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Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 8
Donnerstag, den 18. Januar
1923
— Di« Franzosen haben an die Zechen das ultimative Ersuchen gestellt, die Lieferungen an Frankreich wieder aufzu- Mhmen und haben die Fechenbesitzer mit kriegsgericht- rtchen Verfahren bedroht. Arbeitgeber wie Arbeitnehmer Hetzen den Forderungen geschlossenen Widerstand ent- gegen.
«»/Tr?” Bo^^^ im Ruhrgebiet ist noch nicht zum ibtill stand gekommen.
Bin Goldpfennig —
vierzig Papiermark.
Kaum begonnen, zeigt der neue Vorstoß der Franzosen
katastrophalen Einwirkungen auf das deutsche I Wirtschaftsleben. Daß er nicht spurlos an ihm vorübergehen Lnne, war jedem Beteiligten schon aus den französischen An- I Wndlgungen und Drohungen klar geworden, so daß schon in I ven letzten Tagen vor dem tatsächlichen Vormarsch am Devisen- I unter lebhaften Schwankungen eine allgemeine Zurück- I fyiltung im Wirtschaftsleben «intrat, die bis zur völligen
^^ Auftragssperrefür ganz« Branchen u? steigerte. Niemand wollte ohne irgendwelche Klarheit I aber die künftige Devisengestaltung, die Möglichkeit des Kohlen- und Rohstoffbezuges aus dem Ruhrgebiet und die rommenbe Gestaltung des Verkehrswesens und etwaiger neuer bindem*^ Ausfuhrabgabenbelastungen sich zu Abschlüssen |
Zum Teil dauert diese völlige Zurückhaltung noch an, und I pe eri^emt um so verständlicher, wenn man daran denkt, daß schon die JNdexzifferberechnungen für Dezember und für den Januar als Stichtag zeigten, daß die Preise für Inland- ^ren, die Lohne, öffentlichen Tarife und Abgaben wesentlich schneller tm Preise gestiegen waren als die Preise der Einfuhr- I Artikel und die Devisenkurse. Das heißt mit anderen Worten. I dutz fity v*t- ouiuuvuiKit vet wu tuuiier weiter uiw ;uj> teuer i dem noch geringeren internationalen Wert anpaßte und daß I viele heimische Artikel, darunter auch Rohstoffeunddie I Frachten, bereits über das Maß der Geld. I xntwertung und den Weltmarktpreis hinausgestiegen | waren. Der französische Vorstoß traf also mit seinen schwer. I wiegenden wirtschaftlichen Belastungen und Störungen die deutsche Wirtschaft in einem Augenblick, wo die fortschreitende I Anpassung des inneren Geldwertes an den äußeren die deut- schen Erzeugnisse in zunehmendem Maße auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig machte und damit ausschließlich den aus ihrem Absatz stammenden Deviseneingang von Tag zu Tag veringerte, gleichzeitig aber tägliche Erhöhung der zui Auftechterhaltung der Betriebe erforderlichen Kapitalien in geradezu phantastischem Maße Betriebseinschränkungen und । zunehmende Arbeitslosigkeit bedingte. Zugleich stand die ' deutsche Regierung mit der deutschen Wirtschaft vor der schweren Aufgabe, die sozialen Folgen dieser Geldwertausgleichung in Form weiterer Verteuerung unentbehrlicher Artikel des täglichen Bedarfs bei abnehmender Widerstandskraft der Wirtschaft erträglich zu machen und einen Ausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Produzenten und Konsu- menten in diesen Fragen zu finden, der gleichzeitig ihrem Produktions- und Reparationsprogramm Rechnung trug. Es bedarf keines Beweises, daß eine solche Zeit für den Kurs der deutschen Währung schwere Belastungsproben bedeuten mußten, die nur dann zu bestehen waren, wenn Produktions. Wille und Produktionsleistung sowie einiges Streben nach wirtschaftlicherer und sparsamerer Gestaltung aller Staatsund Privatbetriebe dem Auslande Vertrauen zur Lebenskraft und zur kommenden Gesundung Deutschlands gaben. Noch weniger bedarf es einer Erläuterung, daß nur die Erfüllung dieser Voraussetzungen die Leistungsfähigkeit zur Erfüllung nennenswerter Reparationsverpflichtungen an Frankreich schaffen konnte.
