Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 49 Dienstag, den 24. April 1923
Das Wichtigste.
— Wie verlautet, wirb die Reichsregierung unter gewissen Voraussetzungen in einer Kollektivnote an die Signatar möchte von Versailles ein festumrisse- nes Reparationsangebot machen.
— Beim Reichskanzler haben Besprechungen mit den Spitzengewerkschaften über die allgemeine Wirtschaftslage ' stattgefunden.
— Die Reichsbank hat ihren Diskoutsatz von 12 auf
18 Prozent erhöht. „ . 1
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Am Wendepunkt?
Die Starrheit der politischen Lage beginnt sich zu lösen, Nach der Reichstagsprogrammrede des Außenministers Dr, v. Rosenberg spann der Abgeordnete Stresemann den Faden weiter, um nach der Oberhausrede Lord Curzons auch diesem in Berlin in einer Versammlung der Deutschen Volkspartei zu antworten. Diese vier bedeutungsvollen Kund^ gedungen haben Poincare die Möglichkeit gegeben, von dem Piedestal der Unnahbarkeit herabzusteigen und als Mensch mit Menschen zu sprechen. Aber vorläufig verharrt er bei Kriegerdenkmalsenthüllungen mit mehr Rhetorik als Verständnis für die Wirklichkeit auf dem alten Standpunkt der Verneinung. Doch «auch für ihn wird die Stunde schlagen, wo ihn die Verhältnisse, nachdem sie einmal in Fluß geraten sind, auf den Boden der Verhandlung versetzen.
Es macht sich die Meinung geltend, besonders in England, daß der Augenblick gekommen sei, wo Deutschland ein positives Angebot an die (Ententemächte in ihrer Gesamtheit, nicht etwa an Frankreich, machen muß, und die deutsche Regierung hat demgemäß die Curzonsche Rede als eine wichtige politische Tatsache, die die bisherige Situation nicht unwesentlich beeinflussen könnte, bewertet. Also anders, als es die französische Presse getan hat, die dem britischen Außenminister die kalte Schulter zeigt. Worin dies "MÄen Grund hat, ist ünfchwev zü err Paris umstellen, wenn man überhaupt
auch nur einen Schein-
erfolg aus der Ruhraktion herausziehen will. Es ist kein Ge
Heimnis, daß Curzon kurz vor seinem Auftreten im Oberhaus einen französischen Badeort aufgesucht und von dort aus einen regen telegraphischen Verkehr mit London gepflogen hat; seine Badereise war also weniger der Gesundheitspflege als der hohen Politik gewidmet, und den Niederschlag dieser Beschäftigung, an der französische Persönlichkeiten beteiligt gewesen sein dürften, finden wir in seiner Erklärung. Sie läßt der deutschen Widerstandsfähigkeit Gerechtigkeit widerfahren, was erheblich von dem von Poincare angeschlagenen Kriegervereinston absticht und indirekt wie ein Hinweis auf „Knigges
Umgang mit Menschen" wirkt.
Im großen ganzen enthält sich der britische Staatsmann aller Wendungen positiver Art; aber er läßt -zwischen den Zeilen lesen, wenn er einfließen läßt, die britische Politik lasse die Regierung in der Stellung, wo sie jeden Tag oder jede Stunde wirksam intervenieren könne. War seine Kritik über die deutschen Reichstagsverhandlungen von einer wohltuenden Objektivität getragen, so enthält die Anspielung auf eine sofortige Interventionsmöglichkeit doch eine Spitze gegen einen Ungenannten, und wo der zu suchen ist; läßt sich aus der Haltung der Pariser Presse entnehmen.
