Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erschein! Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 1000.— Mk., für Hersfelb 800.— Mk., Abholer 750.— Mk. / / Anzeigen- preis für die einspaltige Detitzeile ober deren Raum 50.— Mk., für auswärts 70.— Mk., die Reklamezeile 150.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Rr. 8.
Rr. 31
Dienstag, den 13. März
1923
Das Wichtigste vsM Tage.
— In Buer sind zwei französische Offiziere erschossen worden. Obwohl Tatverdacht gegen französische Soldaten bestcht, ist man sofort z« schärf sten Repressalien gegen die Bevölkerung geschritten.
— Der Führer der „Emdc»' im Weltkriege, ''Kapitän von Müller, ist gestorben.
— Der Ueber gang zur polnischen Mark in Ost-Oberschlesien hat infolge des ungünstigen Zwangs- Umrechnungskurses Streikgefahr über das ganze ©.Aiei Heiaufbeschworen.
Verhandlungen und
DerhandLungsgerede.
Die Ruhrfrage wurde unlängst in Magdeburg von dem sozial demokratischen Parteivorsitzenden Wels in einer Versammlung behandelt, wobei er die Klarheit über Deutschlands Verhandlungsbereitschaft vermißte, weil der Reichskanzler einmal erklärt habe, Deutschland wolle verhandeln, und dann wieder: „Weg mit dem Derhandlungs- gerede". Die Beanstandung ist unbegründet; Verhandlungen und Gerede über Verhandlungen sind zweierlei. Es wäre Wahnsinn, wollte die deutsche Regierung Verhandlungen ablehnen, aber sie muß das Dazwischenreden Unberufener weit von sich weisen. Nichts wäre gefährlicher, als Vermittler an- zugehen in diesem Augenblick, wo die französische Regierung die deutsche Denkschrift vom 5. Februar d. J. über die Rechts- und Vertragswidrigkeit der französisch-belgischen Maßnahmen zu widerlegen sucht und nachdem sie endlich das vom Staatssekretär Dr. Bergmann schon im Januar dem französischen Kabinett unterbreitete Angebot (dreißig Milliarden Goldnmrk für die Wiederherstellung an die
Gesamtheit der Entente) entdeckt Hati *ww»rww»r i N
spräche entwickelt, und barin könnte man allenfalls Keime einer Vermittlungstätigkeit erblicken,
men« sie von legitimierter Seite ausginge.
Gleichzeitig konferenzelt es wieder einmal in B r ü s s e l. Poincar« wird u. a. die Ausführung der wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen im Ruhrgebiet prüfen lassen sowie dieBe- dingungen, die Deutschland am Tage der Kapitulierung auf- zulegen wären. Das Ergebnis der Zwangsmaßnahmen war gleich Null, man müßte denn den Raub der 13 Milliarden, das Erbrechen staatlicher Kassen, die Ausplünderung vo« Privatpersonen als Wirtschaftlichkeit ansehen. Mißerfolg auf Mißerfolg war dem Gewaltakt beschieden, und so ist die Brüsseler Konferenz ein Zeichen der Ratlosigkeit. Sie begann schon im Januar, als die Pariser Chauvinistenpresse allen Ernstes den Verzweiflungsschritt einer Besetzung Berlins empfahl. Damals begnügte man sich mit dem Vor nh an die Ruhr, und seitdem sind die politischen Schwierigkeiten von Woche zu Woche gestiegen.
