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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag -und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Dost bezogen monatlich 30 0 Mt., für Hersfeld 250. Mk., Abholer 240 Mt , , Anzeige», preis für die einspaltige Detikzeile oder deren Raum 15 - Mt., für auswärts 20.- Mk., die Reklamezeile 40 - Mk. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS Verleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 4

Dienstag, den 9. Januar

1923

! Das Wichtigste vom Tage.

|Essen und Bochum sind von der Besetzung durch ^ie Franzosen unmittelbar bedroht. Diese haben bereits alle Vorbereitungen getroffen, um die Be- Atzung sofort nach der bevorstehenden Entscheidung der Reparations- kommission durchführen zu können.

' Auf Beschluß des Senats werden die amerikanischen Truppen vom Rhein zurückgezogen werden.

Der Dollar nähert sich unter dem Druck der außen- politischen Ereignisse dem Standvon 10 000.

Max Klante ist zu drei Jahren Gefängnis And hunderttausend Mark Geldstrafe verurteilt worden.

Der Vormarsch.

Es scheint sich nicht mehr darum zu handeln, ob das Ruhrgebiet besetzt werden soll, sondern wann die Besetzung vorgenommen wird. Auch die Frage, w e l ch e T e i l e davon betroffen werden, dürste in Paris bereits entschieden sein, und wenn es ans Zugreifen geht, wird Essen in erster Linie unter der fremden Einquartierung zu leiden haben. Der Einmarsch ist, wenn wir dem PariserJournal" Glauben schenken dürfen, als militärische Aktion großen Stils gedacht mit Tanks, Automobil- und Maschinen­gewehren, Panzerautos und jenen Flugzeuggeschwadern, die entgegen allen Vertragsbestimmungen schon kürzlich über deutschen Landstrichen Erkundungsmanöver vorgenommen haben. Dieser echt französisch-theatralisch aufgeputzte Will­kürakt, diese Siegesfeier über eine friedliche, wehrlose Bevöl­kerung könnte zum Lachen reizen, wenn den davon Betroffe­nen nicht so übel mitgespielt würde. Aber dem in die Zu­schauerrolle verwiesenen Ausland bleibt es unbenommen, höhnische Glossen zu diesem kriegerischen Erfolg zu machen und daraus Nutzanwendungen für seine eigene künftige Po­litik zu entnehmen. Der von den Italienern und Belgiern gespendete Beifall muß dafür den Eroberern der Ruhr Er­satz bieten.

Schw' Meisen stellen für ___ verwirklich! gnd, schon jetzt heraus. Dazu wollen wir nicht die einstweilen in der Schwebe befindliche Zurückziehung der amerikanischen Be sa tz u n g str up p en rech­nen, die zwar als Mißbilligungsdemonstration nützlich ist, den Franzosen jedoch Spielraum verschafft, so daß die Rhein­länder die Amerikaner ungern scheiden sähen. Anders liegt die Sache bei der englischen, nach Köln gelegten Besatzung. Der Zollkordon müßte durch kölnisches Gebiet hindurchgehen, was trotz den Wischest Pola-ara und Bonar Law ausge­täuschten Freundschaftsbeteuerungen zu Reibereien Anlaß geben könnte. Ein Grund für ein besonderes Entgegenkom­men englischerseits liegt jedoch bei der herrschenden Span­nung nicht vor, und so wird es nicht geringer Vorsicht be­dürfen, um Konflikte zwischen den französischen Zollbeamten und dem englischen Militär zu vermeiden.

