Hersfel-er Tageblatt
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Nr. 186
Donnerstag, den 10. August
1923
< Der erste ZusaMmenstoß.
Ablehnung der französischen Forderungen.
«»Aus London wird gemeldet: Bon halbamtlicher englischer Seite erfährt man, Satz man den Borschlägen ^Poincarees nicht zuzustimmen geneigt sei, da Deutschland durch sie wirtschaftlich geradezu stranguliert werden würde. Man erinnert an Sie Feststellungen, Sie seiner Zeit die Sachverständigen auf der Konferenz in Spaa gemacht haben, wonach zu einer Besetzung des Muhrgebietes mindestens 7 Divisionen nötig sind. Es bestehen aber Zweifel darüber, daß unter den heutigen Verhältnissen diese Besatzungsstärke ausreichend sei, die Bevölkerung des neu zu besetzenden Gebietes in Schach zu halten. Zwar haben die französischen Delegierten zu dieser Frage völlig neue Argumente nach London mitgebracht, durch die sie aber keine einzige andere alliierte Delegation überzeugen konnten.
Poincarees produktive Garantien.
«»Die Vorschläge Poincarees zur Erlangung produktiver Garantien von Deutschland, die zu Begimr der Alliierten-Konserenz in London erörtert wurden, sind von dem Ausschutz der zehn Finanzsachverständigen (zwei von jeder Macht) unter dem Vorsitz des englischen Schatzkanzlers Sir Robert Hörne geprüft worden. Es wird betont, öatz der Ausschutz mit Vollmachten versehen ist, jedoch muß hervorgehoben werden, daß jegliche Entscheidung natürlich nur der eigentlichen Konferenz vorbehalten ist.
PoimarecS Forderungen undurchführbar.
«»Am Dienstag kam es im Laufe der Nachmittags- sitzung zu ziemlich heftigen Zusammenstößen zwischen den englischen und französischen Delegierten, als sich der französische Finanzminister de Lastcyrie eimcgisch dem widersetzte, daß Deutschland ein längeres Moratorium gewährt werde, als man bereits beschlossen habe. de La- steyrie betonte, daß Deutschland seine Verpflichtungen in Bezug auf die Abgabe vom Export erledige, rote es das mit dem Rest seiner Schulden tue. Wenn andererseits Deutschland für die schwebende Schuld ein Moratorium gewährt werde, könnten die ergriffenen Matz- nahmen nicht mehr angewendet werden. Die ins Auge gefaßten Pfänder seien technische, fiskalische und produktive Pfänder und hätten keinen militärischen Charakter, wie etwa die Besetzung neuer deutsche»-
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die"produktiven Garantien in Frage sommert. Die Folge hiervon könnte der Abbruch der Konferenz sein, da Frankreich nach wie vor darauf besteht, daß Diese Bor- schläae das Minimum dessen darstellen, was es annehmen könne. Lloyd George dürfte nunmehr bestimmt rn der Vollsitzung am Mittwoch seine Gegenvorschläge vorlegen, die allerdings sehr weit von den französischen ab- weichen werden.
Die Beratung der Sachverständigen.
«x-Das Komitee der alliierten Finanzminister und Sachverständigen wird Mittwoch vormittag eme neue Sitzung abhalten. Man hofft, daß darin der Bericht des Komitees fertiggestellt werde, sodaß es möglich sein wird, Satz die am Nachmittag tagende Bollkonferenz eine Prüfung des Berichts vornehmen kann.
Unüberbrückbare Gegensätze.
Die zuerst entstandene Sorge, daß Poincarees Rede ein Ultimatum darstelle und sie die Alternative der uneingeschränkten Annahme oder eines selbständigen Vor- geheus Frankreichs enthalte, wurde durch die Intervention Chamberlains zerstreut, der Poincaree zu der Erklärung veranlatzte, datz wohl die Grundsätze der Kontrolle anerkannt werden müßten, ihre endgültige Form aber eine offene Frage bleibe. Einer der Haupt- einwände Lloyd Georges gegen Poincarees Plan war, daß die anzuwendenden Methoden sich im Gegensatz zu den früheren Sanktionen im Rheinlands bezahlt machen müßten. Der italienische Minister des Aeußern deutete an, daß er noch nicht bereit sei, sich vorbehaltlos dem französischen oder britischen Standpunkt anzuschließen. Die belgische Delegation hielt mit ihren Ansichten noch zurück. Sie ist an der Frage der Kriegsschulden nicht interessiert und wird deshalb gute Dienste tun können, wenn diese mit der Reparationsfrage in Verbindung gebracht wird, was unbedingt geschieht, wenn nicht auf dieser, so auf der nächsten Konferenz. Gegen Schluß der Sitzung betonten Lloyd George und Poincaree die Wichtigkeit der Einigkeit und Solidarität unter den Alliierten. t , i
Im Laufe der Beratungen wurde die Frage aufgeworfen, ob die Regierungen die Reparationskommission unterrichten sollten, welche Entscheidung sie,,zu treffen haben. Man entschied sich, datz es gut sem wurde wenn den Kommissionsmitgliedern gemeinsame Instruktionen erteilt würden.
