Hersfelder Kreisblatt
AmEchsr Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erschein! Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost belogen monatlich 300.— Mk., für Sersfeld 300— Mt., Abholer 280.— Mk. / / Rurelgeu- preis für die einspaltige Delitreile ober deren Raum 40 — Mk., für auswärts 60.— Mk.. die Reklamezeile 120.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Duchdruckerei in Sersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs Verleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Frau; Funk in Sersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 24 Sonnabend, den 24. Februar 1023
Das Wichtigste m Tage.
— Der Preis des vierten und fünften Sechstels der © e treideumlage ist von der gemischten Commission des Reichstage auf 600 000 M. für die Tonne Roggen festgesetzt worden.
— Die Stadt Doch um ist von einem starken Trup - penaufgebot mit Tanks überfallen worden. Ein Warenhaus und zahlreiche Geschäfte wurden ausgeplündert.
Die Einführung einer Zivilverwaltunx auf des Bahnen des alt- und neu besetzten Gebietes steht un> mittelbar bevor. Zum französischen Direktor ist Breaud er- namft worden. ____ IiVW4,
Wocheurückblick.
Die kleine Schar der Reichsiagskonvnmnsten setzt alles daran, Auffehen zu erregen. Da es ihnen. nicht mit der Vergeudung der Redezeit gelingt, greift sie zur Roten Fahne, und der Abgeordnete Bartz schwenkte sie am Donnerstag besonders heftig, indem er vor Eintritt in die Tagesordnung einen Artikel des Blattes verlas, wonach General v. Seeckt zum Bürgerkriege rüsten soll. Dieser Lüge wurden alsbald vom Reichswehr mini st er Geßler die kurzen Beine geknickt, und er hielt es nicht einmal der Mühe für wert, dies Verfahren zu kennzeichnen; es kennzeichnet sich durch sich selbst. Dagegen nahm er die von den Kommunisten maßlos angefeindete Reichswehr nachdrücklich in Schutz, lobte die Zurückhaltung der Männer, die unter Verzicht auf alles, was ihnen anerzogen war, sich dem Staate, d. h. dem deutschen Volke, zur Verfügung gestellt haben, und bezeichnete es als ein Ruhmesblatt für unser kleines Heer, daß es trotz nmn- gelnder Fürsorge zukeinerKlageAnlaß gegeben hat. Wie das Heer, ist auch die Technische Nothilfe beständig Angriffen von radikaler Seite ausgesetzt, urft darum hielt es der Innenminister Des er für angezeigt, sich für diese zum Schutze notwendiger Betriebe und zum Schutze von Leben und Gesundheit der Bevölkerung geschafft. >e Einrichtung ins Zeug zu legen und den sächsischen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Back als Zeugen dafür M zitieren, daß die Nothilfe uneigennützig und nien-and «Zielt aus geübt habe.
Mit der Annahme des Notgesetzes im Rechts- ausschuß des Reichstags ist die Entscheidung über diese Rettungsaktion in nächste Nähe gerückt und es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß sich eine große Mehrheit dafür auch in der Vollsitzung finden wird. Die Strafen, die auf Preistreiberei, Schleichhandel und verbotene Ausfuhr gefetzt sind, sind so hoch (Zuchthaus bis zu 15 Jahren), daß sie abschreckend wirken werden und der weiteren Verteuerung der Lebensmittel damit ein Riegel vorgeschoben ist.
Mit dem Hinscheiden des früheren französischen Außenministers Thsophile Deelasss ist einer der größten Kriegstreiber und Deutschenhasser dahingegangen. Namentlich als Botschafter in Petersburg hat er jene verruchte Kriegspolitik getrieben, die nicht nur Deutschland, sondern auch Rußland so unheilvoll geworden ist.
