Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 48 Sonnabend, den 21. April 1923
Das Wichtigste.
— In Mü lheim an der Ruhr haben die kommunistischen Unruhen einen bedenklichen Umfang angenommen und drohen, auch auf andere Orte des besetzten Gebietes Überzugreifen.
— Im Reichstage hat Reichswirtschaftsminister Becker erklärt, daß die Reichsregierung die Markstützungsaktion mit allem Nachdruck f o r t f ü h r e n werde.
Wochenrückblick.
Der Druck auf die Mark hat eine Unterstützungs- aktion durch die Reichsregierung im Einverständnis mit dem Reichsbankdirektorium zur Folge gehabt. Man will die Devisen ■ sich vorläufig weiter entwickeln lassen, um dann überraschend mit Hilfe der eigenen inländischen Devisenbestände und der im Ausland befindlichen noch unbelasteten Golddepots ein- zugreifen. Weitere Maßregeln bestehen in Einfuhrbeschränkungen und einer allgemeinen Anzeigepflicht für Devisen- besitzer. Vom Reichskanzler sind die Parteiführer über den Stand der Lage durch eine Besprechung unterrichtet worden, und im übrigen hat der Reichswirtschaftsminister Vr. V ecker im Reichstag zwar keine programmatische Erklärung zur Wirtschaftspolitik abgegeben, aber sich in einer Auseinandersetzung mit dem Sozialdemokraten Dr. Hertz scharf gegen den von der Spekulation verübten Einbruch in die deutsche Devisenpolitik gewandt und die bisherigen und künftigen Maßregeln zur Stabilisierung der Mark gerechtfertigt. Dabei hat er auch betont, daß die deutsche Wirtschaft nach wie vor auf das eingestellt werden müsse, was am Rhein !vorgeht.
Am Rhein und an der Ruhr geht allerdings täglich so viel vor, daß die äußerste Anspannung der Aufmerksamkeit zur Verfolgung der Ereignisse nötig erscheint. M den französischen Einbrechern haben sich in Mülheim lichen Schutzes entbehrende deutsche Bevölkerung ermordet und ausgeplündert wird. Unerfüllbare Anforderungen von Arbeitslosen an den Stadtsäckel mußten als Vormund zu einer blutigen Revolte herhalten, und die Franzosen standen mit Gewehr bei Fuß dabei, während es doch dem General Degoutte ein leichtes gewesen wäre, die Auftührer zu Paaren zu treiben mit dem Ausgebot einer einzigen Compagnie." Hier zeigen sich deutlich die Ansätze der längst vorausgesagten Dolschewisierung des Ruhrgebiets. Der deutsche Sowjetkommunismus hält die Ernte für schnittreif und beginnt mit der Teilung des fremden Besitzes, ohne daß die verblendeten französischen Machthaber sich über die Auswirkung dieser ersten Symptome auf ihre Soldateska den Kopf zerbrechen. Frankreich hält sich in feinem Siegesrausch für gefeit, sein Machtbewußtsein steigt. Es scheint s die Absicht zu haben, England beiseitezu schieben, und das französisch-belgische Reparationsabkommen, das vom ' Pariser Journal mitgeteilt wird, ist ein Beweis dafür. Die beiden verbündeten Kontinentalmächte wollen sich danach mit einer deutschen Zahlung von 36 Milliarden „begnügen".
