Gersfelöer Tageblatt
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Nr. 206
Sonnabend, den 3. September
1921
DEMGNFM üSer Sie innere Sage, | w Im Laufe des Freitagvormittags finden beim Meichskanzler Befprechungen von großer innerpoli- tifcher Bedeutung statt. Wie wir aus parlamentarischen Preisen hören, nehmen daran außer dem Reichspräsidenten der Präsident des Reichstages, die Führer der Koalitionsparteien, der Abgeordnete Stresemann und einige andere führende Politiker und Parlamentarier teil. Gegenstand der Besprechungen dürfte der Gesamtkomplex von wichtigen Fragen der inneren Politik sein, die auf eine baldige Entscheidung dränge. Die Ereignisse der letzten Wochen und Tage erheischen eine solche Klärung, und zwar so rasch wie möglich. Angesichts dieser Tatsache darf man der Besprechung eine große Bedeutung beilegen. Vielleicht dürfte sie sogar ausschlaggebend werden für die deutsche Innenpolitik der kommenden Wochen, besonders auch mit Rücksicht auf das gesamte damit eng zusammeichängende Reparationsprogramm des Kabinetts, dessen unbedingte ^Durchführung für Deutschlands Außenpolitik von nicht szu unterschützender Wichtigkeit sei. Die Vorbesprechnn- ;gen zwischen dem Reichspräsidenten nö dem Abgeordneten Dr. Stresemann haben wenigstens einen beide Teile - durchaus befriedigenden und für die entscheidenden Beratungen erfolgversprechenden Verlauf genommen.
Ueber die Besprechungen zwischen dem Reichspräsidenten und Dr. Stresemann erfährt die „D. A. aus parlamentarischer Quelle folgendes: Es sind verschiedene wichtige Fragen, u. a. auch die einer baldigen Ein- Lernfung des Reichstages, erörtert worden. Ohne den Reichskanzler jedoch konnte hierüber noch keine Entscheidung getroffen werden. Reichskanzler Dr. Wirth wird voraussichtlich schon im Laufe des Freitags wieder nach Berlin zurückkehren. Es ist daher für Freitag vormittag eine entscheidende Besprechung zwischen dem Kanzler und Dr. Stresemann vorgesehen.
Stresema«» zu Besprechungen nicht emgeladcn.
9* Berlin. (B. Z.) In einigen Blättern wird berichtet, daß in einer am Freitag stattfindenden Konferenz des Reichspräsidenten, des Nerchstagspräsidenten und der Führer der KoalMousparteien der Führer der Deutschen Volkspartei Dr. Stresemann eine wichtige Rolle spielen werde. Wie die „B. Ä" erfährt, hat Dr. Stresemann zu einer Besprechung mit den Koalittons- führern feine Einladung erhalten.
Interpellation ii« RsWpWA^k^ «««E MM rechtsstehenden Parteien des RekchsrageZ für den W>e- öerzufammentritt des Parlaments eine Interpellation angekündigt.
Der Belagerungszustand in Bayern.
im Berliner Blätter berichten, daß wegen der Aufhebung des Belagerungszustandes in Bayern zum Terl schon Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und der bayerischen Regierung stattfinden. Wie von zustan- diger Stelle verlautet, ist bis jetzt in Berlin von derartigen Verhandlungen noch nichts bekannt. Allerdings geht man wohl nicht sehl Ht der Annahme, daß der bayerische Gesandte Preger nach der Rückkehr des Reichskanzlers deswegen bei der Reichsregierung vorstellig werden wird. Fedenstfils ist die Nachricht unzutreffend, daß es bereits feststehe, daß der Reichspräsident die Aufhebung des Belagerungszustandes in Bayern beabsichtige. Reichskanzler Dr. Wirth wird nach seiner Rückkehr nach Berlin, also wahrscheinlich noch im Laufe des Freitags, den bayerischen Gesandten emp- sanaem Ueber den Standpunkt, den die Reichsregierung gegenüber der bayerischen Rrgiernng einnehmen wird, läßt sich vor der Besprechung nichts Bestimmtes sagen. Vielleicht scheint jedoch die Annahme nicht unbegründet, daß man auf dem Wege eines .Kompromisses zu einem beide Seiten befriedigenden Ergebnis zu gelangen hofft.
Der „Berliner Lokalanzelger- und „Tag" verboten.