England lehnt bis jetzt jedes Eingreifen ab and beschränkt sich darauf, den Kohlenzügen die Durchfahrt durch das Kölnische Gebiet zu verwehren. Italien betont die Unvereinbarkeit der Ruhraktion mit seinen wirtschaftlichen und politischen Interessen und ist vom Scheitern der Gewaltpolitik überzeugt. Die Versuche italienischer Franzosen- sreunde, italienische Arbeiter ins Ruhrgebiet zu verpflanzen, sind erfolglos geblieben und haben auch bei der Regierung keinen Anklang gefunden. Inzwischen setzt eine Verkehrsnot ein, von der die Kaufmannswelt Englands, Hollands, Schwedens, Dünemarks, Italiens und der Schweiz empfindlich getroffen wird, ein Programmpunkt für Brüssel, der mehr als andere der Beachtung wert erscheint. Auf die Dauer kann Europa dem von Frankreich angezettelten Handelskrieg nicht ruhig zusehen, und die geschädigten Staaten werden zu diplomatischen Vorstellungen greifen müssen. Wie sehr sich die politische Lage für Frankreich verschlechtert hat, geht aus dem Versuchsballon hervor, den eine Pariser Zeitung aussteigen . läßt. Der tschechoslowakische Minister Dr. Benesch, dem mit großer Hartnäckigkeit Vermittlungsabsichten _ nächgesagt werden, ist wieder mit der Maklerrolle betraut: er soll deutsche industrielle Kreise für eine Internationalisierung der Ruhr gewinnen, ein so offenbar aussichtsloser Plan, daß er nur in einem jeder Kenntnis der realen Verhältnisse baren Boulevardgehirn Platz greifen kann. Soll Deutschland unter diesen Umständen wieder einmal seine Verhandlungs- bereitwilligkeit vor aller Oeffentlichkeit betonen und dadurch seinem PoincarS die Handhabe bieten, seinen vielen Lügen die Zoom Nachlassen der deutschen Widerstandskraft hinzuzufügen! Alles spricht dafür, daß man in Brüssel am Ende des MateiN s an gelangt ist und nicht mehr weiß, wie man 'bie Gewaltmittel steigern soll. Die Forderung des Generals ^Degoutte auf Zahlung von 14 Millionen für gestundete HKvhlenlieferungen bewegt sich in demselben Fahrwasser, aber leinen Fingerzeig zur Erkenntnis der französischen Verlegen-
Heiten gibt ein Aufsatz des in Düsseldorf erscheinenden fram zösischen Blattes Information: es fordert ungeschminkt rasche Verhandlungen. Ist dies bloß Verhandlungs- gerede oder hat da jemand aus der Schule geschwatzt? Herr Degoutte hat seine Presse doch sonst so straff an der Leine, daß diese Verlautbarung Beachtung erheischt!
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Schreckensherrschaft in Buer.
Zwei Offiziere vo« ihre« Soldaten ermordet.
— Repressalien gegen die Bevölkerung.
I« B«er wurden in der Nacht vom 10. zum 11. März zwei französische Offiziere erschossen. Nach einer Lesart soll der Mord von zwei Belgiern begangen worden sein, die mit den Offizieren in Streit geraten waren. Nach anderer Lesart soll der Bursche der beiden Offiziere den Mord begangen haben. Jedenfalls haben sich deutsche Zeugen den französische« Behörden gestellt, die gesehen haben, wie die beiden Offiziere von französischen Soldaten erschossen wurden.
Trotzdem traben die Frairzosen sofort schärfste R e - pressalien gegen die Bevölkerung ergriffen. So wurden der Oberbürgermeister, der Sparkassenvorsteher und der Vorsitzende des Vereins der Kaufleute aus dem Bett heraus verhaftet. Der Verkehr ist von 7 Uhr abends bis 6 Uhr morgens verboten. Weder die Abendschichi noch die Morgenschicht der Zechenbelegschasten können einfahren. Post- und Telegraphenamt wurden besetzt. Das Erscheinen der: Zeitungen ist verboten, Sämtliche Wirtschaften, das6s usw. sind bis auf weiteres ge» schlössen. Aus der Kirche kommende Bürger wurden
gezwunge«, Plakate anzukleben,
Ohne 5: : .;t der deut
rung fast sämtlich wieder abgerissen. Darauf verhafteten die Franzosen eine Reihe von Bürgern, nahmen ihnen die Pässe weg und befahlen ihnen, die ganze Nacht bei den neu angeklebten Plakaten Wache zu stehen. Für den Fall, daß die Plakate trotzdem abgerissen würden, sollten d i e Zivilp osten erschossen werden. Von einem durch die Straßen rasenden französischen Auto wurde ein vierjähriges Kind überfahren und getötet. - —
Kriegsminister Maginot,
aus dem
der zurzeit im Ruhrgebiet weilt, begab sich in das Krankenhaus zu Recklinghausen, wo er die Leichen der beiden getöteten Franzosen mit dem Kreuz der Ehrenlegion schmückte. Er versammelte im Hofe des Krankenhauses die Offiziere der Division und hielt folgende Ansprache: „Zwei Franzosen sind feige ermordet worden. Man hat sie aus bem Hinterhalt getötet. Derartige Attentate dürfen nicht ungestraft bleiben. Obwohl wir hier die Stärkeren sind, haben wir niemals unsere Kraft mißbraucht. Unsere Soldaten haben im Gegenteil immer eine ausgezeichnete Haltung angenommen und der Bevölkerung gegenüber menschliche Gefühle bewiesen. (!) Wir werden das Blut der Unfrigen nicht ungestraft vergießen lassen. Verbrechen wie diese, denen
nicht ungestraft vergießen lassen. Verbrechen unsere Landsleute zum Opfer gefallen sind big undgrmhgrzigsten Repressalien.
