Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 44
Donnerstag, den 12. April
1923
Das Wichtigste.
— Eine französische Kompagnie hat das Mannheimer Industriegebiet am Neckar besetzt.
— Der am Dienstag in S^arnhorst verhaftete Staats- ekretär Hamm ist von den Franzosen wieder frei- ;elassen worden.
— Die englische Regierung hat im Unterhaus eine : »erwartete Niederlage erlitten.
Das „autonome" Memel.
Der kleine Gernegroß Litauen hat dein Franzosen das Ritus gern und Spucken abgeguckt, und das würde auf den deutschen erheiternd wirken, wenn er nicht in seiner Wehr- osigkeit und Gebundenheit als Objekt für diesen Nach- thmungstrieb und die damit verknüpften Uebungen dienen nüßte. Da wird denn im Memelgebiet nach dem gelungenen teberfall vergewaltigt, ausgewiesen, gemordet und die Be- rölkerung in einen Generalstreik hineingetrieben, der erfolg- teicher gewesen wäre, wenn sich die Beamten ihm ange- 'chlossen hätten. Genau nach französischem Muster arbeitet )ie litauische Soldateska. Sie hat den Deutsch-Litauischen peimatbund, selbstverständlich ohne eine Spur von Berechti- zung, aufgelöst, hat über die Stadt den Belagerungszustand »erhängt, das Betreten der Straßen und Oeffnen der Fenster in der Zeit von 8 bis 6 Uhr nachts verboten, .desgleichen die Ansammlung von mehr als fünf Personen. Dann folgten Massenverhaftungen unter Kolbenstoßen und eine Hungerkur von 24 Stunden für die Verhafteten. Die Franzosen könnten es nicht anders machen, -wenn sie eine friedliche Bevölkerung zur Verzweiflung treiben wollen, und damit auch der blutige Schluß nicht fehle, wurde eine Volksversammlung von 1000 Personen mit Maschinengewehrfeuer und Knuten- hieben gesprengt, wobei fünf Tote auf dem Platze blieben.
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schlecht mit den Litauern, von denen sie nicht mit Unrecht als Befreier angesehen wurden. Aber wie der Leite kein« lettische Bezeichnung für „Dankbarkeit" hat, scheint dieses Wort auch im lettischen Lexikon zu fehlen. In ihrem Größenwahn banden die kaum zur Selbständigkeit erweckten Litauer sogar mit den Polen an und vollführten den Gewaltstreich gegen das durch internationale Abmachungen geschützte Memel. Die Entente hütete sich, ernstliche Maßregeln dagegen zu ergreifen, obschon es ihr ein leichtes gewesen wäre, mit einigen Regimentern den Status quo wiederherzu- stellen und die Unbotmäßigen in die Schranken zurückzu- weisen. Darum trifft auch sie die Schuld an dem jüngster Blutvergießen und an den Leiden, denen die deutsche Bevölkerung ausgesetzt ist. Nicht einmal die Lösung bei Wilna-Frage hat die Botschafterkonferenz gewagt, und so kann der glimmende Haß, der zwischen Polen und Litauen besteht, bei der ersten besten Gelegenheit in Helle Flammen aus- schlagen..
