Hersfelder KreisblÄt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 1g Dienstag, den 13. Februar 1923
Das Wichtigste vom Tags.
°^Die französische Regierung hat in einer Not» ein Einreiseverbot für alle deutschen Ministe» in das besetzte Gebiet ausgesprochen. Außerdem ist ein Aus. suhrverbot für Eisen und Stahlprodukte erlasser worden. "
~ 3n Delsenkirchen sind in einem Feuergefecht mit Schupobeamten zwei französische Soldaten schwe> verwundet worden.
r drofeffor von Röntgen, der Entdecker der X-Strab- len, ist in München gestorben.
< Faschistische Heerschau.
‘ ■ Bon unserem Korrespondenten.
M - Rom, 7. Februar.
L dem kleinen Abruzzenstädtchen Teramo hat der Faschrsteufuhrer A c e r b 0, die rechte Hand Mussolinis und Unterstaatssekretär im Ministerpräsidium, eine Heerschau Wer die freiwillige Bürgerwehrder Abruz. ^eu abgehalten. Aus allen Tälern und von allen Bergen waren die Schwarzhemden Herbeigeströmt. Mit ihren Musik- ^Wen marschierten sie auf und defilierten mit dem römischen Gruß vor dem Vertreter ihres vergötterten Oberhauptes. Die Stadt war beflaggt wie nach einem großen va^e, die Feldzeichen mit den Liktorenbündeln wehten im Mnde, und aus ganz Italien waren die Führer der saschi- tischen Bewegung in der Uniform der Volkswehr herbeige- kmmen. Nach der Parade hielt Acerbo im Stadttheater die auf die man in ganz Italien gewartet hatte, weil in verkündet werden sollte, was der Faschismus bis jetzt ge- hat, und was sein Führer beabsichtigt.
. W« einen richtigen Begriff vom Wesen dieser merkwür- ^en Bewegung sich bilden will, der muß diese Rede lesen. Sie ist ein Spiegel nicht nur der politischen Gedanken und der staatsrechtlichen Anschauungen, sondern auch des Charak- ^rs und der sittlichen Kraft des Faschismus nach Inhalt und
Die faschistische Bewegung ist bekanntlich eine Be- begung der italieni : Jugend. Keiner unter seinen FAHrern mit Ausnah.„. der Generale/ die aus der Armee zu seinen Scharen übergegangen sind, ist älter als vierzig Jahre. Und diese Jugend hat drei Jahre im Felde gestanden und ist Im Schlachtendonner zu der Ueberzeugung
eine »schicke leitet Sie fand aber bei hrer Rückkehr eine Regierung, die, durch das parlamentarische System lahmgelegt, jedes Apsehen verloren hatte. Zuerst kam sie dieser wankenden Karikatur einer Staatsge- valt gegen den sein Haupt erhebenden Bolschewismus zu Hilfe, und als sie sah, daß die Minister diese Hilfe, weil sie ungesetzlich war, zurückwiesen, ohne sich doch selbst helfen zu könnet:, bemächtigten sie sich unter der Führung eines der Lärksten Willensmenschen, die das moderne Italien hervorgebracht hat, selbst der Staatsgewalt. Acerbo beschreibt diesen Vorgang in seiner Rede so charakteristisch, daß ich seine Worte hierher setzen will:
»Die Zeit von 1919 bis zum Oktober 1922 ist gekennzeichnet durch den ununterbrochenen fortschreitenden Verfall der Staatsgewalt. Der Staat befiehlt nicht, und durch den Staat wird nicht regiert. Gegen den Staat lehnen sich die Bürger auf; ja es rebellieren gegen ihn die eigenen Beamten. Anfang und Ende der Ausübung der Macht ist das politische K o m p r o m i ß , das aus der Regierung, auch auf den einpfindlichsten Gebieten seiner »Machtbefugnisse, eine vertragschließende Partei macht, mit bei man wie mit einem Gleichberechtigten, wenn nicht gar wie ein Auftraggeber mit einem Beauftragten, verhandelt. Gegen diese Form der Regierung, die nichts anderes als eine durch die Gewohnheit geheiligte Abdankung war, hat sich der Fa. fchismus seit seiner Entstehung erhoben. Darum ist bei Aufstand des Faschismus, der von der Verkündung der Theo- rie zur aktiven Revolution überging, nicht gegen der Staat gerichtet gewesen, der allen befehlen soll: er if gegen den Richt float gerichtet, der niemand befiehlt Weit entfernt davon, das Prinzip der Autorität zu be sümpfen, will er diesen: Prinzip vielmehr die Herrschaft zu. riickgeben unter dem römischen Motto: sie volo, sie jubeo/
