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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 46

Dienstag, den 17. April

1923

Das Wichtigste.

Im Reichstage hat am Montag der Reichsaußen­minister von Rosenberg eine Rede über die außenpoli­tische Lage gehalten.

In Paris habxn die Beratungen über einen neuen Reparationsplan für die kommende Brüsseler Konferenz begonnen.

Ueber das Memelland ist der K r i e g s z u st a n ü ver­hängt worden.

Märchenerzähler poincare.

In D ü n k i r ch e n wird ein Kriegerdenkmal enthüllt; Herr Raymond Poincare hält die Festrede; die Welt horcht auf; nicht der Siegesfeier wegen, die war ja nur ein Anlaß zu politischen Erklärungen und weniger für die Dünkirchener als für die Ohren der Enteilte und Deutschlands bestimmt, wenn auch der Nebenzweck, die Stimmung in Frankreich für die bisherige Ruhrpolitik zu erwärmen, unverkennbar war. Diese Kundgebung, offiziell im höchsten Maße, von einem Franzosen an Franzosen gerichtet, entbehrte nicht des rheto­rischen Schwunges, aber sie setzte auch bei den Hörern eine Vertrauensseligkeit und Leichtgläubig­keit voraus, die von Fernerstehenden im Ausland nicht ge­teilt werden dürfte. Selbst wenn man dem Premierminister die gallische Neigung zu Uebertreibungen zugute hält, hat er doch wohl die Aufnahmefähigkeit seines Publikums über­schätzt und Behauptungen aufgestellt, die der Wahrheitsliebe eines Havas-Berichts zur Ehre gereichen

Poincars äußerte u. a., Deutschland hätte die Kohlen, die es Frankreich verweigerte, tiefern können, denn es habe sich so eingerichtet, daß es die Ruhrkohlen entbehren könne. Jeder Satz halbwahr und im Grunde zusammen eine faust­dicke Lüge. Deutschland hat die Kohlen verweigert, das ist richtig, aber erst nach dem R u h r e i n b r u ch . und amerikanischen Koks kauft.

Deutschland soll in der Lage gewesen sein, in aus- län d is chen D ev i sen zu zahlen. Wo ist der dafür von Poincarä behauptete Beweis? Die Kinder, sie hören es gerne, und in England und Amerika würde man es gleich­falls gern hören, aber dort ist man von der Unerfüllbarkeit der französischen Ueberforderungen überzeugt und harrt des Beweises", als welcher eine MärchenerzÄhlung schwerlich angesehen werden kann.

Aber die Lust zum Fabulieren kennt bei demJäger von der lothringischen Grenze" keine Grenze; er verabreicht uns die Nachricht, es sei gelungen,an Ort und Stelle jene mi­litärischen Organisationen zu entlarven und aufzulösen, die Deutschland schon in Oberschlesien unter dem harmlosen Titel Schutzpolizei verbarg". Der Beweis dafür ist mehr als simpel: man löst eine Organisation auf, setzt Prämien auf den Kopf eines jeden Mitgliedes und nennt diese Maßregel eine Entlarvung. Leider hat diese Beweis­führung insoweit eine Lücke, als die nicht französischen Mit­glieder der Ueberwachungskommission nichts von einem solchen Komplott haben feststellen können.

Beachtenswert ist die Ankündigung einer nach Maß­gabe der Zahlungsleistungen abgestuften Räumung des Ruhrgebiets, verbunden mit dem Einge­ständnis, daß, England und Amerika, wennschon sie über die Opportunität der Aktion anderer Ansicht gewesen wären, dbch die Beweggründe gebilligt und die französischen Forderungen anerkannt hätten. Es habe sich in diesen Ländern ein Mei- nungsumschwung vollzogen. Auch das ist Schwindel, und gerade in den angelsächsischen Kreisen nimmt die Mißstinf- mung über die französischen Bestialitäten zu. Auf diese Vor­gänge geht die große Märchentante von Paris wohlweislich nicht ek, eben weil es keine Märchen, sondern erschreckliche Wahrheiten sind, die in Frankreich zu verbreiten die Chau­vinistenpresse sich hütet.

