lediglich Lord Curzons Rat befolgt hat. Im Laufe dieser Woche werden wir Aufklärung durch die für die Parla­mente angesagten Reden der verschiedenen Staatslenker er­halten, und inzwischen Gelegenheit erhalten, die Meinungs­äußerungen der ausländischen Presse zu sichten. So weit die englische in Frage kommt, scheint das Verdikt über die Note des deutschen Reichskanzlers zu lauten:Nicht schuldig, aber, tun Sie es nicht wieder!" nd.

Pointars lehnt ab.

Der Wortlaut der französischen Antwortnote.

Die Antwort Frankreichs auf das deutsche Angebot ist Sonntag abend dem deutschen Ge­schäftsträger in Paris, Botschaftsrat von H 0 e s ch, überreicht worden. In der Note heisst es:

Die belgische und die französische Regierung können eine große Anzahl der von der deutschen Regierung gemach­ten Bemerkungen nicht durchgehen lassen, ohne ihnen zu widersprechen. Einerseits ist es nicht richtig, daß irgendeine von Frankreich und Belgien ergriffene Maß­nahme in Verkennung des Friedensvertrages von Versail­les erfolgt ist, andererseits stehen die heute von Deutschland »emulierten Borschläge in mehreren Punkten im Wider- pruch mit diesem Vertrage. In Ausführung des Vertrages haben Frankreich und Belgien Pfänder genommen. Entgegen der Behauptung der deutschen Regie­rung ist diese Pfandnahme

ohne die geringste Gewalt seitens Belgiens und Frankreichs erfolgt, unb wenn es nur von diesen beiden Mächten abhängig gewesen wäre, hätten sie sofort im Ruhrgebiet eine Zusammenarbeit zwischen den deutschen Industriellen, Ingenieuren und Arbeitern und den französischen Industriellen, Ingenieuren und Arbeitern ermöglicht. Es ist nicht die Bevölkerung, sondern die deutsche Regierung, die den Widerstand gewollt und organi­siert hat. Während der Friedensvertrag von Versailles formell bestimmt, daß Deutschland nicht das Recht hat, eine Sanktion, wenn sie nach Feststellung einer Verfehlung durch die Reparationskommission erfolgt, als einen Akt der Feind­seligkeit anzusehen, hat die deutsche Regierung nicht nur Streiks von Beamten provoziert, sondern einen allge­meinen systematischen Konflikt, Angriffe, Sabotage uttb Vergehen gegen das gemeine Recht. Die belgische und die französische Regierung können keinen -rutschen B 0 rs ch l a g in Berücksichtigung ziehen, solange dieser Widerstand fort­gesetzt wird. Die französische und die belgische Regie­

rung müssen hinzufügen, daß, die jetzigen VoMstäge Deutschlands in mehrerer Hinsicht

vollkommen unannehmbar

sind. In erster Linie stellen die tatsächlichen Ziffern nur ein Viertel der Summe dar, die die Reparations­kommission festgesetzt hat. Frankreich und Belgien haben wiederholt erklärt, und sie sind gezwungen, es hier nochmals zu sagen, daß sie die H e r a b s e tz u n g i h r e r e i g e n e n Forderungen nicht annehmen können. Sowohl Frankreich als auch Belgien, einem Opfer der zynischsten Verletzung der Verträge, würde die angebotene Summe bis jetzt nicht gestatten, ihre verwüsteten Gebiete wiederaufzu- bauen. Also während die von den deutschen Heeren während vier Jahren besetzten Gebiete bis ins Unendliche verwüstet blieben, würde Deutschland fortfahren, im Ruhrgebiet und anderwärts neue Fabriken, Hochöfen, Häusergruppen, Wege und Eisenbahnen zu bauen. Diese Ungerechtigkeit sind Bel- gien und Frankreich entschlossen, nicht zu dulden. Das An- gebot von 30 Milliarden, das die deutsche Regierung ge- macht hat, enthält übrigens nach einem von der deutschen Regierung selbst gebrauchten Ausdruck eine gewisse Elastizität, und es würde Deutschland leicht sein, sie wieder zur Diskussion zu stellen. Tatsächlich handelt es sich bei den deutschen Vorschlägen nur um eine nominelle und

scheinbare Summe von 30 Milliarden.