Kaum hat das Repräsentantenhaus in Washington das bereits vom Senat angenommene englische Schuldenfundie- rungs-Abkommen ratifiziert, also einen Annäherungsschritt der beiden Großmächte gutgeheißen, als eine Kommission desselben Hauses einen Schritt zurücktrat, indem sie sich einer republikanischen Resolution widersetzte, wonach Präsident Har- ding auf unverzügliche Begleichung der französischen Schul- den zu dringen hocke. Gleichzeitig hat jedoch Bonar Law in einem Verein der Englischsprechenden die Zurückziehung der Vereinigten Staaten nadj dem Kriege beklagt und die Hoffnung ausgedrückt, daß die amerikanische Regierung nicht mehr abseits der Schwierig- ketten der Welt stehen werde. Es ist richtig: Amerika hat den Versailler Vertrag nicht rattfizie-t, ist aus dein Völ- kerbunde ausgeschieden und hat durch seinen Verzicht auf die amerikanische'Stimme in der Reparationskommission das Absiimmungsverhältnis verursacht, das Frankreich als Vorsitzendem bei Ettmmengleichheit zwei Stimmen, d. h. bis Mehrheit verschaffte. Das bedeutete eine erhebliche Schwächung der englii^ien Politik, und darum ist der "Appell Donar Laws zu verstehen; er sucht engeren Anschluß an Amerika gegenüber der französischen Uebermacht, und daß er dies in aller Oefftntlichkeit getan hat, zeigt, wie liess drückt sich England in seiner heutigen &W fühlt.
1 Haben sich die Räuber gegenseitig beim Kragen? Faß ^scl-eint es, wenn mir die fr a n z ö s i s ch - b e i g i s ch c v ^Verhandlungen verfolgen. Der belgische Ministerprä / sident Theunis ist in Paris zur Besprechung mit Poincar« ' eingetroffen, augenscheinlich, um Mann gegen Mann Mei j nungsrurrschiedenheiten auszugleichen. Es handelt sich u»
verschiedene Punkte. Belgien lehnt die Einsetzung eines französischen Oberkomniissars mit diktatorischen Vollmachten ab und verhält sich gegenüber der Schaffung eines Derkaufs- kontors sehr skeptisch. Die Frage des Ausfuhrlizenzen macht Schwierigkeit, das Transportwesen, die Zollvegelung, die Einführung einer neuen Währung gleichfalls. Mit einem Wort: es will nichts klappen, und Ordnung in diese Verhältnisse ist nicht hineinzubringen, weil man bei Aufftel- lung der Ausplündermrgsrechnung nicht den deutschen Widerstand in Ansatz gebracht hat. Der gehoffte Gewinn ist ausgeblieben, und statt in die Deute müssen sich die beiden Schnapphähne in den Verlust teilen. Daß dies schon nach der fünften Woche des Ueberfalls auf das Ruhrgebiet geschieht, verdanken wir in erster Linie derunerschütter- li che n Haltung der R uhrbevölkerun g. xxx
Aeberfall auf Bochum.
Ein Warenhaus und zahlreiche Laden ■ ausgeraubt.
Donnerstag morgen nach 10 Uhr unternahmen starke französische Truppenabteilungen einen Vorstoß von Essen nach Bochum. Das große Warenhaus Alsberg und die in der Nachbarschaft liegenden Gebäude wurden von einem starken Truppen» gürtel umzogen. Zugleich fuhren Tanks mit Begleitmannschaften auf. Starke Truppenaufgebote drangen in das Warenhaus Alsberg und in die umliegenden Geschäfte ein und
nahmen, was ihnen in die Hände fiel.
Unterschrieben waren die Requisitionsscheine von dem General der 40. Division, Odry. Aus den Requisitionsscheinen ging hervor, daß es sich um die Einrichtung von Offizierskasinos handelte. Besonders beschlagnahmt wurden Alpakawaren, Silberbestecke, Teppiche, Vasen und Porzellan aller Art. In den anderen Geschäften wurden Möbelstücke, Tische, Stühle, Sofas, Kredenzen usw. beschlagnahmt. Im Anschluß an diese Requisitionen umstellten weitere Truppen
das Landgerichtsgebäude und drangen dort ein. Die Franzosen drängten die Beamten in einen Teil des Gebäudes zurück, andere beschlagnahmten die Akten der Staatsanwaltschast. Der Oberstaats- ^^^&MMWMMRnr«aRimn^ cneoen
8 Uhr war der Raubzug beendet. Die Truppen schickten sich an, Bochum zu verlassen. Um die Tanks zu besichtigen, hatle sich auf dem Wilhelmsplatz eine große Menschenmenge angesammelt, die sich aber in einer Entfernung von zehn Metern hinter den Truppen hielt. Plötzlich fielen zwei Schüsse, wodurch ein 2 5 iähriaer Arbeiter getötet und ein zweiter Arbeiter lebensgefährlich verletzt wurden. Schon am Tage vorher war das Telegraphenamt Bochum Überfällen worden. Nachmittags 3% Uhr marschierten zahlreiche Truppen, 5 Tanks usw. vor dem Postgebäude auf, 4 weitere Tanks bezogen die benachbarten Straßen, dann wurden die beiden Fernsprechsäle und der Telegraphensaal besetzt und das Personal mit Gewalt aus den Betriebsräumen entfernt. Mehrere Beamtinnen bekamen Herzkrämpfe und wurden ohnmächtig. Gegen 5'4 Uhr zog ein Teil der Franzosen mit 2 inzwischen verhafteten Beamten durch die von einer ungeheuren Menschenmenge besetzten Straßen ab. Die Postenkette wurde von der Menge mehrfach durchbrochen und Hochrufe auf die Verhafteten ausgebracht.
