Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 23
Donnerst«z, de« 27. Janmar
1921
Die Karyer KsnfsreNZ.
Die Frage einer Hilfsaktion für Oesterreich.
** Die Konferenz beschäftigte sich am Dienstag mit dem österreichischen Problem. Zuerst sprach Seydoux. Er schilderte ausführlich die Lage in Oesterreich. Oesterreich brauche zunächst 80 Millionen Dollar. Davon sollen Lebensmittel und Rohstoffe gekauft werden. Weiter brauche Oesterreich 170 Millionen Dollar. Seydoux machte dann verschiedene Vorschläge, wie diese Kredite zustandekommen könnten. Lloyd George unterbrach ihn hierbei und sagte, das sei alles gut und schön, man wisse nur nicht, wer diese Riesensumme zur Verfügung stellen werde. Graf Sforza erklärte, es sei ein ganz unerträglicher Zustand, daß Oesterreich von einem Tage zum andern fein Leben fristen müsse. Graf Sforza schlug dann vor, Oesterreich die 8 Millionen Pfund zur Verfügung zu stellen, die sich noch in den Händen des amerikanischen Hilfskomitees für Oesterreich befinden. Auch müsse Oesterreich die nugehenreu Kosten erlassen werden, die der Aufenthalt der verschiedenen interalliierten Kommissionen in Wien verursache. Als Graf Sforza erklärte, daß die Alliierten in der Hanptsache selbst die gegenwärtige zerrüttete Lege des österreichischen Staates verschuldet hätten, erklärte Lloyd George, dies sei nicht der Fall. Oesterreich habe selbst schuld an seinem verzweifelten Zustand, und zum Beweise hierfür sagte er, ' eine Kugel, die den Soldaten schwer verletze, sei nicht an dieser Verletzung schuld, sondern die Schuld trage der Soldat selbst, der in den Krieg gezogen sei. Nach längerem Hin und Her wurde schließlich beschlossen, die interalliierte Militärkommission in Wien in einigen Wochen ausznlöseu und auch die Wie-erherstellungskom, Mission in Wien i« ihrem Umfang sehr zu beschranken.
FockS Bericht über die Entwaffnung.
»* Rotterdam. (S. C.) Die „Times" meldet aus Paris: In dem Bericht der Militärkommission unter Kochs Vorsitz an die Konferenz der Staatsmänner heißt es: Die deutsche Entwaffnung ist ungenügend. Es sind kaum 60 Prozent der Waffen abgeliefert. Die Entwaffnung und Schleifung der Festungen ist noch nicht zur Hälfte in Angriff genommen. Die deutsche Verzögerung bedroht die Durchführung des Fricdensoertrages. . Es ist ein Zeitraum von vier bis 5 Monaten zur völligen Entwaffnung Deutschlands notwendig. Der Bericht schreibt keine Zwangsmaßnahmen vor, da dres Sache i der alliierten Staatsmänner sei.
i ** Baker. sS. EF, Das
"«uS'Parts, daß der Bericht der vrksitarnchen Berater das Fortbestehen der bolschewistischen Gefahr an der Ost- grenze Deutschlands einstimmig verneint.
Die Gegensätze in der Entwaffnungsfrage.
**, Dem „L.-A." wird aus Paris gemeldet: Die auf der Konferenz zutage getretene Meinungsversch'eden- heit zwischen Paris und London laßt sich dahin.Susmn- menfassen. daß der englische Milttarsachversiandige General Wiffon bezüglich der Ziffern der EAtwas,««ng DentsMandS optimistischer ist als General Rollet. Dieser steht nämlich den in Deutschland noch verbliebenen 450 schweren Geschützen und den zum Selbstschutz not- weudiaen 400 000 Mann Einwohnerwehren mißtrauisch gegenüber. Neben den technischen Schwierigkeiten bestehen noch solche politischer Natur. Die Wiederher- stellnngsfraae wurde noch nicht offiziell verhandelt. Wie verlautet, dürfte der Borschlag Seydoux fallen gelassen werden. Lloyd George und Loucheur haben bereits eine Vorbesprechung gehabt. Man glaubt nicht, daß angesichts der schwierigen Lösung des Problems die jetzige Konferenz eine endgültige Entscheidung bringen wird.
Die Ursache der Meinnngsvcrschiedenüeiten.
o^ Bafel. (S. C.) Die Schweizerische Presse-Agentur meldet aus Paris: 118 Kammerdevittierte haben Bivand am Montag eine gemeinsame schriftliche Aufforderung zugehen lassen, sich auf der Konferenz für die midjtigen französischen Forderuugen mit aller Eneraie einzusetzen. Der ungewöhnliche Schritt der Nationalisten der Kammer habe zu dem offenen Gegensatz zwischen Briand und Lloyd Georgs die ußmtttelbarc Beranlasiung gegeben.
