hersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt"
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Nr. 165
Montag, den 17. Juli
1928
So;ialifii|iQe fWlsgemdnfdjaff.
I «Die sozialdemokratische Fraktion und die Reichs- tagsfraktion der Unabhängigen Sozialdemokratie haben am Freitag abend nach Borbesprechnnge« der beiderseitigen Fraktionsnorstände in getrennter Sitzung den übereinstimmenden Beschluß gefaßt, sich zu einer Arbeitsgemeinschaft der sozialdemokratischen Reichstags- ■ fraktionen znsammenzuschließen. Dieser Beschluß wird ; im Laufe des Sonnabends der Regierung «nd den Reichstagsparteien offiziell mitgeteilt «erden.
Die Frage der Koalitionserweiterung.
«Der Reichskanzler wird dem Reichspräsidenten vermutlich den Vorschlag machen: Da eine Erweiterung der Koalition nach links angesichts des Widerspruchs ider Demokraten und des Zentrums und nach rechts infolge der schroffen Ablehnung seitens der Sozialdemo- kratie kaum einen gangbaren Weg darstellt, die Auflösung des Reichstages zu vermeiden, muß aus eigener Initiative eine Umbildung des Kabinetts vorgenommen werden durch die Aufnahme eines »»abhängige» Sozialisten. Es ist anzunehmen, daß sich an den Vorschlag des Reichskanzlers der Empfang der Parteiführer beim Reichspräsidenten anschließen wird. Es hat den Anschein, daß Zentrum und Demokraten gegen einen Eintritt der Unabhängigen in die Regierung in dieser Form keine Einwendung erheben werde»». Ihr Widerstand gilt nach wie vor nur dem Eintritt der Unabhängigen in die Koalition, wohlgemerkt der Unabhängigen als Fraktion. ,
Berliner Pressestimmen.
"«Der erst in später Abendstunde bekannt gewordene Beschluß der beiden sozialdemokratischen Parteien, ihre Reichstagsfraktionen zu einer Arbeitsgemeinschaft zu- sammenzuschlietzen, wird bisher nur von einem Teil der Presse kommentiert. Der »Vorwärts" führt u. a. aus: Zweck der Arbeitsgemeinschaft ist es, zwischen den beiden Fraktionen das Maximum der möglichen Einigkeit zu verwirklichen. Die Selbständigkeit der Fraktionen und der hinter ihnen stehenden Organisationen besteht dabei noch weiter fort. Alle Wahrscheinlichkeit spricht für die Annahme, daß mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Weg ant, hatte mehr mik'§erM'U^-^rnd^Sl”
sondern mit einer Arbeitsgemeinschaft der sozialdemokratischen Fraktionen zu rechne»!. Es braucht kaum mehr ausgeführt zu werden, daß damit eine bedeutsame Aenderung der gesamten innerpolitische« Verhältnisse vollzogen worden ist. Die beiden sozialdemokratischen Fraktionen haben durch ihren Zusammenschluß zur Arbeitsgemeinschaft eine Tat vollbracht, die von geschichtliches Bedeutung ist und die bei den Massen des werktätigen Volkes freudige Zustimmung sinden wird.
Das „Berliner Tageblatt" betont die große politische Bedeutung dieses Beschlusses, der geeignet sei, wesentlich zur Klärung der gegenwärtigen politischen Krise beizutragen. — Die „Freiheit" stellt fest: Der Beschluß ist von größter politischer Bedeutung sowohl für die gegenwärtige politische Situation wie für die fernere politische Kampfgemeinschaft des ganzen sozialistischen Proletariats. — Die „RoM Fahne" widmet der U. S. P. u. a. schor» folgende»» Nachruf: Die unabhängige Partei soll die Ministersessel durch ihren Tod erkaufen. Mit einer Arbeitsgemeinschaft begann ihre Existenz. mit ei- ater Arbeitsgemeinschaft endet sie. Im Rahmen der politischen Opposition und ihrer Preisgabe ist ihre Geschichte umschlossen. — Die „Volkszeitung" meint, daß diese Tatsache der Einigung geeignet sei, die Schwierigkeiten, die der Lösung der politischen Krise entgegenste- hen, wesentlich, vielleicht gar entscheidend, zu mindern.
Noch keine Klärung der politischen Lage.