Ueber Bochum ist der verschärfte Belagerungszustand verhängt worden. Ueber die blutigen Vorfälle ist fest- gestellt worden, daß die Schießerei einsetzte, nachdem eine Dame von einem französischen Soldaten vom Bürgersteige in der Nähe des Landgerichtsgebäudes bedrängt worden war. Darauf erschollen Pfuirufe, und der Schuß krachte.
Sirasexpedilion durch Reger.
Die Farbigen in BLrgerquartieren.
I« Essen ist ein Regiment Kolonialtruppe« ein. getroffen, die auf Kupferdreh, Velbert und Verden der- teilt werde«. Ein Kommaudo mit 30 Negern und 70 anderen Kolonialsoltzate« ist von Kupferdreh nach Velbert marschiert, um dort als Strafexpedi» t i o u »vegen eines Vergehens, a« dem angeblich Eisenbahner beteiligt gewesen sind, verwendet zn werden. Es soll sich um das Durchschneiden von Telephonleitungc« Handel».
Die Einquartierung des zum größeren Teil aus Negern bestehenden 7. Kolonialreqimcnts in Verden, Kupferdreh und Vel- bert hat in diesen Ortschaften in allen Klassen der Bevölkerung tiefste^,Erbitterung und Erregung hervorgerufen. Als besonders empörend wird es empfunden, daß die Schrvarzen nicht in abgeschlossenen Kasernen, Schulen usw. untergebracht sind, sondern in Privatquartieren, Wirtschaften usw. Die Bevölkeruug ist betrübet erregt, daß die Neger auf den Straßen Dienst tun; so stehen z B. zwei Neger als Posten oor dem Rathaus in Velbert. Die Kanft'rschen Offiziere lassen ich von schwarzen Soldaten begleiten.
Der Zerium von Gelsenkirchsn.
Don französischer Seite ist nunmehr gegenüber ausländischen Korrespondenten zugegeben worden, daß die Truppen, die in ©es- senktrcheu als Strafbesetzung erugezogen waren, den Befehl erhalten hatten, Passanten auf der Straße anzuhalten, ihre Aktentaschen aus Geldbeträge zu durchsuchen unb öffentliche Gelder, die auf diesem Wege angetroffen würden, zu beschlagnahmen. Die französischen Truppen hätten Hefen Befehl mißverstan- den und in einem Stadtteil von Gelsenkirchen einzelnen Per- fönen auch PrtvatgeldW abgenommen, ohne ein Empfangsbescheb nigu-ng zu geben. Diese Gelder sollten den Besitzern wie- der zur Verfügung gestellt werden. Freitag vormittag wurden nach kurzer Verhandlung der Oberbürgermeister von Gel- senkirchen, von Wedelstedt, Postdirektor Bollermann und Fabrikbesitzer Stern aus der Haft entlassen. Der verhaftete Bürgermeister Antoni wird vor ein französisches Gericht gestellt werden, weil er es abegelehnt hat, die Anweisung auf 100 Millionen Mark Geldbuße auszustellen. Polizeipräsident Stiecker und die noch verhafteten Polizeibeamten bleiben als Geiseln für die verwundeten Gen barmerieo f filiere in Recklinghausen in Haft. Fabrikbesitzer Bäcker, Vorsitzender der Arbettgebervereinigung in Gelsenkirchsn, muß ebenfalls in Haft bleiben.
Die Franzosen im Obdachlosen-Asyl.
