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Hersfelöer Tageblatt

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Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld • 9 Kunks Bllchöruckrrri in Hersfeld? ^"^^

Nr. 181

Freitag, den 3. August

1921

Me ruMMe Hungersnot.

r Wie dev „Lokal-Anzeiger" aus Riga meldet, berich­ten dort eingeirofsene sibirische Flüchtlinge, daß auch ganz Sibirien infolge der grossen Trockenheit vor einer schrecklichen Hungersnot stehe. Das Getreide auf den Feldern sei verdorrt. Äußerordenilich zahlreich seien die Feld- und Waldbrände.

In einem Teil der Münchener Presse tritt das Be­streben zutage, aus dem humanitären Rettungswerk für Rußland eine poliische Aktion zu machen. Der „Baye­rische Kurier" will zwar zur Linderung der Not des russischen Volkes alles getan wissen, was in unseren Kräften stehe. Es sei aber dafür zu sorgen, daß unsere Hilfe nicht mißbraucht werde. Nichts, aber auch gar nichts dürfe den Verderbern des russischen Volkes zu nutzen kommen, die an dem Unglück, das sie in Ruß­land angerichtet hätten, noch nicht genug hätten, sondern unablässig am Werke seien, auch uns selbst in dieses Un­glück hineinzuziehen. Alles, was geeignet und bereit sei, der gegenwärtigen russischen Herrschaft ein Ende zu machen, habe in erster Linie Anwartschaft auf unsere Hilfe, In ähnlichem Sinne fordern die „Münchener Neuesten Nachrichten", daß die Hilfe unter völliger Aus­schaltung der Sowjets geleistet werde.

Laut „Vorwärts" hielten in Berlin die Vertreter der Behörden, der medizinischen Wissenschaft, der poli­tischen Parteien, des Großhandels und der Großindu­strie Besprechungen mit dem Zentralkomitee des Roten Kreuzes über die Hilfsaktion für das durch Hunger und Seuchen schwer bedrohte Rußland ab. Alle Redner be­tonten die Notwendigkeit der Hilfe. Der Präsident des Reichsgesundheitsamtes erklärte, daß vom gesundheit­lichen Standpunkte aus die Cholerabekämpfung in ener­gischster Weise in Angriff genommen werden müsse. Auch die Gefahr der Verschleppung von Flecktyphus und an­deren Krankheiten dürfe man nicht aus dem Auge ver­lieren. Wenn wir auch nicht an der Bekämpfung der Hungersnot teilnehmen könnten, so könnten wir doch unsere medizinische Wissenschaft, unsere hochentwickelte pharmazeutische Industrie in den Dienst der Cholera- bekämpfung auf russischem Boden stellen. Der Schatz­meister des Roten Kreuzes betonte, daß er bis fünf Mo­nate die Aktion des Roten Kreuzes in Rußland für finanziell gesichert halte. ' Dr. Adolf Braun von der S. P. D. wies auf die Notwendigkeit hin, durch das internationale Rote Kreuz energisch die Hilfsaktion der

Wiinißlis j ä.n

elenden bildeten ein' großes Hilfskomitee und einen engeren Ausschuß, worin die Spitzen der Bankwelt, der Industrie, der medizinischen Wissenschaften, der politi­schen Parteien und Gewerkschaften vertreten sind. Es wurde beschlossen, vorläufig nur ein Sanitätsschiff mit fünf Aerzten und zwanzig Hilfspersonen nach Rußland zu entsenden, um erst zu prüfen, ob die russischen Ver­hältnisse und die Haltung der russischen Regierung eme ungestörte und nützliche Tätigkeit entfalten lassen. Da aber die Cholera bereits bis Warschau vorgedruugeu ist und sogar Dauzig als senchenverdächtig angesehen wird, wird die Aktion in größerem Stile als notwendig an­gesehen.

Mutzland als Frredhof.

t-t Wie man in bolschewistischen Regierungskreisen in Rußland über die bevorstehende Katastrophe denkt, geht aus einem Artikel der „Prawda" hervor, in dem es heißt: Wir werden vielleicht gezwungen sein, Rußland zu verlassen, aber wir werden nicht abreisen, ohne vor­her die letzte,, Reste der Vergangenheit zerstört zu habe«. Diejenigen, die nach uns kommen werden, sollen das neue Haus aus einem Kirchhof ausbauen. -- Nm Dag- ligt Allehanda in Stockholm melden, daß Rußland von einem Arbeiteraufstand bedroht sei, der sich allmählich aber sicher unter der Führung der Menschewiki ent­wickele.

Wie Wolgadeutschen nach Deutschland.