Die Konferenz hat sich dafür um so mehr mit dem Schick sal Memels beschäftigt, und ihr Sonderausschuß glaubt in bei Verleihung der Autonomie an das Memelgebio einen Ausweg aller Schwierigkeiten gefunden zu haben Natürlich muß dabei die berühmte Internationalisierung ab Nöthelfer herhalten, wobei das Gebiet der Souverünitä Litauens unterstellt werden soll. Der Memelfluß soll intet nationalisiert werden nach berühmten Mustern (was übrigen, schon in den Artikeln 331/353 des Versailler Vertrages vorgesehen war), der Hafen zu einer Art Freihafen werden; un die Litauer, die mit der Technik der Flößerei vertraut'sind eine Flotte hernehmen wollen, wird nicht verraten, auch ha man niemals etwas davon gehört, daß dieses Volk sich jemal mit der Seefahrt beschäftigt hätte. Um einem tiefgefühlter Bedürfnis abzuhelfen, ist die Einrichtung von zwei Kammeri vorgesehen, und außerdem wird die Gleichberechtigung de deutschen und litauischen Sprache gewährleistet. Es könnt noch viel mehr dem geduldigen Papier anvertraut werden, ur die Autonomie in ihrem ganzen Glanz zu zeigen. In Wahr heit ist diese am grünen Tisch konstruierte Neuschöpfung ein Verletzung des Versailler Vertrages, un die allmächtige Botschafterkonferenz sagt ja und amen dazu Die Kosten dieser Nachgiebigkeit hat das deutsche Ele men t Memels zu tragen, und dies zu stärken, gehört zu bei Aufgaben Deutschlands, das seit 600 Jahren seine Hand übe' dieses Gebiet gehalten hatte. Die Bevölkerung (150 000 Ein wohner) sind zu 50,55 v. H. Deutsche, die Kulturarbeit leiste' junb das Land wirtschaftlich zu dem gemacht haben, was e • 2 heute ist. Träten eines Tages infolge des russischen Aus | dehnungsdranges Umwälzungen im Osten ein, so dürfte ein t Revision der Autonomie nicht auf sich warten lassen. Politisc (betrachtet ist die jetzt beschlossene Lösung eine Erleichterun | für Frankreich, aber nicht für die Deutschen, da sie von eine 1 TyrannLi in die andere fallen und stets der Gefahr ausgeseh | sind, daß ihre Hauptstadt zum Zankapfel zwischen Polen un * Litauen wird. — nd.
Niederlage der englischen Regierung.
Aus London wird gemeldet: Im Unterhaus hat die Regierung in der Frage der Verwendung von vormaligen Soldaten in der Zivilverwaltung mit 145 gegen 138 Stimmen eine Niederlage erlitten.
Die Abstimmung kam unerwartet, und viele Anhänger des Ministeriums waren abwesend. Es ist noch nicht bekannt, ob die Niederlage der Regierung politische Folgen nach sich ziehen wird. Aber die technischen Folgen sind ernst, da das Haus durch seine Abstimmung beschlossen hat, den Etat für den Zivildienst nicht zu erörtern. Bei Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses kam es zu äußerst erregten Szenen. Die Mitglieder der Opposition erhoben sich und brachen in langdauernde Beifallsrufe aus. Mehrere Mitglieder winkten mit Taschentüchern, warfen Schriftstücke in die, Luft und schrien: „Z u r ü ck t r e t e n l Macht eure Wahlaufrufe fertig!" Die Beifallsszenen dauerten mehrere Minuten lang. 3m Namen der Regierung beantragte Reville Chamberlain die Vertagung auf Mittwoch. Das Haus gab diesem Anträge unter den ironischen Beifallsrufen der Opposition statt.
Bonar Laws Krankheit.
„Pall Mall Gazette" will von maßgebender Seite erfahren haben, obwohl das Allgemeinbefinden Bonar Laws keinen Anlaß zu Besorgnis gebe, wären doch Spezialisten, die zu Rate gezogen worden, der Meinung, es bestehe wenig Hoffnung auf eine baldige Besserung der hartnäckigen Kehlkopfbeschwerden, an denen der Premierminister leide. Bonar Law wäre geraten worden, seinem Halse völlige Ruhe zu gönnen. Der Premierminister war indessen schon wieder einmal im Unterhause anwesend, er beantwortete jedoch keine der an ihn gestellten Fragen, auf die statt seiner Baldwin erwiderte.
Giaeissekreiär Hamm freigelaffen.