Die Hauptschwierigkeit sür das neue als Blutsauger an­gesehene Beamtenheer, dem 'die Zollkontrolle zu unterstellen ist, besteht in der Haltung der Bevölkerung. Wie sich die deutschen Verwaltungsbeamten und die Gerichte mit der Neuordnung abfinden wollen, werden wir bald erfahren. Auf freundwillige Unterstützung ihrer usurpatorischen Tätig­keit haben die Franzosen nicht zu rechnen; überall werden sie auf stillen Widerstand stoßen, und alle Klassen und Schich­ten werden sich hüten, ihnen zur Ausführung von Zwangs­maßnahmen an die Hand zu gehen. Bonar Law hat unlängst auf einen Faktor hingewiesen, den die französischen Gewalt­haber in ihre Rechnung einbeziehen müßten, auf die Zähigkeit der westfälischen Rasse. Augenscheinlich kennt der englische Staatsmann aus seiner in Deutschland verlebten Zeit Mehr vom Volk und Land, als seinFreund" Poinears, und wird als Schotte auf bemerkenswerte Aehnlichkeiten zwischen seinen Landsleuten und dem niedersächsischen Schlage gestoßen sein. Die mit Sanktionen und Requisitionen arbeitenden Handlanger Poincaräs haben an der Ruhr keine Sizilianische Vesper, keine Bartho­lomäusnacht zu befürchten, aber sie können nicht neben jeden Ruhrbewohner einen Soldaten stellen, der Hilfsleistungen erzwingt. Keine Hand wirb sich gegen ihn erheben, keine Hand wird ihm helfen. Wenn Ruhestörungen vorkommen sollten, wird nicht die Unbesonnenheit Deutscher, sondern französischer Übermut die Ursache sein und das Blut, das ver­gossen wird, kommt mit anderem Blut auf das £aupt Frank» reichs. Unterstützung kann die Ruhr und das linke Rhein- äufer durch den deutschen Handel finden, indem er die Ein­fuhr nach Westen lahmlegt und die aus den Zöllen erhofften Einnahmen illusorisch macht. Außerdem stellt sich schon jetzt 4 heraus, daß sich ein neues Loch für die Einfuhr und Ausfuhr E durch das Kölnische Gebiet öffnet. Der französische Gou- ) verneur in Mainz hat soeben den englischen in Köln ersucht, j Den Durchmarsch französischer Truppen zu gestatten. D^ ist

glatt ab gelehnt worden, und daher erklärt sich der Um­weg, zu dem sich die Franzosen und Belgier, um auf Mittwoch nach Essen zu gelangen, über Düsseldorf verstehen müssen. Diese Haltung des englischen Generals beleuchtet wie ein Scheinwerfer die Situation am Rhein und die angeb­liche Festigkeit der Entente. Weitere Belege für diese von derselben Art werden nicht ausbleiben; noch mehr aber wird es darauf ankommen, daß die deutsche Einigkeit in dieser schweren Probezeit sich fest erweist. ^^^

Beginn des Ruhr-Abenteuers.

Französische Ingenieure unterwegs. Essen soll Mittwoch besetzt werden. Vormarsch von neun Divisionen.

Am Sonntag haben vierzig Bergwerks- und Marineingenieure den geheimen Befehl erhalte«, - sich 9.30 abends auf dem Pariser Nordbahnhof zur Abreise nach Dentschland bereitzuhallen. Die Abreise erfolgte in aller Stille. Die Ingenieure, die vorher noch eine Besprechung mit dem Minister für öffentliche Arbeiten, LeTroequer, und dem Generalinspektor der französischen Bergwerke, Loste, hatten, find dann vorläufig nach Düsseldorf dirigiert worden, um dort weitere Befehle abzuwarte«. Sie find dazu bestimmt, die leitenden Stellen in den Berg­werken und Fabriken zu übernehmen.

Nach den aus Paris vorliegenden weiteren Meldungen muß sich Deutschland darauf gefaßt machen, daß die Stadt Essen am Mittwoch durch die Franzose« besetzt werden wird, nnb zwar als Sanktion wegen der Verfehlung bei den Kohlenlieferungen.

Die Pariser Morgenblätter berichten von der bevor­stehenden Abreise französischer Eisenbahner für das neu zu besetzende Gebiet und von der Alarmbereit-^ schuft mehrerer Regimenter in Naney, Epinal und Mein n.