Alle russischen Zeitungen berichten über die ver­zweifelte Lage der Deutschen in den Wolgakolonien. Die deutschen Siedlungsstütten liegen mitten im Hungerge- biet, abgeschnitten von allen Zufuhren aus den besserge- stellten Gebieten. Skorbut und Cholera fordern unzäh­lige Opfer. Zahlreiche deutsche Familien haben sich von den: Boden, den sie 200 Jahre lang bebauten, getrennt, um in die deutsche Heimat zurückzuwandern. Wenn auch nur ein Teil der Wolgadeutschen gerettet werden soll, dann muß die Hilfe schnell kommen, sonst ist es i zu spät.

Die Flucht vor dem Tode.

^ Von der sowjetrussischen Grenze kommen Nach- ! («chten, daß die flüchtenden Bauern an den Städte« i furchtbare Rache nehmen, da sie die städtischen Behör- ' den zum großen Teil für ihr Elend verantwortlich ; machen. Die Zahl der Choleraerkraukungen steige von Tag zu Tag und mit thuen auch die Zahl der Sterben­den. Zu der Cholera haben sich auch noch Ruhr und Fleck­typhus hinzugesellt. Stach Nachrichten aus Bessarabien ziehen viele Flüchtlinge aus Aen Gebieten Iekatercnos- ’ law, Gersorr und Tauris 'ostwärts. Die rumänische Regierung hat die Grenzsicherungen verstärkt und das : Ueberschreiten der Grenze mit Rücksicht auf die drohen- : den Gefahren einer Epidemie verboten. ;

Hungersnot oder »richt? ;

Riga I» den Kreisen der Räteregierung macht : stH eine gewisse Nervosität geltend. Die Regierung ver- ; pssentlicht einen Aufruf an die Arbeiteroerbande, in dem diese KUfgesorder- werden, das Land vor dem Unter- - gang zu retten. *~ Dem gegenüber steht eine Mitteilung

des Volkskommissars für Volksernährung in Moskau, daß die russische Regierung weder bei der englischen noch bei der französischen Regierung um Hilfeleistung ge­beten habe. Die Lage in den Hungergebieten sei zrvar ernst, aber noch weit davon entfernt, wie sie die phan- tastebcgabte« Berichterstatter der westliche« Zeitungen hinzustellen suchten.

Le«m sucht Hilfe.

** Stockholm. Nach den Meldungen, die aus Helsing- fors hier eintreffen, geht Lenin mit dem Gedanken um, sich an das russische Emigranterikomitee nach Paris zu wenden, um die russische Katastrophe aufzuhalten und um einen Teil der Verantwortung auf diese abzuladen. Bn bolschewistschen Kreisen bringt man jedoch diesen lttnen Lenins keine große Sympathie entgegen.

Sowjet-Niedergang.

m Kopenhagen. Aus den hier eingehenden Nachrich­ten geht hervor, daß die Sowjetregierung nicht mehr in der Lage ist, dem Vordringen der hungernden Massen einen Widerstand entgegenzusetzen. Die Sowjetregie­rung ist der Lage nicht mehr gewachsen. Gerüchtweise verlautet, daß dem russischen Hilfskomitee, in dem die Bolschewisten nur schwach vertreten sind, die Macht übertragen werden soll.

Entgegenkommen der Sowjets.

** London. Die Sowjetregierung hat der Washiua- toner Regierung miigetcilt, daß sie beschlossen habe, die amerikanischen Staatsbürger freizulassen, um die ame- rikanischx Hilfeleistung zu erleichtern.

Gemeinsame Hilfe.

» Die französische Regierung gibt amtlich bekannt: Frankreich wünscht, daß die Hilfeleistung für Rußland auf die Tagesordnung des Obersten Rates gesetzt wird, und zwar soll diese Frage sogleich nach der Entscheidung über Oberschlesien besprochen werden. Als Grundlage soll die von der amerikanischen Regierung angeregte Operation dienen. Man glaubt, daß diese Sinterung von der Washingtoner Regierung ausgegangen ist. Jn- folgedeffen ist anzunehmen, daß nicht nur die Regierun­gen der Ententestaaten, sondern auch die deutsche Regie­rung von der amerikanischen Regierung zur Beteiligung an der Hilfeleistung ersucht worden ist. Eine solche Hilfeleistung hätte auch aus verschiedenen volitischen Gründen nur dann Bnsncht aus Ersma, UM -^cunmiunu oaran oeremgmmwirrrc Es ist wahruhmm lich, daß in nächster Zeit Verhandlungen zwischen der deutschen Regierung einerseits und den Ententeregie- rungen andererseits über die Vorbedingungen einer ge­meinsamen Aktion gegen die Hungersnot in Rußland stattfinden werden. Eine solche gemeinsame Aktion ist vor» vornherein jeden politischen Charakters entkleidet.

