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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der AerugSpreiS beträgt durch die Dost bezogen monatlich 300. Mk., für Hersfelb 250. Mt., Abholer 240. Mt. / / Anreigea- »reis für die einspaltige Detilreile oder deren Raum 15. Mt.. für auswärts 20. Mt., die Retlamereile 40 Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfelb,

Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Frau) Funk in HerSfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Dienstag, den 16. Januar

1923

Das Wichtigste vom Tage.

! Der französische Vormarsch geht ununterbrochen seit«. Es hat bett Anschein, als ob bet g a n j rheinisch- 1 estsätisch, Induprieberirt besetzt werve» wird.

Auf Aosrtruuvg bei Reichskahtenlammissar» haben die Aechendtrektoren weitere K » h l» «l i»s« r « n g e n t n Frankreich verweigert.

Am Sonntag haben i» ganzen Reich Ib»r - Sättigende Kundgebungen gegen die frnngSßjche» De- ivalttaten stattgefmrden.

Memel ist von den litauischen Frnischärlern genommen worden.

Die Stimme des Reichstages.

Der Reichstag legt gegen den Rechts- « « d Vertragsbruch und gegen die ergriffenen und angedeuteten Zwangsmaßnahme» der Besetzung des Ruhrgebiets feierlich st Verwahrung ein. Er wird die Reichsregierung in der entschlosse- «en Abwehr dieser Gewaltmatznahmeu mit allen Kräften unterstützen."

Auf diesen Beschluß hatten sich die bürgerlichen Parteien mit der sozialdemokratischen Partei geeinigt, und so war die Mehrheit von 283 Stimmen gegen 12 kommunistische, bei 16 Enthaltungen von Sozialdemokraten und Deutschvölkischen, entstanden, die in dieser Form dem Reichskanzler ihr Vertrauen für die durch seine Rede bekräftigte Haltung gegen den letzten französischen Gewaltstreich aussprach. Dr. Euno begann mit der Schilderung des durch eine Notifi­zierung angekündigten Truppeneinmarsches, der über ein ent­waffnetes, durch Verkehrsabsperrung, Kriegsverluste, Hun­ger und Entbehrungen entkräftetes Volk verhängt wurde, trotzdem alle Sachverständigen der internationalen Finanz- toelt die Zahlungsunfähigkeit Deutschlands festgestellt hatten. Er ging hierauf auf die Note seines Vorgängers vom 14. No­vember v. 3. ein, die, als eine Brücke zur endgültigen Lösung der Reparationsftage gedacht, das Schicksal der Ablehnung erfuhr, wie denn auch alle der Pariser Konferenz unterbreite­ten Vorschläge nicht angenommen wurden. Nicht anders er­ging es derUrfehde", die die Sorgen der Franzosen wegen eines militärischen Auftretens Deutschlands aus dem Wege räumen sollten. Der Reichskanzler erklärte die nur durch die ^ÄM^^L^G^maltbearündete Unnachgiebigkeit aus dem Unterschied zwischen maMtponrum^-

tischem Denken, was die jetzt in Szene gesetzteIngenieur­expedition" nach der Ruhr zur Folge hatte. Die Auslegung des vielberufenen § 18 kritisierend, schlug^Or. Euno den fran­zösischen Kammerausschuß mit dessen eigenen Waffen, da dieser bei Nichterfüllung der Reparationsverpfichtung die dakür vorgesehenen Zwangsmaßnahmen nurim gemein­samen Einverständnis haben zulassen wollen. Derselben An­sicht sind die Alliierten in ihrer Note vom 16. Juni 1919 gewesen, da sie sich dagegen verwahrt hätten, daß die Repara- tionskommission weder ein Werkzeug zur Bedrückung noch ein listiges Mittel zur Einmischung in Deutschlands Hoheits- rechte sei. Die deutsche Regierung will sich weder dem Frie­densbruch fügen noch zur Durchführung der französischen Ab- sichten mitwirken. Des weiteren charakterisierte der Reichs­kanzler die französische Raubpolitik seit mehr als 400 Jahren, mahnte zur Besonnenheit und zur Vermeidung allen müssigen Streites und schloß mit den stürmischen Beifall auslösenden Worten:

Der Weg des deutschen Vokes führt durch Tiefen, aber er ist nicht zu Ende. Stolz bekennen wir uns unge­brochen zur Größe der uns gestellten Aufgabe. Für die Menschheit fühlen wir uns als Träger eines Rechts, das nicht stirbt, Unrecht, Not, Entbehrungen: Unser Schicksal heute, Freiheit und Leben das Ziell Einigkeit der Weg."

