Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 11 Donnerstag, den 25. Januar 1923
Das Wichtigste vom Tage.
— Die Kriegsgerichtsverhandlungen gegen die ««hafteten Großindustriellen haben in Mainz begonnen. Der Anklagevertreter beantragte eine G e l d st r a f e.
— Senator Borah hat einen Angriff auf die Politik D-es Staatssekretärs Hughes unternommen. Er bezeichnet das Vorgehen Frankreichs als ein Verbrechen an der Menschheit und verlangt, daß Amerika nicht länger un - itStig bleibt.
— Im Bureauhause des Berliner Tageblattes hat sich ein Bin gewöhnlich schweres Einsturzunglück ereignet.
Eine Kuliurstage.
Wenn hinten, weit, in der Türkei die Völker aufeinander- schlugen, erhob sich in England das Geschrei über bulgarische «nd armenische Greuel. Ziehen wir davon die Ausnutzung zu politischen Zwecken ab, so blieb doch genug Mitleidswertes übrig, um die Kulturwelt zu tätiger Hilfe aufzurütteln. In der Gegenwart ist Deutschland ein Staat, der gleiche oder noch mehr Beachtung verdient. Es sind nicht so sehr die Untaten; der schwarzen französischen Bestien, ihre Notzuchtsverbrechen/ Ihre Morde, die zum Himmel schreien, obwohl sie allein genü-' gen müßten, die Engländer als patentierte Schützer der Zivilisation auf den Plan zu rufen, als die stille, erbarmungslose Rot der deutschen Bevölkerung, die Abhilfe erheischt. Tau- sende und aber Tausende Greise, Kinder, entnervte Arbeitslose gehen in stummer Verzweiflung zugrunde; ihr Klageslaut bringt nicht in die Öffentlichkeit, sie sterben wie todwunde Tiere, die sich im Dickicht verkriechen.
Ein erschütterndes Gemälde dieses Elends hat die p r e u- ß t f ch e Landtagsverhandlung, in der der Wohl- fahrtsminister Hirtsiefer diese Zustände zusammenfassend schilderte, geliefert, eine furchtbare Anklage gegen Deutschlands Bedrücker, die noch jetzt, nach dem Friedensschluß, die Hungerblockade fortsetzen mit Erpressungen und ßnwißig überspannten Raparationen. -Der Raubzug ins irreoier mit seiner Geldentwertung und Preissteigerung gier Lebensrnittel hat die Verelendung der Schwachen und iechen auf den höchsten Grad gesteigert. Wir brauchen diesen Gründen des Niedergangs der Dolksgesundheit nicht weiter nachzugehen; sie sind bekannt. Was nicht in dem Maße bekannt ist, das das Gewissen aller Kultur- Völker schärfen
Aufzählungen von Verhungerung, Selbstmord aus Hunger, tm Auftreten des Skorbuts, dieser infolge Unterernährung sich ausbreitenden Hungerkrankheit, in der Säuglingssterblichkeit und Hinfälligkeit der armen Schulkinder. Hand in Hand damit geht das Nachlassen der Hilfsbereitschaft: Die Aerzte versagen aus wirtschaftlicher Not, die Krankenanstalten müssen aus demselben Grunde geschlossen werden, die Todesfälle bei Schwindsüchtigen sind von 56 auf 97 vom Tausend gestiegen, Hautkrankheiten grassieren, und die durch Milchmangel ausgemergelten Säuglinge werden, weil Wäsche fehlt, in Zeitungspapier ge- rädeft,