' W Der Reichsminister des Innern hat auf Grund des s 1 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 29. Au- Est den „Berliner Lokalanzeiger" und den „Tag" auf die Dauer von 14 Tagen verboten, weil diese Blätter den Artikel des „Miescacher Anzeigers" abgedruckt haben in dem das gegen die Zeünng ansgesprochene Er- scheinunasverbot veLöhnt und die Reichsregierung mit Beschimpfungen überhäuft wurde.
: Das Verbot der „Süddeutschen Zeitung".
Die in Stuttgart erscheinende „Süddeutsche Zeitung", die sich unter den verbotenen Blättern feftnöcG hat^leMaU Einspruch. gegen das Verbot erhobem Da sie aber mit der Ersotgiosigkeck ihres Einspruches rechnet, hat sie mit der ihr politisch nahestehenden „Mün- chen-Augsburger Abendzeitung ^erernbart, daß diese Zeitung während der Dauer des Verbots den Leuru der „Süddeutschen Zeitung" zugestellt wird.
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- „nzei- erlin ge-
„Der „Miesbachcr Anzeiger".
München. Der vom Reichspräsidenten verbotene Mesbacher AnzKger" und der „Völkische Beobachter" eMein?n weiter In München wird der „Miesbach» Anzeiger" auf den Straßen öffentlichverkauft. An d> Spitze seines Blattes brächte der.»Miesbachcr Anze aer" eine Pfittetluna, wonach er das aus ^ konmreue Telegramm zur Unterdrückung des ErM - uens des „Nliesbacher Anzeigers" mit dem bM Dank für die Reklaine an den Absender zurückgeschtckt habe. Der „Miesbacher Anzeiger" erscheine solange weiter,
bis Sie zuständige bayerische Regierung das Erscheinen untersage. — Die bayerische Staatsregierung hat bisher den Erlaß des Reichspräsidenten noch nicht veröffentlicht.
Demonstratiouen für die Räterepublik.
1»' Berlin. Die Kommunisten rufen zu einer Massendemonstration der Proletarier gegen die Ermordung Erzbergers und für die Räterepublik in Deutschland anl Sonntag, 4. September, auf. Die radikalen Betriebsräte von Großberlin haben ihre. Teilnahme zu- gefagt.
Kontrollfordernug der Eisenbahner.
*4 Berlin. In einer Versammlung der Eisenbahner der Spandauer- Werkstätten sprachen sich alle Redner für die Wiedererrichtung einer Kontrolle durch die Eisenbahner über Militärtransporte aus. . Eine dem- eutsprechende Forderung wurde dem Eisenbahnminister- Gröner überreicht. - , o&Wiäi
Bayern und das Reich.
Erklärungen des Reichskanzlers.
» Berlin. (B. T.) In der Sitzung des sogenannten Ueberwachungsausschusses des Reichstages nahm der Reichskanzler in sehr ernster Weise Stellung zn den bayerischen Vorgängen. Er stellte die innerpolitischen Notwendigkeiten in den Vordergrund und wies auf die Gefahr des Zerfalls des deutschen Volkes in eine sozialistische und in eine biirgerliche Hälfte hin, der zum Bürgerkrieg führen müsse. Dieser Gefahr müsse entgegengewirkt werden. Er wolle darüber keinen Zweifel lassen. Sollte es trotz seiner Bemühungen zu einer solchen Zersplitterung kommen, dann stehe er auf Seiten der Arbeiterschaft. In Bayern habe man zweifellos mit doppeltem Maß gemessen. Damit müsse ein Ende gemacht werden. In Bayern würde die große Mehrheit der Reichstreuen bei dieser Regelung helfen. Die Erklärungen des Reichskanzlers machten auf den Ausschuß einen außerordentlich tiefen Eiitdruck. Abgeordneter Professor Dr. Karl von der Deutschen Volkspartei erklärte, daß er sich zu der Erklärung für berechtigt halte, daß seine Partei zur republikanischen Verfassung stehe und die Regierung beim Schutz dieser Verfassung unterstützen werde
iM' München Wie die „Münchener Neuesteil Nach- richteu" melden, hat sich ein Mitglied der bayerischen 9te= gierung in Bealettung eines Vertreters der .Koalitionsparteien »räch Berlin begeben, um in mündlicher Aussprache den bayerische» Standpunkt zur Kenntnis der sei, in der FrcVe der Aufhebung des Ausnahmezustandes in Bayerir ohne Fühlung- :.... der bayerischen Regierung vorzügehen. Vielleicht sei der Anlaß zu dieser Meldung darin zu suchen, daß Freitag vormittag der sogenannte Ueberwachungsausschutz des Reichstages einberufen ist, auf dessen Tagesordnung als einziger Punkt die Aufhebung des Ausnahmezustandes in Bayern steht.