Von der bürgerlichen Koalition wurde der Abg. Stre- s e m a n n vorgeschickt, um gegen die Besetzung, die Verletzung der deutschen Souveränität und die Losreißung des Rhein- Landes, die eine Vernichtung Deutschlands zum Ziel hat, zu protestieren. Der Redner schlug dieselben energischen Töne wie der Reichskanzler an und schob den verantwortlichen Alliierten die Pflicht zu, Deutschland vor der Vergewaltigung zu schützen; es habe die Waffen nicht bedingungslos nieder­gelegt. ' Deutschlands ganzer Mittelstand drohe zugrunde zu gehen. Unser gutes Gewissen gebe uns die Gewähr auf eine bessere Zukunft.

1 Auch der Sozialdemokrat Müller (Franken) machte j sich den Protest gegen die französischen Uebergriffe zu eigen, ; konnte es aber nicht unterlassen, dem Kapitalismus und dem angeblich noch existierenden Imperialismus etwas am Zeuge zu flicken, ein Thema, das durch den Kommunisten Fröhlich endlos breitgetreten wurde, ohne vor dem leerwerdenden Hause einen Widerhall zu erwecken. Der deutschvöirische Ab- geordnete v. Grase faßte sich kurz, um die sofortig« Aus»

Weisung aller Reparations- und Kontrollkommissionen und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu fordern, während der preußische Ministerpräsident Braun im Namen des Reichsrats und der verbündeten Länder die Erklärung abgab, daß sie sich geschlossen hinter die Reichsregierung stellen.

Ein erhebendes Echo dieser machtvollen Kundgebung er- lebte Deutschland in dem nationalen Trauersonn­tag. Auf dem Königsplatz vor dem Reichstagsgebäude hatte sich eine halbe Million Menschen versammelt und lauschte an­dächtig den Rednern, die ihre Stimme gegen die Vergewalti­gung des Vaterlandes erhoben. Dieses Schauspiel darf uns mit der Hoffnung erfüllen, daß die vom Reichskanzler gehegte Zuversicht auf Besserung in allen Schichten der Be­völkerung Wurzel schlagen und sich in Opferbereitschaft für das Ruhrgebiet umsetzen wirb

Keine Kohle den Franzosen.

Die Zechen verweigern weitere Lieferungen.

Halbamtlich wird mitgeteilt: Bei den Besprechun­gen, zu denen die Franzosen am 13. d. M. die Zechen» besitzer nach Essen eingeladen hatte«, haben sie sich über die Frage etwaiger Kohlenlieferungen an Frankreich und Belgien ausdrücklich Vorbehalte», daß solche Liefe­rungen nur gegen Barzahlung erfolgen könnten und daß nicht entgegen stehende Verfügungen des Neichskohlenkommiffars erlassen würden. Der Reichskohlenkommissar hat, nachdem er von diesen Ver­handlungen Kenntnis erhalten hatte, unter dem 13. d. M. mit Rücksicht Auf den französischen und belgi­schen Einbruch ins Rutzrgebiet ^a u s - r ü ck l i ch die Lieferung von Kohlen und Koks an Frank­reich und Belgien auch für den Fall der Bevorschussung und Barbezahlung durch 6ie Staaten telegraphisch Verbote n.