Was sagt man in London zu diesem Diktat? Man hat dort, seit Bonar Law am Ruder steht, eine erstaunliche Interesselosigkeit an dem Ruhrabenteuer bewiesen und war so stark, daß die englischen Handelskammern und die englische Arbeiterpartei ernstliche Anstrengungen machen, um die Regierung aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Namentlich die Arbeiter führen eine drohende Sprache, während der Daily Telegraph, ein ftanzosenfteundliches Blatt, verrät, ! Poincare habe den dringenden Wunsch geäußert, die eng- । lische Regierung möge in Berlin weitere Schritte unternehmen, um einen noch stärkeren Druck auf Deutschland aus- zuüben. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, daß dies die Antwort auf die mannhafte Sprache des Außenministers Dr. v. Rosenberg im Reichstag sein soll. Aber in diesem Augenblick, wo die englische Regierung an den'festgefahrenen Ruhrkarren angespannt werden Jod, ist sie zu einem Protest gegen Frankreich gezwungen worden, weil • dieses ein Ausfuhrverbot gegen englische Munition erlassen hat. Das wäre eine Verletzung der englisch- . französischen Konvention von 18 8 2 und ein neuer Beweis dafür, was Poincars seinem englischen Freunde zu bieten wagt. Wir werden hoffentlich bald hören, wie diese Belastungsprobe der Freundschaft ausläuft. Aber England hat so viele Vertragsbrüche im besetzten Gebiet, nament- ,lich Uebergriffe der Rheinlandkommission, z. ,B. die Abisetzung des Fürsten Hatzfeldt, eingesteckt, daß es ] auch für das Munitionsausfuhrverbot eine ausgleichende (Formel finden wird, nachdem es sich im kölnischen Bezirk 1 von den Franzosen hat einkapseln lassen.
Ueber den Vergewaltigungen des Ruhrbezirks dürfen die .Selben der Saarbevölkerung nicht vergessen • werden. Die Saar ist van einer Notverordnung ihrer Re- i giernngskommissirm zur Unterdrückung der saarländischeg
Presse betroffen worden. Dagegen ist beim Völkerbund Ein- spruch erhoben worden, und zwar von der Gesamt- bevölkerung der Saar. Noch ist keine Entscheidung über den Protest erfolgt, aber man scheint in Paris zu befürchten, der Protest könne Erfolg haben, und arbeitet darum gegen den Völkerbund, dem als zuständige Instanz die Behandlung und Regelung saarländischer Fragen ehtzogen werden soll. Die englischen Freunde dieser Institution, z. B. Lord Cecil, werden von diesem Versuch nicht sehr erbaut sein.
Auf die deutsche Beschwerdenote über das Blutbad in Essen ist jetzt eine Antwort aus Paris erfolgt, die sich als freche Entstellung der Wahrheit heraus- stellt und das von dem französischen Kommando verübte Verbrechen als eine Abwehr von Provokationen darstellt. Die deutsche Regierung hat umgehend um das Beweismaterial für diese Darstellung ersucht und die Einsetzung einer Untersuchungskommission gemäß dem Haager Abkommen von 1907 vorgeschlagen, die das beiderseitige Material zu prüfen und den Zwischenfall aufzuklären hätte. Es ist sehr zweifelhaft, ob die französische Regierung sich dazu verstehen wird. Ein unparteiischer Richter flößt ihr Furcht ein, und außerdem läge in dem Verfahren die Anerkennung der deutschen Gleichberechtigung.
Kommunistenaufstand im Ruhrgebiet.
Barrikadenkämpfe in Mülheim.
Die Stadt Mülheim hat eine kurze kommunistische Herrschaft durchmachen muffen. Am Donnerstag abend vnrde aus Essen gemeldet: „Die Kommunisten halten viLlheim in festem Besitz. Die Ausgänge ders Stadt sind verbarrikadiert, das Rathaus liegt
Ichen, die sogar über Jnfanterieactvehee verfügen." — Über schon am Freitag morgen konnte das folgende Telegramm die Befreiung melden: „Die Stadt ist heute! »acht von den kommunistischen Rotgardisten, die bis in die Nacht hinein die Herrschaft über die Strassen an sich »erissen hatten, befreit worden."