Dieses halbe Entgegenkommen gegen Deutschland darf aber nicht vergessen lassen, daß ein Engländer gesprochen hat, der nur englische Politik treibt und es am liebsten sehen würde, wenn die deutsche Regierung sich zu Verhandlungen mit Frankreich bereit erklärte. Abg. Stresemann witterte in der Rede Curzons einen Agenten d ienst, und zwar zuungunsten Deutschlands, und verlangte als Vorbedingung einer Verhandlung die feierliche Zusiche- rung, daß Deutschlnd wieder in den freien Besitz seiner Autorität gesetzt werde, mit anderen Worten den Abzug der Franzosen aus dem Ruhrgebiet. Darüber herrscht erfreuliche Einigkeit in allen deutschen Parteien. Auch in der Ausschußsitzung des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes trat dies klar zutage. Wir wollen verhandeln, aber als freies Volk mit unverletzter Souveränität und nicht mit Frankreich allein. Wenn auch die Vereinigten Staaten von dem Plane, eine internationale Wirffchaftskonfe- renz von sachverständigen. Finanzleuten zu berufen, zurzeit abgekommen sind, so hat Curzon diesen Plan doch erwähnenswert gesunden, aber er weiß auch, mit welchem Unbehagen ; Poincare einer internationalen Finanzkommission gegenüber» j steht. Sie würde nicht nur Licht über die bisherigen Leistungen Deutschlands verbreiten, sondern auch die Schädigungen, die der Ruhrüberfall der deutschen künftigen Finanzlage zu gefügt hat, beleuchten. Dann wäre auch die Zeit des Diktats normet, und wenn es zu einer Slbffimmung über die Repr» , Ssttonen käme, würde der Anteil Frankreichs von diesem u»
parteiischen Finanzgerichtshof ziemlich mager bemessen werden.
Welches Interesse England an dem Ausgang der Ruhr atkion in wirtschaftlicher Hinsicht hat, ist von Curzon nichi gesagt worden; er widersetzt sich bloß der Annexion des Ge biets und der Zerstückelung Deutschlands. Aber der Reichskanzler vr. C u n o hat bei einer Unterredung mit der Schriftstellerin Karin Michaelis ben Finger auf diesen Punkt gelegt, indem er äußerte:
„Wenn Frankreich das Ruhrgebiet erwirbt, würde es die drei- und vierfache Stahlproduktion Englands erreichen."
Das ist letzten Endes der Angelpunkt der englischen Politik und ausschlaggebend für jeden Engländer. Aber auch für Deutschland, und das gibt uns einen Rückhalt für alle kommenden Verhandlungen, mögen sie in London oder in einem neutralen Lande vor sich gehen.
Vor einem direkten Angebot.
Kollektivnote an die Signatarmächte des
Verfailler Vertrages?
Halbamtlich wird mitgeteilt: Die Reichsregierung betrachtet die Rede Lord Curzons als eine wichtige politische Tatsache, die die bisherige Situation nicht unwesentlich beeinflussen könnte. Die Reichsregierung ist in Erwägungen darüber eingetreten, welche Folgerungen sich hieraus ergeben.
Wir erfahren dazu noch: Selbstverständlich finden in der Wilhelmstraße dauernd Besprechungen statt, in denen man sich mit Curzons Rede beschäftigt. Für die Regierung iommen vorläufig drei Wege in Frage:
1. Eine Erwiderung" des Reichskanzlers oder Reichsaußenministers vor dem Plenum des Reichstages.
2. Eine offizielle Verlautbarung durch W.T.B.
machte des Versailler Vertrages, in der ein fest Umrissen er Dorsch lag enthalten sein soll. In dieser Note würde das aufrichtige Interesse der deutschen Regierung bekundet werden, über die Reparationsfrage zu verhandeln. Außerdem würde man auf die Schlußworte Poincares in feiner vorletzten Rede eingehen, in der er über Sicherungen und Reparationen sprach. Me deuffche Regierung wird sich noch einmal ausdrücklich bereit erklären, Reparationen zu leisten und Sicherheiten zu geben, wie das bereits des öfteren geschehen ist.