Einst sang ein Robin Hood das erschütternde „Lied vom Hemd", er riß damit den Schleier von dem sozialen London und seiner Sklavenarbeit in Tagen, wo die sozialpolitische Fürsorge noch in Windeln lag. Heute erfreut sich Deutschland auf diesem Gebiet des wohlbegründeten Rufes, an der Spitze zu stehen; es übertrifft darin alle übrigen Völker, und trotzdem alle Vorschriften zum Schutze der arbeitenden Klassen beobachtet werden, bleiben sie leere Formeln, weil ein unbarmherziger Feind die Volksnahrung verkürzt. Was niitzen Milliardenbewilligungen für Krankenanstalten, wenn der deutsche Acker vielfach wegen Mangels an Kraftdünger brach liegen muß! Wenn das Brot infolge seines Preises unerschwinglich wird! Morde, Plünderungen, Ueberfälle, Dieb- stähle stehen auf der Tagesordnung und bezeugen den Tiefstand der Moral. Letzten Endes ist das erschreckende Anschwellen der Kriminalitätsziffer doch nur auf die Verkümmerung der deutschen Lebenshaltung zurückzuführen, und wenn Deutschland nicht völlig in das Chaos stürzen und der Bolschewismus Wurzel fassen soll, muß die Volksernährung und, was gleichbedeutend ist, die Volksgesundheit mit allen Mitteln gehoben werden. Einsichtige englische Politiker- haben längst aus die Gefahr einer Umstellung der zur Der- zweiflung getriebenen Massen zu den Sowjetpraktiken hin- gewiesem Wie recht sie haben, erhellt aus den Landtagsverhandlungen. Sie stützen sich auf authentisches Material und -haben dabei alle parteipolitischen Streitigkeiten ausgeschaltet. 1 Die Untergrabung der deutschen Volksgesundheit geht aber auch das AusIand an; nicht nur vom Standpunkt bet Humanität aus. Die Volkskraft von 60 Millionen kann nicht ohne Schaden für die allgemeine Kulturarbeit auf die Dauer geschwächt werden. Von der Aufnahmefähigkeit für fremde Erzeugnisse, von der deutschen Produktion hängen die
Märkte vieler Staaten ab. Clemeneeau will kaltblütig Deutschland zu einem 40-Millionen-Volk herabdrücken, gleichviel mit welchen Mitteln. Sein Nachfolger verfolgt dasselbe Fiel; er verwüstet die lebenswichtigsten Bezirke des Reiches, er schädigt die mit Frankreich verbündeten Mächte, denen der volkswirtschaftliche Zustand Deutschlands, sein Niedergang auf allen Gebieten nicht verborgen sein kann. Nur scheint man weder in England noch in Amerika eine richtige Vorstellung von der Tiefe des lebenzerstörenden Elends, in das Deutschland seit den letzten Jahren hinabgeglitten ist, zu haben. Man hat die statistischen Nachweise von Produktion, Einfuhr und Ausfuhr nachgelesen, die finanzielle Leistungsfähigkeit abgeschätzt, und hin und wieder haben hochherzige Quäker Ihre milde Hand aufgetan und andere Neutrale mit Geldspenden eingegriffen. Etwas Durchgreifendes ist jedoch nicht geschehen, und wenn der deutsche Stolz uns auch verbietet, um Unterstützungen zu betteln, dürfen wir doch im Namen der Kultur um moralischen Beistand bitten, damit nicht die Ärmsten der Armen, die hilflosen Kinder und Greise, der Hartherzigkeit eines unersättlichen Feindes ausgeantwortet bleiben.
Die Zechenleiter vor dem Kriegsgericht.
Die Kriegsgerichtliche Verhandlung gegen die Industriellen begann Mittwoch vormittag im geräumigen Schwurgerichts- saaldesIustizpalasteszu Mainz. Der Presseraum konnte die Menge der Zeitungsvertreter — auch aus dem Ausland« — nicht lassen, so daß sich viele mit Stehplätzen begnügen mußten. Schon von 8 Uhr ab hatten sich zahlreiche Zuhörer eingefunden, und in wenigen Sekunden war der Zuhörerraum überfüllt. Kurz nach B Uhr zog eine Abteilung französischer Infanterie mit auf- zepflanztem Bajonett vor dem Zustizgebäude auf.