Wie die Kölnische Volkszeitung zu den Vorgängen in Mülheim-Ruhr noch meldet, kam es in den Mittagstun den bes Donnerstag infolge der Ausschreitungen des Pöbels zu zahlreichen Straßenkämpfen. Zur Abwehr der Auftührer bildete sich unter Leitung der wenigen Polizeibeamten, die nicht ausgewiesen sind, ein Selbstschutz. Die Ruhestörer hatten aus Automobilen und sonstigen Fahrzeugen' die sie auf der Straße anhielten, Barrikaden errichtet. Von beiden Seiten wurde mit alten Schrot- und Jagdflinten geschossen. Nach der Kölnischen Volkszeitung sammelt sich auch in R e ckli n gh a u se n zahlreiches lichtscheues Gesinde! aus dem besetzten und un- , besetzten Gebiet an.
Die Säuberung der Siadi.
Ueber die Unruhen in Mülheim wird noch gemeldet, daß die im Mülheimer Rathause eingeschlossenen Beamten Freitag früh gegen 3 Uhr einen erfolgreichen Ausfall gemacht haben Sie wurden dabei von hinzugeeilten Verstärkungen des Selbstschutzes der Bürgerschaft unterstützt, so daß es gelang, die Aufrührer von demRathausplatz zurückzudrängen und etwa 20 von ihnen festzunehmen Im Laufe der Morgenstunden wurde dann auch drei ganze Altstadt Mülheim von den Aufftandr-- gengesäubert. Nach ben bisherigen Feststellungen sind bei dem Kampfe um das Rathaus vier Bsamte teils schwer,, teils weniger schwer verletzt. Die Auftührer hatten sechs! bis acht Tote und eine größere Anzahl v o w Verwundeten, die nicht genau festzustellen war, weil die Verwundeten zum Teil von den Aufständischen auf ihrem Rückzüge mitgenommen worden sind. Am Vormittag versuchten die Aufrührer in Mülheim einen
Generalstreik zu entfeffeln.
Sie zogen zu den großen industriellen Werken, an deren Eingängen sie aber in den meisten Fällen zurückgetrieben werden konnten, so daß der Versuch, einen Generalstreik her- beizuführen, fehlschlug. Trotzdem bleibt die Situation in Mülheim a u ß e r o r d en t l i ch b e d e n k l i ch, zumal alle Versuche, von den ftanzösischen militärischen und Besatzungs- behörden die Genehmigung zu erlangen, durch Hinzuziehung von SchutzpoNrei aus Düsseldorf, Duisburg oder Hamborn die Ruhe in Mülheim wiederherzustellen, vergeblich geblieben sind. In der Stadt Mülheim selbst kam es im Laufe des Vormittags bereits wieder zu
neuen schweren Zwischensällen.
So wurde ein Gastwirt, der von den sich bei ihm aushalten- ben kommunistischen Aufrührern Bezahlung ihrer Zeche »ev-
langte, von diesen ermordet und sein Sohn schwer verletzt. Im Stadtteil B r o i ch treibt eine bewaffnete Auf. rührerbande mit Raub und Plünderungen ihr Unwesen. Bei i ihrer Vertreibung vom Bahnhof Mülheim ließen die Auf- rührer eine größere Anzahl Schußwaffen zurück. Von den kommunistischen Rädelsführern, die den Aufruhr in Mülheim ; organisiert haben, konnten bisher nur zwei festgenommen ; werden. . -
Die Bildung der Roten Armee.
In Ober Hansen sind in der Nacht zum Freitag Waffenläden geplündert worden. Bergleute, die morgens in die Schächte einfahren wollten, wurden von Kommunistentrupps zurückgehalten. In den Hauptstraßen sieht man starke Menschenansammlungen sich bilden, doch ist es bis jetzt zu ZwischenfäNen noch nicht gekommen. Erwerbslose, mit dem Sowjetstern geschmückt, drangen in Ruhrort in das Rathaus ein. Es gelang ihnen, die unteren Räume des Hauses zu besetzen. Zu Zusammenstößen kam es a » ch i n H a tit • vorn. Bei einer ernsten Schießerei zwischen bewaffneten Kommunisten und Mitgliedern des Sicherheitsdienstes wurden zwei Sicherheitsbeamte verwundet. Unter den Augen der Besatzungsarmeen fand gestern abend in Gelsenkirchen eine zweistündige militä- rische Uebung von acht Hundertschaften der Roten Armee statt, von denen etwa zwei Hundertschaften Waffen trugen.