« Berlin. (T. U.) Die beiden bürgerlichen Koali- tionsparteien haben zu dem Beschluß der beiden sozia- »stischen Parteien, eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden, noch keine endgültige Stellung genommen. Das Zen- kam hat zwar am Freitag eine Fraktionssitzung abgehalten, doch wurde auf Antrag des Fraktionsvorsitzen- den Marx davon abgesehen, Beschlüsse zu fassen, offene bar um die Bewegungsfreiheit des Zentrums nicht ein-, .zuschränken. Der Reichskanzler wird dem Reichsvräsi- Serlten einen Vortrag halten und dann seine Entschlüsse lassen. Es steht noch nicht unbedingt fest, ob der Reichspräsident vorher anet) mit den Führern der verschiedenere R,ichstagsfratttonen Rücksprache nehmen wird. Noch (immer steht der Plan, je eine Persönlichkeit von links- nnd rechts in das Kabinett zu berufen, an erster Stelle. Da dieser-Plan vor dem Eintreffen des Washingtoner Botschafters Wiedfeldt in Berlin nicht in die Tat um» gesetzt werden kann, ist zu erwarten, daß der Reichstag vor der Erweiterung des Kabinetts auseinandergeht und daß der Kanzler den einzelnen Fraktionell nur die bestimmte Zusage wegen der Koalittonserweiterung Macht. Entscheidungen werden vermutlich am Sonn- «bend nicht mehr fallen. Die Annahme der verschiedenen noch ausstehenden Gesetze am Dienstag erscheint nach Auffassuna verschiedener Parlamentarier nicht mehr ge- fährdet.
Auch eine bürgerliche Arbeitsgemeinschaft?
^ Berlin. (T. lt) Die politische Arbeitsgemein- kchaft, die zwi chen der Mehrheitssozialdemokratie n«d den Unabhängigen geschlossen worden ist, soll, wie der Deutsche, das Blatt der Christlichen Gewerkschaften ans Parlamentarischen Kreisen erfährt, znr Folge haben, daß ibwische« der Zentrnmsvartci und der Deutschen Volks
partei ebenfalls eine politische Arbeitsgemeinschaft zustande kommt. Es sei nicht ausgeschlossen, daß auch die Bayerische Bolkspartei und die Deutsch-demokratischr Partei in diese Arbeitsgemeinschaft einbezogen werden Für den Fall einer Reichstagsauflösung würden diese vier Parteien jedenfalls ziemlich bestimmt eine politische Einheitsfront bilden.
Der Reichspräsident wieder in Berlin.
«Berlin. (T. lt.) Reichspräsident Ebert ist am Sonnabend vormittag um 9% Uhr in Berlin eingetroffen. Er ist sofort in eine Aussprache mit dem Reichskanzler Dr. Wirth über die politische Lage eingetreten
Ein Mahnruf Stegerwalds.
«Berlin. (T. u.) Im „Deutschen" veröffentlicht der frühere preußische Ministerpräsident Stegerwald einen Artikel, in dem er sich mit der staatsbildenden Kraft der Sozialdemokraten befaßt. Er kommt dabei zum Schluß auf die augenblickliche Lage zu sprechen und sagt: Die jetzige Stunde, die reif und möglich ist für eine starke und feste politische Mehrheit zu Gunsten des neuen Staates, geht anscheinend wieder ungenutzt vorüber. Statt dessen schwatzt man unaufhörlich von einer Reichstagsauflösuug. Das Ausland wird lachen Wer S politischen Kindereien. Was bringt uns denn eine stagsauflösung? Sie bringt bestimmt ein neues Steigen -es Dollars. Die hungernden Volksgenossen, denen man angeblich helfen will, treibt man mit solchen politischen Eisenbart-Kuren geradezu der Verzweiflung entgegen. Die Sozialdemokratie soll sich nicht täuschen, eine Reichstagsauflösung kaun für sie zum Volksgericht werden. Die untersten Volksschichten sind des ewigen Parteistreites müde. Sie haben es satt, daß man in einer Stunde, in der uns die schreiende Not entgegenklingt, die Regierung immer wieder nach parteipolitischen Diktaten anstatt nach Staatsnotwendigkeiten zusammensetzt. Alle Gutgesinnten und politisch Einsichtigen blicken auf einen am Sonnabend nach Berlin in unpäßlichem Zustande zurückgekehrte Ma»m und rufen ihm zu: „Reichspräsident, werde hart!"
Enttäuschung über die Neporationsantwort.
Berlin. (S. C.) Die Antwortnote der Reparations- kommission war am Freitag
aeu ve» merchStavinetts. Die Vertagung der endgültigen Entscheidung auf das Moratoriumsersuchen Deutschlands bis zur Rückkehr des Garantiekonntees nach Paris hat im Reichskabinett enttäuscht, ebenso wie das Festhalten an der Forderung nach Bezahlung der Julirate. Diese Rate ist bereits Freitag früh zur Auszahlung an die Kriegslastenkommission angewiesen worden. Die Berliner Börse rechnet mit der Wahrscheinlichkeit einer neuen Dollarsteigerung, da man die Aussichten eines Moratoriums wieder für sehr gering hält.
