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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 300. Mk., für Hersfeld 250. Mk., Abholer 240. Mk. / / Anzelgerr- preis für die einspaltige Detitzeile oder deren Raum 15. Mk., für auswärts 20. Mt., dir Reklamezeile 40. Mk. / / Druck und Derlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Zeilungs Verleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 13

Dienstag, den 30. Januar

1923

Das Wichtigst« »om Tage.

In Trier ist ein Arbeiter beim Heraustreten aus einer Wirtschaft von einem Marokkaner erschossen worden.

Die Zollgrenze um das Ruhrgeviek .,. msher «och nicht in Kraft getreten.

In München ist eine merkliche Entspannung eingetreten, nachdem der Parteitag der Nationalsozialisten ohne Zwischenfälle verlaufen ist.

An her Berliner Börse notierte hie polnische Mark nahezu Ik)O, so daß die deutsche Valuta nunmehr aus den Stand her polnischen Herabgesunken ist.

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Exterritorialität.

«Für dies zungenzerbrechende Fremdwort gibt es temd Verdeutschung, nur erklärende Umschreibungen. Für bid Münchener ist die Beschäftigung mit der Exterritorialität ak­tuell geworden, und sie sind davon unterrichtet, daß der fran­zösische Gesandte Dard und die der Reparationskommission angehörenden Miglieder das Vorrecht genießen, in Bayern der französischen Gerichtsbarkeit zu unterstehen und von Steuern etc. befreit zu sein. Aber das fremdwörtliche Un­getüm hat noch eine andere Bedeutung:^die Verbannung aus dem Vaterlande. Die Schickung hat es gewollt, daß auch diese Erklärung für die in München weilenden Franzosen und Belgier zutrifft, denn der sonst so angenehme Aufenthalt in j der Isarstadt ist für sie zu einer Verbannung geworden, und sie können mit Ovid, dem Dichter derTristien", der von seinem Imperator Augustus an das Schwarze Meer verschickt wurde, klagen:Ich bin hier ein Barbar, weil ich von nie­mand verstanden werde."

In der Tat: Die Gäste aus Frankreich und Belgien wur- den, als die Ruhrbesetzung begann, in ihren Hotels weder rraui^E^sM^v^vnden. wenn sie chre enefel geputzt i haben wollten, noch verabreichte ihnen ein Kellner Speisen und Getränke, noch brächte ihnen der Piccolo ihre Zeitungen. Mit einem Schlage traf sie der Boykott der Hotelbediensteten und verleidete ihnen das Leben. Sie hausen zwar noch im­mer im HotelVier Jahreszeiten", aber wenn sie essen wollen, müssen sie echt münchnerisch leben, d. h. sich ihr Geselchtes, Wurst, Brot usw. selber einkaufen und aus freier Hand ver­zehren. Kein Hotel, keine Gastwirtschaft, kein Kaffeehaus wagt es, den Boykott der empörten Einwohner zu brechen, und wenn Herr Dard noch so vieleBefehle" erteilte, er würde nur auf taube Ohren stoßen. Ueber eine Woche schon dauert dieser Zustand, der den Franzosen eine Vor­stellung von der über Deutschland verhängten Aushungerung verschafft. Die Belgier sind denn auch schon zu den Brüste, ler Fleischtöpfen zurückgekehrt, die orthodoxeren Gallier ver­harren im Fasten. Der Briefwechsel zwischen ihnen und der bayerischen Regierung ist bisher noch nicht bekannt geworden, aber es ist klar: der Fall liegt für die überwachten Mitglie­der der Ueberwachungskommission hoffnungslos, obwohl ihnen der Artikel 207 des Versailler Vertrages das Recht der Exterritorialität verleiht und Deutschland die Kosten ihres Aufenthalts zu bestreiten hat. Leider hat der mit so vielen spitzfindigen Klauseln ausgerüstete Vertrag eine Lücke. Das Deutsche Reich wird für jedes Stück Brot und Wurst nuf= kommen, aber es ist nicht vorgesehen, deutsche Sklaven zu Frondiensten zu zwingen. Diese Nachlässigkeit hat sich gerächt. Kein Mittel gibt es, bas Personal eines Hotels zur Bedienung der Gäste zu nötigen. Kein Polizist, kein Ge­richtsvollzieher, kein Regierungspräsident wäre imstande, diesen stummen Widerstand zu brachen, und die Boykottierten können von Glück sagen, daß ihnen durch Vermittelung einer Reichstelle ihr Quartier belassen wurde, sonst hätten sie die Gastfreundschaft des Gesandten Dar- in Einspruch nehmen müssen. Aeußerlich mutet dieser Zwischenfall wie eine «Szene aus einer Kasperle-Komödie an, aber er hat auch eine sehr erliste Seite: der allmächtige Staat versagt in rechtlicher sind staatsrechtlicher Beziehung; selbst wenn die bayerische Regierung sich den: Volkswillen entgegenstemmen wollte, wäre dies ein vergebliches Beginnen. Hier ist »i ch t s Un­gesetzliches vorgenommne worden, und keine französische Rabulisterei vermag ben klaren Sachverhalt zu verdunkeln. Die Münchener haben die Ruhrbevölkerung unterstützt unb den Begriff der Exterritorialität ausgehöhlt; sie besteht weiter, jedoch nur als ein machtloses Gebilde, und so weit auch der Arm P o i n c a r 6 s reicht, einstweilen reicht er noch nicht bis München, wo ein fester Wille ein Exempel gegen Uebergriffe und Vergewaltigung statuiert hat im Rahmen des Gesetzes. Auch im übrigen Deutschland schwillt diese Stewegung an, und viele Hotels schließen ihre Pforten vor den ungebetenen ausländischer: Gästen, ein Zeichen von Medorevmannung. Da auch Handel und Industrie in dem­

