Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 45 Sonnabend, den 14. April 1823
Das Wichtigste.
— Die englische Regierung hat die Abberufung dei englischen Mission in Moskau beschlossen.
— Die Reichsregierung hat wegen der Festnahme des Staatssekretärs Hamm rmd der Abgeordneten Giesberts und Stegerwald im Einbruchsgebiet eine Protestnote an Frankreich gerichtet.
— In Paris haben die Besprechungen P o i n c a r e s mit den belgischen Ministern T h e u n i s und I a s p a r begonnen.
Wochenrückblick.
Noch zittert in allen deutschen Gemütern die Erschütterung nach, die der Ma s senm or d in Essen ausgelöst hat. Meses entsetzliche unsühnbare Verbrechen konnte auch harte, durch die Leidensschule des Weltkrieges gegangene Männer aus dem seelischen Gleichgewicht bringen, um wieviel mehr die von den Kriegsgreueln nicht unmittelbar getroffenen Schichten, den Nachwuchs, die Frauen. Was diese empfunden haben, als der Derwünschungs- und Empörungsschrei über die französische an Wehrlosen verübte Bestialität die Kulturwelt aufschreckte, faßte der Reichskanzler Dr. Cunoin seiner Rede zusammen, die er am Dienstag in der Reichstagstrauerfeier hielt. Vom Herzen sprach er zu Herzen, würdig, jeden Aufputz mit herkömmlichen Wendungen verschmähend, als Anwalt der gemordeten Opfer, der Hinterbliebenen, des ganzen mitfühlenden Volkes und so wirkungsvoll, daß der Nachhall dieser ergreifenden Kundgebung weit über Deutschlands Grenzen hinaus fortklingen wird zur Schmach Frank- teichs.
Dieser Einmütigkeit sucht die französische Presse durch Ausstreuung von Gerüchten über einen vom Reichsfinanzminister Dr. Hermes angeblich entworfenen neuen und weitgehenden Neparationsplan entoeununarbeiten. Ein »s»»»*«*» anw^^^ I Kabinett Euno ist in feiner bisherigen Abwehrpolitik durch ‘ine Kundgebung von Arbeitgebern und -nehmern aller Richtungen aus den altbesetzten, den Einbruchsgebieten am Rhein, Ruhr, Mosel, Neckar und Main sowie aus dem übrigen Deutschland bestärkt worden. Auch die Führer der Arbeitsgemeinschaft im Reichstag konnten in einer Aussprache mit den: Reichskanzler über die politische Lage ihre v o l l st ü n - d i g e U e b e r e i n st im m u n g mit der Regierung feststellen.
Als Frucht dieser Gemeinschaft ist die Kompromiß-Entschließung der Koalitionsfraktionen anzusehen, wonach im nächsten Jahre die Getreide-Umlage nicht mehr erhoben werden soll. Das stellt eine Niederlage der Sozialdemokratie und einen weiteren Abbau der Zwangswirtschaft dar, deren Reste auch auf anderen Gebieten Anlaß zu berechtigten Klagen gegeben haben.
Nur im Freistaat Sachsen will bedauerlicherweise noch keine Beruhigung eintreten. Es ist zwar eine rein sozialdemokratische Regierung mit Hilfe der kleinen kommu- aistischen Partei zustande gekommen, aber über die Lebens- . bauet dieses Gebildes geben sich weder große noch kleine Propheten überschwenglichen Hoffnungen hin. Das ist begreiflich. Die außerhalb der Regierung an ihr unverantwortlich mittatenden Kommunisten können ihr jederzeit ein Bein stellen und haben dies bereits früher mehrfach getan. Die Grundanschauungen beider Parteien laufen durchaus Nicht auf parallelen getrennten Strängen, und Zusammenstöße sind bei falscher Weichenstellung unvermeidlich. Das tritt jetzt wieder zutage bei der Einrichtung von Arbeiter- hundertschaften. Die Sozialdemokraten wollen ihre Anhänger fein säuberlich in eigenen Hundertschaften aufmarschieren lassen ohne kommunistische Beimischung, weil sie mit Recht annehmen, es könnte eine Ansteckung mit Sowjet- Fdealen stattfinden. Die Kommunisten bestehen auf dieser Vereinigung. Wie der Handel auslaufen wird, liegt im Schoße der Zukunft als Sprengungsstoff. Auf der anderen Seite erregen diese Abwehrorganisationen, obwohl sie — vorläufig wenigstens — unbewaffnet sind, ernstliche Bedenken, wie manches andere in dem sächsischen, vom Ministerpräsidenten Zeigner vertretene Regierungsprogramm, z. B. das Verlangen nach materiellen Opfern der besitzenden Klassen, um die Schäden des belgisch-ftanzösifchen Einbruchs zu heiler:.
