Aus der Heimat.
Kinder in Not!
Unter allem Elend, das der Krieg und der furchtbare Friedensvertrag über Deutschland gebracht haben, "ist das unserer Kinderwelt das furchtbarste. Wird ihm nicht rechtzeitig gesteuert, so drohen ganze Generationen des deutschen Volkes körperlich, geistig und sittlich zu verkümmern. Denn in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist: fehlt ersterer, geht auch die geistige Ausnahmefähigkeit und Regsamkeit zurück. Die Not aber ist die Mutter des Verbrechens.
Nicht vom Ausland allein dürfen wir Hilfe erwarten, sondern wir selbst müssen werktätig Hand anlegen, der Kinder Not abzuhelfen. Zu ihrer wirksamen Bekämpfung haben sich alle charitativen Verbände zu gemeinsamer Arbeit in der „Deutschen Kinderhilfe" zusammengeschloffen, getreu dem Grund, satz: Vereinte Kräfte führen zum Ziel. Gewaltiger Mittel bedarf es, um es zu erreichen. Darum Männer und Frauen unseres Kreises: Ocffnet eure Taschen, gebt reichlich, wenn in den Tagen v»m 9.-16. d. Mts. »ie Sammler und Sammlerinnen bei euch vorsprechen. Helft in unseren Kindern die Zukunft des deutschen Volkes sichern.
— Die Schul-rogramme hören auf. Nach einer wucreit Verfügung des Ministers für Kunst, Wissen- Mast und Volksbildung sollen die bis znm Kriege üb- »chen Jahresberichte der Schulen nicht mehr gedruckt, fwbern handschriftlich angefertigt und zu den Akten qe- «vnnnen werden. Das bedeutet, dass für absehbare Zeit ein Ueberblick über den Unterricht und die Verwaltung der höheren Schulen nicht mehr möglich ietn wird.
EW ?UMeuschaiMche Beilagen,^früher W:FMS« Ar die-BemMituNkk twu GMMfrMM'LMWÄ ZW wMschen wärtz/datz weninMns MjMM'An- B die Wer, eigeste. Mittel, sei es: aus StMunge» rus^Mwendungen von .yrcitnhen verfügen, ge- e Uebersichten gedruckt veröffentlichen.
y? -^ Keine TelMammvorörucke «Ähr in de«:Gchal- telräutnen. Die Bodnucke zur ^lusqgoe von Telearmn- men lagen bisher in'den Sehaltervorräunren der Stetes» NSstämter zur freien Benutzung für die Auflieferer aus. Das RÄrhsvostministerium findet,' Mu mit diesen Bordrucken seit einiger Zeit in steigendem Mäste Mißbrauch mtrieben wird, indem bis zu 36 Prozent mehr Bor- Ht-ncke verbraucht, als Telegramme aufgeliefert werden. Aus Svarsamleitsgründen werden die Bordrucke deshalb jetzt aus den Schaltervvrrttumeu zurückgezogen. Sie sind nur noch au den Schaltern auf Verlangen zu Haben, bei den ar »bereit Berkehrsaustalten womöglich an ukebreren Schaltern und an den Wertzeicheuver- kaussstcüen.
8 Hersfeld. Auf die heute Abend im Stern stattsindende Versammlung der Deutschen demokratischen Partei (f. Anzeige) weisen wir hiermit nochmals hin. Als Redner ist der weit über Deutschlands Grenzen bekannte Staats- und Völkerrechtslehrer Professor Schücking, der demokratische Vertreter der Provinz Hessen-Nassau im Reichstage, gewonnen. Durch seinen hervorragenden Vortrag vor den Reichstagswahlen ist Pros. Schücking vielen Hersfeldern bereits bekannt geworden und steht bei ihnen in guter Erinnerung, so daß ein sehr guter Besuch der Versammlung zu erwarten ist.
§ HerSfeld. Beim hiesigen F i n^a n z a m t ist »er ehemals elsaß-lothringische Landgerichtssekretär W e y e r s in den Dienst der Reichssinanzverwaltung übernommen und mit Wirkung vom 1. 10. 1920 ab zum Steuerinspektor ernannt worden.
