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Versfelver Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt durch die Post bezogen monatlich 300. Mt., für Hersfelb 250. Mt., Abholer 240. Mt. / / Anzeige» preis für die einspaltige Petitreile oder deren Raum 15. Mt.. für auswärts 20. Mt., die Reklame;eile 40. Mt. / / Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchbruckerel in Hersfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZeilungS-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfelb. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 3 Sonnabend, den 6. Januar 1923

Das Wichirgste vom Tage.

Die Pariser Konferenz ist nach Erklärungen Bonar Laws und Poincares ergebnislos abgebrochen worden.

Frankreich will durch die Reparationskommission Verfehlungen Deutschlands I . I 1 Hefetungen feststellen lassen, um den Dorwand zum Vormarsch zu erhalten.

bei den Koh leü-

Lenin soll zum dritten

Male einen Schlag- a n s a 1l erlitten haben. Sein Zustand ist sehr ernst.

Vor dem Verfalltage.

Die Pariser Konferenz hat ein jähes Ende gefunden. Als sich an dem denkwürdigen 4. Januar 1923 in der Ver­handlung herausstellte, daß ein Kompromiß zwischen den eng­lischen und französischen Auffassungen unmöglich wäre, wurde . die Sitzung um 4% Uhr unterbrochen auf eine Stunde, und nach weiteren drei Stunden verabschiedete sich Bonar Law mit der von Poincare erwiderten Versicherung warmer Freundschaft. Ob die geschmeidigste Diplomatensprache in diesem Falle hinreicht, die Gedanken der beiden Staatsmänner zu verbergen, ist eine Frage, die nicht beantwortet zu werden braucht. Mit einem Schlage ist der Haufen von Vorschlägen, Denkschriften und Gutachten Makulatur geworden. Nicht auf das kommt es an, was die Vertreter Englands, Italiens, Belgiens im Beratungszimmer vorgebracht haben, sondern auf das, was P o i n c a r 6 nach diesem seinem Gewaltstreich

zu tun beabsichtigt.

Er hat nicht nur die Konferenz gesprengt, sondern auch den Versailler Vertrag. Sein Machtgefühl ist un­begrenzt, die Brüskierung der Vertragsmächte bezeugt es und ein kriegsbereites Heer verleiht seiner Haltung Nachdruck. Ob sich die Entente auflöst oder nicht, ist für Frankreich belang­los; jedenfalls führt sie nicht erst seit dem 4. Januar nur ein E ch e i n d a s e i n , und die Welt erlebt das Schauspiel, daß sie dem Willen eines einzigen Vierzigmillionenvolkes unterworfen ist. Dadurch rächt sich die Schuld von Versailles an ihren Urhebern, aber zunächst leidet Deutschland. Auf das Sezierbrett geschnallt, muß es,seiner eigenen Vivisektion zu­sehen. Um dies ausführen zu können, lehnte Frankreich in der Konferenz die für Deutschland unerfüllbaren englischen, card weigerte sich, überhaupt in die von Bonar Law ver­langten Erörterungen einzutreten, was nahezu der Be­handlung Deutschlands gleichkommt, dessen Vorschläge nicht einmal entgegengenommen wurden. Dabei war der englische Premierminister in seinen Angeboten bis zur äußersten Grenze der Nachgiebigkeit gegangen und wollte nur im eigenen wohlverstandenen Interesse die weitere Kredit­erschütterung der deutschen Volkswirtschaft verhüten. In diesem Punkte blieb er fest und ließ sich kein Zugeständnis ab­ringen. Für Deutschland, dem wehrlosen, stummgemachten Zaungast der Beratungen, mag die Festigkeit theoretisch einen kleinen Trost bedeuten, in der Praxis hilft ihm dies nichts. Wenn Fach drei Divisionen ansetzt und zwei Drittel des Nuhrgebiets abschürt, wenn die Beschlagnahme von Zöllen, Domänen des Staates, von Bergwerken usw. erfolgen uno kriegsmäßig Requisitionen zur Eintreibung des Tributs vorgenommen werden, müssen wir stillhalten, uns auf Pro­teste beschränken, die nicht einmal gelesen werden, und dürfen nur wenn das hereinbrechende Chaos andere Staaten m - Mitleidenschaft zieht, auf deren Eingreifen hoffen.