In politischen Kreisen neigt man der Ansicht zu, daß die Regierung sich entschließen wird, den dritten Weg zu gehen, da er mehr Erfolg versprechen dürfte als lediglich eine Verlautbarung durch W.T.B. oder eine Erwiderung der leitenden beutfchen Staatsmänner vor dem Plenum des Deutschen Reichstages. : .
Separation und Sicherheit!" Poincares Antwort an Rosenberg. — Das „erfundene" Angebot.
Poincare hat am Sonntag anläßlich einer Denkmalsenthüllung in V o i d (Lothringen) eine politische Rede gehalten, in der er u. a. erklärte:
Wir sind in das R u h r g e b i e t eingezogen, um unsere Schuldforderungen zu sichern, von denen Deutschland loszukommen trachtete. Wir haben uns nicht in feindseliger Absicht dort eingefunben. Weit davon entfernt, hätten wir gewünscht, uns an Ort und Stelle mit Industriellen und Arbeitern ins Einvernehmen zu setzen, damit die Ausbeutung der Bergwerke zu Reparationszwecken unter Aufsicht der Verbündeten vorgenommen werde. Das von der Reichsregrerung ausgegebene Losungswort und der allgemein organisierte Widerstand sowie die systematischen Streiks der Beamten haben uns gezwungen, den militärischen Charakter unserer Operationen zu verschärfen und auf Deutschland einen steigenden Druck auszuüben, um es zur Respektierung des Versailler Vertrages und zur Aus- führung seiner Verpflichtungen zu bewegen. Der deutsche Außenminister behauptet, daß wir ohne ernsthaften Grund in das Ruhrgebiet gegangen seien und daß wir im Januar 1923 ein den gesamten Verbündeten gemachtes Angebot von 30 Milliarden Gold- mark zurückgewiesen hätten. Dieses nachträglich erfundene Angebot ist niemals erfolgt."
Die Bedingungen für eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich hätten sich nicht geändert. Sie beständen nach wie vor in Reparationen und Sicherheit. Frankreich habe sich seit drei Jahren erschöpft, um die zerstörten Gebiete wieder aufzubauen. Cte wolle dieses Geldopfer, das Deutschland leisten sollte, nicht länger fortsetzen.
Stresemann zur Curzon-Rede.
Die Arbeitsgemeinschaft Groß-Berlin der Deutschen Volkspartei verunstaltete am Sonntag zum Besten des deut, schen Volksopfers eine Kundgebung für Rhein und Ruhr, in deren Verlauf Dr. Stresemann eine Ansprache hielt, die sich mit der Rede Lord Curzons beschäftigte.
Stresemann führte u. a. aus: Wir dürfen es als den ersten großenErfolg des Widerstandes an der Ruhr buchen, daß er uns die Achtung in der Welt wiedergewonnen hat. Es gibt keine Rheinland frage für Deutschland. Die Rede Lord E u r z o n s ist eine politische Tatsache, an der die deutsche Regierung nicht vorübergehen wird. Aber wir müssen uns darüber klar sein: die Summe, die Deutschland ausbringen kann, wird umstritten sein, über sie sollen die Sachverständigen verhandeln, aber unter Voraus, setzung der Souveräniät Deutschlands, des deutschen Rheins, der deutschen Ruhr und des deutschen Saargebiets. (Stür- Mischer Beifall.) Deutschland hat einmal im Vertrauen auf internationale Versprechungen die Waffen niedergelegt und ist betrogen worden. Diesmal verhandeln wir unter den Waffen des passiven Wider standes und werben uns darin auch nicht durch irgendwelche Stimmungsmache von Artikeln beeinflussen lassen, die möglicherweise vom Auslande in die Presse lanciert werden sollten. Es wäre töricht zu leugnen, daß der Kampf an der Ruhr schwer auf unserer Wirtschaft lastet. Aber wir werden ihn siegreich gestalten mit dem Willen zum Durchhalten, mit dem Willen, der an die Zukunft unseres Vaterlandes glaubt, mit dem Willen, 5®r sich zu dem Deutschland bekennt, das uns üb ei; alles in der Welt geht. (Langanhaltender Beifall.)