Der Gerichtshof, dessen Vorsitzender Oberstleutnant Depeugny ist, setzte sich zusammen aus einem Major, einem Hauptmann und einem Leutnant. Anklagevertreter ist Militärstaatsanwalt Badin, Die Verteidigung liegt in den Händen der Rechtsanwälte Grimm- Essen, Dr. Reumann-Mainz und Leclere-Nancy. — Kurz nach 9 Uhr iröffnete der Vorsitzende die Sitzung. Er warnte vor jeder Kund- xebung, die zur sofortigen Räumung des Saales führen würde. Demonstranten würden aritzerdem »iVt_&f«Sf4>t" .... ^!^.^ u * i v a » » 111 aj t g e ]t e 1t1 werben.'
Schweigen herrscht im Saal, als die „Angeklagten" unter militärischer Bedeckung erscheinen. Erhobenen Hauptes nehmen sie auf der Anklagebank Platz und geben mit fester Stimme Antwort auf die Fragen nach ihren persönlichen Verhältnissem Assessor Olfe verbessert den schlecht übersetzenden Dol- inetscher. Nachdem die von' der Verteidigung geladenen Zeugen, darunter Dr. Wegner vom Essener Steinkohlenbergbau und L u e b s e n vom Kohlensyndikat, den Saal verlassen haben, plädiert Rechtsanwalt Grimm auf Unzuständigkeit des Gerichtshofes aus formalen juristischen Gründen. Demgegenüber ist der Militär- stvatsrmwalt Badin der Ansicht, daß das
Militärgericht zuständig sei. Als Grundlage der Zuständigkeit gibt er den Versailler Vertrag an, speziell den Teil, der über die absichtliche Verfehlung Deutschlands sich ausspricht. Er ist der Ansicht, daß dadurch internationales Recht geschaffen worden sei, zu dessen Durchführung die Okkupationsmächte polizeiliche Maßnahmen ergriffen hätten. Es handle sich gar nicht, wie die Verteidigung annehme, um eine „occupation de fait*, sondern um eine „occupation de droit". Daraus gehe hervor, daß die Attordnungen der Okkupationsmächte als legitim, die entgegenstehenden Anordnungen der deutschen Regierung dagegen als unter Bruch des internationalen Rechts erfolgt (I!) und deshalb als illegitim zu betrachten seien. Der Gerichtshof zieht sich um 9% Uhr zur Beratung zurück. Nach einer Beratring von genau acht Minuten erscheint der Gerichtshof wieder im Saal und erklärt sich für zuständig.
Fritz Thyssen
führte bei der Vernehmung u. a. aus, er sei verpffichtet gewesen, den Gesetzen seines Landes zu gehorchen. Der Einmarsch der Franzosen sei nach Auffassung seiner Regierung nicht berechtigt gewesen, und «werde darum seinem Vaterland die Treue halten. Thyssen ließ sich dann eingehend über die Verhandlungen mit der französischen Kohlenkommission aus. Nach ihm wurden die anderen Angeklagten vernommen, ferner sechs Entlastungszeugen, die von der Verteidigung geladen waren und die Aussagen der Angeklagten bestätigten. Der Zeuge Wüsten- Höfer, der Sohn des Angeklagten, bat, für seinen alten Vater in Haft genommen zu werden. Um 11 Uhr war die Zeugenvernehmung beendet.
Das Plädoyer des Staatsanwalts
das eine halbe Stunde dauerte, ging davon aus, daß er bei der Erörterung der Rechtslage erklärte, die deutschen Gesetze seien
wohl in Kraft geblieben, aber die Befehle bet Desatzungstruppe» an die Fechenbesitz« seien auf Grund des Dersaill« Vertrag« gegeben worden, und dies« Befehle würden durch Verordnungen bee deutschen Regierung nicht aufgehoben. Der Staatsanwalt meinte nicht die Angeklagten seien die Hauptschuldigen, sondern dies» säßen in Berlin. Den Angeklagten erkannte er patriotische Gefühle zu und plädierte für mildernde Umstände. Als Sühne käme wohl eine Geldstrafe in Betracht, deren Höhe er dem Gericht überlasse.
