Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstag. Donnerstag und Goanabenb. Der Derngspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 300.— Mk., für Hersfelb 250.— Mt.« Abholer 240.— Mk. , , Anzeige»- preis für die einspaltige Detitzeile ober deren Raum 15.— Mk.« für auswärts 20.— Mk., die Retlamerrile 40.— Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Bnchbrvckeret in Hersfelb, Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Rr. 8.
Nr. 12
Gonnabenb, den 27. Januar
1923
Das Wichtigste eem Tage.
— In Trier und Düsseldorf haben bei Demonstrationen Zusammenstöße stattgefunden, die glücklicherweise ohne Blutver. gießen abliefen. Ueber Trier ist der Belagerung», -«stand verhängt worden.
— Die Reparationskommission beschließt einen werteren Zahlungsaufschub für Deutschland bis zum Februar.
Die Rückkehr der Zechenleiter von Mainz nach Pstsen gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug.
Wochenrückblick.
Das Ruhrgebiet gewährt den Anblick eines SchlachkfeVes: Sberall wird mit den Waffen des Streiks und der passiven Resistenz gekämpft, einmütig nach der ausgegebenen Losung, Widerstand bis zum Aeußersten zu leisten. Das Ergebnis dieser Fülle von Einzelgefechten drückt sich in der zu- nehmenden Enttäuschung der Franzosen aus: die Spaltung der Zechenbesitzer und der Arbenerschaft P mißglückt; die ersehnten Kohlenzüge erreichen ihr Flei nichts selbst die Personenzüge stocken, und so häufen sich die Schwierigkeiten für die von Paris entsandten Machthaber, da die deutsche Beamtenschaft und alle Gruben- verwaltungen keine Befehle von französischer Seite annehmen, in dem Maße, daß der Bergwerksinspektor C o st e abberufen werden mußte und der Minister für öffentliche Arbeiten, Le Trocquer, nach Düsseldorf geeilt ist, um neue Maßnahmen zur Brechung des deutschen Widerstandes zu be- K)en. Daß Eile not tut, verrät der erneute Protest der iterschaft von Rheinland und Westfalen vor dem Generalstabschef Sermail in Mainz gegen kriegsgerichtliche Verurteilungen deutscher Staatsbürger, und das Verlangen, Me Verhafteten sofort zu enthaften, widrigenfalls die fran= »ösische Regierung für unübersehbare Folgen die Verantwortung zu tragen hätte. Diese Drohung mit der Stillegung «Her wichtigen Wirtschaftsbetriebe ist nicht mißzuverstehen. Die Ruhrbevölkerung weiß, daß Deutschland hinter ihr steht
<=W« im GttNae ist.
So nachhaltig sich diese mannhafte Haltung auch in der öffentlichen Meinung des Auslandes auswirkt, hat sie doch die Regierungen der maßgebenden Staaten, Amerikas und Englands, nicht in Bewegung zu setzen vermocht." Beide verharren im Abwarten. In Washington kann man sich nicht entschließen, den Anregungen des Senators B o r a h tzachzugeben und gegen die Besetzung des Ruhrgebiets dffiziell zu protestieren, und in London verwirft man zwar die Sanktionen, man will jedoch nichts von einer Intervention zugunsten der verhafteten deutschen Beamten wissen, sondern begnügt sich mit der Zuschauerrolle. Augenscheinlich drängt I t a l i e n auf ein englisches Eingreifen, und man beginnt in Rom angesichts der Entwicklung der Ruhr- Vktion nervös zu werden. Da Mussolini sich als der Schildknappe Poincares gebärdet und dessen Forderungen, wenn »uch in etwas mäßigerem Umfange, vertritt, darf Deutschland sich die laue Neutralität des Foreign Office als kleinen Teilerfolg seines Widerstandes buchen.