Das ist der faulste Punkt der Dünkirchener Rede, dieses Totschweigen von Tatsachen, deren Entsetzlichkeit die öffentliche Meinung im Auslande aufregt, und darum schließt der Herr Premierminister mit folgender Ankündigung:

Die Gesamtheit des Landes ist entschlossen, das zu Ende zu führen, was begonnen wurde. Die Aktion wird mit dem vollkommenen Wiederaufbau unserer verwüsteten De­partements und mit der Wiedererhebung Frankreichs enden. Vergeblich wird Deutschland von uns auch nur eine einzige »Minute des Schwankens erwarten. In dem Unternehmen, was erforderlich war und das Frankreich ins Werk gesetzt hat, swird es durchhalten, wie es ohne Gewalt (!) und ohne Pro- (vozierung (!) bisher durchgehalten hat. Es wird jusqau 'bout vorschreiten und endlich durch einen dauerhaften Frie­den und durch einen Frieden der Wiederherstellung das Werk deiner Toten vollenden."

' Auch dies alles ist im Märchenstil gehalten. Zunächst die Behauptung von derentschlossenen Gesamtheit des Landes".

Verschiedene Abstimmungen haben verraten, daß die Unzu friedenheit mit der erfolglosen Ruhraktion im Steigen be griffen ist. Man wollte baldigst Geld, Kohlen und Kok sehen; aber die Dreizahl der Wünsche wurde nicht erfüllt und nun will PoincarSohne Gewalt" undohne Provo zierung" seine Absichten durchsetzen. So frech ist selten mt der Wahrheit umgesprungen worden. Da liegt die Liste bei 49 innerhalb dreier Monate Ermordeten vor, da stellt jede Zwangsmaßregel gegen friedliche Bürger eine Provokatioi dar, jede Ausweisung, jede Mißhandlung, jeder Diebstah! ~unb Raub, sind sie nicht unerhörte Gewalttaten? Diese Ah leugnung ist allerdings märchenhaft und wird von Freunden Frankreichs als ein Rest von Schamgefühl angesehen werden, als ein mißglückter Entschuldigungsversuch. In Deutschland wird man sich durch diese Verlegenheitsrede nicht einschüch- tern lassen. Wer so offenbar zur vergifteten Waffe der Lüge greift wie Poincarä, fühlt den Boden unter sich wanken. Das ist der Schluß, den wir aus seinem letzten Vorstoß zu ziehen haben.

Aus dem Wortlaut der Rede sei außer dem oben ange­führten im einzelnen noch folgendes wiedergegeben:

Wir haben uns im Ruhrgebiet davon überzeugt," so sagte Poincars,daß uns Deutschland die Kohlen hätte liefern können, die es uns verweigerte, denn es hat sich so eingerichtet, daß es die Ruhrkohlen entbehren kann. Wir haben den Beweis erlangt, daß Deutschland in der Lage gewesen wäre, in ausländischen De Visen zu zahlen. Ver­wendet es doch einen Teil davon, um Käufe im Auslande auszuführen. Endlich haben wir an Ort und Stelle Me militärischen Organisationen entlarven und auflösen können, die Deutschland schon in Ober­schlesien unter dem harmlosen Titel Schutzpo- lizei verbarg. Wir baben auch die Gewißheit gewonnen, daß, weiln man Deutschland ein zweijähriges Moratorium ohne Bürgschaften gewährt Hütte, es nach Ablauf dieser Frist auf unser Fahlungsverlangen mit einer Weigerung und eineK Herausforderunggeantwortet hätte."

PoincarS erklärte ferner, daß Frankreich die Pfänder fließt gegen einfache Versprechungen herausgeben werde, unb Saß es nur nach Maßgabe der geleisteten Zah­lungen sich aus dem Ruhr gebiet zurück- liehen werde. Der Meinungsumschwung, der sich zu­gunsten Frankreichs in den Vereinigten Staaten und im britischen Reich vollzogen und von dem Abgeordneter Lou- h e u r noch in den letzten Tagen Beweise erhalten habe, sei sicher zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß Frankreich es verstanden habe, zu wollen, rnd daß es jetzt mit seinen belgischen Freunden in Händen halte, was Bonar Law mit Recht die Schlagader Deutschlands genannt habe.