Neuer Ansturm gegen die Regieruirg von Kahr.
w Nürnberg. Wie der ,T. n." von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, haben die Betriebsräte in Nürnberg zur Lage Stellung genommen. Es ist zu erwarten, daß in der kommenden Woctre zum Zweck des Stirr- zes der Regierung von Kahr schwerwiegende Mapnah- mert seitens der Arbeiter getroffen werden. In den beteiligten Kreisen soll man die Frage der-^Abtrennung Frankens voll Südbayenr unter Anschluß an das Reich erwägen.
Scdaufeieru in Bayern.
m> München. Die bayerische Staatsregierung erließ eine Verordnung, wonach den Staatsbeamten Urlaub zur Teilnahme an der Sedanfeier erteilt werden kann. In ganz Bayern fanden anläßlich der Sedanfeier Veranstaltungen statt.
. Eine neue Warnung Dr. Wirths.
Der Reichskanzler Dr. Wirth empfina auf seiner Fahrt von Stuttgart nach Biberach einen Vertreter der lvitrttemberaischen Zcrltrumskorrespondenz. Auf die »Ä«^
„Wen» malt die Wirkungen richtig abschätzen wolle, müsse man sich die in den letzten Wochen steigende Er- regnna des arbeitenden Volkes wegen der sinnlosen Angriffe von rechts gegen die Repubuk und die staat- - liche Antorität vor Augen halten. Die überMebenen Knndgebnngen chanvinistischer Kreise haben autzen- und innenpolitisch UrlheÜ mmerrchtet. _ In dem Augenblick, wo wir außenpolittsch das demokrattsche Selbstbe- itimmungsrecht forderten, koulpromittiere mmr die Politik des Reiches. Man müsse geradezu memen, gewisse Kreise Hütten Freude daran, unsere Außenvolittk in eine neue Atmosphäre des Hasses und des Argwohns
zu stürzen?
uhr er fort: In diese Atmosphäre hirieirl achricht von dem Morde an Erzberger, die
komme die Nachricht von dem Moröe an Erzberg-r, die das ganze Volk in Bewegung gebracht habe. Die ungeheure Erregung des, demokratischen, arbeitenden Volkes könne schlimme Wirkungen auslösen. Es sei zu wenig gesagt, wenn er bemerke, das Reich sei in Gefahr: nein, der Staat und seine Ordlmng selbst könnten durch die Kolitis von rechts, die einen Massendruck von links auslöse, in Gefahr gebracht werden. Er erinnere daran, daß die MehrbeitSsozialisten und die Unabhängigen gemeinsam bet ihm vorstellig geworden seien, um auf die denl Reiche und der demokratischen Republik
drohende Gefahr aufmerksam zu machen. Der ^cot» an Erzberger habe die sozialistischen Parteien einander nähergeführt. Vielleicht sei dies gewissen Elementen an der Rechten willkommen, weil man glaube, damit di bürgerlichen Elemente nach rechts zu ziehen. Das se aber ein gewaltiger Irrtum. Er habe in Frankfurt gesehen, wie das christlich denkende Volk der Arbeit sich dem Morde gegenüber einstelle.
Man solle sich auf der Rechten darüber klar sein, wiH ein Versuch, die Republik in Not zu stürzen, von der gesamten dentschen Arbeiterschaft beantwortet werde. Die Reichsregierung erfülle in den getroffenen Maßnahmen nur ihre Pflicht, indem sie größeren Gefahren vorzubeugen versuche.
Oberschlesien vor dem Völlrerbundsrat.
Vierer-Kommission zur Ausarbeitung des Gutachteus.