selben Sinne der Abwehr wirken, wollen wir den Mut nicht sinken lassen und durch die dunkle Gegenwart dem Lichte besserer Tage entgegengehen im Zeichen einer durch Not und Bedrückung gefestigten Einigkeit."*~.nd.

Die Lage im Ruhrgebiet.

Irgendwelche Zollmassnahmen seitens der Be- satzungsbehörben sind bislang von keiner Stelle gemeldet worden. Die Grenzen des rechtswidrig be­setzten Gebietes sind zwar sehr stark mit Militär belegt, von der beabsichtigten Zollinie ist aber vorläufig nichts zn spüren. Der Verkehr von und nach Osten ist « n g e - st ö r t.

Im Laufe des Sonntags setzten sich die Franzosen in meh­

reren neuen Bahnhöfen fest. Die Linie der im Norden

und Westen des Industriegebietes besetzten Bahnhöfe zeigt nun­mehr folgenden Verlauf: Lünen Waltrop Datteln Suder-

wich Recklinghausen Herten Westerholt Buer Nord!

Dladbeck West Bottrop Osterfeld Süd Oberhausen Sterkrade Hamborn Duisburg Weiderich Süd Duis­

burg Hauptbahnhof Hochfeld Süd Großenbaum Wedau Düsseldorf Hauptbahnhof Düsseldorf Derendorf. Im

Süden sind die Operationen bisher nicht zum Abschluß gekommen. In den Städten, in denen die Bevölkerung eine lebhafte Beun- - cuhigung gezeigt hat, haben die Franzosen ein förmliches

Säbelregiment

errichtet. So gab in Aachen der belgische kommandierend« Ge­

neral Gilain bekannt, daß die deutschen Polizeibeamten, von jetzt ab ihm allein unterständen. Die Truppen: seien angewiesen, von der Waffe Gebrauch zu machen. Der: sogenannte kleine Belagerungszustand wurde zunächst durch: Früherl^gung der nächtlichen Verkehrssperre verschärft. Der Hauptbahnhof ist militärisch abgesperrt, jeder Eisenbahnverkehr ruht. In Essen hat der franrnücch»

geteilt, MB er weitere Kundgebungen mit Waffengewalt und mit der grössten Schärfe unterdrücken werde. Er warne die Bevölkerung davor, sich den Folgen eines bewaffneten Einschreitens der Truppen auszusetzen. Die Rheinlandkommission ihrerseits hat in dem Segment est dessecteur n o r d der belgischen Besetzungszone, in der das Kohlenrevier von M o e r s liegt, den Belagerungszustand erklärt. Das Postamt Düsseldorf ist am Sonntag von französischen Truppen besetzt wor­den. Die Beamten und Beamtinnen sind aus demAmt her­ausgetrieben worden, zum Teil mit Gewalt. Der Ortsver­kehr und auch der Fernverkehr waren eine Stunde lang völlig ge­sperrt. Die Maßnahme ist angeordnet worden, weil einige Tele­graphenleitungen der französischen Zentrale gestört sein sollen. Bei Steele und Düsseldorf haben die Franzosen das Rheinkabel durchgeschnitt^