Die Franzosen als Hoher.
Die Franzosen verhalten sich, wie oben angedeutet, diesem Treiben der Aufrührer gegenüber vollständigpas- s i v. Der Regierungspräsident hat angeordnet, daß hundert Mann Schutzpolizei sofort von Duisburg nach Mülheim zur Verstärkung herangezogen werdep, da die französische Be- satzungsbehörde in Düsseldorf sich noch nicht über die nach- gesuchte Erlaubnis schlüssig gemacht hat. Falls die hundert Mann BKstMkiNMPRMl AIM nach MNtyrrm ourcygettchen werden, fällt die Verantwortung füralleFol- gen auf die Franzosen.
Die Kommunisten hatten vor dem Rathause zwei Krimi- nalbeamte gefangengenommen und in die französische Wache gebracht. Die Franzosen haben die beiden Beamten darauf für verhafteterklärt, weil sieWaffen beisich trügen. Es ist verschiedentlich ein enges Zusammenarbeiten zwischen den Franzosen und Kommunisten festgestellt worden. Die Aufrührer durften sich ungehindert mit ihren Gewehren in der Stadt bewegen. Unter anderem erzählen die Kommunisten ganz offen, daß die Franzosen sie zu einem Sturm auf das Rathaus an gefeuert hätten mit der Erklärung, daß sich dort der von der Be- satzungsbehörde gesuchte Kriminalkommissär Wienholt befände, auf dessen Erlangung sie eine Kopfprämie von einer Million Mark'aussetzten.
Reichsiagsdebatie über den Marksturz.
Becker stellt drakonische Maßnahmen in Aussicht.
Im weiteren Verlauf der Donnerstagsitzung erklärte Abg. Dr. Hertz (Soz.), die Stützungsaktion der Reichsbani sei unzulänglich gewesen, weil sie nicht den sozialdemokratischen Forderungen vom vorigen Jahr angepaßt war, in denen neben einer festen Devisenpolitik auch Maßnahmen auf finanzpolitischem Gebiet und auf dem der Handels- und Zahlungsbilanz verlangt wurden. Dazu gehörte vor allem eine Devisenordnung, die hier von den Interessenten aufs schärfste bekämpft worden sei, auch von Dr. Becker. Die Reichsbankhat gestern ihre Marne-Schlacht verloren. '
Präsident L o e b e unterbricht dann die Verhandlungen und wendet sich an den Abg. Kahl (D. Vpt.), der inzwischen im Saal erschienen ist. Er spricht ihm im Namen des Reichstages die herzlichsten Glückwünsche zu seinem goldenen Ddktorjubiläum aus.
Wirtschaftsminister Dr Becker
erhält darauf das Wort und erklärt:
Gegen die Devisenpolitik der Reich 'reeftrung erhebt Dr. Hertz den Vorwurf, daß sie nicht schon.früher begonnen worden ist. Soll ich etwa das K a b i n c 11 WirthinSchutz nehmen gegen Vorwürfe einer Partei, die damals selbst der Regierung angehörte? Ueber die Er» wägungen der Reichsregierung bin ich beauftragt mitzuteilen, daß die Reichsregierung sich entschlossen hat, zunächst einmal — und das ist wohl das Wichtigste — derOeffentlichkeit keinen Zweifel, darüber zu lassen, daß b ie Stützungs -,. aktion, wie sie seither unternommen wor-s den war, durchgeführt werden muß. (Beifall rechts.) Die Reichsregierung hat auch die Mittel, die Stützungsaktion fortzusetzen. Auch vor
drakonischen Maßnahmen werden wir nicht zurückschrecken, um die Mark auf einem Niveau zu erhalten, das ein weiteres Hinaufschnellen der
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