In diesem kritischen Stadium traf Frankreich mit seinem neuen Vorstoß die deutsche Wirtschaft ins Herz, zerstörte die Verbindung der übrigenWi^tschaft mit dem hauptsächlichen Produ'ti-nsgebiet und hemmte den Gang des dortigen komplizierten Wirtschaftsapparates durch plumpen militärischen Eingriff. Die Folge, und zwar die natürliche Folge, war eine gewaltige neue Mark- «ntwertung, und zwar bis zum Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden, auf einen Kurs von 17 000 Mark für den Dollar, der einem Pfennig der Vorkriegsmark den Wert von vierzig Papiermark verleiht, ohne daß ein Ende dieser Geld- entwertung abzusehen ist. Bedeutet doch die Ruhrbesetzung eine gewaltige Vermehrung unseres Be- darfs an ausländischen Zahlungsmt1tein für den notwendig werdenden Bezug englischer Kohle und anderer jetzt für die deutsche Wirtschaft aus ^Ö” nicht mehr verfügbaren Rohstoffe »md Sabrikate 9(* ober infolge verminderter Leistungsfähigkeit eine wosontliche
weitere Beschränkung der Ausfuhr und damit des Devisen- ! ringanges. Dabei erhöht die neue Geldentwertung den Bedarf an Betriebskapital weiter, verteuert zugleich die Lebenshaltung und führt dadurch zu abermaligen Lohnkämpfen, Tariferhöhungen und durch alle dies« Umstände zu weiteren Betriebseinschränkungen, also weiterer Belastung des Reiche» und weiterer Verringerung des Deviseneinganges.
Die nächstliegende, scheinbar unabwendbare Folge der Ruhrbesetzung scheint also in ihrer Wirkung auf den einzelnen doppelter Art: einmal schnell steigende Teuerung bei gleichzeitig zunehmender Arbeitslosigkeit, zugleich aber auch Mangel an lebenswichtigen Gütern des täglichen Bedarfs, wie namentlich Kohle und Brotgetreide. Es ist noch nicht abzusehen, wie weit diese Entwicklung zu abermaliger Umwertung deutscher Wirtschaftswerte und damit zu einer neuen Periode des Ausverkaufs deutsches Gold- und Sachwerte an Ausländer zu Schleuder-! preisen führen wird, doch sei die mögliche Entwicklung an! einem besonders markanten Beispiel, dem Effekten-! markt, gezeigt. Lagen die Kurse der deutschen Industrie- papiere, gemessen an den dadurch vertretenen Sachwerten, schon bisher zumeist noch weit unter ihrem Werte, so gilt das! natürlich noch weit mehr bei neuer Geldentwertung; trotzdem könnte leicht ein großer Kurssturz sogar eintreten, wenn die Not viele Besitzer zu Verkäufen zwingt, ohne daß andere, selbst wenn sie den Kurs noch so niedrig finben, in der Lage sind, zu kaufen. Dann würden wieder Ausländer für wenige tausend Dollar führende deutsche Industriewerke „auf« ramschen* können, wie sie schon einmal begannen.
An Ab wehr Mitteln ist der deutschen Wirtschaft infolge der politischen Machtlosigkeit und militärischen Wehr- losigkeit Deutschlands zunächst nur der Weg geblieben, durch passiveResistenz und durch, äußerste Sparsamkeit und Streckung vorhandener Mittel wenigstens die Existenz zu erhalten, bis politischer Eingriff dritter oder weltwirtschaftliche Wirkungen sich zu unseren Gunsten gel- tend machen. Hier bleibt der Trost, daß Frankreichs Vor- itiWfämTrer«^ verzehrt, indem er die Zahlungsfähigkeit iemes Haupt- schuldners immer noch verringert, zugleich aber beträchtliche eigene Zuschüsse fordert. Jedes weitere Vordringen erhöht diese noch Auch in diesent Falle beruht der endgültige Sieg ^\ darauf werdiebesserenRervenhat und langer warten kann. Frankreichs Vorstoß kann , also den Beginn der deutschen Gesundung bedeuten, wenn die Deutschen gegen ^.ankreKs Vorgehen und den Druck der Teuerung in einer
Dulden- und sparsamen Arbeitswillens beharren. $ ^
Llliimaium an die Zechen.