Die verhafteten Zechenleiter.
1. Fritz Thyssen, 2. Generaldirektor Resten, 3. Generaldirektor'. Tengelmann,. 4. Direktor Olfe, 5. Generaldirektor Spind ler, I
6. Generaldirektor Wüstenhöfer.
Mainz, 24. Januar.
Im Prozeß gegen die Zechenvertreter hat das französische Kriegsgericht die Hauptschuldfrage verneint und die Nebenfrage auf Berstoß gegen eine« Requifitionsbefehl bejaht. Die Angeklagten erhielten Geldstrafen. Fritz Thyssen wurde zu 500 000 Francs, die übrigen Angeklagten zu geringen Gel d st r a i e n " " » » »' * ‘ •'“*'“
RUtssetsen geht weiser. Vor dem Justizgebäude hatte sich eine vieltausendköpfige Menge angcfammel^ die nach Bekanntwerden des Urteils SaS Deutschlandlied sang.
Oenvignes abberufen.
Aus Epen wird gemeldet: General Dendignes kfk abberufen worden, weil die Franzose« allmählich zu der Auffassung kommen, dass ihr Einbruch in das Ruhrgebiel nicht zum Ziele führen wird. Auf französischer Seite behauptet man, dass General Denvignes gegenüber der deutschen Regierung sich nicht energisch genug gezeigt habe.
Zwischen D e g o u t t e und Toste scheint es zu Meinungsverschiedenheiten gekommen zu sein. Die französische Regierung bereitet sich jedenfalls vor, einen Oberkommissar für das Ruhrrevier zu ernennen, und zwar den Generalstabschef des Marschalls Foch, General Weygand. In Paris glaubt man allmählich, daß das Resultat der Besetzung gleich null sei.
Am Mittwoch verlegte die 47. Division ihren Sitz nach Recklinghausen .Der Kommandierende General der 128. Division übernimmt den Befehl für die Gebiete, die von Essen- Stadt und -Land abhängig sind, und den Teil des Kreises Ess«m» Land, welcher bisher dem Befehl der 47. Division unterstand. Der Kommandierende General der belgischen Stürmen übernimmt den Kreis Gladbeck, der Kommandant der 47. Division, Divisionsstab Recklinghausen, wird den Befehl über den Kreis Duer, Recklinghausen und die Gemeinde Horst übernehmen.
Der Sonderberichterstatter von Havas in Düsseldorf meldet die Ankunft von französischen "Zollbeamten und die Einrichtung eines Zollüborwachiingskordons, der bald fertiaaestellt fein werde. Nach völliger Durchführung des französischen Planes würde mau sämtliche Ausgänge des Ruhrgebietes in der Hand haben.
Gchlaglr'chier.
Aus der Aachener Reichsbankstelle sind am Sonnabend 6,2 Millionen Mark von bcr Besaßungsbehörde entnommen worden. Bei einem zweiten Eingriff wurde die Reichsbank durch die Beamten und Angestellten geschlossen. Sie erklärten, daß sie unter diesen Umständen nicht arbeiten wollten. Bei Großbanken würden weiter Beträge von 3,8 und 6 Millionen Mark Requisitionsgcldcr beschlagnahmt. Dienstag versuchten die Besatzungsbchördon auch auf den Aachener Finanz- ämtern zu requirieren) Es wurde jedoch auf einem Amt überhaupt kein, auf einem anderen nur ein ganz geringfügiger Betrag vorgefimdem. Finanzamt 2 (Aachen-Land) ist qcfehloffen, im Finanzamt 1 (Aachen-Stadt) haben die Kassenbeamten den Dienst eingestellt.
Der Präsident des Landesnnanzamtes Köln, Hachlln«, von Lanzenaiier,,wurde, wie die „Köln. Zeitung- meldet, von Bonn