Nur geringe Erwartungen der französischen Presse.
>* Was die Eutschädigungsfrage betrifft, so werden die Hoffnungen, die man auf das Ergebnis der Konie- renzarbeiten gesetzt hat, in den Pariser Blättern immer geringer Der „Temvs" schraubt bereits die Erwartungen der Oeffentlichkeit soweit herab, daß er sagt, man könne in diesem Augenblick nicht mehr verlangen, als daß die Höhe der ersten fünf Jahres- oder sogar nur der ersten drei Jahresraten festgesetzt werde.' Man hat indes den Eindivick, daß alle diese Erörterungen in den be- vorstcliendcn Verhandlungen eine nnr recht mitcrgeord- nete Wolle spielen werden, da insbesondere Llobd George, wie sich jetzt allinüblich SeraEE ^»S Problem unter einem wesentlich anderen Gesichtspunkt betrachtet. Für ihn Handelt es s'^E allem um die Frage, die Regelung der Wdcrderü^^
«enden Interessen des englischen Wirtschaftslebens nutzbar zu mache«, und daß soll vor allem aus doppelte Weise geschehen: Absatz der großen englischen- Waren. Vorräte und Beteiligung der englischen Arbeiterschaft am Wiederaufbau der zerstörten Gebiete.
Die voraussichtliche Dauer der Koufcrenz.
x. Straßburg. Aus Paris wird gemeldet, daß die interalliierte Konferenz bei täglich zivcimaligen ^ümigen mindestens bis zum 2. Februar dauern wird. Smch die rufsische Frage ist auf die Tagesordnung gesetzt worden. Frankreich enthält sich jeder Entscheidung, die als An-
aeiegenyelt oer H-owierreglerung ausgelegt weinen jömie. Lloyd George hat den Wunsch auf möglichste Beschleunigung der Pari«er Konferenz ausgesprochen, weil die innerenglische Krise seine Anwesenheit in London dringend erforderlich mache.
England will sich am Wiederaufbau NordfrankreichS beteilige«.
** Basel. lT. R.) „Petit Journal" meldet: Die wirt- fchaftliche Krise in England wird bei den gegenwärtigen Besprechungen in Paris einen neuen Faktor Bilden. Lloyd George beansprucht die Mitarbeit der englischen Arbeiter und der englischen Industrie an dem Wiederaufbau Frankreichs neben Deutschland. Zur Erörterung gelangt auf der Konferenz vor allem auch nod) die Frage der Entsendung britischer Arbeitslosen nach Frankreich zur Teiluahme an den Wtederaufbauarbeiten in den zerstörten Gebieten.
Die Kosten für die Besatz««g.
** Senf. (S. C.) Wie der „Temps" erfährt, haben die alliierten Sachverständigen den von dem Staatsfekre- tär Bergmann gemachten Vorschlag abgelehnt, die Kosten für die Besatznngstruppen von den ersten deutschen Jahreszahlungen, die drei Milliarden Goldmark betragen sollen, abzuziehen.
Gegen den «nschlAß Oesterreichs.
** Senf. jS. C.i Havas meldet, daß die Botschafterkonferenz für die Ministerzusammenkunft in Paris Maßnahmen gegen die fortschreitende Anschlutzagitatwn in Oesterreich in Borschlag gebracht hat. Der „Matin meldet, daß die französische Hilfsaktion in Oesterreich ohne Teilnahme Amerikas nicht durchführbar sei und daß die Hilfsaktion eine Kontrolle des österrelchifchen Staatsbudgets zur Voraussetzung habe.
Senf. (S. C.) Wie der „Temps" erfährt, hat der Botschafterrat eine Warnung nach Wien gehen lasten, die sich gegen die Bestrebungen der österreichischen Regierung wendet, den Anschluß an Deuifchland für April vorzubereiten.
Italien verzichtet.
9^. Zürich. sS. C.) „Echo de Paris" meldet den Verzicht Italiens auf die Aburteilung der deutschen und österreichischen „Kriegsverbrecher" durch die deutschen bezw. österreichischen Gerichte.
Zuversichtliche Stimmung in Oberschlesien.
Erklärnnge« Dr. Simons.