' Acerbo schilderte dann in seiner Rede im einzelnen der Verfall der Staatsverwaltung, die Machtlosigkeit der Staats gemalt gegen die Bureaukratie, die Desorganisation des Heeres der Marine und der Luftschiffahrt und endlich die Entartun« des-Parlaments, dessen Ausschaltung und Unschädlichmochum Mussolini mit geradezu brutaler Energie durch gesetzt hat. Es ist heute im italienischen Staatsbetriebe 31 , einer Einrichtung herabgesunken, die man so wenig furchte' ' in so wenig beachtet, daß man es »»übt einmal der Muze fu j wert hält, sie zu beseitigen. Acer?. bat in feiner Acre sei
Hehl daraus gemacht, daß ihm das ganze parlamen- tarischeSystem eine veraltete Einrichtung zu sein scheint.
„Neuwahlen", so sagt er, „hält die Regierung nicht für nötig. Das Land in seiner Gesamtheit will von Neuwahlen nichts wissen, und zwar nicht sowohl aus Gründen der Oppov tunitüt wie deshalb, weil es, wenn auch unbewußt, in feinen wiedererwachten Instinkt fühlt, daß die Aera gewisser unsterblicher Prinzipien, die den mildem Marsch nach Rom abgeschlossenen historisch en. Zeitabschnitt kennzeichnen, vorüber i st. Man kann nicht nur einer alten und schwach gewordenen Überlieferung und der Laune von Politikern zuliebe, die von den neuen nationalen Bildungen ausgeschlossen sind, unserem Lande überflüssige Parteikämpfe aufzwingen. Die nationale Regierung kann sich zu solchen akademischen Scherzen nicht hergeben, weil ihre auf* bauende Arbeit keine Ablenkung und keine zersetzenden Bestrebungen gebrauchen kann."
Sind das alles nun nur große Worte, oder hat der Faschismus in den drei Monaten, während er an der Arbeit ist, wirklich schon etwas geleistet? Auch diese Frage hat Acerbo beantwortet. Und man muß sagen, daß seine Antwort nicht übertreibt. Es hat in der Tat seit den Zeiten Cavours kein italienisches Kabinett gegeben, in dem soviel und so frucht- bar gearbeitet wird wie in dem Kabinett Mussolinis. Es drängen sich in diese drei Monate gesetzgeberische Lösungen von Problemen zusammen, mit denen die Vorgänger Mussolinis überhaupt nicht fertig werden konnten. Um einen Begriff davon zu geben, müßte ich viele Seiten schreiben. Grundstürzende Verwaltungsreformen sind zum Teil angebahnt, zum Teil schon durchgeführt. Große E r s p a r n is s e sind erzielt, die Zwangswirtschaft ist auf allen Gebieten, auch auf dem des Wohnungswesens, aufgehoben. Eine tiefgreifende Heeresreform ist im Gange. Der Kommunismus regt sich -zwar noch, ist aber jedes Einflusses beraubt. Der Sozialismus ist ohnmächtig Alles das war nur möglich durch die Ausschaltung des Parlaments und dadurch, daß die ganze faschistische Armee vor 300 000 Mann in eine freiwillige, aber gut bewaffnete Volks
wehr verwandelt worden ist, die auf den Wink ihres Herrn bereit ist, jeden Widerstand gegen die Regierung niederzu
schlagen. Nie hat ein moderner Diktator noch neben bem eigentlichen Heer, das den Staat gegen seine äußeren Feinde schützt, eine so nroko
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zu wirken, wenn Mussolini sich bei der Eröffnung des Parlaments vor dem Eingang von Monteitorio von einer Kohorte dieser Prätorianer die militärischer: Ehren erweisen ließ. - / — —U.