§ Hersseld. (Sammlung, zur Linderung der Not der Deutschen Kinder.) Eine Sammlung unter den Arbeitern und Beamten der Bahnmeisterei I Hersfeld ergab den Betrag von 292 Mk. Möchte dieses schöne Sammelergebnis zur Nachahmung dienen.
§ Hersfeld. Gerhard Hauptmanns bekannt e s S ch a u s p t e l ,,R o s e B e r n d" wird von heute ab durch das Lichtschauspielhaus im Film vor- geführt. Die von dem bekannten Dramatiker in tiefer Wahrheitsliebe geschaffenen Figuren aus feiner schlesischen Heimat sind durch die Darsteller im Film so lebenswahr wiedergegeben, daß der Zuschaner fast vermeint, dies alles wirklich mitzuerleben. Besonders Hie Titelrolle wird durch Henny Porten meisterhaft
in größter Natürlichkeit dargestellt. Ergreifend wirken die hochdramatischen Szenen des schönen Bauern- mädchens, welches durch eine Verkettung unglückseliger Umstände zur Meineidigen und Kindes- wörderin wird. Hauptmann hat dieses bäuerliche Gretchen mit feinster Kunde der schlesischen Menschen und ihres Füblens gezeichnet. Tief erschüttert von dem Einzelschicksal lernen wir Menschliches menschlich verstehen. — Würdig der Darstellung der Henny Porten schließen sich auch die übrigen Hauptrollen an, dazu kommen die prächtigen landschaftlichen Aufnahmen, so daß das ganze ein erstklassiges Werk dar- stellt. — Das köstliche Lustspiel „Romeo und Julia" mit der famosen Lotte Neumann in dsr Hauptrolle bildet eine weitere willkommene Ergänzung des neuen Spielplanes. Die hier gezeichneten Personen und Szenen sind von derartig heiterer Wirkung, daß die Lachmuskeln andauernd in Bewegung gehalten werden. Dieser Spielplan wird seine große Anziehungskraft auf das Publikum nicht verfehlen, ein Besuch ist auch wirklich zu empfehlen.
F Cassel. Am Mittwoch nachmittag fand im Rat- liaussaal eine große Versammlung der Obleute, Arbeiter- und Augesielltenräte von Cassel statt. Die Ver- fammlunq beschloß, daß in sämtlichen Betrieben von Cassel eine großzügige Sammlung eingeleitet werden soll, die der dentschen Kinderhilfe zugute kommt. In der Versammlung wurde lebhaft Klage über das Land geführt, das sich zu wenig um die Stadt kümmere. Viele Familien hätten heute noch keine Kartoffeln im Keller. Es wurde auch wieder die Klage angestimmt über die Anhäufung von Papiergeld auf dem Lande.
Der Laudesausschuß des Bezirksverbandes tritt am Montag im Ständehaus in Cassel zu einer zweitägigen Sitzung zusammen.
& In der Nacht zum Dounerstag sprang von der Drahtbrücke eine unbekannte Frau in die Fulda und ertrank. Bei der herrschenden Dunkelheit blieben Rettungsversuche ergebnislos. In der Gartenstraße versuchte sich eine Frau mit Lnwl zu vergiften. Ein Arzt beseitigte die direkte Lebensgefahr.
Vom Wnchergerickt wurde der Althändler Katzen- stein aus der Hohentorstraße zu 3000 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er einen alten Mantel, den er für 40 Mark eingekauft hatte, für 250 Mark weiter verkaufen wollte. Das Gericht bat mit Rücksicht auf das hohe Alter des Angeklagten von einer Gefängnisstrafe abgesehen. Deshalb legte es ihm außerdem auf, das Urteil 8 Tage lang in feinem Laden auszuhängen.