Ob die deutschen Vertreter jetzt noch gehört werden, ist wieder zweifelhaft geworden; jedenfalls wird ihr Auftreten nicht mehr als eine leere Geste fein. Der Beschluß zum Vormarsch ist angeblich bereits in einem Ministerrat am Sonnabend ge­faßt und am Montag 'in einem zweiten Ministerrat bestätigt worden. Mit den Veepstichtungen Deutschlands für den 15. Ja­nuar wird sich die Reparationskommission vor Mittwoch nicht be­schäftigen. Man erwartet in Paris, daß ihr Beschluß zu einem ultimativen Moratoriumsangebot mit Poincare- scheu Psänder-Dedingungen führen wird.

Der Tag -er Besetzung von Essen hängt davon ab, wann die Reparationskommission die angebliche Verfehlung Deutschlands in der Frage der Kohlen­lieferungen anerkannt. Poincare wird in der Kammer am Donnerstag Erklärungen abgeben, in denen er das vollzogene Ereignis der Besetzung von Essen bekannt­geben will. Man rechnet in unterrichteten Kreisen mit der Be­setzung für Dienstag oder Mittwoch. Die Besetzung soll mit einem großen Ausmaß erfolgen.

Neu« Divisionen sollen anfgeboten

werden. Davon soll F r a n k r e ich sieben, Belgien zwei Di­visionen stellen. Belgien soll außerdem einen Jahrgang sei­ner Landwehr mobilisieren. In bezug auf die Regelung der Bezahlung der Arbeiter scheint man den Gedanken einer Frankbezahlung aufgegeben zu haben. Wahrscheinlich werden lokale Wahrungen eingesichrt werden, die nur in gewissen Gebieten Kaufkraft haben sollen. Die Arbeiter will man damit ködern, daß man ihnen

Nahrungsmittel zu billigen Preise«

zur Verfügung stellen will, um auf diese Weise einen Keil zwischen die Bevölkerung des Ruhrgebietes zu treiben. In Essen will man bann einen Vorschlag Deutschlands abwarten, und man wünscht, daß dieser Vorschlag über das englisch« Angebot auf der Pariser Konferenz hinausgeht (l). Deutschland soll keine Verwarnung mehr erhalten, sondern am Mittwoch sollen so­fort die militärischen Maßnahmen Poincares und Fochs ergriffen werden. Die Daily Mail meldet noch, daß außer Bochum und Essen auch Frankfurt a. M. in den Bereich der militärischen Maßnahmen einbezogen wird.

In Essen

ist die Stimmung unter der Bevölkerung gespannt, aber gefaßt. Die Einwohnerschaft jeder Berufsklasse, so versichert ein stets gut informiertes Berliner Mittagsblatt, zeigt ben guten Willen, die bevorstehenden Prüfungen im Interesse

des Dolksganzen auf sich zu nehmen. Don einer be-, drückten Stimmung kann nicht die Rede fein. Arbeiter-^ schaft und Bürgerschaft des deutschen Industries Neutrums werden den kommenden Gewaltmaßnahmen gegen­über geschlossen zusammenstehen.

An amtlicher Stelle in Berlin liegen aus Düsseldorf Nachrichten vor, wonach erhebliches militärisches Treiben auf best dortigen Straßen und in der Umgegend zu beobachten ist. Insbesondere tritt dabei die Kavallerie in die Erschettumg, andererseits auch Tank-, ab teilun g en nnb Artillerie. Man entsinnt sich ähn­licher militärischer Vorbereitungen, Äs es sich um die beabsich­tigt« Besetzung von Frankfurt handelte.

Aus den deutsche« Veröffentlichungen, so wird «es amtlicher Stelle betont, ist klar hervorgegangen, datz Dentschland sich keinerlet absichtlicher Ver- f e h l« n g schuldig gemacht hat. In Konsequenz dieser Feststellung lehnt Deutschland alle Weiterungen, die Frankreich zu konstruiere« sich bemüht, ab und wird auch keinem Drucke folgen. Deutschland bleibt dabei, es nur mit der gesamte« Entente zu tun z« haben und nicht mit einzelnen Staaten, zumal der Wiederherstellnngsansschntz zu allen seinen Matz- nahme« des einstimmigen Beschlusses bedarf..

Rückzug der Amerikaner vom Rhein.