Berechtigte Entrüstung hat auch die in diesem Zeitabschnitt erfolgte Verhaftung des Staatssekretärs H a m m erregt. Sie war von den Franzosen, augenscheinlich um ihre Ritterlichkeit ins hellste Licht zu setzen, vorgenommen worden, weil er an der Trauerfeier in Essen teil- nehmen wollte. So reiht sich ein Nadelstich kleinlichster Rachgier an den andern, und französische Rabuliäik hat alle Hände voll zu tun, derartige Gewalttaten mit der Robe her „Gerechtigkeit" zu bedecken. Man besaß sogar die Keckheit, dem in
zwischen Enthafteten unter Androhung schwerer Strafe das Wiederbetreten des Ruhrgebiets zu untersagen.
Eine Zufalchsni ederlage. der englischen Regierung im Unterhaus ist nicht nur durch die sie begleitenden Sturmszenen erwähnenswert. Daß von den radikalen Schotten der Opposition ein Kommunistenlied in diesen geheiligten Räumen angestimmt wurde, wird ihnen nicht die Sympathie der bürgerlichen, Bonar Law bekämpfenden Parteien eintragen, aber der kurzlebige Sieg der Opposition war doch nur möglich durch die Gleichgültigkeit der Regierungsmannschaft. Ist dies als ein Symptom dafür zu deuten, daß die Politik Bonar Laws überhaupt ins Wanken gerät? Sie entbehrt der Initiative und sieht bedenklich nach passiver Resistenz aus, die in dem Augenblick wenig angebracht erscheint, wo in diplomatischen Pariser Kreisen herumgetragen wird, Bremen und Hamburg sollten einer Blockade unterworfen werden. Das wäre ein den wiedererwachenden Welthandel treffender Schlag und dürfte andere, dadurch geschädigte Mächte aus den Plan rufen, namentlich Amerika, das sich bisher einer auffallenden Schweigsamkeit befleißigt hat. Im Unterhause hat die Regierung zwar erklärt, im gegenwärtigen Zeitpunkt habe eine Ruhrintervention keinen nützlichen Zweck, sperrt indessen Frankreich die Haupthäfen Deutschlands, dann könnte die Londoner City doch daraus Anlaß nehmen, die Herren von Downing Street aus ihrer Lethargie auf,zuscheuchen. Bis zu der von Baldwin auf den 1. Oktober angesetzten Reichswirtschaftskonferenz wird der englische Handel nicht warten wollen. Das Entstehen des Blockadegerüchts hat jedoch insofern Bedeutung, als es ein Zeichen dafür ist, daß L o u ch e u r s Reife ergebnislos zu verlaufen scheint und Ratlosigkeit in Paris eingetreten ist.
Die Pariser Arrhrks^fermZ.
Die Konferenz der belgischen Minister Theunis und Iasvar mit den: französischen Ministerium begann Freitag ÄiiiM@K.w
den vor allen: die Maßnahmen besprochen, durch die die Beschlagnahme von Kohlen und Koks beschleunigt werden könnte. Auch werde man über den Verteilungsschlüssel sprechen sowie über den Anteil an den Besatzungskosten, die beiden Staaten zufallen.
„Matin" veröffentlicht einen genau ausgearbeiteten Neparationsplan, den P o i n c a r 6 den belgischen Ministern vorzulegen gedenkt. Dieser Plan soll die Zustimmung Londons gesunden haben. Frankreich schlügt da u. a. vor: Die Ueberweisung der gesamten Summe von 82 Milliarden Goldmark der Bonds C an die Vereinigten Staaten zur Tilgung der interalliierten Schulden. England soll seinen Anteil von den Bonds C erhalten. Die gesamten von Deutschland zu beanspruchenden Zahlungen belaufen sich auf 4 0 Gold - Milliarden. Den: „Matin" zufolge stimmt dieses Programm angeblich mit dem von den: Minister Rosenberg vorbereiteten Plan überein. (?) Die Zahlungen haben schnell zu erfolgen, damit Frankreich feine Reparationen innerhalb zehn Jahren ausführen kann. Der Plan enthält keine Einzelheiten der für England vorgesehenen Reparationen. Die Zahlungen haben in drei Abstufungen zu erfolgen: 1. an Frankreich; 2. an Italien, Jugoslawien und Rumänien und 3. an Belgien. Den größten Anteil soll Frankreich mit 2 6 Milliarden und zwei absoluten Prioritäten erhalten. Auch Belgien hat Anrecht auf Prioritäten, doch wird kein Betrag genannt.
Sollte dieser Plan aus der Konferenz zur Annahme gelangen, so würde Frankreich einem Plan der Inte'r- nationalisierung der Rheinlands und des Ruhrgebiets (!) unter der Kontrolle des- Völ - kerb un des zustimmen. Diese Kontrolle würde sich bis zu einer völligen Bezahlung hinziehen. Frankreich würde sich allmählich aus dem Ruhrgebiet zurückziehen und nur kleinere Truppenteile an strategisch wichtigen Punkten belassen.
Ueber eine Reise des ehemaligen Finanzministers im Ministerium Elemenceau, Klotz, nach London, berichtet Havas, sein Aufenthalt in London sei erst am letzten Tage von den Journalisten bemerkt worden. Im übrigen seien strenge Anweisungen erteilt worden, daß seine nur den französischen Beamten bekannte Anwesenheit geheim gehalten werde. Seine Abreise sei fast zur gleichen Zeit wie seine Ankunft bekannt geworden.