In B a y e r n hat der französische Rechtsbruch gewaltige Empörung erregt, und so geschah es, daß die Münchener Bevölkerung den Mitgliedern der dortigen Reparationskommission den Stuhl vor die Tür setzte und das Hotelpersonal zum Boykott der unbeliebten Gäste schritt. Dazu sind noch öffentliche Krawalle und Demolierungen von Wirtschaften, in denen sich Franzosen aufhielten, gekommen, so daß es zu verstehen ist, wenn die bayerische Regierung um die Abberufung des französischen Gesandten Ward ersucht hat, weil sie die Verantwortung für dessen Schutz ablehnen Müsse. Auch die Reichsregierung ist in diesem Sinne verständigt worden. Die Annahme, daß die Münchener Vorgänge ein Nachspiel haben werden, dürfte nicht von der Hand Au weisen sein.
Dagegen beweist das mächtige Frankreich eine mehr als christliche Geduld gegenüber dem Litauerputsch in Memel. Die Stadt liegt unter den Geschützen des englischen Kreuzers und zweier französischer Torpedoboote, aber es ist kein Schuß gefallen. Die Freischärler haben das Heft in der Hand und den französischen Oberkonnnissar zur Machtlosigkeit verurteilt. Sie haben sich in die Verwaltung eingenistet und warten seelenruhig ab, ob die Streitkräfte der Entente sie hinaus, -kompliraentieren wollen. Auch die Polen regen sich nicht, was die Vermutung wach erhält, daß sie ein anderes Ziel, Ost- preußen, im Auge lassen, ein Druckmittel, das ihnen die mit Rechtsbrüchen arbeitende Pariser Regierung gern zur Verfügung stellen würde, wenn in diesem Falle nicht ein russischer Gegendruck zu befürchten wäre.
Die Lausanner Verhandlungen nähern sich ihrem Abschluß, nachdem der Vertragsentwurf den Türken zur Entscheidung überreicht sein wird. Er entspricht ungefähr dem Entwurf vom 14. November 1922 und bewilligt der Türkei, allerdings ohne Abstimmung der Bevölkerung, im großen ganzen die von ihr verlangte thrazische Grenze, „reformiert" die Kapitulationen und gestattet die Durchfahrt nur eines Kriegsschiffes durch die Meerengen. So ist es in Lausanne damals gemeinsam von England und Frankreich festgesetzt worden. Me Russen und ihre Anträge wurden dabei nicht berücksichtigt, manche andere türkische gleichfalls nicht. Jetzt hat Kemal Pascha und die Angora-Regierung das Wort, und auch Sowjet-Rußland wird sich vernehmen lassen, wie es über den aus den Bruchstücken des Sdvres-Friedens- schlusses zusammengeflickten Vertrag von Lausanne denkt. Nach allem, was aus Moskau und Angara verlautet, scheint er dort nicht als „Friedensinstrument" angesehen zu werden, sondern wird sich als die Erbohrung einer Quelle von neuen Mißhelligkeiten im nahen Osten verweisen. XXX
Triumphzug der Zechenleiter.
Die Rückkehr der an die Stätte ihrer Arbeit zurückeilenden Zechenvertreter am deutschen Rhein entlang gestaltete sich zu einem wahren Triumphzuge. Trotz der frühen Morgenstunde hatte sich schon in Mainz eine nach Tausenden zählend« Menschenmenge eingefunden, die den Bahnsteig und den Bahnhofplatz besetzt hielt. Richt endenwollende Hochrufe ertönten, als der Zug sich in Bewegung setzte. Auf jedem Bahnhof, den der Zug passierte, standen Hoch rufende Menschenmassen. Aus jeder Werkstatt, aus jedem Haus, aus jedem begegnenden Zug reckten sich winkende Hände, und tausendfach klang es immer wieder: „Bleibt fest! Fest- bleiben!"
Koblenz!