Der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Hamm, der, wie gemeldet, in Scharnhorst von den Franzosen fest- genommen worden war, ist, wie der „Berliner Lokal-Anzeiger" meldet, am Mittwoch in der Reichskanzlei wieder eingetroffen. Ueber den Zwischenfall verlautet, daß Hamm zunächst zusammen mit. den Reichstagsabgeordneten Giesberts und Stegerwald von den Franzosen festgehalten wurde. Alle drei wurden nach Castrop gebracht, wo sie die Nacht in einem Schulhaus verbrachten. Am anderen Morgen wurden bekanntlich die Abgeordneten Giesberts unb Stegerwald freigelassen, während Hamm noch festgehalteu wurde. Im Laufe des Dienstags traf dann ein Telegramm des Generals De- goutte ein, das die Ankunft eines Offiziers ankündigte, welcher den Staatssekretär Hamm an die Grenze des besetzten Gebiets bringen sollte, um ihn dort freizulassen mit der Bemerkung, daß, wenn er wieder das besetzte Gebiet betreten würde, „er nicht noch einmal so glimpflich davon- kommen" werde. Selbstverständlich wird die Regierung auch, nachdem die Freilassung inzwischen erfolgt ist, gegen dieses Verfahren der französischen Besatzungsbehörden schärfsten Protest erheben, besonders da Hamm nicht Mitglied einer Regierung ist und nur den Opfern des Blutbades in Essen und deren Angehörigen die Teilnahme der Reichsregierung zum Ausdruck bringen wollte.
Abermals zweihundert Familien ausgeirieben-
Wie aus Trier gemeldet wird, sind auch die Bewohner der Eisenbahnkolonie T r i e r - S t. P a u l i n von den Franzosen mit Waffengewalt von ihren Wohnstätten vertrieben worden. Weitere hundert Familien sind > . nt obdachlos. Die werktätige Anteilnahme der gesamten Bevölkerung am Schicksal der Vertriebenen ist mustergültig. Der Wille der Eisenbahner zur Abwehr der französischen Vergewaltigung steigert sich zu immer festerer Entschlossenheit. Der Reichsverkehrsminister hat dem Präsidenten der Reichsbahndirektion Trier in Gießen zur Linderung der Not der aus ihren Wohnungen vertriebenen Eisenbahner 3 0 Millionen Mark überwiesen.
In Koblenz sind bis Mittwoch vormittag 70 Dienstwohnungen mit etwa 250 Personen geräumt worden. Am Donnerstag müssen noch weitere 30 Dienstwohnungen geräumt werden.
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Im Laufe des 8. und 9. April sind von den Franzosen noch folgende Zechen besetzt wordeu: Zeche Johann bei Daimelsberg, Joachim, Katharine und Hubert bei Kray-Süd, Mathias StiNnes, Schacht 3 und 4 bei Horst; fremde Arbeiter sind, soweit festgestellt, noch nicht dort beschäftigt, doch sind
n Castrop 350 ausländische Arb'eiter ein- ^troffen.
In der Nacht zum Mittwoch ist wieder einer der am Kar- amstag in den Kruppschen Werken Schwer- ersetzten seinen Verwundungen erlegen.
Brückensprengung in Buer.
Mittwoch morgen gegen drei Uhr wurde die B r ü 8 e m Egerplatz in Buer, über die die militarisierte Strecke Wcklinghausen-Osterfeld führt, gesprengt. Sie wurde zwar acht völlig zerstört, aber es ist doch erheblich erSchaoen «ngerichtet worden, dessen ganzer Umfang sich allerdings loch nicht feststellen läßt, weil die Franzosen die Stelle strsng lbgesperrt halten. Das Passieren soll von jetzt ab nur gegen besonderen Ausweis gestattet sein. Die Folgen zeigen sich auch sofort darin, daß der Stadt Buer eine e von fünfzig Millionen Mark auf- wu^en ist. Ferner wurden die berüchtigten Straßen- sperren von 8 Uhr abends bis 6 Uhr früh wieder eingeführt, ^ünfundsiebenzig-Millionen-Buße für Duisburg.
