Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 182
Sonnabend, den 5. August
1922
Schicksalskage.
Vor der Antwort an Poincaree.
rs Am Donnerstag nachmittaa war der Reichskanzlei Dr. Wirth beim Reichspräsidenten, um mit Am die po- liische Lage zu besprechen. Im Laufe des Freitags wird die Antwortnote der Reichsregierung auf die Note Poin- icmes abgesandt. Sie dürfte erktaren, daß die Reichs- tregieruna keine andere Möglichkeit hat, als in ihrer bisher-gen Haltunq z« verharre«, und daß sie es der Gegenseite überlassen müsse, neue Vorschläge zu machen, Deren genaueste Prüfung von der Reichsregierung erfolgen werde.
Warnung Lloyd Georges an Poincaree.
9=i Aus London wird gemeldet: In seiner Unterhausrede über die deutschen Reparattonen und die interalliierte Schuldenfrage erklärte Lloyd George u. a.: Ich hin froh, daß Poincaree uns Vorschläge vorzulegen hat, und ich vertraue darauf, daß das Haus uns gestattet, ungebunden auf die Konferenz zu gehen, um seine Borschläge zu prüfen und unser bestes zu tun, zu einem Einverständnis zu gelangen. Wenn die Alliierte« Deutschland zu sehr presse«, würden sie wohl kaum etwas erhalte«. Weiter aber besteht die Gefahr, Satz sie Deutschland zur Verzweiflung bringen könnten, sodatz es sich freiwillig den Reakttoirüren oder Kommunisten in die Arme wirft. Man soll sich klar sein, daß dann auf weitere Reparationen nicht mehr zu rechnen ist Ein revolutionäres Deutschland gerade in der Mitte Europas würde sich sehr von dem revolutionären Rußland unterscheiden. Es würde eine Revolution in einem wohlorganisierten Lande mit höchsten Erträgnissen und einer zivilisierten Bevölkerung fein.
Die Loudoner Konferenz.
«^-Nach einer Meldung der „Morningpost" ist es wahrscheinlich, daß die VerhaWlungen in London eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Ursprünglich war nur von einer Dauer der Konferenz von 2—3 Tagen die Rede.
Poincarees Marschroute.
^Ter französische Ministerrat, der Freitag vormittag unter dem Vorsitz Millerands stattgefunden hat, hat nach einem amtlichen Bericht seinen früher einstimmig gefaßten Beschluß in der Frage der Reparationen und der interalliierten Schulden bestätigt, den $otncaree bei den Londoner Besprechungen der englischen Regierung
in der Anerkennung und Gutschrift gegnerischer Forderungen vorgeworfen wird. Gegenüber diesem Vor- wurf muß ausdrücklich betont werden, daß das Reichsausgleichsamt in der Gutschrift gegnerischer Forderungen den alliierten Ausgleichsämtern weit voraus ist.
Nach dem Stande vom 30. Juni hatte England Deutschland gegenüber anerkannt und gutgeschrieben 22,99 Proz. der dem gegnerischen Ausgleichsamt mitgeteilten Forderungsbeträge,
Deutschland England gegenüber anerkannt und gut- geschrieben 43,60 Proz. der mitgeteilten Forderungsbeträge»
Frankreich Deutschland gegenüber anerkannt und gutgeschrieben 26,77 Proz.,
Deutschland Frankreich gegenüber 35,64 Proz.»
Elsatz-Lothringen Deutschland gegenüber anerkannt und gutgeschrieben 4,20 Vroz..
Deutschland Elsatz-Lothringen gegenüber 12,63 Proz.,
Belgien Deutschland gegenüber anerkannt 5,78 Proz. und gutgeschrieben 0.66 Proz..
Deutschland Belgien gegenüber anerkannt und gut- aeschrieben 19.91 Proz.
Diese Zahlen dürften beweisen, daß die gegnerischer Ausgleichsämter keinen Anlaß haben, sich über Säu- migkeit des Retchsausgleichsamtes zu beklagen. Das Reichsausgleichsamt mußte im Gegenteil die Erfahrung machen, daß Gutschriften seitens der gegnerischen Aemter immer spärlicher eingingen. So hat das französische Amt dem Reichsausgleichsamt im Juni überhaupt keinen Betrag gutgeschrieben, während die deutschen Gutschriften gegenüber diesem Amt im Juni 32 Millionen Franken betragen.
nen Forderungen eintreiven können, und selbst das wird Jahre lang in Anspruch nehmen. England ist im Gegensatz zu seinen Schuldnern sehr solvent. England bietet an, seine Forderungen zu annullieren, und zwar besonders die an Staaten, die unmittelbar vor dem Bankrott stehen und deren Schuld doch nicht eingezogen werden kann. Wir aber können unsere Forderungen von England einziehen. Wir werden die Schulde« niemals annulliere«.