Die Menge, die die heimkehrenden Zechenvertreter erwartet, zählt auch hier nach Zehntausenden. Bahnhof, Straßen, Brücken, Hausdächer, alles voller Menschen, deren Jubel nicht aufhören will. Ein Mann im blauen Arbeitskittel drängt sich nach vorn, um den Herren die Hand zu drücken. Schlicht und unbeholfen fordert er zu einem Hoch auf die Männer im Ruhrbezirk auf, zu einem Hoch auf die Bergleute Westfalens, die hinter ihnen stehen. gab Pfarrer Rösch in flammenden Worten seiner Freude über die Einheitsfront Ausdruck. Mit Stolz blicke das ganze Vaterland auf diese Männer, und das ganze deutsche Dolk stehe hinter ihnen. Bleibt fest, haltet aus! Das waren auch dw Worte,
die sich
in Köln
bei der Durchfahrt der Zechenbesitzer auf ihrer Reise nach Essen in spontanen Kundgebungen wiederholten. Die Menschenmenge überflutete hier die Bahnsteige und Bahnanlagen, alle Vorsicht außer acht lassend. Ein kräftiges, aus vollem Herzen kommendes Hoch begrüßte die Herren in dem langsam einfahrenden Zug, und das „Deutschland über alles" durchbrauste die Hallen. Immer und immer ertönten Hochrufe. Blumensträuße wurden überreicht. Die Studentenschaft hatte sich eingefunden und brächte den Herren ihre Huldigungen dar, und die Menge ließ ihr Empfinden in dem Liede „O Deutschland hoch in Ehren" und in der Wacht am Rhern ausklingen. Als der Zug
in Bon«
einläuft, ist die ganze Stadt auf den Beinen. Vergebens ist alleAbsperrung; sie wird durchbrochen, und aus den Zehntausenden drängen sich Hunderte an den Zug, um einen Hande- druck zu erhalten. Blumen werden durch die Fenster geworfen. Die Straßen am Bahnhof sind dicht besetzt. In langsamem Tempo leitet där Zugführer den Zug weiter, und
Deutschland, Deutschland über alles
singend, geben viele Tausende dem Zug das Geleite bis weit hinter Bonn. Kurz vor 5 Uhr lief der Zug, der schon um 2 Uhr 3« Mrm in Essen eintreffen sollte, ein. Die Ankunft wurde durch die fortgesetzten Begrüßungen auf den einzelnen Bahnhöfen verzögert Am Bahnhof Essen hatte sich schon lange vor 2% Uhr eine rufve Menschenmenge angesammelt. Auf dem Bahnsteig waren die Angehörigen der Direktoren versammelt, dre den Hermkehrenden
frischen Lorbeer und Blumen
zum Gruß reichten. Ebenso waren Vertreter der R c i ch s. n n d Staatsbehörden sowie der Stadt Essen zur Begrüßung ein- actroffen. Außerdem waren auch die Vertreter des B e r g b a u s des ganzen Ruhrreviers und die Vertreter - Zechen im besonderen versammelt. Der ganze Verkehr war strllgelegt. Die Franzosen hielten sich völlig zurück. Als der Zug ein- lief, erbrauste ein donnerndes Hoch. Die Menge drang vor um umringte die Zurückkehrenden, die sich - r mit großer Mühe einen Weg zu ihren Autos bahnen konnten.
Fritz Thyffen • ^^^^ sprach einige Worte des Daukes. Dem« erschölle« See Sang „Es braust ein Ruf wie Donner Hall" und das! Deutschlandlied über de« Platz und die angreuzendeui Straßen. Die Erregung war ungeheuer, ««b! die Menge schrie: „Nieder mit Frankreichs „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen!" Allmählich löste sich die gewaltige Menge auf und zog in einzelnen Trupps durch die Straßen. -------------
Zwischenfätte. ~
Vor Sem Hotel „Kaiserhof" kam es zu Reibereien
*»it französischen Soldaten. Eine Gruppe vo« etwa 500 Personen begab sich zur Kommandantur in der Schillerstraße. Ein junger Mann berührte die Schulter eines Offiziers, worauf die Soldaten mit dem Bajonett vorgingen und den Angreifer verhaftete«. Die Menge drang gegen das Haus vor «nd suchte de« Gefangenen zu befreien. Es gelang jedoch bet: Schutzpolizei, die mit großem Aufgebot erschienen war, die Menge zurückzudrängen, um Blutvergießen zu vermeiden.