Der tatsächliche Betrag rechnet erst vom 1. Juli 1927, unt das für eine Summe von nur 20 Milliarden Mark. Deutsch, land verlangt also ein vollständiges Morato- riüm von zunächst 4% Jahren, gerechnet vom 1. Januar 1923, dem Tage, an dem der Londo- ner Zahlungsplan von der Reparationskommission wieder in Kraft gesetzt worden ist. Die Summ, von 20 Milliarden ermäßigt sich übrigens noch beträchtlich, weil bis zum 1. Juli 1927 die Zinsen von dem Betrag der Anleihe genommen werden sollen. Wenn man einen Diskont von <> Prozent rechnet, so sinkt der augenblickliche Wert der 20 Milliarden also auf 15 M:l- l i a r d e n 820 M i 11 i 0 n e n herab. Als Gegenleistung 8WWMU i>MWMMWWWWWWMWMWWWWW^!»vM'nsMO^ unzulängliche Vorschläge beansprucht die deutsche Regierung, daß der Ausgangspunkt der Verhandlungen fein müsse, daß der

Status quo ante des Friedensvertrages

wiederhergestellt wird. Und in Anwendung dieser allge- meinen Bestimmung verlangt es namentlich, daß die neuer­dings in vollem Einvernehmen mit dem Ver- sailler Vertrag besetzten Gebiete (!) geräumt werden, daß die in den Rhein landen von der Rheinlandkom- mission zur Sicherung des Versailler Vertrages ergriffenen Maßnahmen zurückgezogen werden, daß die wegen Ver- letzung der regelrecht erlassenen Ordonnan­zen verhafteten und ausgew iesenen Deut- 1 ch e n befreit und in ihre Wohnstätten und Dienststellen wieder eingesetzt werden. Die belgische und die fran­zösische Regierung haben beschlossen, dre neu besetzten Gebiete nur nach Maßgabe und im Verhältnis der geleisteten Zahlungen zu räumen. An diesem Beschluß haben sie n i ch t s zu ändern. Sie können im übrigen nicht die Bemerkung unterlassen, daß die deutsche Note von Anfang bis Ende nur der kaum verhehlte Ausdruck einer

systematischen Auflehnung gegen den Vertrag

ist. Dies würde schließlich notgedrungen zur v 0 l l k 0 m me - nen und endgültigen Zerstörung dieses Ver­trages führen, dies würde sogar zu einer moralischen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Revanche' Deutschlands führen. Unmittelbar nachdem die Botschafter- konferenz noch einmal einmütig festgestellt hat, daß Deutsch- land seine Verpflichtungen nicht erfüllt, sollen Frankreich und Belgien auf die friedlichen Sanktionen (I) verzichten, die zu ergreifen Deutschland sie gezwungen hat. Die Reparationskommission soll desavouiert und aufgehoben aber bis zur Ohnmacht eingeschränkt werden. Auch für die Reparationsftage soll nicht mehr, wie es der Versailler Der- trag vorgesehen hat, eine Kommission zuständig sein, deren Entscheidungen zu befolgen Deutschland sich verpflichtet hat. Sie soll vielmehr internationalen Kommissionen unterbreitet werden. Belgien und Frankreich sollen ihre Pfänder aus der Hand geben. Sie sollen der Gewalttätigkeit der deut­schen Reqirrungsbeamten ausgesetzt (!) bleiben, und als Ge­genleistung für alle diese Opfer würden ihnen noch einmal ein paar auf Papier geschriebene Worte gegeben werden.

Verstimmung in London.

Die öffentliche Meinung und die politischen Parteien Englands haben, wie derB.-Z. am Mittag" aus London gedrahtet wird, den Entschluß der französischen und der belgischen Regierung, Berlin eine Antwort zu erteile«, bevor die Frage geklärt werden konnte, ob es möglich sei. eine gemeinsame Note aller Alliierten aufzusetzen, al» : eine rücksichtslose Bcrlet, ung englisches ?«te«essen und eine persönliche Brüskierung eS - n glis ch e » A u ss e n m i n i st e r s ausgenommen* Mn M der Aufafsung, dass das Kabinett spätestens «W