Dsaoutle hat die Vertreter der bede«-
": ^ äö»«r • b e n die Kohlenlieferungen an Frankreich wieder auszu- < »fsa rrfte Sanktion füt ^nA Verbot ^f heut«
würden weitere Sanktionen folgen. Versuche her Zechenvertreter, zu Worte zu kommen wurden i n brüsker Weife verhindert und d,e Sitzung f
^Aus' dem^ Verlauf dieser Sitzung sink> noch folgen^ W- Reiten bemerkenswert: Es waren auf deusscher ^^^ runasvräsident Grützner. die Firmen Krupp, Gicke-Hoffnungs- Hütte, Mannesman« Röhrenwerke, Thyssen, Rheinische Stahla^rke, Gelsenkirchener Bergwerk-Gesellschaft, Essener Drrgwerks-Verem König Mlhelm, Essener Steinkohlenbergwerk vertreten. - einzelnen Vertretern überreichte Befehl in französischer Sprache lautet in der Uebersetzung:
.Der Generalberginspektor, Präsident der Interalliierten Kontrollkommission, befrehlt aus Grund der Volrmacht - n, die ihm durch Befehl vom 11.1. 23 vom Konmmndanten der Rhein armer, General Degoutte, erteilt sind, hiermit Herrn N. N dem verantwortlichen Vertreter der Gesellschaft, von morgen früh- dem 17. 1. 23 an alle Aufträge auf Kohlen- und Kokslieferungen w r auszuführen, die für die Entente bestimmt sind (SReparatwiis. Kohlenliefcrungen), und zwar derart, daß sie in der M 8 und Qualität ausgeführt werden, wie während der er st e n ncht Tage des Januar. Diese Mengen sind zu erhöhen, bis ein neuer Befehl erteilt wird, um 20 Prozent, um die seitdem eingetretenen Rückstände zu decken. Die Liderungen an die Entente sind in vollem Umfange auszuführen, bevor irgeno- welche Sendungen i n d a s u n b e s e tz t e D e u t s ch l a n e erfolgen. Dieser Befehl erstreckt sich sowohl auf Sendungen auf dem Eisenbahnwege wie auf dem Wasserwege.
Ä»f Derantafsung der BesatzungsbchSrden hatte Regierung»» Präsident Grützner gleichzeitig auch Vertreter der Bergarbeiter, de» Metallarbeiter usw. zu Besprechungen geloben. Obwohl seitens der Zecherwertreter wie auch seitens der Gewerkschaftsvertreter wird«. Holt eindringlich der Wunsch ausgesprochen wurde, daß mit bei-«« Gruppen gemeinsam verhandelt werd«, lehnt« der französisch« General die» ab. ,
»n die Arbeitnehmer . .,-.7
gab General Denvigne» folgend« Erklärung abr ,34 bebaute, fest» stellen zu müsse«, daß die Industriellen die Lage zu verschlechtern suchen, die durch den bösen Willen der bentschen Re» gierung «och schwieriger gestaltet werde. Ihre Haltung hab« das Einrücken der belgischen unb französischen Truppen notwendig gemocht, um endlich die Lieferung der Kohl« auf Grund des See) sailler Vertrages durchzusetzen. Die Ankunft der Truppen hab« nur den Zweck, die Tätigkeit der Ingenieure zu unterftützens keinesfalls wollen sie die wirtschaftliche Lage des Landes verwirren. Die Besatzungbehörden würden ein Möglichste« tun, damit die Arbettsv«rhLltniff« und die wirtschaftliche Lage d« Bergarbeiter des besetzten Gebiete» nicht durch einen Zustand erschwert werden, für den die Verantwortung allein den Jn-s dupeiellen und der Regierung gufSU^
8!egic«n«gAPr8si-en1 Grützner erklörte dazu, mit Rücksicht auf die Erklärung, daß durch dem bösen Willen der deutschen Regierung die Lage herbeigeführt wurde, sei es ihm nicht möglich, an der Besprechung weiter trilza- nehmen, und er verließ den Saal. General Den-oign« fuhr fort, Me Truppen feien vor zwei Jahren in Düsseldorf ein- gerückt, und während dieser Zeit habe die Besatzungsbehörde Verhandlungen gepflogen mit den verschiedenen Arbeiterverbänden und habe mit allen Messt Verbänden die besten Verbindungen gehabt. Sie habe all« Wünsche entgegengenomme« und ihnen zu enssprechen versucht. Der Zustand der Freiheit, den die Arbeiter in Düsseldorf in den zwei Jahren gehabt haben, sei nicht zu vergl«ichen mit dem Zustand, den Bevölkerung gewesen. Damit war auch diese Besprechung beendet.