Wir gedenken jedoch niemand zu erdrosseln," so fuhr PoincarS fort,kein verständiger Mensch kann ernstlich glau- )en, daß Frankreich den tollen Gedanken hegt, fremde Völker mter sein Joch zu bringen und sich Gebiete gegen den Willen ler Bewohner anzueignen."

Rosenberg vor dem Reichstag.

Der Austenminister über das Reparationsproblem. Hughes' Vorschlag die einzige Lösungsmöglichkeit.

Die Montags sitzung des Reichstags bot das ge- wohnte Bild großer Tage. Am Regierungstische war Reichskanzler Dr. Cuno mit dem Außenminister v. Rosenberg und den andern Mitgliedern des Reichs­kabinetts erschienen. Die Tribünen waren sehr starkbe- s etz t; in der Diplomatenloge wohnten die Vertreter fremder Staaten den Verhandlungen bei.

Präsident L ö b e eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 20 Min. nachmittags.

Auf der Tagesordnung stand die zweite Lesung des Haushaltsplans des Auswärtigen Amtes.

Reichsminisier Dr. v. Rosenberg:

Der Ausgang des Weltkrieges, die Lasten, die er uns aufbürdet, und die Fülle schier unlösbarer Probleme, vor die er uns stellt, drückt auf Deutschland mit einem Gewicht, dessen Schwere wir täglich im Staat wie als Einzelmenschen emp­finden. Mochten hier und da bescheidene Ansätze zur Ent­spannung wahrnehmbar gewesen sein, der Sorge um unser leidendes Volk und dem Wunsche nach endlicher Herstellung übersehbarer normaler Verhältnisse wollte das Tempo der Entwicklung unerträglich langsam erscheinen. Wer immer an dieser Arbeit sortzubaucn hat, der wird sich von der ^Illusion freihalten müssen, als besaßen wir viele Freunde in der Welt. (Sehr richtig!) Den. wenigen aber, die uns in den Stunden der «Not treu geblieben sind, die uns ihre Sympathie auch in solchen Zeiten bekundet

haben, wo Mut dazu gehörte, sich dein einsamen und ver- folgten Deutschland freundlich zu erweisen, ihnen darf ich auch in dieser Stunde ein Wort des Dankes zurufen. (Lebh. Beif.)

Am Rhein und an der Ruhr wird nicht um Holz und Kohle, sondern um Fortschritt oder Rückgang des Rechts - und Friedensgedankens gerungen. (Sehr wahr!) Der Vertrag von Versailles verfolgt, wenn anders wir der feierlichen Verkündigung seiner Eingangs- warte glauben dürfen, das hehre Ziel, an die Stelle des Krieges einen festen, gerechten und dauerhaften Frieden treten zu lassen. Sein erster Teil ist dem Völkerbund gewidmet, auf dessen Pro­gramm seine Gründer die Gewährleistung des internatio­nalen Friedens und der internationalen Sicherheit ge schrieben haben. Dem gleichen Zweck soll die a l l g e m e i n « Abrüstung dienen, mit der zwar Deutschland den An­fang machen, die aber dann auch von der übrigen Welt durch­geführt werden sollte. Wenn dies der Geist und das Ziel des Vertrages von Versailles war, ist es da denkbar, daß dieser selbe Vertrag dein einen Kontrahenten, der seine Rüstung nicht verringert, sondern mit den modernsten tech­nischen Errungenschaften die stärkste Kriegsmacht der Welt aufgebaut hat, das Recht geben sollte, mit großem Aufgebot mitten im Frieden in das Gebiet des tatsächlich entwaffneten anderen Kontrahenten einzubrechen (Sehr gut!) und gegen den Nachbarn eine Aktion zu unternehmen, dle nur dahin sich Dom regelrechten Kriege unterscheidet, daß der Gewalt keineGewalt entgegen trat? Gäbe das Dokument wirklich solche Rechte, so würde das darauf hinauslaufen, daß zwar der Krieg auf der ganzen Linie verpönt ist, daß er auch zum Schutz der höchsten Güter der Nation, bir Mensch­heit und der Kultur nicht das primäre Mittel sein soll, daß er aber in einem einzigen Falle ohne weiteres statthaft ist: näm­lich, wenn es sich darum handelt, Schulden einzutreiben (Sehr wahr!), und noch dazu Schulden, von benen das Reparations- kapitel des Versailler Vertrages sagt, daß sie im Geiste der Gerechtigkeit und derBilligkeit und nach Treu und Glauben geregelt werden sollen. (Heiterkeit.) Unser eigenes Ziel in diesem Ringen ist