Die Organisation der Hilfe.

« In Pariser unterrichteter» Kreisen wird ver­sichert, daß die französische Regierung ihrerseits keiner­lei politische Bedingungen an eine Hilfeleistung für Ruß­land geknüpft hat. Es ist aber nicht daran zu zweifeln, daß die Sowjetregierung, nachdem sie nunmehr auf die Hilfe des Auslandes angewiesen ist, daraus die Folge­runge»» zieht und gewisse Verhältnisse, wie sie in der Vorkriegszeit waren, wiederherstellt. Sehr wahrschein­lich ist es, da es sich um rein uichtpolitische Maßnahmen handelt, daß das Rote Kreuz in Warschau mit der Or­ganisation' eurer gemeinsamen Hilfeleistung beauftragt wird.

Der Schrei nach Väterchen.

Entlang der Eisenbahnlinie Moskau— Wornesch ist es zwischen Flüchtlingen aus den Hungergebieten und den roten Truppen zu Blutigen Zusammenstößen gekom­men, bei denen es auf beiden Seiten Tote gab. In das Hungergebiet sind neuerdings chinesische Truppen ent­sandt worden, da die anderen Truppen sich als nnzu- verlässig erwiesen haben. In Moskau waren gestern an den Straßenecken Plakate angeschlagen mit der Auf­schrift „Fort mit Lenin und Trotzki! Nur der Zar kann das verzweifelte Rußland retten!"

Die SrKkesusflchken.

Im OiaOmeit einer Rundfrage über die Ernteaus- jichteu, die der Berliner Lokal-Anzeiger veranstaltet, schreibt Freiherr von Waugeuheim dem genannten Blatte: Die offenbar von amtlicher Seite ausgehende Warnung vor einer zu optimistischen Schilderung uu- serer Ernteaussichten ist leider durchaus Begründet, viel­leicht sogar uvch nicht scharf genug gefaßt. Wir haben seit Monaieu nicht nur im größten Teile Deutschlands, sondern anscheinend in ganz Europa und darüber Hin­aus unter cuter geradezu vernichtenden Dürre zu leiden gehabt. Wintergetreide (Roggen, Weizen, Wintergerste) dürfte trotzdem im Durchschnitt noch eine Mittesernte geben, sie sind kurz im Stroh geblieben, haben aber, ab­gesehen von garrz leichten Böden, auf welchen Notreife eingeheten ist, im ganzer» gut ausgebildete Achreu: vor» einer Rekordernte kann aber gar keine Rede sein. Som- nterforn (Hafer, Gerste, Erbsen und Gemenge) sind auf leichten und mittleren Böden, wo nicht ausnahmsweise zufällig ein Strichregen hingekommen ist, schwer beschä­digt, vielfach yerttidüeB?' eine Besserung ist ausgeschlossen, da sämtliches Getreide reif ist und gemäht wird. Hierin steht auf leichten Böde»» eine Mißernte, auf besseren eine schwache Ernte, unter Mittel, bevor. Gras und Klee haben im ersten Schnitt infolge der andauernd kalten Nächte einen Ertrag unter Mittel gebracht, der zrveite Schnitt wird zum grüßten Teil ausfallen, die Flächen sind ausgebrannt und müssen als Weide genügt wer­

den, um das Vieh vor dem Verhungern zu schützen.

Die entscheidende Frage für die Volksernährung ist zurzeit die: Was wird aus de« Kartoffel«? Es ist zu hoffen, daß die in den letzten Tagen, anscheinend in er­freulicher Ausbreitung nteöergegangenen Gewitterrege« das Schlimmste verhüten. Frühkartoffeln Haber» auf leichtem Boder» schwer gelitten und geben klägliche Er­träge. Die Spätkartoffeln, welche für unsere Volkser- nährung entscheidend sind, waren »elbst auf mitilerem Boden im Umfallen Begriffen, auf leichterem Bode« haben sie bereits stark gelitten. Von einer Rekordernte kann deshalb auch bet Kartoffeln keine Rede mehr fern. Wir wollen froh sein, wenn wir eine Mittelernte be­kommen. Was für die Kartoffeln gilt, gilt auch für die sämtlichen übrigen Hackfrüchte. Mit größter Sorge sehen die Viehbesitzer in die Zukunft.

Es liegt bis jetzt kein Anlaß zur Schwarziehere» vor, wenn die Regenfälle der letzten Tage wirklich weit ver­breitet gewesen sind, und wenn wir ferner für das Ge­deihen der Hackfrüchte günstige Witterung gehalten, aber vor irgeudivelcher Schönfärberei kann nur auf das dringendste gewarnt werden.

Die Ernährungslage.