Der parlamentarische Korrespondent des „Daily Er- uretz" schreibt, die britische Regierung, die sich über den Ernst der Lage Deutschlands und Europas im allgemeinen klar sei, sei der Ansicht, daß die Franzosen ihre Be- schiverden im allgemeinen übertreiben. Der erste Eindruck von Poincarees Plan sei nicht günstig. Die britische Regierung werde auf keine letchtunmae Politik eingehen, die ein weiteres Chaos tu den europäischen Finanzen anrichten könnte. Aus demselben Grunde, aus dem Großbritannien gegen militärische Sanktionen sei, würden praktische Kontrollmatznahmen jetzt für den enalischen Standpunkt vielleicht unmöglich „ sein. Die Stimmung in den diplomatischen Kreisen ist sehr, sorgrn- veit. Aber alle Ministerpräsidenten stimmten darin ttber- ein, datz die äußersten Anstrengungen unternommen werden müßten. um die Einigkeit der Alliierten bezüglich ihrer Ziele und ihrer Politik aufrecht zu erhalten.
„Das Ende der Entente cordiale".
Die „Libertee" schreibt, die Londoner Konferenz würde von allen die wichtigste seit Friedensschluß sein, weil man sich entschlossen Hütte, der Reparationsfrage auf den Grund zu gehen. Die Hauptbeteiligten, Frankreich und England, seien vollkommen uneinig, und wenn sie das ehrlich zugeben, bliebe ihnen nur noch eins übrig, das Ende der Entente cordiale zu verkünden.
poincarees Erdrosselungsplan.
Die neuen Forderungen, Sie Poincaree tu London erhoben hat, haben in Berliner Wirtschaftsweisen einen überaus trüben Eindruck gemacht. Auf Erkundigungen wird der „Voss. Zig." erklärt: Es ist ein übler Lohn für den ehrlichen deutschen Erfüllungswillen, daß Poincaree jetzt Kontrollen über Kontrollen auferlegen will, die iranisch kein anderes Ergebnis haben, als eine Er- schwerung und Verteuerung unseres gesamten Wirt- tchafisicbenszugleich mit einer grimmigen Verärgerung aller Wirtschaftskreise. Aus den kurzen Programman- deutungen läßt sich noch nicht übersetzen, was Poincaree
uns zumutet. •
Unter der Kontrolle der Retchsbank kann man sich in so allgemeiner Form nicht viel denken. Die Reichs- banr tut nur, was sie unter den gegebenen traurigen Verhältnissen tun muß. Sie tut unter diesem Druck so-, gar schon vielmehr als mit dem Wohle unseres Wirt- fchaftslebens vereinbar ist. Die Erfassung der Sonder- werte, die sie organisiert hat, wird von der Exportindu- strie selbst als ein Eingriff betrachtet, der sie schwer beengt und schädigt.
Eine schärfere Kontrolle der Ein- und Ausfuhr durch deutsche Organe wäre vielleicht am Platze, namentlich auch soweit die Einfuhr von Gegenständen, die nicht lebensnotwendig für uns sind, in Frage kommt. Aber aus französischem Munde klingt diese Forderung ganz sonderbar. Ist es doch eine Tatfache, daß die Zerüttung unserer Währung mit der lleberflutuitg Deutschlands mit fremden, d. h. vornehmlich französischen Luxusartikeln zusammenfällt. Erst mit größter Mühe gelang der deutschen Regierung seinerzeit die Verstopfung des „Lo
ches im Westen".
Was weiter die Kontrolle des Devisenhandels in SetttscfUanhanhetittSLJj^ti oar-
uu erinnert werden, rote wenig seinerzeit mit der straffen deutschen Devisenordnung erreicht wurde. Wenn damit nochmals experimentiert würde, würde der gleiche
Mißerfolg zu verzeichnen sein.