Das Ergebnis der Sitzung des VölkerbundsrateS am Donnerstag, die kaum eine halbe Stunde dauerte, kann man als die endgültige Form der Frage der Be- Handlungs-Methode des oberschlesischen Problems bezeichnen. Eine Viererkommisfion, bestehend aus Mitgliedern von Staaten, die bisher an den Beratungen über Oberschlesien nicht beteiligt waren, wurde mit der baldigen Prüfung betraut. Die Sitzung war wieder geheim. Einstimmig wurde die Prüfung des Problems der Konmnfsion, bestehend ans Belgien, Brasilien. China und Spanien übertragen Die Koumrission hat völlige Freiheit. Ein bestimmtes Verfahren ist ihr nicht vorgeschrieben. Sie wird die Freiheit haben, bis» Frage sowohl auf Grund der Dokumente des Oberste« Rates sowie aus jeder anderen Quelle zu studieren Sie bat auch ein Recht, die Ansicht technischer Beratet; zu hören. Gewünscht wird aber, daß die Experte« nicht an den bisherigen Diskttssiorren teilgenommen t haben. Um die eventuell nötigen Erkundigungen an» Ort und Stelle einzuziehen, können deutsche und polnische Bewohner Oberschlesiens angehört werden Die Kommission wird dem Rat Bericht erftatten, der sich dann mit der Frage weiter befassen wird. Der Bölker- bnnösrat kann zu jeder Zeit zusammentreten, um die Ergebnisse der Untersuchung zu prüfen Die Vertreter der vier Staaten übernahmen den Auftrag und erklärten, im Sirrne absoluter Gerechtigkeit und Unabhängtg- kett ihre Ausgabe durchfiihren zu wollen
Polen nimmt nicht an den Verhandlungen teil.
** Die polnische Telegraphen-Agentur berichtet, daß der polnische Delegierte in Genf dem Völkerbundsrat mitteilte, daß seine Regierung mt Augenblick keine« WMW» *äM> die oberschlesifche Frage besprochen wird, zu entsende«.
Oie geheimen WWW der jraMWen Politik
m Im „Echo de Paris" gibt der bekannte Politiker Bonnefeu in einem Leitartikel die geheimen Absichten der französischen Politik in Bayern bekannt. Die monarchistische Partei, deren Chef der bayerische Dtirrister- präsiöent von Kabr ist, werde in Wirklichkeit von dem Abgeordneten Heim geleitet. Der Artikelschreiber glaubt sich nicht zu täuschen, wenn er meint, daß Heim an die Errichtung einer Monarchie unter der Erhaltung des Deutschen Reiches denkt mrd an eine gewisse Vorherrschaft Bayerns im Innern. Man dürfe sich keineswegs nnmöent, wenn Westfalen, Rheinland und Hannover sich vml Preußen lostrermten unter der Bedingung, daß diese Loslösung nicht unter Einfluß einer fremden Macht vor sich gehe und diese drei Provinzen ebenso deutsch bleiben wie in der Vergangenheit. Auf diese Richtmig müsse Frankreich seine Politik einstellen.
Ende der Zuckerzwangswkrtschaft.
Die Pressestelle des Reichsernährungsministertums teilt mit: Eine Verordnung des Reichsministers für Ernährung und Laichwirtschaft bringt die erwartete Aufhebunq der Znckerzwangswirtschaft für Zucker der neuen Ernte. Für Zucker alter Ernte (1920) bleiben noch einige Vorschriften der Zuckerverordnung als Uebergangsbestimmmrgen bestehen. Namentlich wirb Sie Uebernahme der am SO. September 1921 in den Zuckerfabriken noch vorhandenen Bestände an Verbrauchszuk- ker und die Verarbeitung der noch vorhandenen Bestände an Rohzucker und den Zwischenerzeugnissen aus den früheren Ernten geregelt. Im Zusammenhang mit der Aufhebung der Zwangswirtschaft werderl auch die Verordnungen über Kunsthonig zum 1. Oktober nud die Verordrinng über den Verkehr mit Süßigkeiten vorn 15. Oktober 1821 aufgehoben. Die Reichszuckerstelle, d Lebensmittelstellen und die Zuckervertetlungsstellen f das deutsche Süßstoffgewerbe in Würzburg bleiben M zur Abwickelung ihrer Geschäfte noch bestchen. Di Ein- und Ansfuhr von Zucker bleibt verböte,r.
Hirschfeld nicht der Mörder?
Beinl Berliner Polizeipräsidiuul ist eine ausfü liche Mitteilung des Württembergischen Lanöespoli amtes vom 30. August eingegangen, nach web; Hirschfeld als Mörder Erzbergers nicht ttt Fra kommt. Die württembergische Kriminalpolizet hat K gestellt, daß'Hirschfeld sich «m Tage der Tat unun. brocken in Kalmbach, also 35 Kilometer vom Ta-
entfernt, anfgeyalten hat. Beim Berltiier sidinm ist demgegenüber ein vom 81. Augu Telegramm der Staatsanwaltschaft Offenbui Bitte einaegairaen, Hirfchfelö weiter in Haß ten, und dem Bemerken, daß die Staatsanw» dem zuständigen basischen Rattsgericht den
BeM! ist te iveM-