Rosenberg spricht am Moniag.
Der Aeltestenrat des Reichstags hat beschlossen, daß der Etat des Ausu ligen Ministeriums, bei dem Erklärungen des Außenministers v. R o s e n b e r über die politische Lage erwartet werden, am Montag ssner Woche behandelt werden soll. Wie verlar.^ 'ßenminister in seiner Rede noch einmal die d e erhand - lungsbereitschaft zum Ausdruck b. . M.
Der Reichskanzler empfing am Donnerstag mit dem Reichsminister des Auswärtigen die Führer der Fraktionen der Arbeitsgemeinschaft. Gegenstand der Besprechung war die politische Lage. Die Aussprache ergab volleEinmütigkeitderFraktions- führer und ihre völlige Uebereinstimmung mit der Regierung.
Gegen die willkürliche Festnahme von Reichstags- Mitgliedern.
Der deutsche Geschäftsträger in Paris ist angewiesen worden, der französischen Regierung eine Note zu übergeben, in der gegen die am 9. April in Scharnhorst erfolgte Festnahme des früheren Reichspostministers Giesberts, des früheren preußischen Ministerpräsidenten Sieger wald und des Staatssekretärs in der Reichskanzlei Hamm, sämtlich Mitglieder des Reichstages, die sich zur Teilnahme an der Beisetzung der am Ostensonnabend getöteten Arbeiter nach Essen begeben wollten, P r o test erhoben wird.
Daß die Anordnungen der französischen Befehlshaber, so heißt es darin, die den Aufenthalt von Mitgliedern der Reichsregierung und der Länderre. gierungen im Ruhrgebiet verhindern wollen, keinerlei Rechtsverbindlichkeit haben, sei von der Regierung schon früher festgestellt worden. Aber nicht einmal vom Standpunkt jener Anordnungen könne die jetzt getroffene Maßnahme gerechtfertigt werden, da, wie den französischen Kontrollorganen sofort dargelegt worden war, die Herren Giesberts und Stegerwald überhaupt nicht mehr im Staatsdienst stehen und da der Staatssekretär Hamm nicht Mitglied der Reichs- regierung ist.
aus Moskau.
Nach einer Meldung der Simes hat die englische Regierung wegen der unbefriedigenden Antwort der russischen Sowjetregierung auf die Intervention Englands zugunsten der zum Tode verurteilten katholischen Geistlichen und wegen der Beschlagnahme von englischen Dampfern in den nordrussischen Gewässern die Abberufung der englischen Mission inMoskau beschlossen.
Die Erzbischöfe von Canterbury und Park und der römisch-katholische Erzbischof von Westminster, sowie der Oberrabiner, „vereint in dem Gefühl der Entrüstung und des Abscheus", haben einen gemeinsamen P r o t e st „gegen den grausamen Krieg der russischen Räteregierung gegenüber allen Formen religiösen Bekenntnisses und gegen die wilde Verfolgung der Geistlichen und der Gläubigen" veröffentlicht. Sie erklären, eine solche Politik könne von niemandem, der für Glaubensfreiheit sei, stillschweigend geduldet werden.
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Meuterei in der chinesischen Flotte.
Aus Schanghai wird gemeldet: Das erste Geschwader der chinesischen Flotte, das hier stationiert ist und aus einem Kreuzer und vier Kanonenbooten besteht, hat sich in einem Manifest für unabhängig von der Regierung erklärt und den Rest der Kriegsflotte aufgefordert, sich der Revolution anzuschließen. Das Geschwader hat sich somit der südchinesischen Republik unter Sunjatsen, dem revolutionären Führer in Kanton, angeschlossen.
Das Ende der Geireide-Llmlage.
Aus dem Reichstage.
Im Verlauf der Donnerstags-Sitzung des Reichstages wurde ein Antrag Hergt (Dnatl.), wonach die Getreideumlage überhaupt nicht mehr erhoben werden und die Reichsgetreide stelle am 1. Oktober 1923 aufgelöst werden soll, mit 261 gegen 93 Stimmen abgelehnt und dafür ein Antrag der Mittelparteien mit 211 gegen 146 Stimmen angenommen, wonach von einer weiteren Getreideuni läge abgesehen und eine Brotverbilligung durch Besitzbelastung herbeigeführt wer- den soll.
Angenommen wurde auch ein Antrag Böhme (Dem.) und Rieseberger (Dnatl.), der bei der Feststellung der Brotre'serve auch das Bäckereigewerbe heran, ziehen will. Dazwischen wurde eine ganze Reihe sozial- demokratischer Anträge und Entschließungen ab* gelehnt.
Mit 148 gegen 133 Stimmer wurde eine Entschließung angenommen, die eine Herabsetzung des Zuckerpreises verbiet, mit 174 gegen 125 Stimmenk eine weitere Entschließung, die Kredite fordert, damit lM»