Ein anderes Mitglied des Finanzkomitees, Senator Watson, meinte, ein Vorschlag, der darauf hinaus- liefe, die amerikanischen Forderungen gegen England zu annullieren, würde niemals aus dem Finanzaus- - schütz des Senats herauskommen, und wenn er Hun-^ öerte von Jahren zur Beratung stände.
Der Führer der Demokraten, Senator Hitchcock, hen, bis der Se-
sagte: Lange Zeit muß darüber ßing^i nat sich dazu verstehen könnte, die A- englischen Schulden an Amerika zuzulassen, und wenn es jemals so weit kommen sollte, so könnte dies nur dann geschehen, wenn die Vereinigten Staaten in chrer Gesamtheit sich darüber klar geworden sind, daß ein solches Vorgehen der einzige Weg ist, um die Lage zu
Annullierung der •
retten.
Staatssekretär Hughes weigerte sich, irgendeinen Kommentar zu geben, da offizielle Mitteilungen noch nicht eingegangen sind.
überreichen soll.
In der Pariser Presse wird der Plan der Reyara- tionsfrage in der Weise bezeichnet, daß dre deutschen Obligationen der Reihe C in dem Verhattms gekürzt werden sollen, wie England die französischen. Schulden W^^Dt^öOMillrgrde^ dmar^e^Keche A und "gtebtetcT&^^ Belgien, durch etwa 10
Prozent/die übrigen Länder durch kleinere Summen ^gefunden werden. Die Aufnahme einer internatro- nalen Anleihe soll beschleunigte Zahlungen ermöglichen. Ueber den englischen Schuldenerlatz hinaus , verlangt Frankreich: 1/ Einführung einer strengen Flnanzkon- irolle Deutschlands, 2. Sanierung der Mark durch Ern- kübruna einer neuen Währungsform, 3. eine direkte Kar 25 Prozent so lange in Frage zu zrehen, bis dre Anleihe zustande kommt.
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m> In einer mit gewissen Unterlagen ausgestatteten amtlichen Erklärung der Reichsregierung heißt es: Die französische Presse behauptet, Deutschland habe die Schwierigkeiten bei den Ausgleichszahlungen dadurch selbst verschuldet, daß es den deutschen Schuldnern gestattet habe, ihre Schulden durch Zahlungen in bloßen Vorkriegskursen abzudecken. Dieser Vorwurf ist durchaus unbegründet
Die Sachlieferungen beginnen!
Die Reparationskommission hat an die Reichsregie- rung das Ersuchen gerichtet, das Wiesbadener Sachlie- ferungsabkommen vom 6. Oktober 1921 und die Ergänzungsverträge vom 3. Juni 1922 schon am 20. Juli ö. Js. in Kraft treten zu lassen. Da die französische Kammer kurz vor ihrem Eintritt in die Sommerferien dem Wiesbadener Abkommen zugestimmt hat, besteht für die Reichsregierung kein Anlaß mehr, den Wunsch der Re- parationskommission zu versagen.
aber, zu dem dies geschieht,"ist bemerkenswert. Unsere Gläubiger stehen in einem Meinungsaustausch darüber,
6=* Die „Berliner Börsenzeitung" schreibt zu der Wa- Arngtoner Meldung, daß Amerikas Haltung in der Schuldenfrage durch die Balfournote nicht geändert werde. Die glatte und eindeutige Absage des amerikanischen Schatzamtes auf die englische Anregung, das Reparationsproblem durch allgemeine Abstreichung der interalliierten Schulden zu lösen, wird noch unterstützt durch den Beschluß der amerikanischen Schulöenfunöie- rungskommission, den Vorschlag der Balfournote an! den Kongreß, der dafür snftäv sei, weiterzugeben: j denn die jedem Schuldennachlatz cwholde Kongretzmehr-s Heft steht unerschütterlich fest -
poincarees Zwangsdroyung.
e* S e tt tf. (S. C.) In einer Havasuote vom Dos ierstag früh heißt es: Der Ministerpräsident hat der
Beginn der Zwangsmaßnahme« gegen Deutschland aw den 5. August 12 Uhr mittags festgesetzt „Echo de Paris' meldet: 240 französische Zollbeamten sind znr Verfügmn . • - sters znm 3. Anguft nach Paris ger«fer
__________itz«ng des Oberste« Kriegsrates, die erf am Sonnabend stattfinde» sollte, beginnt bereits Freitag früh. ♦
des Fim worden.