— Ein gewisser W., der als rückfälliger Dieb vorder Strafkammer stand trug »ou Anfang an ein zmn- sches Wesen aur Scharr. Da er auf der Anklagebank die Mütze aufbchielt, forderte ihn der Vorsitzende auf, dieselbe abzunehmen, dies verneinte W. mit der Motivierung, daß „ihm dann die Haare verrosteten". Auf die Frage nach Alter mib Herkommen gab W. die Antwort, das könne er doch nicht mehr wissen. Auch auf andere Fragerr gab der' Angeklagte unverschämte Antworten. Der SlaatSamvalt beantragte Vertagung und Untersuchung des Geisteszustandes W.'s. Das Gericht beschloß in diesem Sinne. Der Vorsitzende erklärte W. darauf, n könne abtreten. Voller Freude rief dieser darauf aus: „Heim?" Damit W. auch ohne Unfall „heimkam", be- »»ächtigte» sich Schutzbeamte seiner und führten ihn in ein mir wenige Meter großes „Zimmerchen". Da W. ein leidenschaftlicher Zigaretteuraucher ist, bat er einen ^ustUwetyüiti;tfier vor der Berh-mdiung um Ztgaretw- und Streichholz, der Beamte war unhöflich genug, ihm beide abzuschlagen.
— Bei der am 8. Januar abgehalreucn Ziehung der Deutschen Sparprämienanleihe fielen 2 Gewinne von je 100 000 Mark nach Cassel. Das eine Stück wurde seinerzeit bei der Devositenkasse Hohenzollerustratze und das andere bei der Depositenkasse WWelmshöhe des Hessischen Bankvereins, A.-G., gezeichnet.
Haina. Tödlich verunglückt ist beim Holzfällen im Walde der Weißbücher Karl Ludwig. Es traf ihn ein Baum so unglücklich, daß er zwei Stunden darnach an unerer Verblutung verstarb.
Backa. Die Polizei faßte Am Bahnhof 3 Schleich- händlerinurn aus Sänualtalden ab und bescktaq.-.gyAte bei innen 33 Pfund Butter, so Pfund W.- n nmeiu, n, Pfund Gerste und 2 Laib Bauernöeor Die Waren stammen angeblich aus dem Geimer Anct.
- Ein Landwirt fuhr mit seinen! Gespann in Begleitung seines Atz ädrige» Sohnes Getreide nach Lancha. Auf dem Heimwege bedrohte bei Lohn plötzlich seinen Vater mit dein geladenen Revolver und forderte den Erlös des Getreides, 2300 Mark. Der alte Mann, tiber- rafchl von diesem ganz unerwarteten Angriff, gab das Geld her und wurde dann-unsanft vom Wagen entfernt.
Dcrmdach. Die Gendarmerie ha! gegen den Schuhmacher Alber, Müller in Tiefenort und den Laud^ürt Bernhard Müller in Getzaus, weil diese im Novenw^r 1920 für den Zentner Lebendgewicht Schwein 1050 Mark gefordert haben, Anzeige an das Wuchergericht ^-m nach. erstattet
Schmalkalden. Die Einlagen der Städtischen Sparkasse betrugen im Dezember i 796 053,73 Mark, die Rückzahlungen 1 086 694.85 Mark. Mithin Zuwachs rund '; 760 000 Mark. Eiulagen für 1920 sind insgesamt >. 18 740 892,01 Mk., Niickznhlnngen insgesamt 10 591 521,1t ’5 Mark, Jahreszuwachs rund 3 000 000 Mark. Der Gesamtumsatz der Städtischeu Sparkasse im versloMnen Jahre erreichte die Höhe von rund 67 Millionen Mark.
Gera. Die Geraer Erwerbslosen veranstalteten eine große Teiuonstration zwecks ioforKaer Be«i»i- gung einer Beschassnngsbeihilfe. Es soll ihnen »lsbeckd ein Vorschuß gezahlt werde», der für Verheiratete 2M, für Ledige 150 Mark beträgt. Gefordert waren 3W und 200 Mark.
Ersurt. Der Bund deutscher Flieger veranstaltet voni 21. bis 23. Januar hier einen deutschen Fliegertug.