Einreiseverbot für - alle deutschen Minister.
Nach einer Konferenz Poincares mit dem belgischen Außenminister, der auch der belgische Gesandte, der Kriegsminister, der Arbeitsminister, der Finanzminister und der Minister für die befreiten Gebiete beiwohnten, ist folgende Note veröffentlicht worden, die der deuffchen Regierung übergeben werden soll:
„Die belgische und die französische Regierung haben festgestellt, daß der Besuch des Reichskanzlers Cuno im Ruhrgebiet und seine dort ausgeübte Aktion einzig und allein den Zweck gehabt hat, gefährliche Erregungen, besonders unter den Großindustrielle«, Angestellten uni Staatsbeamten, hervorzurufen. Unter diesen Bedingungen sehen sich die französische und belgische Regierung, die im Interesse der Bevölkerung stets be strebt sind, Wirren zu vermeiden (I), du einen blutigen Verlauf (H) haben könnten,
genötigt, der Reichsregierung und den Regierunge« der Länder mitzuteilen, daß die R e t ch s m i »i st e 1 und die Minister der Länder nicht mehr ermächtigt werden, das Ruhrgebiet zu betreten."
Havas teilt in einer offenbar als halbamtlich anzufehende« Meldung dazu mit, der Beschluß bedeute nicht, daß die alliierte* Behörden die Absicht hätten, beim Betreten der Desetzungszon- einen Passierschein oder Paß zu verlangen. Di- ,roße Zahl der Sugangswege zum Ruhrgebiet mache eine derartig» Kontrolle unmöglich, unb im übrigen würde es nw ines Flugzeuges bedürfen, um diese Kontrolle zu umgehen. 6« vürden jedoch auf Grund des obigen Defchlnsses deuffche Minister venn sie unbehelligt ins Ruhrgebict hiyeingelangt waren, so ort wieder nach Deutschland (!) zurückgebrach verben. sobald ihre Anwesenheit gemeldet werde.
Der Pariser Berichterstatter der Times schreibt zu dem Verbot des Besuches deutscher Minister im Ruhrgebiet, die Be- satzungsbehörden beanspruchten dort Rechte, die sie im Rhein- lande niemals beansprucht hätten. Frankreich und» Belgien nähmen an Deutschlands Stelle Souverän itäts- r e ch t« im Ruhrgebiet für sich in Anspruch.
An zuständiger Stelle in Berlin
wirS dazu mitgeteilt, daß die Note zu einer Zeit überreicht worden ist, als die gleichlautende Havasmeldung bereits in Berlin vorlag. Es wird für selbstverständlich erklärt, daß diesem „Verbot" für deutsche und preussische Minister deutscherseits keinerlei Bedeutung bei. gemessen wird. Die französische Regierung kann den deutschen und preußischen Ministern nicht verbieten, Handlungen auf deutschem Gebiet vorzunehmen. Man wird sich um derartige Weisungen und Verbote überhaupt nicht kümmern. Pflicht der Minister ist es, in diese« Zeiten, etwaigen Gefahren und Unannehmlichkeiten zum Trotz, denen sie ausgesetzt sein könnten, sich nicht abhalten zu lassen, auch künftig in das besetzte Gebiet zu reisen.
Giahl- und Cisenausfuhr gesperrt.