Reichsminister Dr^Simous baM mft .einem Ver-
Bezug au
e Sdfc in der SBrotver«
Dollar die Grundlage ist.
en und an
mischen Getreides der
una in Obcrfchlesien. Der Minister sagte il a.: Nach den letzten aus. Oberschlesien eingelaufenen Nackrickten ist die Stimmung der deutschen Bevölkerung durchaus zuversichtlich. Ueberall Herrscht die Ueberzeugung, daß bei einer dem Friedens- vertrag entsprechenden, also einer freien, geheimen und unbeeinflußten Abstimmung der gesunde Sinn der Bevölkerung diese zum Votum für Deutschland führen wird, Man erwartet deshalb überall mit Bestimmtheit, daß die interalliierte Kommission sofort alle ihre Machtmittel anwenden wird, um geordnete Zustände herzustellen. Ich hoffe Bestimmt, daß die interalliierte Kommission, die ihre Rechte in Oberschlesien stets zu wahren bestrebt war, auch diese Pflicht mit allem Ernst und Nachdruck erfüllen wird. Es liegen Anzeichen dafür vor, daß sie mit schärferen Matznahn-en vorgehen wird, deren Erfolg nicht au'bleiben kann. Die Reichsregierung wird es jedenfalls — davon können Sie überzeugt fem — auch ihrerseits au nichts fehlen lassen, um aus die Her- beiführuug geordneter Verhältnisse in Oberschlesien ihm zuwirken und eine ruhige Abstimmung zu simcrn. Dre Pflicht der abstimmungsberechtigten deutschen Bevölkerung ist es aber, auch ihrerseits zu helfen, die ?u”t®! mung zu einem guten Ende zu fuhren. Wer dre rew>- zettige Aumeldnng unterläßt, verliert damit unwröer- bringlich die Möglichkeit, später an der Abstimmung teu= zunehmen.
Verstärkn«« der Abstiwi'MnaSpoliSei
•m Geuf. lS. 5.) Nach einer Meldung ses^B. ».. aus Paris Bat die deutsche Regteruna bei der BottÄaf- terfonferem eine Bersiärkni-g der Absirmm««gspalizei in Oberscblcsicn zwecks Sidtenuig der Vorksabsttmmung nachgesucht. Dem Blatte zufolge wird auch tu dem gleichen Zwecke die BesatzungSarmee i« ObersKlesren am 25. Februar erneut verstärkt.
Sie Cnlftehnng te Voischemismus.
♦* Der „Vorwärts" erhält von dem ehemaligen Ministerpräsidenten der ersten allrussischen Republik, Alexander KerenSki, ein Telegramm, in deut dieser .die Dar- icgnngen Eduard Bernsteins über die ^^whunaen zwischen den Bolscbewisten ««S dem Kaiserlich Dentschen Gex.eralstab begrüßt und sich bereit erklärt, bei einer unparteiischen Unt.ersuckmna der Angelegenhet vor Gericht auSzusagen. Er schlägt vor, dieser Untersuchung internationalen Charakter zu geben. GleiMeittg veröffentlicht der „Vorwärts" eine Erklärung Bernsteins, in der dieser sagt, daß die Behauptung, seine Angaben über die großen Summen, die Lenin und Gcnoßen im Jahre 19'17 aus Mitteln des kaiserlichen Deutschlands empfangen haben, fußen lediglich auf Berösientlichungen der Etttenteregierungen, völlig aus der Luft gegriffen sei. Er habe näheres über die gewaltigen Summen, um die es sich damals handelte, erst in neuester Zeit von unverdächtigen und gut unterrichteten Dentschen erfahren. Bernstein erklärt dann am Schluß, er habe die Sache nicht znr Sprache gebracht, um sie wieder einschlafen oder auf ein falsches Gleis schieben zu lasten.
! ^eue «nruyen in Inventarien,
i ** Die blutigen Zusammenstöße zwischen Fascisten und Sozialisten mehren sich in letzter Zeit in beunruhigender Weise. Während des Begräbnisses eines von den Sozialisten erschollenen Fascisten kam es in Mo-
dena zu neuem Bl«
:. Die Sozialisten schössen
auf den aus mehreren Tausend Fascisten und Bürgern zusammengesetzten Trauerzug von den Dächern herab. Zwei Fascisten wurde« getötet und 15 verwundet. Fascisten, Polizei und Karabinerie drangen in die Häuser ein und verfolgten die Sozialisten über die Dächer. Eine Anzahl wurde verhaftet. Darauf stürmten Sie Fascisten die Arbeitskammer, verwüsteten und verbrannten alles. Die aus Bologna eingetroffenen Fascisten wurden auf dem Heimwege wiederholt be- schossem Infolge dieses Vorganges stürmten die Fascisten Dienstag abend auch in Bologna trotz der aufgebotenen starken Polizei- und Karabinteriewache die dortige Arbeitskammer und verhinderte die Feuerwehr am Einschreiten. Der Brand des mächtigen Gebäudes mit vielen Gewerkickaftsräumen dauerte die ganze Nacht. Eine andere Gruppe Fascisten zerstörte und verbrannte de Räume des sozialistischen Rechtsanwalts und Deputierten von Bologna, Sonati. Ein Versuch, auch die Wohnung des sozialistischen Deputierten Ferrari zu zerstören, wurde von der Karabinierie verhindert. Als sehr ernst gilt die Lage in der Provinz Fer- rara, wo sämtliche Gemeindeverwaltungen in den Händen von Sozialisten sind. In Perugia gab es acht Ver- wundete, in Novi Ligure einen Toten und drei Schwer- verwundete.