Coburg. Hier wurde» zwischen den bayerische» mid thüringische» Stegierungsvertreter» Verbandlu»gen geführt. Sie beträfe» die Lösung der Oberlandesgerichts- gemcinschast,. der Laudgerichtsqc»!einschast Meiuingen und der Strafanstalts- und Schwurgerichtsgenieinschaft. Nach endgültiger Lösung der Vertragsverhältnisie wird '» Cobura ein bäuerisches Landgericht für eine An^uckl »perfrentttf^r AunrMtchrssrztr« ^ cpeaiMi**» n» EeAalgeSäude. Urichtetz, . . z <mu ^„E. ^^^
Wü». Der^Ordntarms sM Dr«eMLlM»M M> DW AniverMät Jena, Pros.. Dr. med. WoN-unr^KÄHE den Riff an die Universität «tgenommen. Er «WK'MW der Nachfolger des Pros. Dr. von Scheich.
Göttingen. Die medizinische Fakultät »er Anwer^ sität hat den vraHif^eu Zahnarzt Wilhelm Kunze«S«ff auf Grund seiner anerkenneuswerien BeMenste «M das neubegründete zahnärztliche Institut an te ws gen Universität ehrenhalber zum Doktor der Zahrchet» knude ernamtt.
Witzeshmtsen. Seit einigen Tagen ist der $tkw« nerlehrling Wilhelm Rode aus HernmuuroSe. der bei einem hiesigen Meister in der Lehre war, spurlos oer» schwunden. Man nimmt an, daß er einem Werber der Freurdenlegion in die Hände gefallen ist, zuumt vor einigen Wecken ein Junge aus Werlesbemie», der hier in der Lehre war, ebenfalls verschwunden ist.
* HM>rt.-Mn»dcn. Noch lange Geduld werden die an die Edertalsperre angeschloffenen hannoversch-hesfisch- waldeckischen Kreise und Städte habe!! müssen, werrn^die Nachrichten zutreffen, die vom Edersee und den Henffur- ter Werken komuien. Darnach sind durch die Regecr- güfse der letzten Wochen die Waffermengen im Etmwek- fen des Edersees, das normal in gefülltem Zustande 202 Millionen Kubikmeter enthalten soll, vom Tiefstand von etwas mehr als 20 Millionen Kubikmeter wieder auf etwa 45 Millionen gestiegen. Doch sollen die Kraftwerke erst wieder in vollen Betrieb komme», wenn 150 Millione» Kubikmeter Wasser vorhanden sind. Darnach könnte man errechnen, daß noch viele Wochen und $to= mUc bis zur Bcnebuug der Industrie, Landwirffchast, Handwerk und (Gewerbe schädigenden K raftnot nötig sind, um von der Lichtkalamität gar nicht zu sprechen, die zum Himmel schreit.
Mihla. In dem ümfi so ruhigen MUKa ging es die .sus^LKt-.z«. ;,m;ämü -«ab. sL-^ bvms Blut wegen oe? cleArisann Lichtes, das die Ueber- landzentrale Mtrblyauscn abgeschniite» und den Licht- -sbiiInnern in Mihla gesperrt hatte, weil diese den er* höbleu Strompreis nicht zahlen wollten. Zwei Kriruinal- beamte aus Mützlhauic». Sie zufällig in Mil la sich auf- l iellem, wurden gegen Abend, von einer erregten Men- fthcirnreMe verroht mtS im Gändol mm Sämmu vela- ! ert. Späiek tarn es dann noch zu Alfftrttteu auf de»! Ho-e des Roten Sch-cnes, weil mittags in der Flur Mibla ein Giusbeamte» in der Rvtwem einen Schreck- fchnß auf den snn'nnanp Nvivanko, der ilm mit einem .Knüppel bedroht hatte, abgegeben baue. Cnn nach längerer Zeit ben'i-igten sich da aufgeregten Gemüter wieder. • 's
Erfurt. Der Zwirn- und Schlaf»ecke«»icLsta-l ia einem Geschäft am Anger, bei dem für etwa 34 000 Mark Waren gestohlen worden waren, wurde durch die Krt- miualpolizei aufgeklärt. Als Täter fommen zwei Kauf« manuslehrlinge in Betracht.
Weimar. Die Regierung versetzte den Vortragenden Rat und Kassendirektor im Finanzministerium Ge- Hennen Oberfinauzrat Ferdinand Frede in den Ruhestand: zugleich wurde er zum Direktor der Allgemeine« WaisenversorannaSaustal! ernannt.