Der amerikanische Senat hat die Entschließung Reeds an­genommen, die die Zurückziehung der amerikanischen Truppen aus dem Rheinland fordert. Hinzugefügt wurde ein Z us atz au tr a'g, der feststellt, daß in der Zurück-, ziehung eine Unfreundlichkeit gegen irgendeine der durch diese Maßnahme berührten europäischen Rationen nicht erblickt! werden dürfe.

Das Schandholz.

In Paris erregt eine Bemerkung Aufsehen, die B r a d b u r y,! als er gegen die Feststellung einer deutsch«! Verfehlung in der!

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Er äußerte:Seitdas hölzerne Pferd vonTrojage-l baut u>urbe> ist Holz niemals zu einem solch ab< kcheulichen Zweck verwendet worden." Er erklärte! den Vorschlag, eine vorsätzliche Verfehlung Deutschlands festzii- stellen, für unbegründet, da die Kommission sich früher damit «n-s verstanden erklärt hätte, daß die Angelegenheit geschäftsmäßt» behandelt würde. Die Bemerkung Bradburys ist in Pariser amA litten Kreisen allgemein bekannt geworden.

In der Reparatronskommiffion selbst hat Bradbury erklärt,- daß die englische Delegation, wenn sie auch in der Reparations- konuniffion hleibe, nichtsdestoweniger von den Folgen derjenigen Beschlüsse abzurücken gedenke, denen sie nicht beitreten werde, und daß sie in dieser Beziehung keinerlei Verantwor­tung zu übernehmen wünsche, und hat schließlich den Wunsch" ausgesprochen, es möchten die Beziehungen zwischen England uub^ Frankreich sich bald wieder so gestalten, daß ein umfassendes Zu­sammenwirken möglich sei. Barthou hat Bradboury gedankt und mit den Worten geschlossen:Zwei Wanderer, die am Rande eines Waldes ankämen, können je nach ihrem Geschmack der eine ihn umgehen, der andere ihn durchqueren. Darum kommen sie beim Ausgang aus dem Walde doch wieder zusammen. So wird es mit EnAand und Frankreich fein.*

Die Stimme Lloyd Georges.

Lloyd George hat aus Spanten ein Telegramm ge­sandt, worin er Bonar Law zu seiner Haltung auf der Pariser Konferenz beglückwünscht. Es gebe keinen Finanzmann von Ruf in irgendeinem Teile der Welt, der . der Ansicht fei, daß die von Frankreich geplante Methode den Alliierten irgend etwas einbringen werde. Diese Me­thode fördere nicht bar Geld, sondern den Zusammenbruch. Die von Poinearä geforderten Pfänder würden nichts einbringen, was mit den Kosten der ^Einziehung vergleichbar wäre. Sie würden Unordnung und Erregung hervorrufen und könnten sehr ernste Folgen halten. Sie bedeuteten nichts als Papier und Herausforderung. Die Aussichten auf Wiederherstellung Europas würden von neuem ^verzögert durch die eitle Halsstarrigkeit einiger feiner Herrscher.

Zwischenfall in Lausanne.

In der letzten Sitzung des Unterausschusses für Mrndrrbei's- fragen kam es zu einem lebhaften Zwischerrfall. Die Vertreter der drei alliierten Mächte verlasen Erklärungen, in denen sie den Tür­ken noch einmal die Wünsche der armenischen, syro-chaldirischen und bulgarischen Minderheiten zur Prüfung empfahlen. Der türkische ' Delegiert« Riza Kurt Bei erhob sich und bemerkte erregt, daß da» Eintreten der Mächte für die betreffenden Minderheiten ver- stündlich sei, da die Mächte an dem Unglück der Blinde eilen a i l e i n s ch u l d i g f c i e n. Die Türkei habe sich aber mit die­ser Frage nicht zu beschäftigen. .

Darauf verließ Riza Nuri Bei als Zeichen des Protest« , die Versammlung. Die Sitzung wurde geschlossen. Der Zwipten- i fall erregte in den Kreisen der Konferenz. vor allem unter den r französischen Delegierten, große Erregung.