Französische Vorberettunseu am Rhein.
des basischen Brül
mgsgelände Stratzvurgs eiufchließlich ckeukopfes Kehl ant 3. August früh S «n. Die Einreise unterliegt öe« Ber mobile« Z«sta«öes.
«ge« Fmanzkon- Mark durch Ein- t eine direkte Ka-
Robert Hörne über De«tschla«ös Zahlungsunfähigkeit. « Sir Robert Hörne erklärte in der Reparationsbe- sprcchuna im englischen Unterhause u. a.: Deutichland könne eine beträchtliche Reparattonsmmrne zahlen, Deutschland würde ohne Zweifel selbst den Wunsch haben, eine Reparationssumme zu zahlen, die ferner Ler- sturrqsfühigkeit entspreche. Zur Zett fei jedoch Zahlungsaufschub notwendig.
Pariser Alpdrücke«.
»-«-Der katastrophale Preisrückgang der Mark hat in Pariser Bank- und Finanzkreisen einen aEdezu niederschmetternden Eindruck gemacht. In Parrs erklärt man ausdrücklich, daß nur die Note Poincarees Hrerfur verautwortlich sei.
Englands Bereitwilligkeit zu Opfern.
o*®ie „Westminster Gazette" bespricht noch einmal die Balfournote zusammen mit der letzten Note Pomea- rees. Das Blatt sagt: Man muß den Besuch Pomca- rees in London abwarten. Es wird sich dann herausstellen, inwieweit die französische Politik bisher mit einem Wiederaufbau Europas in Uebereinstimmung zu bringen ist und inwiefern zu diesem.. Zweck finanzrelle Opfer von Euglmrd Erfolg haben wurden. Dre. Note Poincarees fei allerdings nicht ermutigend. Gänzlich lindern würde sich die Lage, wenn sich Frankreich endlich mit dem Gedanken abfinden könnte, dan eine Bernhi- K«ng Dentschlands wiederfommen müsse. Dann waren England keine Opfer 5« groß. ch
Die Gutschriften der AusgleichsLmler.
Aus Berlin wird halbamtlich gemeldet: Das dem »Deutschen Reiche durch den Friedensvertrag aufgezwun- gene Ausgleichsverfahren bringt seiner ganzen Efttrich- tung nach eine gewaltige Verzögerung in der Erledigung !der Verbindlichkeiten aus der Vorkriegszeit mit sich, un- ’ter der die betroffenen Privatpersonen ebenso in Deutschland wie in den alliierten Ländern leiden. Gegenüber dem in den alliierten Sündern immer mehr wachsenden Unwillen des Publikums suchen netleröings die in Betracht kommenden alliierten Behörden, sowie die Presse die Verantwortung für diese Uebelstände auf das Reichs- nußgleitliSamt abzuwälzen, dem bewußte Verzögerung
willigt so blei
für Deutschland nur ngen im Werte von
nr. Die Eile, mit
1450 Millionen Mark jährlich best , .
der die Reparationskommission das Sachlieferungsab-
kommen in Kraft treten lassen will, deutet darauf hin, daß Frankreich durch verstärkte Ausnutzung der Sach- lieeüungsanfprüche Ersatz für die zunächst ausbleibenden Barzahlungen gewinnen will. Macht Frankreich aber von seinem Bezugsrecht Deutschland gegenüber vollen Gebrauch, so geraten unsere Wirtschaft und unsere Reichsfinanzen in eine üble Lage. Wir werden bekanntlich von Frankreich für unsere Lieferungen keine Bezahlung, sondern nur Gutschrift auf Reparationskonto erhalten. Der Wert der Frankreich zu liefernden Sachgüter besteht zum Teil aus Rohstoffen, die wir für teures Devisengeld im Ausland kaufen müssen. Es kann heute schon gesagt werden, daß die volle Erfüllung des Wiesbadener Sachlieferungs-Abkommens auf die Dauer genau so unmöglich ist, wie die Zahlung der Barbeträge. Je eher wir unsern Gläubigern hierüber reinen Wein einschenken, umso leichter wird es sein, die Gefahr zu vermeiden, daß uns Hinterhältigkeit und Vertragsbruch vorgeworfen wird. Uns selbst und unseren Gläubigern gegenüber ist rücksichtslose Offenheit die beste Politik. W. W.