Es wäre möglich, daß die Annäherung Eng- lands an dieVereinigtenStaaten Früchte auch für uns trügt. Ein finanzieller Druck dieser beiden Mächte, die Gläubiger Frankreichs sind, liegt sozusagen in der Luft. Die amerikanische Volksstimmung ist Poincar6 nicht günstig, und wenn sie auch weit entfernt von Sympathien für Deutsch­land ist, will sich doch die Großfinanz von französischer Hart- näckigkeit das Gesetz ihres Handelns und Handels vorschreibe« lassen. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß der letzte Ab- schluß der Konferenz in der öffentlichen Meinung aller Law der die Empfindung auslösen wird, es müsse dem fränkischen Imperialismus ein Paroli geboten werden, und wenn Pmw car6 auf eine Isolierung Frankreichs hmarbeüe habe er bu Folgen davon zu tragen. Schon soll, wie aus New 9 meldet wird, Harding Fühlung mit ErDnd für wettet» Vorschläge genommen haben, aber ob daraus sur ^ mPusia! - alsbald ein greifbarer Vorteil entsteht, scheint doch fraglich

Am 15.Januar, in kaum mehr als einer Woch1 Frist, ist der Verfalltag für die nächsten Reparationszahlun gen da. Ueber die Aussicht auf eine Schuldbegleichung herrsch noch Ungewißheit, und so sind wir in eine Periode der wo duldpproben geraten, eine Probe mit gebundenen Handen PoinearS steht auf dem Sprunge, und es ist kaum anzuneh men, daß alles, was wir von feinen Absichten durch dre -."I

teilungen über die Verhandlungen im Elysee und durch die Denkschrift Dariacs über die Französierung deutscher Land­striche gehört haben, lediglich den Charakter theoretischer Er­wägungen trägt. Man hat auch wohlmeinend eine An­rufung des Völkerbundes aufs Tapet gebracht, aber wer wird nach diesem Strohhalm greifen wollen. Wir leben in der schwersten Leidenszeit, die jemals über Deutschland verhängt worden ist, aber wir wollen den Mut trotzdem nicht sinken lassen und mit vereinten Kräften dem Schicksal abzuringen

fuchsn, was noch abzuringen ist.

-n<L

Die Konferenz abgebrochen.

DiePariserKonferenz ist am Donnerstag nach­mittag um 7X Uhr erfolglos abgebrochen worden. Fn der entscheidenden Sitzung würd« festgestellt, daß ein Kompromiß zwischen der englischen und der frcmzösi- schen Anschauung «icht möglich sei. Donar Law be­tonte vor dem Verlasse« der Konferenz noch einmal seine warme Freundschaft für das französische Volk, und Poincars gab eine ähnliche Erklärung von sein« Freundschaft für Großbritannien ab.

Was nun?

Man nimmt in informierten Kreisen an, daß die englisch« Regierung einen formeilen Protest gegen ein 6on« iervorgehenFrankreichs erlassen wird, und zwar unter Hinweis auf die betreffenden Bestimmungen des Friedensvertrages fon Versailles. Man glaubt auch, daß die britische Regierung iffenilich erklären wird, daß sie von den Ergebnissen, die durch »ie französischen Zwangsmaßnahmen einkommen werden, nichts )u erhalten wünscht. In Citykreisen ist man der Ansicht, der sinkende Frankkurs die französischen Politiker sehr bald zur Besinnung bringen wird. Im übrigen sält man in der englischen Hauptstadt die Lage noch nicht für besonders gefahrvoll. Man rechnet damit, daß jetzt