Der Offizier hatte bereits Befehl ,«« Schießen gegeben. Als einige französische Soldaten! vorbeikamen, wurden sie beschimpft. Man hörte einzelne Rufe: „Nehmt ihnen die Waffen ab, geb«! sie uns; wir wollen die Feinde zum Laudei hin aus treiben." —1
Nachis auf der Landstraße ausgefehi.
Geheimrat Raiffeisen und Dr. Schlutius sind gestern nacht in DarmstaLt eingetroffen. Sie erzählten" über ihre Erlebnisse folgendes: Beim Verlassen des Justiz gebäu des wurden sie von fünf französischen Soldaten feftgenoturnen und in ein Auto gebracht. Nach inständiger Fahrt wurden sie in völliger Dunkelheit auf der Chaussee an einer Stelle, an der sich ein französisches Wachthaus befand, ausgesetzt. Ihre Koffer wurden hinter ihnen her- geworfen. Das Auto fuhr dann zurück. Die Herren wußten nicht, wo sie sich befanden. Wohnhäuser waren nicht Mainz brach« dann >^ $*20«^^ zwischen Griesheim und Darmstadt ausgesetzt worden waren, nach Darmstadt.
Zusammenstöße in Trier und Düsseldorf.
Aus Anlaß der Ausweisung einer Reihe höherer Beamter sämtlicher Verwaltungen versammelten sich im Laufe des Donnerstags in den Straßen Triers die Einwohner zu größeren Protestzügen und zogen, patriotische Lieder singend, an den Quartiere« Der Besetzungstruppen vorbei. Gegen Abend versagte infolge des »llgemeinen Proteststreiks die Beleuchtung. Gegen 9 Uhr abends vurde der Belagerungszustand über Trier verhängt. Patrouillen der nach Trier entsandten Spahiregimenter durchzogen beritten die Straßen und versuchten die Straßen z» säubern. Dies gelang aber nicht, denn kurz nach der Auseinander- treibung der Menge sammelten sich die Leute an der nächste«. Straßenecke wieder zu neuen Protcstgruppcn. Gegen 11 Uhr waren die Straßen leer. Es beteiligte sich an der Kundgebung „ die gesamte Bevölkerung von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten.
Anläßlich eines zweistündigen Proteststreiks der Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten ruhte in Missel darf zwischen 5 und 7 tlhr der gesamte Orts- und Fernsprechverkehr. In dem späte« Nachmittagsstunden kam es in den Hauptstraßen zu gewaltige« Ansammlungen. Ueber die Königsallee bewegte sich ein unabsehbarer Zug unter dem Gesänge vaterländischer Lied«. Vor dem Breitenbacher Hof versuchte französische Infanterie und Kavallerie den Zug auseinanderzutreiben, der Zog formierte sich aber immer wieder von neuem. Es wurden von französischer Seite mehrere blinde Schüsse abgegeben, und die Kavallerie ging mit blanker Waffe vor. Verletzungen sind aber bisher nicht gemeldet worden. Die Ansauunlungen dauerten in der zehnten Abendstunde noch an. -
•
Gelegentlich eines Demonstrationszugos in ffu en verlangte vor dem Gebäude der Hauptpost em franzo'^cher Offizier die V e r h ° f t u n g e i n e s D e u t s ch c n. Me L.onge nahm darauf, hin gegen ihn eine drohende Haltung ein. Per t tnjter zog seinen Revolver und machte sich schußbereit. Von Echupobeamten wurde er am Gebrauch der Waffe gehindert. Die Beamten zogen eme Kette zwischen ihm und der Menge, worauf der Offizier sich in das Postgebäude zurSSziehen konnte. 1