Das Essener Asyl für Obdachlose, das neben der besetzten Kaserne der Schutzpolizei liegt, ist von den Franzose« gleichfalls besetzt worden. Die 173 Insassen des Asyls w u rden festgesetzt; die Beamten des Wohlfahrtsamts haben keinen Zutritt zu ihnen. Welchen Zweck die Franzosen mit der Besetzung des Asyls verfolgen, ist noch nicht ersichtlich.
Wie jetzt durch genaue Feststellung bekannt wird, wurde der kriegsbeschädigte Schreiner Georg W. von einem französischen Posten am 16. Februar zwischen 10 Uhr 30 Minuten und 11 Uhr abends auf dem Fahrweg in der Gildenhosstraße ungehalten und mit dem Kolben vor die Brust geschläge n, so daß der Mann rücklings auf die Straße fiel. Da er ein künstliches Bein hat, machte es ihm Schwierigkeiten, allein aufzu- stehen. Als der Mann sich aufzurichten versuchte, wurde-er von dem Posten von neuem mit dem Kolben geschlagen, worauf er abermals hinstürzte. Der Posten schlug den auf dem Boden Lie- genden mehrfach so heftig g e g e n d a s k ü n st! r ch e B e i n dag der Riegel der StahlsHiene zur Fesfftellung des Beines mehrfach ^■M■^^^MI^^^ bracht, wo er hilflos liegen blieb.
Auf der Landstraße von Iülich nach Aldenhoven ist ein Gymnasiast von einem Auto der Besatzung überfahren. Er st a r b im Krankenhaus an den hierbei erlittenen Verletzurrgen.
Gegen die Raub-Beror-nungen.
Ein Erlaß der Reichsregierung.
Amtlich wird oerlautbar: Die Interalliierte Rhomlandkom- mission unb die Besatzungsbehörden haben ein ganzes System von Verordnungen erlassen, die das Wirffchafdsleben im besetzten Gebiet und im ©inbrndisgebiet erdrosseln unb gleichzeitig Zahlungen erpressen sollen. Diese Bedeutung hat die Beschlagnahme der Kohle, der Forsten, der Zölle, der Ausfuhrabgabe, bei Devisen usw. sowie die Knebelung der Ein- und Ausfuhr. Diese Verordnungen find
völkerrechtswidrig und rechtsungültig,
ihre Befolgung ist verboten. Wer sich den Verordnungen unterwirft macht sich KAM Helfer der gegnerischen Gewaltpolitik. Jede Zoll- und Steuerzahlung, jede Devise, jede Ausfuhrabgabc, die den Kassen der interalliierten Organe zufließt. jeder Antrag, der bei einer solchen Behörde auf Grund jener Verordnimgcn gestellt wird, bedeutet ein Verbrechen am deutschen Vaterlands. Wer von den Gegnern beschlagnahmte Waren an sich bringt, erwirbt kein Eigentum, wird vielmehr
wegen Hehlerei bestraft
und hat außerdem dem rechtmäßigen Eigentümer Schadenersatz zu leisten. Wer mit den gegnerischen Behörden und Stelle« in Verbindung tritt, liefert den Gegnern Material für Handelsspionage in die Hände. Ein solches Verhalten ist Landesverrat. Die Reichsregierung verbietet daher hiermit ausdrücklich jede Befolgung dieser Anordnungen.
Der Schlag gegen die Zollverwaltung.
Die Franzosen und Belgier haben wieder eine Reibe von Hauptzolliimtern, Zollämtern unb Bezirksinspektionen militärisch besetzt, die in den Aemtern arbeitenden Angehörigen bet Reichsfinanzverwaltung gewaltsam vertrieben lind Den j Einlaß Begehrenden den Eintritt verwehrt. So wurden besetzt die t Hauptzollämter Krefeld und K a I d e n k i r ch e n mit fast samt- lichen Nachgeordneten Zollämtern, ferner die Hauptzollämter Em- ; merich-Eulver, Eleve, Ludwigshafen, London, Kaifsslan ern, K Trier-Römerbrücke und Trier-. Zohanniterufer sowie die Zoll»8 Kmtcr Wasserbilligerbrück, Echermrcherbrück, Linden, Franke: :hal,^ Wörth, Zweibrücken, Kaplaneihof, Bochum und fast alle Zcüämteri des Bezirkes Reuß.