Das Telegramm des Reichskohlenkommissars lief am Montag während einer Verhandlung zwischen der fran- sösischen Jngenieurmission und den deutschen Zechender- lretern ein. Daraufhin erklärten die Vertreter -er Zechen, - sie unter diesen Umständen keine Koh­le« liefern könnten und etwa noch laufende Lieferungen einstellen müßten. Der Vorsitzende der französischen Jngenieurmission fragte die anwesenden Deutschen, ob sie verantwortlich seien für ihre Betriebe. 77?.^^i«6«en. Lvergab Generaldirektor Eoste -eu oeuip,»» .r 1 fehle, worin sie aufgefordert werden, uuJllUUjiu m. - Verfügung der deutschen Regierung die Kohlenlieferun­gen fortzusetzen. Namens der deutschen Vertreter er­klärte Fritz Thyssen, daß sie diesen französi­schen Befehlen teilte Folge leiste» wür­den. Sie seien Dentffche und seien nur den deutschen Gesetzen unterworfen. Daraufhin erklärten die Franzosen die Sitzung für geschlossen.

Besetzung des ganzen Lndustn'egebieies

Der Vormarsch der französischen Truppen geht un­unterbrochen weiter. Im Norden stoßen' Radfahrer- trupps über Herten und Recklinghaufen nach Datteln vor. Für den Bezirk Recklinghaufen sind zehn Züge im Anrollen, deren östlichster Bestimmungs­ort Datteln ist. Im Süden sind große Massen auf dem Wege von Werden über Kupferdreh und Hattingen im Vordringen. Hattingen und Blankenstein find besetzt. Außerdem rollen sechs Züge für Hattingen und Blan- kcnstein heran. Die Verbindungslinie DattelnBlan­kenstein schließt Bochum bereits ein. I« Steele sind große Truppenmengen zufammengezogen. Es geht das Gerücht, daß die Grenzlinie des neubesetzten Gebiets zwischen Liinen und Schwerte verlaufen wird. Damit würde das gesamte rheinisch- west- fälische Industriegebiet von den fran­zösischen Truppen umschlossen sein.

Es steht nunmehr fest, daß eine dritte Division, die die Be­stimmung hat, Bochum zu besetzen, von Gerresheim aus in Vor- marsch gesetzt ist. Mettmann, Wülfrath, Neviges, Delbert und Langenberg sind bereits mit starken Ka­vallerie» und Infanteriekräften besetzt. Die Besatzungsbehorde hat 100 Zimmer für französische Journalisten requiriert, die Montag nachmittag in Essen eintrafen.

Aus dem gesamten neubesetzten Gebiet werden Truppenbewegungen und erneutes Ein­treffen von Truppen gemeldet. Die Truppen requirieren allenthalben von den Bauern Stroh, an dem es infolge der schlechten Ernte sowieso mangelt. Obschon es nirgends zu Zwischenfällen gekommen ist, wird die Be­völkerung durch diese Maßnahme doch stark erbit­

tert. I« dem neubesetzten B u e r wurden, wie fra«- tSsischeefetts der deutsche« Polizei mitgeteilt wurde, französisch« Truppenquartiere mit Steinen be« morsen, so hat den Truppen für den Wiederholungs­fall bereits Waffengebrauch anempfohle» worden ist. Außerdem verlangt der französische Be­fehlshaber die Bestrafung des Polizeidirektors von Buer.

Die Faust des Siegers.

Der Präsident der Rheinlandkommiffion Tirar- hat dem Führer der französischen Mission in Essen, Coste, mitgeteilt, daß die 40prozentige Kohle«» steuer vom 15. Januar ab im ganze« besetzte» Gebiet rechts und links des Rheines er­hoben werden würde. Man brauche die Steuer, um die Reparationskohlen damit zu bezahle».

Der Befehlshaber der 47. französischen Infanteriedivision hat der deutschen Polizei einen Befehl übermittelt, die öffentlichen An­schläge mit den Beschlüssen der französischen Kommunisten gegen die Ruhrbesetzung von den Plakatsäulen zu entfernen. Wegen an­geblicher Vernichtung zweier französischer Plakate hat der kommandierende General der 47. in Altenessen stehenden Division angeordnet, daß die Plakate sofort ersetzt wer» oen und daß als Strafmaßnahme ein deutscher Polizei­posten ständig, Tag und Nacht, die Stelle, wo die Plakate vernichtet worden sein sollen, b e w a ch t. Gleichzeitig wird für die Wiederholung derartiger Fälle die gleiche Strafmaßnahme angekündigt uno die Polizei mit strengerenMaßnahme« bedroht, falls ihre Nachlässigkeit festgestellt werden sollte.