Die Stadt Duisburg ist mit einer Geldstrafe in Höhe von 75 Millionen Mark belegt worden, weil an den auf dem Stadtgebiete belegenen Telegraphenleitungen Sabotagehand- -ungen verübt sein sollen. Die Kontribution ist fristlos nach dem Tageskurse von 3571 Dollar zu erlegen. Der Oberbürgermeister und der Stellvertreter sind für die Zahlung bei Summe persönlich haftbar gemacht worden.
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Die Mor-Iiste.
Die Reichsregierung veröffentlicht jetzt die Liste der von der ssranzosen im Ruhrgebiet vom 15. Januar bis 6. April d. 3 nmordeten Deutschen. Die Liste verzeichnet 48 Todesopfer Unter den meuchlings Erschossenen befinden sich 9 Beamte, 34 Ar beiter, Angestellte und Kaufleute, ein Invalide, ein Greis vor 70 Jahren, ein 16jähriger Lehrling, ein 14jähriaes Mädchen, eir achtjähriger Knabe. Die Liste bildet in der schlichten Aufzählum dieser Mordtaten eine erschütternde Anklage geger die französische Blutherrschaft im deutschen Land ein Dokument, das überzeugender als alle Worte die Wahrher über diese „friedliche Aktion" Poincares in die Welt schreit. Wn werden sie in den nächsten Tagen abschnittsweise zum Abdruö bringen.
Dr. Zeigners Programm.
In seiner Programmrede vor dem sächsischen Landtac sagte Ministerpräsident Dr. Zeigner u. a. noch: Es könne bei Arbeiterschaft nicht verdacht werden, wenn sie zum Schut ihrer Versammlungen, ihrer Einrichtungen und ihrer Führe: Abwehrmaßnahmen gegen Ueberfälle putschistischer Element« ergriffen hätte. Die Republik sümpfe um ihre Existenz. So lange diese Lage bestehe, könne die sächsische Regierung der Arbeiterparteien nicht verbieten, nein, sie müsse es sogm dankbar begrüßen, wenn sicki die Arbeiter den Or ganen der Republik zur Verfügung stellten, um im Bedarfs falle unter der Leitung der staatlichen Polizei mit ihrem Lebe: gewalttätige und ungesetzliche Angriffe gegen die Republi! abzuwehren. Das Proletariat sei die stärkst, und zuverlässig steSicherung der Republik Die Regierung habe deshalb zu der Arbeiterschaft das fest, Vertrauen, daß teils Mitglied des Ordnungsdienstes sich ar irgendeiner provokatorischen Handlung beteiligen oder fiel Exekutivbefugnisse beimessen werde, die ihm nicht zukämen uni die kein Staat einer privaten Organisation übertragen könnte Der proletarische Ordnungsdienst sei n i ch t bewaffnet Nur einen Weg gebe es, diese Abwehrorganisation überflüssi« zu machen: Das Reich müsse endlich eingreifen gegen bii faschistischen Organisationen. Die Rede wurde oft vor Zwischenrufen unterbrochen und erntete zun Schluß nur den Beifall der Linksparteien.
Verschärfung der
Reichs-Milchveror-nung.
Im Reichsernährungsministerium haben Besprechunger über die Verschärfung der am 15. Mai ablaufenden Reichsmilchverordnung stattgefunden, an denen die Vertreter zahlreicher Organisationen, darunter auch des Deutschen Städte- tages, teilgenommen haben.
Aus den Besprechungen ist hervorzuheben, daß di< Reichsmilchverordnung einige Verschärfungen erfahren wird Bezüglich Lieferungspflicht der Kleinbauerr und der Molkereien sollen einige Bestimmungen vor - gesehen sein, die den milchbedürftigen Kommunen das Rech geben, den Erzeuger zur Ablieferung einer bestimmten Meng«! Milch zu veranlassen. Dagegen hat man davon abgesehen die Butter zu „besteuern", wie dies vorgeschlagen worden war Ferner soll eine Aktion durchgeführt werden, um der minderbemittelten Bevölkerung Milch zu bib ligerenPreisen z»führen zu können. Dies soll dadurch erreicht werden, daß öe.minben, die infolge günstiger Ver