sind, erfordern
Much poincarö
äußerte sich bereits zu der Ermordung der beiden Fr^zosen. Bei einem Bankett der ehemaligen Jäger zu Fuß sagte er: „Das Verbrechen, das begangen wurde, wird unbarmherzig bestraft werden. Wir werden die Opfer rächen. Ich werde morgen mit General Degoutte zusammenkommen und mit ihm die Maßnahmen besprechen, die gegen die Treibereien der deutschen Nationalisten ergriffen werden sollen." Im weiteren Verlauf seiner Rede erklärte Poincarä über die Ergebnisse der Ruhrbesetzung: „Unsere Eisenbahner, Post, und Zollbeamten garantieren nunmehr Frankreichs Sicherheit und den Wiederaufbau seiner zerstörten Gebiete. Deutschland mirb bekanntgegeben, daß es keinemVolk möglich ist,ungestraft feierliche Versprechungen zu ver- letzen Hub Friedensverträge wie ein Fetzen Papier zu behandeln. Die Soldaten können sicher sein, daß sie bei ihrer neuen Aufgabe von der Bewunderung, der Dankbarkeit und von den glühenden Wünschen der franzö- fischen Regierung und des ganzen französischen Volkes be- gleitet werden." — Hutin -chreibt im Echo de Paris, daß in jeder Stadt des ?' u h r g e b i e t s Geiseln fest- genommen werde - n, die im Falle von Verbrechen an Franzosen oder ™ hinzurichten sei . . . .... Maßnahmen bereits
drei Todesopfer
- Verirrn sofort und ohne weiteres eien. Inzwischen haben die französischen
gefordert. Zwei von ihnen außerhcrlb nach Buer gekommene Zivilpersonen und ein Rrnmnalbeainter, denen die Bestim- mmg des verschärften Bela^rungszisstandes nicht bekannt
war, wurden in der Nacht vSW Sonntag zum Montag durch einen französischen Soldaten ohne weiteres auf der Straßeerschoffen. Entschuldigt wird dieserunecht.te Vorgang von den Franzosen mit der Begründung, der Soldat seiverpflichtet gewesen, den Verstoß gegen die Verkehrs- ordMng durch den Gebrauch seiner Waffe zu ahnden.
poincares Brüsseler Forderungen.
Der diplomatische Vertreter der „Daily Mail" veröffentlicht einen fertigen Plan, zu dessen Annahme PoincarL die belgische Regierung veranlassen möchte, ©er Korrespondent sagt an verschiedenen Stellen, daß er seine Mitteilungen von !autorativer Stelle habe. Deutschland sollen folgende Bedingungen aufgezwungen werden:
1. Deutschland wird zunächst zu erklären haben, daß die Ruhrbesetzung, die gemäß § 17 und 18 Anhang 2 zum Teil 8 des Friedensvertrages von Versailles erfolgte, ein Akt der Gerechtigkeit gewesen sei.
2. Da Deutschland Verfehlungen begangen habe, dürfte es nicht fordern, daß die fünfzehnjährige Be - setzungsdauer der Rheinlande bereits begonnen hal^.