Eine noch stärkere steuerliche Belastung der Ruhr- kohle, und zwar durch eine Sondersteuer zugunsten der Reparationskasss käme einer Ausschaltung der Ruhr- kohle überhaupt gleich. Schon jetzt ist sie hohe deutsche Kohlensteuer so drückend, datz sie einerseits dem deutschen Konsum den Atem raubt un andererseits die auskömmliche Entlohnung der Arbeiterschaft des Kohlenbergbaues erschwert. Das letztere Moment ist ja für die Abwanderung zahlreicher Bergleute in andere Berufe verantwortlich zu machen. Sollen die daraus resultierenden Schäden für unsere gesamte Wirtschaft noch mehr vergrößert werden?
Auf derselben Höhe wirtschaftlicher Einsicht hält sich die damit in Zusammenhang gebrachte Forderung der Wiederherstellung einer inneren Zollgrenze östlich der Ruhr. Drese und jene Sondersteuer würde die Ruhr- kohle für die deutsche Wirtschaft praktisch ausschalten. Sie würde danach in kurzer Zeit der völligen Erschöpfung unterliegen müssen.
Was alsdann noch eine 26prozentige Beteiligung der Reparationskommission an der deutschen Industrie für diese wert wäre, mögen deren Wirtschaftspolitiker ihr vorrechnen. Für ein paar Milliarden Dollar könnte die ausländische Industrie, wie der Reichskanzler erklärte, die gesamte deutsche Großindustrie kaufen, ohne allerdings wesentlich mehr als höchstens 2 Prozent Zin- fen daraus ziehen zu können. Die 26prozentige Beteiligung hätte danach einen Goldwert, der so bescheiden ist, daß er gegenüber dem, was die Entente aus Deutschland herausholen will, gar nicht ins Gewicht füllt.
Die Entente wieder einmal gefährdet. ■
»^ Paris. Der Sonderberichterstatter des „Petit Pa- risien" meldet, er glaube zu wissen, daß Poincaree im Laufe des in der belgischen Botschaft gegebenen Frtih- stücks wiederum davon gesprochen habe, event, seine Handlungsfreiheit zurückznnehmen. Lloyd George habe seine Meinung zremlich frei dahin geäußert, daß ein Bruch unvermeidlich sei. Der englische Preunerminister habe Hinzugefügt, ein Bruch sei vom englischen und vom französischen Standpunkt gleich bedauerlich, aber die nun einmal von Poincaree eingenommene Stellung scheine ihm keinen anderen Ausweg als den Bruch zu lassen. Dieses sei übrigens am Dienstag. abend auch einer Anzahl von Vertretern der englischen Presse mitgeteilt
Vordem
Lloyd George oder Poiucaree die treibende Kraft?
»-!)> Paris. Pertinax telephoniert dem „Echo de Paris" am 1 Uhr vormittags aus Lollöon: Man versichere ihm, datz der Privatsekretär des englischen Premierministers neuen 9% Uhr abends in der Downing Street die meisten englischen Journalisten empfangen und ihnen erklärt habe, daß Lloyd George entschlossen sei, das Programm Poincarees zurückzumeisem Er habe hinzugefügt, daß, wenn dieses Progrmmn nicht geändert werde, die Entente cordiale nur schwierig fortgesetzt werden könne.
Vor der Entscheidung.
w Paris. Havas meldet aus London: In brstischen streifen hat man einen sehr pessimistischen Eindruck. Man erwartet offen, daß die, englische. Regierung am Mitt
woch den' gesamten Plan Poincarees zurückwetsenl werde und gibt zu verstehen, daß der Tag eine ganz be- fondere Bedeutung haben werde, ja sogar eine Rückwirkung auf die Zukunft der Beziehungen zwischen Lygland und Frankreich.
Moratorium aus zwei Monate?
M Paris. (D. A. Z.) Die „Daily Mail" erfährt aus französischen politischen Kreisen, daß man von der Lon- wner Konferenz kein endgültiges Resultat erwarte. Jedenfalls würden die Vorschläge Poincarees nicht an- zenommen werden. Man würde Deutschland ein kurzes Moratorium zubilligerc, worauf die Konferenz aus zwei Monate vertagt würde. Sodann würde oas Garantie- lomitee zusammenberufen werden, um die Möglichkeit ihrer Anleihe auf der Grundlage der herabgesetzten Re- »arationsforderungen zu erörtern.
Die Bedingungen für das Moratorium.
-»Paris. (D. A. Z.) Nach dem „Petit Parisien" wird das Moratorium folgende Angaben enthalten: 1. Die 26proze«tige Abgabe, die dem Garantiekomitee aus- zeliefert werden soll, gemeinsam auf 1250 Millionen ab- zeschätzt worden. 2. Der Ertrag der dentschen Zollein- rahmen fei ungefähr auf 300 Millionen Goldmark sest- iesteHt worden. 3. Die küprozentige Abgabe vom Aktienkapital der anf dem linken Rheinnfcr gelegenen chemi- fcheu und Farbfabriken, die einem internationalen Syn- Sikat übermittelt werben soll, dürfte jedenfalls, wie die Lachverständtgen sagen, 600 Millionen Goldmark ergehen. Was die Einnahmen der Staarsvergwerke nud Ltaatswälder »anbelangt, so seien die Ziffern stark ange- tweifelt worden.