Amerika wird niemals die Schulden anuAieren
In amerikanischen amtlichen Kreisen ist man Wer die Aussichten des englischen Appells an die Bereinigten Staaten — gekleidet in die indirekte Form Der Zirkularnote Balfour an die Alliierten — nicht optimistisch gestimmt. Präsident Harding ist durch den Kongreß gegen jede Unterschrift einer Abmachung gebunden, durch die die Vereinigten Staaten entweder die verbündeten Schulden annullieren oder konsolidieren. Dies Gesetz, das die amerikanische Schuldenkonsolidie- rungskommission beschlossen hat, bestimmt, daß jeder Dollar, der den Bereinigten Staaten geschuldet ist, bezahlt werden müsse. Wenn die Regierung die Absicht hatte, in Verhandlungen über einen gegenseitigen Erlaß von Kriegsschulden einzutreten, so müßte Präsident Harding zunächst vom Kongreß eine Aenderung der bestehenden Gesetzgebung verlangen. Aber ein derartiges Verlangen würde politischen Selbstmord bedeuten. Wenn England allerdings seine Schulden bezahlen wollte, so würde dies eine Nachgiebigkeit gegen die übrigen Schuldnernationen nach sich ziehen. _
Die amerikanischen Parteiführer haben die englische Note bereits kommentiert. Der Vorsitzende des Finanz- komitees des Senats, Senator Mac Enmber, erklärte: England sollte willens sein, die Schulden zu erlassen. Bestenfalls wird es doch nur höchstens 50 v. H.F>on sei-
Die Kammer für Poincarees Politik der Gewalt.
i»^-Basel. (S. C.) Wie der „Baster Anzeiger" aus Paris meldet, hat Poincaree die Vorstände der Kammer- parteien empfangen mit Ausnahme der der beiden sozialistischen Parteien. Die Besprechungen ergaben nach einem Bericht in den Pariser Dtorgenblättern die vorbehaltlose Zustimmung aller bürgerlichen Parteien der Deputiertenkaumier zu der neuen Politik Poincarees gegen Deutschland und zu den von Poincaree vertraulich mitgeteilten „Sanktionen".
»^-Rotterdam. (S. C.) „Daily News" meldet, daß ein englisches Veto gegen eine« französische« Vormarsch ant 5. August in Paris eingelegt worden sei. Ein separates Vorgehen Frankreichs gegen Deutschland auf wirtschaftlichem Gebiete lege den Grund zn einer neuen englisch-französischen Spannung. Erklärungen Lloyd Georges Parlamentarier« gegenüber lasse« hoffen, daß England im letzte« Augenblick die Gefahr in Europa bannen werde.
Wirth bittet England «m Vermittlung.
►* Rotterdam. (S. C.) Wie die „Morningpost" aus Berlin meldet, hat der Reichskanzler Dr. Wirth am Rtittwoch dem englischen Botschafter die Bitte um eine Berständigung zwischen Deutschland und Frankreich unterbreitet. Dr. Wirth habe auf die schweren Folgen hingewiesen, die französische Maßnahmen am 5. August für das deutsche Volk haben müßten. Die Bitte des deutschen Kanzlers sei noth London weiter geleitet worden. s
s^BeM«.
Festsetzung der Antwort an Poincaree.
~ ~' Das Reichskabinett ist Frettas getreten, um den eud-
(S. C.!
vormittag um 10 1
gültigen Text der ____________ __________
Die Antwort wird nachmittags 5 Uhr dem deutschen Botschafter in Paris eingehändigt werden. Das Rciws- kabinett wird nachmittags ebenfalls Wer die Antwort
nncaree festzusetzen.
werden soll.
Verbot einer Kundgebung gegen neue Zwangsmaßnahmen.
»-- Basel. kS. EJ Die „Basler Nachrichten" mclömr aus Eolmar: Die Sitzung der elsässi'Äen Gewerkschaften. die Sonntag früh in Colmar stattfmöen sollte, um gegen Zwangsmaßnahmen gegen die deut,che Republik eine Kundgebung zu beschließen, ist durch Die Stratzbur- ger Regierung verboten worden.
5 Millionen Kredit für die Zwangsmaßnahmen «-»Genf. (S. G.) Der „Temps" meldet: Der Ober- / kounnandicrende der Beiavungsarmee am gihem nimmt K an der Besprechung des Obersten Kriegsrats in Paris 8 teil. Der Pariser Ministerrat hat einen Kndftvon Sz Millionen Franken für die am 5. August eiittrelenDeiL