ein reines Verteidigungsziel.

Darum sino auch unsere Abwehrmaßnahmen rein Defensiv. . *>M*#»M^^ AM Ci i?

bleibt. (Sehr gut!) Daher die immer wiederholte Mahnung Der Regierung zur Selbstbeherrschung und Besonnenheit. (Sehr richtig!) Was wir wollen, 'st, a u r ch S t a n d h a f t i g- keit zur Freiheit zu gelangen, °>ner Freiheit, die schwer belastet sein wird mit Leistungen, nur «essiunzen. die bis an die Grenze unserer Kraft gehen, an deren Erfüllbarkeit aber das deutsche Volk glauben muß, um sie erfüllen zu können. )Sehr gut!) Das kein Diktat den Glauben an die Er­füllbarkeit ersetzen kann, hat die Vergangenheit zum Schaden aller Beteiligten gelehrt.

Ohne Zutun der Reichsregierung sind die Zahlen bekannt- geworden, die wir in Paris anbieten wollten. Es handelte sich um ein festes - Angebot von 20 Milliarden Goldmark, zu 5 v. H. verzinslich und nach Möglichkeit im Wege einer inter­nationalen Anleihe aufzubringen, und diese 20 Milliarden sollten sich nach 4 und 8 Jahren um je 5 Milliarden auf zu­sammen 30 Milliarden erhöhen, wenn das internationale An­leihekonsortium die Leistungsfähigkeit Deutschlands als ge­geben erachtet.

Im weiteren Verlaufe seiner Rede Einzelheiten der Bergmannschen Denkschrift streifend, fährt der Außenminister fort: Jede kommende Verhandlung wird dieses Angebot zum Ausgangspunkt machen müssen. Niemand vermag sich heute ein Bild von dem Trümmerfeld zu machen, das nach dem Schlüsse des Ruhrabenteuers übrigbleiben wird. Vor einer Festsetzung der Neparationsverpflichtungm muß die deutsche Arbeitsfähigkeit wieder her, gestellt werden. Aber bei diesem negativen Ergebnis kann sich die Reichsregierung nicht beruhigen. Sie hat nach Wegen gesucht, um die Reparationsfrage

aus dem Sumpf herauszuholeu,

in dem Europa zu ersticken droht. Ende Dezember hat ein be­kannter Staatsmann (der Amerikaner Hughes. D. Red.), Ausführungen gemacht, die heute prophetisch wirken. Er wollte das Reparationsproblem einer inter­nationalen Sachverständigenkommission übergeben. Wir haben die beteiligten Mächte wissen lassen, daß nach unserer Meinung das Heil der Welt von einer solchen Lösung abhängt.

Deutschlands Wirtschaftskraft bewegt sich unentrinn­bar auf absteigender Linie. Die deutsche Volks­kraft hat in den letzten 4% Jahren Verwüstungen erlebt, die vielleicht verhängnisvoller sind als die Zer­störungen Nordfrankreichs im Kriege. Denn diese mechanischen Zerstörungen sind leichter zu beseitigen als die, man möchte sagen chemischen Zersetzungen, die nach dem Kriege ein ausgeklügeltes System von Unterdrückungen in unserem Wirtschaftskörper angerichtet hat. Jetzt bringt Frankreich mit einem Male wieder die Frage der Sicherungen vor. Es läge wirklich näher, die andere Frage zur Erörterung zu stellen,

welche Sicherungen Deutschland

gegen die Eingriffe in feine Souveränität zu beanspruchen