Die Anffasfnng in London.
«»Paris. (B. T.) Das „Petit Journal" schreibt: Die mglische Regierung ist jeder Jnterventionspolitik und jeder Beschränkung der deutschen Handlungsfreiheit und >er deutschen Souveränität abgeneigt. In dieser Be-j siehung sind sich alle englischen Parteien einig. Es ist Kn Engländern anscheinend klar gemacht worden, daß Deutschland zahlen will, wenn man ihm Ruhe läßt und! toß die Finanzkatastrophe sich verschlimmern müsse, wenn dem Reich neue Fesseln auserlegt werden. Der Lindruck, den bteT ™ ':............ ;“ ^^^———' M wpt pw nur durch das Wort „äußerste i?erblü beschreiben. Das ist die unbestreitbare ’ Wahrhe.., die wir feststellen müssen, gleichviel, ob sie uns gefällt oder nicht.
Der Zweikampf in London.
«»London. (T. U.) Lloyd George ließ am Dienstag «bend durch seinen Sekretär den Pressevertretern mrt- teilen, daß er die Vorschläge der französischen Regierung in ihrer Gesamtheit ablehnen müsse. Falls Poincaree ■ mf diesen Forderungen bestehe, so bedeute das einen Bruch der Entente. Der englische Premierminister wird ier Vollsitzung der Konferenz am Mittwoch Borfchnge । »nierhretten, die von denen der französischen Delegation : nett entfernt sind. Von englischer Seite wird jedoch ; Utes versucht werden, den Abbruch der Konferenz zn ? »erbitten, und man rechnet immer noch mir einem Zu- tandekommen eines Kompromisses, fobaß Deutschland roch ein Moratorium, wenigstens bis zum Zusammentritt des Obersten Rates im Oktober, gewährt werden , sann. Während die Italiener die englische Auffassung ruterstützen, steht Belgien auf Seiten Frankreichs. Dennoch versucht der belgische Ministerpräsident immer vieder, zwischen den entgegengesetzten Anschauungen^ Frankreichs und Englands zu vermitteln. Seinen Benützungen ist es gelungen, daß Lloyd George vor Zu- iammentritt der Konferenz nochmals eine private Aussprache mit Poincaree haben wird.
Belgiens Vermittelung.
«» Loudou. Das „Echo de Paris" meldet aus London: I poincaree hat den belgischen Ministerpräsidenten schleu-1 rtigst um Vermittelung angerufen. Die Konferenz wird vielleicht schon am Mittwoch auf folgenden Vermitte- »ungsvorschlag eingehen: Die Konferenz beschließt, Deutschland ein provisorisches Moratorium zu gewähren, (für dieses Moratorium werden als Frist vier Monate über Jahresschluß erklärt), während die allgemeine Er- Kterung des Reparationsproblems Ende September ober anfangs Oktober stattfinden soll.
Die italienischen Richtlinien.
^»Rom. Die halbamtliche „Tribuna" schreibt: Italien wird vermutlich dahin wirken, daß England den stanzösischen Wünschen bezüglich der Verbandsschulden! und Frankreich den englischen Wünschen bezüglich einer vernünftigen Herabsetzung der Kriegsentschädigung ent=; »eaenkommt. Italien könne einer Herabsetzung seines! 10 v. H. betragenden Entschädigungsanspruches nicht zustimmen. i
Bergmann doch in London gemessn? .
»^ Genf. Havas meldet, daß der deutsche Staatsfekre- tär Bergmann von Freitag bis Montag in London g^ weilt habe. Am Montag reifte er unverrichteter Dingei nach Berlin zurück. Die Weigerung Lloyd Georges, in der Reparationsfrage andere als schriftliche Erklärungen Deutschlands entgegenzunehmen, hat den Staatssekretär Bergmann zum Schweigen gebracht. Dagegen hat sich Lloyd George bereit erklärt, die deutschen Gegenautze- rungen zu prüfen und mit den französischen Vertretern It hornrprfiPTT ■ ____, _______________— ^— ; v f Neue ErpressnngsmatznatzmeN. |
Genf. Ungeachtet der Londoner Besprechungen über r gÄÄÄ &ää® r S treiben und Zahlungen nach Deutschland schulden^ k