** In Modena ist es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Nationalisten und Sozialisten gekommen. Der Generalstreik wurde ausgerufen. In Mailand versuchte eine Gruppe Nationalisten, die Buchhandlung des „Avanti" abzubrennen. Die Feuerwehr löschte das Feuer. Zum Schutz der Arbeitskammer wurden umfas- settde polizeiliche Maßnahmen getroffen.
Die Versorgung mit Brotgetreide.
** Wie das „B. T." von unterrichteter Seite hört, baden sich die Behörden mit Getreide für Sie Brotversorgung bis Anfang Mai bereits eingedeckt. Die Ein- kaufsmöglichkeiten in Amerika sind angesichts der überaus großen Warenvorräte nicht ungünstig. Im Zu- der dre EindcHmg des Bedarfes _________.«
korgung wie im Vorfahre, Sie zur Streckung des Brotgetreides mit unwertigen Stoffen führte, ist in diesem Jahre nicht zu befürchten.
Auflösung des mecklenburgischen Landtages.
** Im mecklenburgischen Landtag brächte die Deutsch- nationale Volkspartei einen Antrag ein. den Landtag vorzeitig aufzulöfen. Der Antrag wurde einstimmig angeuommeu. Zugleich wurde beschlossen, die Neuwahl am 18. März oorznnebmen. Der Landtag arbeitet je- Soch vorläufig in der bisherigen Zusammensetzung n^h weiter.
Groener über die Erhöhung der Eisenbahntarise.
Der Reichsv(^kcbrsmtnister Groener sprach in der Hamburger Handelskammer über das Eisenbahnwesen. Dabei erklärte er die Tariferhöhung müsse kommen, sollst werde die Erhöhung des Defizits der Reichseisen- babnen unvermeidlich sein. Man beabsichtige, durch die Tarikervöbnng zwei Drittel, durch Sparsamkeitsmaß- nähme!' ein Drittel des Defizits zu decken. In welchem Maße eine Ausg-staltnng des Eisenbahnverkehrs möglich sein werde, Hänge von der Entwickelung der Loko- motivenfrage ab. Er verfolge den Plan, ganze Schlaf- wagenzLae mit größter Beschleunigung zwischen den großen Berkehrszentren einzurichten.
Gerichtsverfahren gegen Mc Führer der Rote« Armee.
»- Berlin. (B. T.i Wie das B. T." hört, soll die Eröffnung des Verfahrens gegen die verhafteten Führer der westdeutschen Roten Armee bereits Anfang Februar vor dem außerorde ntlichen Gericht des Hanuovev- schen Gruppenkounnandos erfolgen.
Das Befinden der Kaiserin.
■>* Rotterdam. sS. C.i Aus Schloß Doorn wird am 26. Januar gemeldet: Die Herztätigkeit der frühere» Kaiserin ist unregelmäßig. Der Puls setzt zeitweise aus. Das'Allaemeiubefinöen ist «uUeränderk und ernst.
Die Eisenbahnverbältnillc im Taunns.
** Sankt G-arShanfem (F. Z.) Die Rastautsche KleiubahnaeseNschait hat sich m einer Besprechung mit den interessierten Gemeinden des hinteren Taunus unser Regierung bereit erklärt, den Eisenbahnverkehr auf der Strecke ZollkansKatzcncllcnbogen und Nastatten- Braubach vom "5. Februar an wieder aufzuuchmen. wenn eine entsprechende Tariferhöhung genehmigt würde und von Staat und Gemeinden erhebliche Zuschüsse geleistet würden. Damit dürste der seit etwa einem halben Jahr bestehende baltlose Zustand der Ab- schneidnna wichtiger nassauischer Gebiete vom Eisenbahnverkehr behoben sein
Unverständliche Zustände im Rnlleulager Erlangen.
W München. (T. R.l Die „München-AugSburger Abendzeitung" weist auf die Zustände im Russenlager Erlangen hin, wo sich die Vertreter der Sowjetregierung ohne jede Zensur der deutschen Funkeinrichiung bedienen dürfen. Das Blatt fordert von der Nelchsregie- runa schleunige Abhilfe dieses unverständlichen Zustan-