Die Ausweisungen und Verhaftungen haben natürlich noch kein Ende genommen. Die Rheinlandkommis­sion hat die sofortige Ausweisung folgender Beamter verfügt: Zen- nerich, Zollrat, Weingärtner, Oberforstsekretär, Offenbacher Zoll­direktor in Mainz, Hill, Bürgermeister in Alzey, von Brotta, Landrat im Untertaunuskreis, Nithoener, Landrat im Kreise Go- nrshausen, Bistram, Stadffekretär der Gemeinde Rheinbach, von Dombois, Regierungsassessor im Landratsamt Kreuznach, Gorrenz, Hauptschriftleiter der Wiesbadener Zeitung.

Der Aachener Polizeipräsident Freiherr von K o r f f erhielt Sonntag mittag den Ausweisungsbefehl und wurde bereits um t Uhr nachmittags von fünf Belgiern aus dem Polizeipräsidium geholt und im Kraftwagen mit unbekanntem Ziel fortgeschafft. Gleichzeitig wurden der Zolldirektor Cordes und Zollrat Patt verhaftet. Dann ergriffen drei belgische Gendarmen im Regie- rungsgebäude den Aachener Regierungspräsidenten Dr. Rom- bach und seinen Stellvertreter Oberregierungsrat v. G ö r s ch e n und schafften sie im Auto fort.

Am Montag wurde der Präsident der 2. Abteilung des Landes- fiimnzamtes Düsseldorf Dr. Finger von der Befatzungsbehörde in seiner Wohnung verhaftet. Der' Kölner Landesfinanzamts­präsident Haehling von Lanzenauer ist im franzö­sischen Militärgefängnis in Mainz erkrankt und in das französische Militärhvspital in Mainz üluwgeführt worden. Im übrigen ist man dabei, die Pressefreiheit, soweit sie noch bestand, völlig illu­sorisch zu machen.

Es hagelt Verbote,

begründete" und solche ohne Begründung. DerMainzer An­zeiger" und dieVolkszeitung" sind von Alontag ab auf je zehn Tage ohne Grundangabe von der Rheinlandkommission verboten worden. DieMainzer Tageszeitung" wurde wegen der Ver­öffentlichung der Entschließung der Stadtverordnetenversammlung gegen die französischen Gewaltmaßnahmen für drei Tage verboten. Diese Liste läßt sich beliebig verlängern. Die durch den Ein­marsch der ftanzösischen Truppen verursachte Verteuerung der Lcbcnsmittcl beträgt bis zum 27. Januar insgesamt l22 Prozent.

Raub der Krankenhäuser.

Die Franzosen haben den dritten Teil aller Essener Krankenhäuser beschlagnahmt. Dies ist ein außerordentlich harter Schlag für di« Bevölkerung, weil es für die Folg« unmöglich fein wird, Kranke ilnterzubringen. Trotz des Protestes der Verwaltung wurde der Diphtheriepavillou vr» den Franzosen beschlagnahmt. Wo die Kranken untergebracht werden sollen, ist den ftanzösischen Newalthabern selbstverständlich gleichgültig. Des weiteren ver- iangen die Franzosen die Hauptklinik, in der ausschließlich Kranke mit gewissen ansteckenden Krankheiten untergebracht sind. Es bleibt nichts weiter übrig, als die Kranken zu entlassen. Ebenso »erlangen die Franzosen, daß die Pavillons für Sch a r l a ch , (Rasern u n b Typhus geräumt werden. Die Aerzte haben «klärt, daß durch dieses Vorgehen schwere Epidemien auf- freten können, und daß die Aerzteschaft die Verantwortung für die Folgen den Franzosen überlassen muß. . ...--------

Bei August Thyffen

|m Schlosse Landsberg, ist ebenfalls französisches Militär unterge­bracht. Der dort einquartierte General wollte Herrn Thypen eine Aufwartung machen und fragte, wann fein Besuch angenehm ei. Zur vereinbarten Zeit erschien der General und gab fein« fremde Ausdruck, einen so hervorragenden Industriellen Deuff<^ ands begrüßen zu können. Leider sei er schmerzlich berührt, dass er unter solchen Umständen die Bekanntschaft Thyssens machen nüsse. Wie man sich erzählt, antwortete Herr Thyffen, daß er surchaus nachempfint^n könne, wie schmerzlich es für einen ver- Henten General fein müsse, mit einer großen Heeresmacht gegen t i n unbewaffnetes Volk zu marschieren. Thyffen^ setzte >ann hinzu:Ich dank« Ihnen, Herr General" _ und verließ das jimmer. Für die Stimmung der Bevölkerung ist charakteristisch, allgemein ein Liebchen nach einer bekannten Schlager-Melodre zesungen wird, mit dem Verse:

Franzmann, Franzmann weine nicht, du kannst alles von ins haben, nur die Kohlen nicht."