Die französische Regierung hat, wie Havas berichtet, dem deutschen Geschäftsträger in Paris eine Note überreichen lassen, in der mitgeteilt wird, -atz vom 12. Februar ab metallurgische und andere in den besetzten Gebiete« fabrizierte Produkte nicht mehr nach dem nichtbesetzte« Deutschland aus - geführt werden dürfen. Anlaß zu dieser Maßregel hätten die Befehle gegeben, die die deutsche Regierung ihren Beamten im Ruhrrevier erteilt habe. Durch diese Befehle habe die deutsche Regierung versucht, Unruhe« aller Art hervorzurufen. Der belgische Minister des Aeutzeru hat, nach einer Meldung -er Agence Beige, dem deutschen Geschäftsträger in Brüffel eine entsprechende Note überreiche« lassen.
Die pariser Beschlüsse.
Die Ergebnisse der Verhandlungen des französischen Kabinetts mit dem belgischen Außenminister Jaspar werden vor« Petit Parisien wie folgt französischen und belgischen »Personal diejenigen deutschen §ffen- bahner und leitenden deuffchen Beamten heranzuziehen, die zur Wiederaufnahme der Arbeit gewillt seien. Hierzu komme ein Erstem von Ausfuhrbewilligungen für sämtlich« . Industrielle des Ruhrgebiets. Durch die Verweigerung der Ausfuhrbewilligung könne die Beförderung der Fabrikate nach dem nichtbefeßten Deutschland einfach unterbunden werden. Diese Kontrolle werde eine Waffe gegen den Widerstand der Großindustriellen sein.
Harnisch ausgewiesen.
Der Regierungspräsident von Wiesbaden, Hacnifch, gegen dessen Amtsantritt die Rhcinlandkommission ein vorläufiges Veto eingelegt hatte, weilte in den letzten Tagen im besetzten Gebiet, um als Kommissar der preußischen Regierung Informationen über die wirtschaftliche und politische Lage einzuziehen. Am Sonnabend nachmittag wurde cr«us einer Besprechung mit Land- räten und Bürgermeistern des Regierungsbezirks Wiesbaden durch französische Do»mte zu dem Oberdelegierten Marquis de Lillers genötigt, der ihn ehrenwörtlich verpflichtenwollt«, noch vor Mitternacht das besetzte Gebiet zu verlassen. Hacnach lehnte das Ansinnen ab und erklärte, nur der Ge - walt zu weichen. Daraufhin wurde er in das französische Polizeikommissariat geführt und einer gründlichen Untersuchung unterzogen, gegen die er unter Berufung auf seine Immunität als preußischer La n d tag s ab geo ebnetet entschieden protestierte. Ebenso verweigerte er die Unterzeichnung eines von dem französischen Polizeikommissar aufgenommenen Pro- tokolls. Gegen 914 Uhr wurden Harnisch die Papiere zurück- gegeben und er im französischen Militär automobil über die Grenz« des besetzen Gebiets gebracht.
Griragliche Kohlenlage.
Ueber die Wirkungen der ßoblenbloctabe meldet die Bergwerkszeitung: Die Kohlenblockade des Ruhrreviers, die burd: die Besetzungsmächte verhängt worden ist hat durchaus nicht die von den Urhebern erwartete schnellt Wirkung gehabt, einmal ist die Kohlenförderung an sich statt zurückgegangen. Dann zeigt es sich, daß die Verbraucher im Industriebezirk selbst Mer t größere Mengen dieser verringerten 90 r 0 e • r u n g aufnehmen, als ihnen unter den früheren Verhaltn: en zu- , geführt wurden. Schließlich können die einzelnen Grumm sie., Förderung in einem gewissen Umfang auf Saget nehmen./ Auch nutzen die Verwaltungen diese Zeit, der von <rn Franz?» en . erzwungenen Störungen in der regelmäßigen Kvhlrnerzeugnngk aus, um Reparaturen und sonstige Arbeiten am den c-'i-ien*»a anlagen vornehmen zu lassen. Im allgemeinen laßt sich W-n t-nB^ der Ruhrbergbau auch dic Kohlenblockade trog ihrer schummenD Wirkungen weit länger ertragen kann, a-s man |ew|t>s auf deutscher Seite angenommen hat. '