die amerikanische Regierung ituf den Plan treten und daß dadurch noch vor dem 15.3a« sua: eine andere Lage geschaffen werden wird. Har- I bieg hatte mit dem mner Zotschaster in Paris Harvey imaT Sem -Senator kotige mi Weißen Haus 'MMU" erii« Miek-- redung, als der Abbruch der Pariser Besprechungen bekannt wurde. Er verabschiedete sich daraufhin sofort von dem Senator Lodge und konferierte mit Hughes und dem Botschafter Harvey über die Frage einer eventuellen amerikanischen Intervention. Wie die Chicago Tribune versichert, ist im Senat die Gruppe, die lin Eingreifen Amerikas wünscht, eifriger den» st am Werke,

um die Regierung und die Mehrheit des Senats für sichten zu gewinnen.

Die französische Presse triumphiert über den Sieg Poincares. Dieser selbst erklärte, daß dem Verlauf der Konferenz befriedigt

ihr« An-

er von sei. Die

Pariser Blätter nehmen den Bruch mit England nicht tragisch, sondern sprechen nur von einer zeitweiligen Verstimmung. Sehr gelobt wird natürlich Mussolini, auf dessen Einwirkung man hre augenfällig franzosenfreundliche Haltung der italienischen Vertreter auf der Konferenz zurückführt.

Hardings Hilfsbereitschaft.

Nach Blättermeldungen aus Washington hat Präst- deut Harding alle seine anderweitigen Verpflichtungen zurückgestellt, um mit Botschafter Harvetz und Staats­sekretär Hughes wegen einer baldigen amerikanischen Aktion Erörterungen einzuleiten. Es verlautet, dass er hinsichtlich der künftigen Stellungnahme der Vereinig­ten Staaten die 'entschiedenste Haltung ein- genommen habe. Er sei entschlossen, dahin zu wirken, dass die Reparationsfrage gelöst werde, und er sei bereit, «uch die letzten Mittel Amerikas anzuweu- »en, um eine Verständigung zu erreichen.

Frankreich marschiert.

Die Reparationskommission ist einberufen worden, um eine vorsätzliche Verfehlung Deutschlands bei den Kohlenlieserungen festzu- stellen. Sobald Sir John Bradbury von der An- beraumüng der Sitzung unterrichtet wurde, teilte er offiziell dem Vorsitzenden der Kommission Barthon mit, dass er an den Beratungen der Kommission nicht teil« nehmen werde.

Wie das Jonrnal aus Mainz meldet, sind die fran- tössschen Truppen in den Kasernen in dem besetzten deut­schen Gebiet in Alarmbereitschaft versetzt und vl I e Urlauber zurückbcrufeu worden. |

Der letzte Tag.

Zu Beginn der letzte» Verhandlungen unterbreitete Marchese bella Torretta neue italienische Vorschläge, die, wie Hava» wissen will, dem französischen Plan sehr ilahekommeu sollen und vor allem den Gedanken der Beschlagnahme von Psän « lern als Gegenleistung für einen Zahlungsaufschub für Deutsch­land einschlössea. Poincare beantwortete dann die von Bonarl öaw am Mittwoch erhobenen Einwände. Bonar Law seiner­seits ging auf die Kritiken Poincares an dem englischen Plan» ün. Poinearö erwiderte und erklärte, daß er die englische Nota st« Kenntnis genommen habe und es ihm genüge, festzustellen, baß dieses Dokument den Grundsatz der Pfänder« Beschlagnahme, den die französische Regierung für mierläß* sich halte, ablehne. Es

erscheine ihm daher unmöglich, bt die von Bonar Law verlangte Erörterung einzutreten. Auf Drängen der englischen Delegation und der belgischen Vertreter wurde dann vereinbart, daß jede der Abordnung««, sür sich den englischen (Entwurf und die italienischen Plan« einer Prüfung unterziehen und nach einer Stunde die Konferenz« eeHandlungen wieder aufnehmen sollte. Darauf zogen sich die Abordnungen um ^5 Uhr je nach einem besonderen Raum zurück, am die gewünschte rasche Ueberprüfung vorzunehmen. Die enge iische Delegation begab sich in ihren Gasthof.