Feus B-utiai in Trier.

Jeraustretender Arbeiter voneinem Marokkaner erschossen worden. Die Erregung der Bevölkerung ist sehr gross. Die Lage hat sich in den letzten 24 Stun- den wesentlich verschärft. So find die Bestim­mungen des Belagerungszustandes dahin verschärft wor­den, dass um 10 Uhr sämtliche öffentliche Lokale ge­schloffen werden müsse«.

Ueber die Vorgänge auf den Straßen Trier- während d« Generalstreiks wird von einem Augenzeugen berichtet, dass die Haltung der französischen Truppen in diesem Falle von Spahis wohl das Skandalöseste dargestellt habe, was man sich nur denken könne. Als nach der Ausweisung der zehn höheren Beamten der Ausnahmezustand verhängt worden^ war, durfte sich niemand in der Zeit von abends 9 bis morgens 7 Uhr auf der Straße aufhalten. Die Bekanntgabe dieser Anordnung kam aber er st abends gegen 10 Uhr heraus. ,

Von 9 Uhr ab wurden die Spahis in ihrer gefährlichen-Wild­heit auf die Stenge losgelassen. Sie durchschifften in einzelnen Trupps die Straßen der Stadt und schlugen sofort mit dem Säbel um sich, wo sie nur einen Deutschen er­blicken konnten. Sehr erhebliche Verwundungen sind in großer F«hl festgestellt worden, vier oder fünf Personen trugen schwer« Verletzungen davon. Es wurde beobachtet, wie die Spahis ein erleuchtetes Schaufenster mit Säbelhieben cinschlugen. vor dem überhaupt niemand zu sehen war. Die Vermutung lieg« nahe, daß die Franzosen durch Abbildungen den Eindruck erwecke» wollten, als ob die Zerstörung eine Folge von deutscherseits ver> anftalteten Unruhen sei.

Am Morgen des Freitag säuberte eine Abteilung Spahis i» Stärke von etwa 30 Mann mit einem Offizier die Fleischstraß« obwohl der Verkehr in dieser Straße infolge des Generalstreiks außerordentlich geringfügig war. Von einer Ansammlung konnt« schon gar nicht die Rede fein. Das Vorgehen der Truppen er­folgte derart, daß die Dorreiter die Bevölkerung ruhig passiere» ließ, die Haupttrupe aber in etwa 100 Meter Abstand auf jede« mit Säbelhieben reinhieta Die Deutschen waren auf diese Weist buchstäblich den Wilden vorgeworfen. Ein jugendl-.chei Radfahrer, der abgesehen war, wurde niedergeschlagen. Der Augenzeuge dieser Vorgänge flüchtete mit anderen Passanten hinter eine Haustür, die von berittenen Spahis zu sprenge» versucht wurde.

Das Abwehr-Gesetz.

Me verlautet, haben in den letzten Sagen in Berlin wichtige Verhairdlungen zwischen der Regierung und den maßgebenden Vertretern der deutschen Industrie, an denen vor allem Mitglieder der Ruhrkon z ern e teilge- nommen haben, stattgefunden, in den man sich über einer Gesetzentwurf unterhalten hat, der von der Reichsregierunz ausgearbeitet worden ist. Dieser Gesetzentwurf stellt gc wissermaßen ein Mantelgesetz dar das die gesamter Maßnahmen umschließt, die zur Abwehr der Be'ebuug der Ruhrgebietes getroffen sind. Man hatte zunächst vor, West Maßnahmen auf dem Wege der Verordnung des Rcrchspräw deuten gesetzgeberische Kraft zu geben, ist dann aber wieder von diesem Plane abgekommen. Das neue Gesetz soll bereit« am Mittwoch im Reichswirtschaftsrat besprochen werden Unter den Ruhrvertretern befanden sich auch verschieden-