In einer Besprechung mit Vertretern der Industrie, des Handels, der Handelskammer, der Handwerkskaur- mer, der Sirbeiterschaft und der Konsumvereine machte, wie der „Berliner Lokal-Anzeiger" aus Ludwigshafen meldet, Reichserncihrungsminister Hermes programma­tische Aussührungei» über die Lage der Lebensmittelver­sorgung. Der Minister erklärte, bezüglich der eingelei­teten Maßnahmen zur allmählichen Wiedereinführung der freien Wirtschaft müsse man die großen Momente im Auge behalten, die dafür sprechen, die Zwangswirt­schaft endlich einmal wieder abznbane«. Er erwähnte dann, daß man endgültig noch kein Urteil über den Aus­fall der Kartoffelernte abgeben könne. Von ihr werde es abhängen, ob sich eine Möglichkeit ergibt, die hohen Kartofselpreise herabzuminderu^ Der Minister ver­zeichnete im weiteren Verlaufe feiner Ausführungen die befriedigende Tatsache, daß nnser Bestand an Milchkühe» hinreichend sei, es sehle nur noch das notwendige Kraft­futter zur Hebung der Milchproduktion. Durch die schleunige Hebung der Ntilchivirtschast hoffe man auf eine billigere Lieferung der Butter; man werde aber nicht verfehlen, den Städten gewisse Menge»» billigerer -&/ MdöW il««. Me „UUr ^'»e land in hinreichender Zahl vorhanden seien, werde Nordamerika jetzt Futtermittel «ach Dentschland aus- sühren. Es sei festzustellen, daß augenblicklich 20 000 Tonnen Stickstoff mehr als im Jahre 1913 dem deut­schen Ackerboden zugeführt wiirden. An Stelle von fer­tigen landwirtschaftliche»» Produkten, wie z. B. Mehl usw., führe man in Deirtschland jetzt nur rwch Rohstoffe für die Landwirtschaft ein. Zum Schluß Betonte der Minister, daß die Reichsrcgierimg nichts urwersucht lasse»» werde, die Arffhebung der „Sanktionen" zu er­reichen.

VorbereUungen zur Konferenz.

w. Paris. Die englische Vertretung auf der Konfe­renz des Obersten Rates in Paris wird nicht weniger als 38 Persone»» umfassen Die englische Abordnung wird teils in Hotels, teils in der englischen Botschaft in Paris untergebracht. Als die drei Hauptvertreter »verdei» Lloyd George, Lord Curzon und Sir Robert Home genannt. Dagegen wird General Wilson nicht an der Konferenz teilnehmen. Als milttärifdjer Sachver­ständiger wird der Direktor des Nachrichtendienstes im Kriegsministerirnn, Thwaites, an der Konferenz teil­nehmen. — Für die Sitzungen des Obersten Rates ist' auch diesmal die Oeffentüchkest a«sgescklosie»r. Selbst die Pressevertreter werden diesmal nur beschränkt zu den ntchtosfiziellei» Verkandluugen zugelassen werden. — Aus dem Ministerium des Aeußeru verlautet, daß der japanische Vertreter den Beratungen über Oberschlesien fernzubleiben wünscht.

Die Sitz««g des Oberste« Rates.

M Paris. Die erste Sitzung des Obersten Rates unrd am Montag, vormittags um 11 Uhr stattfinden. Die Abordnungen der Alliierten werden Gäste des Obersten Rates fein. Die Einladung an Belgien bleibt Vorbe­halte»», bis entschieden ist, ob die Frage der Aburteilurrg der Kriegsbeschnldigteu und die Aufhebung der „Sank- Honen" durch den Obersten Rat besprochen werden sol­len oder nicht.

eine französische Stimme.

** Paris. Das „Echo de Paris" meldet aus Oppetm daß die französischen Kreiskontrolleure in Oberschlesien in einem gemeinsamen Särritt bei der Interalliierten Korn- miffam in Oppeln erklärt haben, eine Verstärkung der alliierter» Truppen in Oberschlesien sei dringend erfor­derlich, wenn man nach der Euticheiduug des Obersten Rates über die Zuteilung Oberschlesiend die Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten »volle.

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Für Aufhebung der Sauktivue«.

** Das sozialistische Blatt in Brüssel, Je Peupl^, er­klärte sich zu Gunsteil der allgerneinen Aufhebiffig dJ* wirtschaftlicher» Sanktionen.

Der Wiederaufbau-Bertrag.

** Der Vertrag mit Deutschland über die Wleö;ro?Z stellung der verwüsteten Gebiete soll in Kürze raNHZ werden, sodatz er der nächsten Sitzung des Oberste ; ? tes zur Billigung vorgelegt werden kann.