In der Schlußfitzung gab Donar Law, wie Havas amtlich meldet, die folgende Ev- klürung ab:

Die Regierung Seiner Majestät ist, nachdem sie ' die französischen Vorschläge mit grösster Aufmerk­samkeit geprüft hat, zu der Ueberzeugung gekommen« dass diese Vorschläge, wenn sie zur Ausführnng ge­bracht werden, nicht nur nicht die Ergebnisse zeitige« werden, die sie erreiche» sollten, sondern wahrschein­lich ernste und sogar unheilvolle Folgen für die wirtschaftliche Lage Europas nach sich ziehe« werden. Unter diesen Umständen kann sich die bri­tische Regierung diesen Vorschlägen weder an» schliessen, noch eine Verantwortung für sie übernehmen. Die Regierung Seiner Majestät will gleichzeitig der Regierung der Französischen Re­publik versichern, dass sie die unversöhnliche Mci- tas-UN«s-ti88»Hj£*W"^ einer ft> «aste« Angetege«-^ Heil bedauert, dass aber dadurch die freundschaft­liche« Gefühle nicht nur der Britischen Regie-Ik rnng, sondern nach ihrer Ueberzeugung auch des britischen Volkes gegenüber der Französischen Re­gierung und dem fraazöfischen Volk unver­ändert bleiben."

Darauf erhob sich Poincare und erklärte:

Die Regierung der Französischen Republik hat ihrerseits die britischen Vorschläge sehr aufmerksam und sehr eingehend geprüft. Je mehr sie sie studiert hat, desto mehr wusste sie erkennen, dass sie mit ihrer wesentlichen Herabsetzung der ftanzösisstchea Forde­rung eine Umgestaltung des Friedensvertrages von Versailles nach sich ziehen, und dass es ihr un­möglich wäre, derartige Lösungen an- zunehmen. Die Regierung der Französischen Re­publik bedauert es lebhaft, dass sie sich über diese ernsten Frage« mit der Britische» Regierung nicht hat verständigen sönnen. Sie dankt aber der Bri­tischen Regierung für ihre freundschaftlichen Er­klärungen und kann ihr die Versicherung geben, dass trotz dieser Meinungsverschiedenheit die Gefühle der Regierung der Französischen Republik und des fran­zösischen Volkes gegenüber England unver­ändert herzlich bleiben werden."

Donar Law empfing nach der Sitzung die englischen Presse- pertreter und erklärte ihnen, schon während der Londoner Be­sprechungen sei klar zutage getreten, daß zwischen England und Frankreich ein tiefer Gegensatz in der Reparationsfrags bestehe, und zwar nicht nur zwischen den Regierungen, fandet® auch zwischen den Völkern. Trotzdem habe man be­schlossen, in Paris noch einen Versuch der Verständigung zu unter­nehmen. Poincare habe aber das Richtige getroffen als er sagte, 's sei besser, offen den Gegensatz sestznsteilen und dabei gute freunde zu bleiben, als die Freundschaft durch ausfichis c : Ber­ücke einer-Kompromißlösung zu gefährden. Er könne dieser auf« affung nur verpflichten. x

Vergiftete Waffen.

Poincare hat nach Amerika den deutschen Friedcnspaki-Dor- schlag dahin kommentiert, daß er Deutschland völlige Freiheit in««, namentlich Polen und die Tschechoslowakei und sogar Neutrale an« »«greifen, um die von Dänen und Polen bewohnten Gebiete wie­der an sich zu reißen und mit der Vorbereitung seiner Vorherr­schaft in Europa wieder zu beginnen. Wir reifen schon fest nur tut, sager, daß Deutschland, sobald es wieder zum .' r ege breitet; sich zuerst auf die kleinen Nationen stürzen