Der Reichslandbund zur Getreideumlage.
Die Erklärung, Sie der Landbund zur Annahme der Getreideumlage erläßt, hat folgenden Wortlaut: „Die Getreideumlage ist Gesetz geworden, Gesetz geworden gegen den ausdrücklichen Widerspruch der deutschen Landwirte, der durch die Spitzeuorganisationen der freien Berufsvereinigungen und die öffentlich-rechtlichen Vertretungen der Landwirtschaft und deren Unterverbände»» sowie durch zahlreiche Proteste aus den Reihen des deutschen Landvolks der Regierung mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht worden ist. Die Regierung und Sie Mehrheit des Reichstages haben geglaubt, diesen einmütigen Protest unbeachtet lassen zu sollen, während an den gleichen Stellen selbst den leisester» Wünschen und Winken, z. B. der Gewerkschaften, Folge geleistet zu werden pflegt. Auf die Unmöglichkeit der Durchführung der Getreideumlage ist vom Reichsland- bunde in der Oeffentlichkeit, insbesondere in den Parlamenten, sowie in Eingaben an die Regierung so häufig hingewiesen worden, daß wir vier auf Wiederholungen verzichten können. Wir beschranken uns darauf, festzustellen, Satz nach unserer Ueberzeuguna die Durchführung des Umlagegesetzes von schwerwiegenden Folgen begleitet sein wird, Folgen, für die nicht die Landwirtschaft. sondern allein die Regierung verarttwortlich gemacht werden muß." - _ ...
Neue Teuernngsverhandlungen mit den Beamten.
Das Reichsfinanzministeriuin hatte Ende vergangener Woche die von den Smtzenorganisattonen der Be- amten, Staatsarbeiter und StaatsPigestellten verlaMte sofortige Einleitung von TeuerutMoertzandlungen , ab- gelehnt. Die Folge davon wem, daß Die Spitzenverbande die Vervmrölungett über die Äegeümg der Dienstdauer- vorschrister» unterbrachen. Jetztthat sich das Reichsfinanzministerium bereit erklärt, in Teuerungsverhandlungen einzutreten. Der Fircanzminister hat auch eine Erklärung abgegeben, wonach die in den letzten 14 Tagen eingetretene außerordentliche Teuerung eine schwierige Lage geschaffen habe.
Amerikanische Studenten beim Kanzler. : H
Freitag vormittag empfing der Reichskanzler eine Gruppe von etwa 50 amerikanische Studenten, die sich im Zusannnenvang mit der so überaus dankenswerte»» in Amerika arbeitender» europäischen Studentenhilfe auf einer Rundreife durch Europa befinden. In seiner Ansprache behandelte der Reichskanzler auch das Rcpara- ttonsproblem und führte aus, daü erfreulicherweise fo= wohl in England wie in Amerika immer.mehr die Er- kenntnis wachse, daß das Reparationsproblem e n. europäisches und ein Weltoroblem sei, und daß WL ^Er
kenntnis setzt auch schon an die Pforte Frankreichs^ klopfe. Die wirtschaftlichen Fragen ließe»» sich nicht durch Ultimo!en, Diktate und mit dem Säbel lösen. Zum Abschied gab der Kanzler den jungen Ainerikanern auf besonderer» Wunsch einige Geleitworte mit Er sagtet Auch ein besiegtes Volk hat Anspruch auf Gerechtigkeit. Man kann von einem Volke nicht mehr verlangen, als, in seinen Kräften steht. Amerika hat die Sklavenbe-^ freiung erlebt. Wenn man von einem Volke in Europa mehr verlangt, als es leisten kann, so ist das der Be-' ginn einer neuen Völkersklaverei.
Schwache Hoffnung.
Berlin. (F. G. A.) Ueber die bevorstehende»» Mo- ratoriums-Verhanölungen erfährt der Korrefpondent des „F. G. A." aus Berliner Finanzkreisen, daß marv Sie Gewährung eines mehrjährigen Moratoriums in Verbindung mit einer kleinen Anleihe für wahrscheinlich erwartet. Man ist sich allerdings darüber klar, daß auch damit eine wirkliche Lösung des ganzen Repara- tionsproblems und eine Beseittgung der ungeheuren. Schrvierigkeiten nicht geschaffen würde. Zu einer vollständigen Revision des Revarationsproblems dürfte die Zeit «och nicht gekommen sein, weil der Druck der öffentlichen Meinung in Frankreich auf Poincaree wohl noch nicht so stark ist, um ihn zu einem Frontwechsel zu veranlassen, durch den allein Frankreich sowohl als Deutsch- mand die Rettung gebracht werden sonnte.
Frankreich hat keine Eile.
*-♦ London. Die Entschädigungsfrage rückt nicht vom! Fleck, solange die Ankunft Poinearees in London noch im Ungewissen liegt. Die Andeutung des „Temps" ant Freitag, daß Frankreich seine Schulden an England nichts länger dringend anzusehen brauche, wenn Frankreich keine Einnahmen für die Wiederherstellung seiner zerstörten Gebiete erhalte, hat hier stark verstimmt. Der- „Daily Telegraph" spricht von einen» unglücklichen Ein- ürnck und der Pariser Berichterstatter der „Times" von einem unnötig drohenden Ton. Gleichzeitig nennt dieser Berichterstatter mit Besorgrtts die Neigung Fra»»k-. reichs, die Regelung der Entichädigungsfrage angesichts^ der gelinden Besserung der Mark wieder hinauszufchie-^ Leu. Er will nämlich gehört haben,
schusses von der weiteren Gestaltttnq des Markkurses! abhängig gemacht werden solle. Solange die Mark sich: bessere oder wenigstens sich nicht verschlechtere, werde! man keine Eile zeigen. Erfolge aber ein neuer Sturz, dann solle binnen wenigen Tagen eine Entscheidung fallen.
Die Triebkräfte für die Präsentierung Korfarrtys.
s^ Breslau. lV. Z.) Die Präsentierung Korsantys zum polnischen Ministerpräsidenten durch den Haupt- ausschuß des Warschauer Seims wird hier nicht zuletzt auf Obers artesische Einflüsse zurückgeführt. Die »latio-, nale Arbeiterpartei, die bisher mit der Linken gestimmt hat, hat sich jetzt während der Kabinettskrise gespaltet und den Rechtsparteien angeschlossen. Der Hauptsitz dep nationalen Arbeiterpartei ist bekanntlich Oderschlesienp
Rücktrittsabsichten Pilsuözkis.
»»Warschau. (T. lt.) Der Staatsche» Pilsuözki teilt» dem Sejm-Marschall brieflich mit, daß er infolge der: Wahl Korfantys zum Ministerpräsidenten fern Amt in! Kürze niederzulegen gedenke.
Inkraftsetzung des Uap-Vertrages.
»-«Washington, (ß. A.) D>e Vereinigte»» Staate»» von! Amerika und Japan haben die Ratifikationsurkunden! über den Aap-Vertraq ausgetauscht. Der Vertrag tritt sofort in Kraft.
Die auffliegeude Haager Konferenz.
^Rotterdam. (S. C.) Der „Eourant" meldet aus dem Haag: Die Russen haben sich bereit erklärt, am konr- menden Dienstag erneut in die Erörterung der Entscha- digungSfrage einzutreten. Das Ergebnis der Besprechung Lltwinoffs mit dem englischen Vertreter ist, daß am Dienstag die Entschädigungs- und die Kreditsrage gemeinsam behandelt werden soll. Dennoch glaubt man, an einer» baldigen Abbruch der Konserenz und steht die Delegationen sich schon zur Abreise rüsten. Von den acht französischen Delegiertm sind fünf schon nach Paris zurückgefahren.
Wahrheit oder Dichtung?
«» Genf. lS. 6.) Der „Temps" meldet aus 'Kaiserslautern: Der Alliierten-Kommission für das besetzte- Gebiet ist eine große Anzahl Anträge aus bayerischen Großgrundbesitzerkreisen zugegangen, , das Gesetz über die Zwangsanleihe im besetzten Gebiet nicht zu genehmigen. Auch der pfälzische Bauernbrrnü hat einen offiziellen Schritt bei der Hohen Kommission in Koblenz unternommen. ■'ti- ■
Die Befprechnngc« mit den Parteiführer».
»»Berlin. (S. C.) Die für Sonnabend früh beim Reichspräsidenten anberaumten Besprechungen mit den Parteiführern sind auf Sonnabend nachnnttag verschoben worden. In der Unterredung des Kanzlers mit Hermann Müller am Freitag hat letzterer namens seiner Partei es abgelehnt, auf anderer Grundlage als der des Gewerkschaftsprogranmis zir verhandeln.
englische Wetten auf deutsche Uneinigkeit. «Rotterdam. lS. C.) Der „Maiin" meldet aus London, daß bei Llonds in London seit Sonnabend eigenartige Wetten in einer innerdeutschen AngelegeWkrt abgeschlossen werden. Man wettet bei Llouds für und gc- gen eine Auseinandersetzung Bayerns mit Preußen und Norddeutschland. Die Beteiligung an den Wetten sei eine ungewöhnlich rege. Die Wettquote ist zurzeit noch schwaukeuS. Die Wetten lauten auf spätestens Ultimo August,, —-----... - ^- ■• ;