Durch die Verordnung des General Degouette vom 1L Januar war unter anderem auch angeordnet worden, daß sämtliche- Waffen und Munition, die sich im Besitze der Zivil-" bevölkerung befänden, den Gemeindebehörden zu übergeben seiend letztere hätten den Besatzungsbehörden ein Verzeichnis hier- über zu liefern. Pulver- und Sprengmittellager jeder Art feien; gleichfalls durch die Gemeindebehörden den Besatzungsbehörden zur Kenntnis zu bringen. Diese Verordnung ist durch einen Befehl des, Generals der 47. Division jetzt dahin verschärft worden, daß die betreffenden Verzeichnisse bis zum 16. Januar, abends 5 Uhr einzureichen feien und enthalten müßten: genaue Bezeich­nung des Ortes, wo sich das Lager befindet, Name der Behörde, die für das Lager verantwortlich ist, und Bezeichnung des Lager- inhalts. Die Verzeichnisse seien in verständlicher fran­zösischer Sprache anzufertigen.

Der halbstündige Proteststreik.

Im gesamte» neubesetztem Gebiet mahnte» Montag vormittag um 11 Uhr Glockengeläute und Sirene«» -q«ch<Mjtz^u^-MrLeitsruije, die auch prompt einsetzte. Auf den Kommunisten wurde in l WHHU ih st,. u o&hl ein Flugblatt mit der UeberschriftKriegszustaud zwischen Deutschland und Frankreich" verteilt, das i» seinem Schlutzabschnttt zum Stur, der Regie» rung Euno auffordert.

In Essen kam es vor dem Hotel Kaiserhof, daS von der französischen Jugenieurkommission beschlag­nahmt ist, zu vaterländischen Kundgebungen, die eine» franzosenfeindlichen Eharakter trüge«. Eine große Menschenmenge brächte Hochrufe auf Deutschland aus und sangDeutschland, Deutschland über alles" und andere pattiotische Lieder (»Sieg­reich woll'« wir Frankreich schlage n"K Zwei des Weges kommenden französischen Soldaten wurden Drohworte zugerufen; zu Tätlichkeiten ist es aber nicht gekommen.

Die halbstündige Trauerkundgebung wurde im britisch be­setzten Gebiet in der von den Gewerkschaften und politischen Par­teien geplanten Weise durchgeführt. Die Kirchenglocken läuteten die Sftünbige Arbeitsruhe ein und aus. Die Straßenbahn blieb eine halbe Stunde stehen. Die Insassen verließen die Wagen und setzten ihren Weg zu Fuß fort Alle Passanten blieben auf Straßen und Plätzen etwa zwei Minuten lang stehen. Die Ge­schäfte waren vielfach geschloffen.

3 n d e r P f a l z wurden um 11 Uhr alle Geschäfte, Betriebe, Vanken, Gastwirtschaften usw. geschloffen. Das gesamte Ecschäfts- leben der Pfalz ruhte. Selbst die Zeitungen, die am Montag er­scheinen, stellten den Druck ein.

In Essen berichtete in einer von Dertrauenslauten, Funktionären und Vorstandsmitgliedern des deutschen Gewerks 1)^tsbundes be­suchten Versammlung Reichstagsabgeordneter I m b u s ch w1-/ über die Besprechungen zwischen den Vertretern der vier Berg- arbeiterverbänd« und dem Vorsitzenden icr französischen .icm* Mission. Die deutschen Vertreter hätten dem »ranzosen zu ver- stehen gegeben, daß, wenn die Produk con nicht ungmugend vor sich gehen, sondern noch gefördert werden solle, um den tranzosischen Ansprüche» zu genügen, die fr ,. n ^ o s ischen T r u pp e n , o - fort das Ruhrgebiet uereffen müßten, dm einer Entschließung wird das Vorgehen Frankreichs als ein neuer v e r - , b s ch e u u n g s r d i g e r Anschlag ant daswe-bfi- bestimmungsrecht der Völker gekennzeichnet, der als vruch des Versailler Vertrages anzusehen sei. An den Reichs- tanzler Euno wurde ein Telegramm gmmtet in dem dre ver­sammelten der Reichsregierung ihr Vertrauen «Wssprecqen.