Die Spitzengewerkschaften beim Reichskanzler.
Um die Stabilisierung der Preis«.
Beim Reichskanzler fand eine Aussprache mit Vertretern der SitzcngeLeiten HM die '4Wbesondeve der gegenwärtigen Wirtschafslage, der Markfestigung und dein Verhältnis von Löhnen und Preisen sowie der Lage im alt- und neubesetzten Gebiet galt. Die Besprechung wird demnächst fortgesetzt werden. Es ergab sich Uebereinstimmung in der Zielsetzung, eine Wiederholung des Vorganges unmöglich zu machen, daß Preise in kürzeste, Zeit in die Höhe getrieben werden — eines Vorganges, gegen den insbesondere der Reichskanzler scharf Stein lung nahm.
Zwischen den Landwirtschaftlichen Genossenschaften und den führenden Persönlichkeiten des Getreideshandels haben in der letzten Woche Besprechungen ftattgefunben, die sich mit dem Emporschnellen der Getreidepreise befaßten. Der Reichsausschuß der deutschen Landwirffchaft hat als führende landwirtschaftliche Organisation noch kein« Gelegenheit gehabt, zut Lage auf dem Getreidemarkt Stellung zu nehmen. Wie die T. U. erfährt, lagern in Hamburg größere Mengen an ausländischem Weizen und Roggen. Auch die Reichsgetreidestelle hat sich mit SetteibeDorrät« reichlich eingedeckt und ist jederzeit in der Lage, in die Preisgestaltung regulierend einzugreifen, so daß ein dauernde« Hinausschnellen der Getreidepreise über die Weltmarktpreis« ausgeschlossen erscheint. Die Landwirffchaft, die gleichfalls noch über Vorräte verfügt, sieht sich ihrerseits zu ihrem Verkauf gezwungen, um sich die Barmittel für den Ankauf ihm Stickstoff zu beschaffen. . .....
Düsseldorfer Gchreckens-Giaüstik.
Eine Uebersicht über die aus Anlaß der Ruhraktion turn der Besatzungsbehörde über Düsseldorfer Bürger verhängt« Strafen, Ausweisungen und Verhaftungen ergibt, daß bis ein. schließlich 9. April 1923 von den Maßregeln der Besatzung» behörden 8 9 Beamte und 5 3 Privatperson«» betroffen wurden. Ein großer Teil dieser Bürger befindet sich noch in Untersuchungshaft. An Strafen wurden bisher tn» gesamt an Gefängnisstrafen 2 7 5 Monate 350 Tag» und an Selb [trafen 7 240 000Mark und390 Sand verhängt.
Vernehmung der deuischvörkischen Abgeordneten.
Als Vorbereitung für die Verhandlung vor den: Staatsgerichtshof über die Beschwerde der Deutschvölkischen Freiheits- partei gegen das von Preußen und einigen anderen Ländern erlassene Verbot, die am 26. April stattfindet, haben in den letztes Zagen seitens der zuständigen Behörden weitere Ermittlungen ftattgefunben, die sich mit den gegen die Deutschvölkische« erhobenen Vorwürsen beschäftigten. . Sowohl Oberreichsanwat, Ebermayer wie der Untersuchungsrichter beim Staatsgerichtshof weilten zur Leitung der notwendigen Erhebungen in der letzt« Woche wiederholt in Berlin. Auch die drei völkischen Reichstag» abgeordneten von Gräfe-Goldebee, Henning unb Wulle wurden eingehend vernommen, und zwar durch den B» auftragten des Reichskommissars für die öffentliche Ordnung, Ober- ; regierungsrat Mühleifen. Es wurde ihnen das gesamte gegen ihre Partei gesammelte Antlagematerial vorgelegt und dann Punkt pk - PunLt ihre Darlegungen hierzu zu Protokoll genommen. ____, ‘