Erpreffungsversuche an den Zechenleiiern.
Fritz ThHissen ist unter dem 16. Januar vor dem «eneralstab deS Brückenkopfes Düfsel« d o r f geladen worden. Im Auftrag des Generals De. gontte erklärte General Simon ihm und den mit ih« geladenen Herren Generaldirektoren Kesten, Berg» afsefsor Rnnge und Direktor WüstenhSfer, daß p«, wen« sie bei ihrer ablehnenden Haltung blieben, von fetzt an unter gerichtlichem Verfahren stehe» würden. Sämtliche Herren erklärten auf Befragen, daß sie bei ihrem bisherige« Standvrnkt der- bleiben müßte«.
Nach allen übereinstimmenden Nachrichten werden die Zechen- besitzer ihr« fest eingenommen« Haltung unter keinen Umständen ändern; auch in der Haltung der Bergarbeiter ist keine Aenderung «ingetreten. Die Sitzung in Düsseldorf hat die Bergarbeiter in ihrer Haltung nur noch bestärkt. Die führenden Bergbeamten des Werkes Gut« Hoffnung haben erklärt, falls ihre Direktoren verhaftet und festgehalten würden, sich ebensowenig wie die Direktoren den französischen Forderungen fügen zu wollen. Bezeichnend ist die Tatsache, daß die Kommunisten von dem General Degoutte persönlich eingeladen waren. D» linksrheinischen Zechen erklären, daß sie, soweit nichtdeutsch« Stellen in Frage kommen, lediglich von dem alliierten Ausschuß in Koblenz Befehle entgegennehmen würden. Falls eine Konfiskation der Werke erfolgen sollte, und falls die noch vorhandene» Kohlen beschlagnahmt werden würden, würde dies den Franzose» doch kein Geld einbringen, mit dem die Bergarbeiter bezahlt werden könnten. Denn auf den Halden werden die Franzosen kaum so viel Kohle vorfinden, wie es ihren Wünschen entspricht.
Hava» berichtet dazu: Sechs der Fechenbesitzer aus dem Bezirk Essen haben die Requisitionsorder erhalten, und zwar jeder einzeln. Weitere Requisitionsbefehle sollten Dienstag ab- gehen, so daß sämtliche Grubenbesitzer baldigst im Besitz der Re- quisitionsbefehl« sein würden. Die Grubendirektoren wurden einzeln für die Lieferungen haftbar gemacht, d. h. ts werde ihnen mit dem Prozeß vor dem Militärgericht getrost.
Geschlossener Widerstand.
Nach Beendigung der Sitzungen zwischen dem französisch« General und den deutschen Arbeitgeber-und Mbettnchmerver retem fanden noch Besprechungen bei der Regrerung statt Über die weitere deutsche Haltung. Es kam bei den « l v^ einmütig dxr Standpunkt zum Ausdruck, daß auch Me neue B»