3. Deutschland darf sich nicht Maßnahmen widersetzen, um den §§ 42, 43 und 44 des Friedensvertrages von Versailles, die sich auf die st ä n d i g e E n t m i l i t a r i s i e - rung der Rheinlande bezichten, dauernde Geltung zu verschaffen.
4. Das Ruhrgebiet soll verwaltungstechnisch den Rhein-: landen zugeschlagen werden, sollen jedoch deutsch bleiben.
5. Zu den Rheinlanden und dem Ruhrgebiet soll auch das Saar gebiet ohne Volksabstimmung geschlagn. werden. Die Franzosen sollen jedoch ständig die Eigentümer der Bergwerke im Saargebiet bleiben.
6. Für Annahme dieser Bedingungen soll Deutschland nn M o r a t o r i u m erhalten. Deutschland würde im ganzen
Das Spionagenetz über Oeuischian-.
Enthüllungen über des französischen „P r o p a g a n d a" - D i e n st.
Der „Berliner Lokalanzeiger" meldet: Frankreichs Bemühungen, genauesten Einblick in Deutschlands militärische, ooltische und wirtschaftliche Tätigkeit zu bekommen, hat in den letzten Monaten einen ungeheuren Umfang angenommen. Nicht allein in den besetzten Gebieten haben sie Ihre Nachrichtenstellen und Agentenbureaus fortgesetzt vermehrt und auch Polen und die Tschechoslowakei zu gleick-er Erweiterung ihres Spionagedienstes veranlaßt, sondern sie sind jetzt im Begriff, auch im unbesetzten Deutschland in vielen größeren Städten Spionage- Agenturen einzurichtenl
Die Oberste Leitung der französischen Spionage in Deutschland befindet sich in Mainz in der Weißenauer Straße.
Ins Ruhrgebiet rückte gleichzeitig mit den ersten französischen Truppen ein gewaltiger Spionage- Apparat ein, der sofort seine Tätigkeit aufnahm. Sie sielt besonders auch darauf hin, durch Versprechungen aller Art die Arbeiterschaft den Franzosen gefügig zu machen. Besonders viel Spionageaufträge sind von dem Bureau in Aachen ausgegangen, das ein M a j o r M e r ho n in der Villa Luttitz leitet. Hier erfolgt auch die Prüfung von Personen auf ihre Geeignetheit als Agenten. Man tünch die Agenten vielfach mit Einbrecherwerkzeug und falschen Po vieren aus. Ein Ingenieur L af o r g e unterweist die Age neu auf das genaueste und skrupelloseste in E i n b r u ch u n d D ie b st ah l. In der
französischen Botschaft in Berlin
die Mel - n Werbe- Dirssel- Euskirchen
kettet ein Haup^osrnn den Spionagedienst. Im Nachbarl suse Pariser Platz 5 ist ein weiteres Bureau eingerichtet. Rege Agententätigkeit geht ferner von dem französischen Generalkonsulat in Berlin. Matthüikirchstr. 3b, aus. Die Industriestädte Sachse: cerben von einem Bureau in dem französischen Konsulat .: Dresden bespitzelt. Die Agenten sind vorwiegend Deutsche! ©ce Zahl der Lunipen, die sich für den Verrat ihres Vaterlandes vom Feinde bezahlen lassen, ist leider erschreckend groß..
Eine sehr starke Gruppe von Spionen bestellen zur Fremdenlegion., V stellen in Neustadt, Saarbrücken, Griesheiin Dorf werden die Leute zur Hauptsammc gebracht. Mindestens 70 Prozent von ih . : t su a. er. dann nicht zur Fremdenlegion, sondern werden mit © nie : oder Gewalt für den A g e n t e n d i e n st gegen das Vaterland gepreßt. Einige Male arK .. n die Agenten mit narkotischen Zigaretten, : .er. deren Wirkung die Betäubten dann ins besetzte Gebiet ge- schafft wurden, wo man sie sich zum Vaterlandsverrat Ic ::r > gefügig machen konnte. Seit dem 1. Januar dieses I. es, also innerhalb von neun Wochen, sind in Deutschland m - .: