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Nr. 298 Mittwoch bett 21. Dezember 1921
Der Zwmkampf in ConbotL
Die Konferenz zwischen Lloyd George und Briand hat in London ihren Anfang genommen, und es erhebt sich eine ganze Reihe von Problemen, die fetzt ihrer Lösung harren, und die wohl kaum so ohne weiteres zur Befriedigung aller Beteiligten zu einem günstigen Ende geführt werden können. Im Vordergründe des Interesses steht naturgemäß die große Frage der Entschädigungen und diese wiederum hat zum Gegenstand zweifellos die Besprechungen über das Wiesbadener Abkommen. England kann es noch immer nicht verschmerzen, daß Frankreich mit Deutschland ein derartiges Son- derabkommen geschlossen hat, während doch eigentlich jedem Angehörigen der Entente cordiale es vertraglich verboten ist, unabhängig von den anderen Alliierten Verträge zu schließen. Da aber nun einmal in Wiesbaden das entscheidende Wort gesprochen worden ist, und all das, was dort unterschrieben wurde, nur schwer rückgängig gemacht werden kann, will Lloyd George wenigstens den Versuch machen, mit Briand dahin überemzu- kommen, daß auch England mit Deutschland einen ähnlichen Vertrag schließe. Nun muß natürlich angesichts der Haltung der englischen Industrie, die ja jenseits des Aermelkanals ein größeres Machtwort zu sprechen hat, als die französische in Frankreich, und die einer umsaug- reichen Warenlieferung durch Deutschland den größten Widerstand entgegensetzen würde, Lloyd George diesem Umstände Rechnung tragend, danach trachten, nur solche Waren von Deutschland zu verlangen, die den Engländern die geringste Schwierigkeit bereiten. Das Augenmerk richtet sich da vor allen Dingen auf die chemische Industrie und da besonders auf die deutsche Farben- produktion. die der Feinöbun-d trotz aller Anstrengungen während des Weltkrieges und auch nach dem Friedensschluß vergeblich zu ersetzen trachtete.
Es ist klar, daß England einen Wiederausbauvertrag nach dem Muster des Wiesbadener Abkommens mit Deutschland nicht allein auf Grund der Lieferung von Farben treffen kann. Deshalb taucht wieder der alte englische Plan der englischen Industriellen auf, wonach wir dazu verpflichtet werden sollen, die ehemalige Rohstoffkammer Europas, Rußland, auf Rechnung Englands wieder aufzubauem Hier wird ein nicht unerheblicher Widerstand Frankreichs einsetzen, da es wohl schwerlich wird zugeben können, daß England auf russischem Boden Prioritätsrechte erlangt. Als Kompensation dafür wird
Pfund Sterling zu annullieren und im Austausch dafür deutsche Reparationsbons der Serie E beanspruchen, die dann vernichtet werden sollen. Rußland ist einer der wundesten Punkte der französischen Politik, die eifersüchtig darüber wacht, daß auf dem Boden £ c§ ehemaligen Zarenreiches keine Macht allzugroße Vorteile erringe. Vielleicht wird Lloyd George dann schließlich den " " chen müssen, daß auch sie
Arbeit in Rußland betei-
Franzosen die Konzession ntai
an dem Ertrage der deutschen ------- _
ligt werden. Sobald man jedoch in tiefer recht schwierigen Frage zu einem Resultat gelangt ist, erhebt sich die ungleich wichtigere, wie sich in Zukunft das Verhältnis zwischen den Alliierten und besonders zwischen Frankreich und England gestalten soll? Man hat es an der Themse noch nickst nicht vergessen, daß Parcs mit Angora einen Sondervertrag abgeschlossen hat, daß Frankreich hierauf klein-asiatischem Boden den englischen Interessen direkt entgegenarbeitete und rücksichtslos seine eigenen Ziele verfolgte und dem Prestige Großbritanniens beträchtlichen Schaden zufügte.
Das Bor-gehen der Franzosen auf der Washingtoner Konferenz, das, wenn es auch mißlang, ursprünglich darauf hinausaing, auf Küsten Englands eine Annäherung an Amerika zu erreichen, hat man London eben- 'ialls noch nicht vergessen. Daher soll jetzt bet den gegen- Därtigen Besprechungen schließlich die Frage einer Allianz an stelle der Entente erörtert werden. Diese Allianz will tnan recht eng gestalten. Man hat da ganz absonderliche Tinae vor. bei denen besonders ein Ab- sommen über d'e Seerüstungen eine große Rolle spielt. England würde sich in diesem Falle verpflichten, Frankreich gegen jeden Angriff zur See ncherznstellen. Das ht eine Frage von zweifellos welthistorischer Bedeutung. Nähme Frankreich diesen Borschlag an, so würde es damit ohne rveiteres alle Ausprüche auf eine Weltmacht- ftellung anfgeben müssen. Es wäre damit zum Vasallen Englands herabgesunken, und der trotz Weltkrreg Friedensschluß und aller Beteuerungen der Freundschaft noch immer bestehende uralte uatürliche Gegensatz zwischen den beiden Staaten diesseits und jenseits des Aermel- kanals wäre aus der Welt geschafft, jeder spätere Kampf vermieden, und Großbritannien hätte einen neuen Krieg gen i'nueik, hätte einen der bedeutsamsten, Siege seiner Geschichte erfochten, ohne auch nur ein einziges Schiff, auch nur einen einzigen Soldaten zu opfern. Außerdenr sollen natürlich auch die allgeuleinen Plane Europas in wirtschaftlicher nnd politischer Richtung besprochen werden, aber dazu wird es bei der jetzigen Zuiaimnenkunft in London kaum noch kommen. Eine neue Konferenz zu Beginn des Jahres, an der nicht nur die alliierten Länder, sondern auch Rußland und die Mittelmächte teil- nehmen sollen, wird die Wcltwtrtschaftsprobleme zn lösen versuchen.
Lloyd Georges Plan für den Wiederanfbau.
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Die erste Besprechung zwischen den beiden Premier- istern in London hat ptonmiBin Montag vormittag 11 Mr begonnen, ist aber nach weniger als zwei
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Stunden Dauer auf Dienstag vertagt worden. Der Mitarbeiter des „Manchester Guardian" glaubt berichten zu können, daß Lloyd George beabsichtige, die Beziehungen der europäischerr Staaten neu ch regeln. Er wolle einen dreiseitigen Vertrag zwischen England, Deutschland und Frankreich anregerr, durch den jedes der drei Länder Legen einen Angriff irgendeines der beiden anderen Länder geschützt werden soll. Ein Sonderberichterstatter des Blattes meldet: Bon französischer Seite verlautet, daß Briand seine Politik im Prinzip festgelegt habe. Der französische Premier-Minister sei nach den letzten Beratungen Loucheurs mit Lloyd George und Hörne zu dem Entschluß gelangt, falls die britische Regierung bereit sei, Frankreich gewisse finanzielle Zugeständnisse zu machen, dem großen Plane Lloyd Georges für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas unter Einschluß Deutschlands und Rußlands keinen Widerstand entgeaenzusetzeu.
(Es war bisher nicht möglich, eine Bestätigung dieser außerordentlich wichtigen Meldung zu erhalten.)
^ Zu den vorstehenden SluSInffungen des „Manchester Guardian" bemerkt der „Vorwärts": Wir hätten diesen geradezu märchenhaft klingenden Auslassungen keinen Raum gewährt, wenn sie nicht ans einer Quelle stannn- ten, die durchaus ernst zu nehmen ist
Havas dementiert.
e^ Paris.. (F. Z.) Die offiziöse Nachrichtenagentur HavaS dementiert in aller Form das Gerücht, wonach von dem engliscken Ministerpräsidenten auf der Konferenz mit Briand ein Dreiverband England-Fraukreich- Deutschland vorgeschlagen worden sei. In der Meldung heißt es. Lloyd George und Briand dächten nidst daran, einen Vertreter Deutschlands zu ihren Besprechungen hinzuzuziehen. Wenn die Anwesenheit Dr. Rathenans in London Anlaß zu diesem Gerücht gegeben habe, so sei festzustellen, daß Ratbenau von keiner Seite aus eingeladen worden sei und daß sein augenblicklicher Aufenthalt in keiner Beziehung zu der Anwesenheit des französischen Ministerpräsidenten in London stelle. Es sei iedoch möglich, daß Rathenau wieder nach London gekommen sei, um die bei seiner letzten Anwesenheit in London eingeleiteten Verhandlungen über sein Programm zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Rußlands fortzusetzen.
Nssgemeins Aussprache.
'^ Parks. (^ Z)
folae hatte die erste BeWtzMo^
Londoner BlättermeMngcn su-
Men'Lwvd t^!>5^a^ Sir Robert Hörne meinen Aussprache.
Die frauzösischen Gegenvorschläge.
or Paris. (F. Z.) Der »Petit Parisien" meldet, daß die französische Delegation eine neue Note iertiggesiellt hat, die am Dienstag dem englischen Ministerpräsidenten Lloyd George überreicht werden soll. In dieser ist der Standpunkt Frankreichs in der Frage der Deursch- land zu gewährenden Zahlungserleichterung präcisiert
->^ Paris. (F. Z.) Nach einer Meldung des „Echo de Paris" wird Frankreich folgende Garantien für einen an Deutschland zu genEhrenden Zahlungsaufschub fordern: 1. Deutschland ist verpflichtet, seinen Sssatsbans- Halt ins Gleichgewicht zu bringen. 2. der deutschen Reichsbank muß volle Unabhängigkeit gewährt werden, 3. Einsteknng der Noteudrnckp^ffe. eventuell ein Moratorium im Innern, 4. Zentralisierung des Devisen- verkehrs, 5. Maßnahmen znr Verhinderung der Kaps- talflncht, 6. Kontrolle der Anßcndcmdclssimistik, 6. Einsetzung eines Direktors in der Zollverwaltung durch die Alliierten.
Stundung nur bei Finanzkontrolle.
»^ Rotterdam. (S. C.) Die „Times" melden: Die englische Regierung tritt für die Aufnahme von Verhandlungen mit der deutschen Regierung über die Abänderung der Reparationszahlungen ein. Eine Stundung der Zahlungen könne leüoch nur gewährt werden, wenn Deutschland sich der Kontrolle durch alliierte Instanzen unterwirft. Dem Reichskanzler Dr. Wirth sei auch insofern ein Irrtum unterlaufen, wenn er eine Stundung schon für die im Januar und Februar fälligen Raten erwarte. Das widerspreche jeder Zusage, die Dr. Ratbenau bet seiner letzten Anivesenhest in London gegeben habe.
Die deutsche Antwort an die Reparationskommission.
^ Berlim (S. 6.) Das Reichskabinett hat über die Antwort auf die Note der Reparationskommission beraten. Eine vorläufige Erwiderung an die Reparationskommission ist bereits in einer besonderen 9tote am Montag aus Berlin abgesandt worden. Der Kreditausschnß tritt am Mittwoch zu einer Sitzung zusammen in der Er- Wartung, daß weitere Rückfragen der Reparationskommission aus Paris erfolgen werden.
Wetten um den Zahlungsaufschub.
»-* Rotterdam. (S. C.) Der „Rotterdamsche Courant" meldet aus London, daß bei Lloyds Wetten abgeschlossen werden für und gegen die Annahme des Ersuchens der deutschen Regierung um Zahlungsaufschub durch die Entente. Bisher standen die Wetten mit eins für und zwei gegen die Annahme.
Belgien gegen einen Zahlungsaufschub.
^Rotterdam. sS. C.) Der „Soir" meldet, daß das neue belgische Kabinett seine Delegierten in der Repara- tionskommission dahingehend instruiert habe, einen Zahlnngsanfschnb für die im Iannar und Februar fälligen deutschen Reparationszahlungen zn verweigern.
Kontrolle des deutschen Militärelats.
** Berlin. lS. C.) Die Uebermachungskommission der Entente hat von der Reichsregierung den Militäretat
für das kommende Jahr vor seiner Einbringung im Pav lamerrt eingesordert
Znrückhalinug der französischen Presse.
fc» Die französische Berichterstattung über Ste Londonei Besprechungen ist bis jetzt anssattend spärlich. In einer Depesche des „Intranstgeant" findet sich der Say: „Zur allgemeinen Entzückung sah man die Herren Ratüenav und Fischer (zuerst hieß es, daß sich Dr. Simons in der Begleitung Dr. Rathenans befände) ankommen." Es scheine, daß Rathenan in Downingstreet einen Besuch abgestattet hat, während Lloyd George und Briand konferierten.
Keine großen Etwartunge».
s-» Aus Lovdon wird genreldet: Ueber die1 ffprechungen zwischen Lloyd George und Briand erklärt ein auch tu Deutschland bekannter, Lloyd George nahestehender Diplomat, daß rrach seiner Meinrrng bestenfalls eur kurzfristiger Zahlungsaufschub herauskommen werde.
Nur vorSerelteLden Charakter.
^ Aus London wird gemeldet: Die Blätter erkenne» die große Bedeutung der Konferenz zwischen Lloyd George und Briand an, betonen aber, daß jetzt noch keine endgültige Entscheidung zu erwarten sei, weder bezüglich der dringendsten technischen Fragen rwch der Grundsätze der künftigen Politik der Alliierten. „Dativ Telegraph" betont, daß matt jetzt den Weg für einen späteren gründlichen und ausführlichen Gedankenaustausch ebnen müsse, der aber vor dem 16. Januar stattfinden müßte.
Etnöerufung des Oberste« Rates.
r^- Reuter meldet aus London: In manchen Kreisen wird darauf hingewiefen, daß die Bespiechungeri zwischen Lloyd George und Briand dazu dienen würden, eine Vollsitzurrg des Obersten Rates, au der auch Belgien und Italien teilnehmen würden, vorzubereiten. Diese Vollsitzung könnte aber ersaht der zweiten Januarhälfte stattfinden, weil della Torotta nicht eher Rom verlassen könnte.
Der Zweck der Reise Rathenaus.
^Der „Vorwärts" schreibt: Obwohl von amtliche« Stelle über den Zweck der Reise Dr. Rathenans nach London nichts Bestirmntes zu erfahren ist, liegt die Ver-Z mutung doch sehr nahe, daß fceuiidx Unterhändler beauftragt worden sind,die schwierige Lage zu erörtern^ die UH? ÜU- &ev ^-^ >?f y*^rffr.-r:^-M:":!siCTr-an -ts deutsche Regierung ergeben hat.
Der Erfolg Stivues in London.
** Paris. lF. G. A) Aus ofstziöser Quelle wird bestätigt, daß Hugo Stinnes, als er in London roeilte, von Lloyd George empfangen Würben sei, und daß es ihm auch gelungen fei, den englischen Ministerpchsideoten für seine Pläne z«M Wiedecans -u Rublands z« interessieren.
Die UnMZglichkeit der Zahrnngen.
^ Aus Merlin wird berichtet: Gegerstiber gegenteilige» Pariser Presseäntzerungen bemerkt die „D. A. Z.", Satz der Reparativuskommission bereits bei ihrer letzten Anwesenheit in Berlin von der deutschen Regierung rechue- risch rrachgewiesen worden ist, daß Dentschland nicht tx der Lage sei, die im Januar und Februar fälligen Rv- paratiLnszatzlnngen ans eigenen Mitteln ansznbringe». Bon unterrichteter Seite verlautet, daß am Montag nachmittag in einem kleinen Kreise eine Besprechung über die Maßnahmen sjattgefuuöen hat, die in Verbindung mit der Hilfe der Landwirtschaft demnächst zu ergreifen sind, um den Erfolg des Kreditplanes ficherz»- stellen. Diese Vorbereitungen sollen in Fühlungnahme mit nichtlandwirtschaftlichen Kreisen fortgesetzt wer dem die an dem Zustandekommen des Kredits interessiert sind. Die Fortsetzung der Verhandlungen soll schon t» den nässten Tägen erfolgen. t ,
Frankreichs Welthandel.
m> In den ersten Monaten des Jahres 1921 belief HO der Wert der französischen Einfuhr auf 20 324 Millione» Franken gegenüber 45 450 Millionen im gleichen Zeid- raum des Jahres 1920. Die Ausfuhr betrug 19 370 Millionen Franken gegenüber 24626 Millionen im Vorjahre. Die Handelsbilanz Frankreichs ist damit in diesem Jahre fast wieder ausgeglichen, während die Einfuhr ini letzten Jahr die Ausfuhr um den Wert von uu- aefähr 20 Millionen Franken ick erstieg.
Ein Notschrei aus dem Rheinlaud.
Der Wirtschaftsausschuß und der GewerkschaftsauS- schütz des besetzten Gebietes haben gemeinsam folgende drahtliche Kundebung an den Präsidenten Harding gerichtet: „Alle Körperschasien von Handel, Industrie Handwerk, Landwirtschaft, Arbeiter. Rngestellke und Beamte des besetzten rheinischen Gebietes haben mit der» gesamten deutschen Volke die Abrüstungstonferenz lebhaft begrüßt und bitten, die Konferenz nicht zu beenden ohne der unter der Besetzung schwer leidenden Bevölkerung des besetzten Gebietes zu helfen. Die attiierle Besatzung ist hier doppelt so stark, wie die deutschen Truppen vor dem Kriegt* im Rheinlandc. Das demsche Volk, durch den Friedensvertrag entwaffnet, will nach ftinve- ren Kriegserlebnissen keinen neuen Krieg, sondern friedliche Entwicklung, die Eintracht der Völker und den Wiederaufbau des Zerstörten. Bei solcher Gesinnung kauy die Besatzung auf ein Mindestmaß circa?schränkt werde» und ersparte Ausgaben konnten 6cm Wiederaufbau zu- geführt werden. Da Deutschland auf der Konferenz nicht vertreten ist, bitten wir den Herrn Prüsiderlten, den Av- rüstungsvorschlag für das besetzte Gebiet dort vorzu- legen."