Max Bruch, Balmsountagmorgenst
Die biblische Grundlage der Geibelschen Dichtung ist das bekannte Evangelium des Palmsonntages, deS letzten Sonntags vor Ostern sMath. 21, 1-9). Der Dichter denkt sich hinein in die Natur am Palmsonntagmorgen. Es ist die Zeit, wo schon sanfte Frühlingswinde wehen, wo es draußen anfängt zu keimen, zu sprossen und zu blühen, die Zeit, welche der Dichter in der zweiten Strophe mit den Worten chesingt:
Ein sanftes Sausen kommt aus hoher Luft,
Still grünt das Tal und steht in Betlchenduft!
Göttlich Leben fühl' ich weben! .
Still blüht das Tal und steht in Beilchenduft.'
Der junge Lenz legt sein Feiertagskleid an, um den Einzug des Herrn in Jerusalem festlich zu begehen. Der zieht aber nach altchristlichem Glauben nicht war äußerlich in Jerusalem ein, sondern auch in die Herzen der bedrängten und bekümmerten Menschenkinder, zur lieben, „gnadenbringenden Weihnachtszeit". Daher liefert das Evangelium des Palmsonntages auch den Text für den ersten Sonntag im Advent. Beide Bilder, das Frühlingsbild »es Palm, sonntagmorgens und das Kommen des Herrn zur Weihnachtszeit verbindet Geibel in sinniger Weise. .Den Einzug des Herrn in die Menschenherzen vergleicht er symbolisch mit dem Himmelstau, „der alle Pflanzen bis zur Wurzel stillt." Dies' Bild ist un- gemein treffend gewählt, wenn man bedenkt, daß der Tau im regenarmen Morgenlaude oftmals die einzige Quelle allen PflanzenwachstumS ist. Wir erinnern uns an den Segen Jsaaks für seinen Sohn Jakob: „Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde!"
*) Diese Komposition bildete die Schlußnimuner des Weib nachtskanzertes der Casseler H-capena«GÜwm, das demnächst iviederyolr werden soll.
Der Komponist greift den Gedanken vom Himmelstau nicht nur auf, sondern er macht ihn zum Mittelpunkte seiner ganzen Tonschöpsung, damit ein schönes Beispiel dafür liefernd, wie die Musik die Worte des Dichters vertieft und den Gedankenkreis der Dichtung musikaltsch erweitert. Das Taumotiv „Es fiel ein Tau" ses', es', es', as ) hebt eindrucksvoll unisono im Baß an. Der Unisono-Bortrag verleiht ihm sogleich eine besondere Bedeutung und sichert ihm die volle Aufmerksamkeit der Hörer. Die drei andern Stimmen greifen das Motiv im zweiten Takte auf und unterstreichen damit feine Wirkung. Im Verlauf »es Tonstücks kehrt das Tanmotiv des öfteren wieder, wie es auch jede der drei Strpphen der Dichtung einleitet. Zu beachten ist der Quarten- ansprung des Motivs auf die Worte „ein Tau" )es, as), der das Wort „Tau" besonders hervortreten läßt. In der Dichtung fällt der Pleonasmus (Toppelt- saguug) „vom Himmel himmlisch" auf. Geibel hat ihn in voller Absicht geschrieben: er will damit recht nachdrücklich darauf hinweiseu, daß der Tau, in übertragenem Sinne das Jesuskind, eine Himmelsgabe ist. Bemerkenswert ist ferner, daß der Tau mild, d. h. leise und unmerklich herniederfällt. Es regnet nicht etwa in Strömen; daher beginnen alle Stimmen ihr Taumotiv im zartesten pp. mit Kopstonansatz. Wie sehr es dem Komponisten darum zu tun war, die himmlische Milde des Herniedertauens ton. malerisch wiederzugeben, dafür liefert auch die Art des gewählten Satzes jTakt 2 und 3) einen deutlichen Beweis, wo er den Hochklang der Tenöre anwendet, sodaß zu Anfang des dritten Taktes das wichtigste Wort „Tau" im As-Dur-Akkord in enger Lage erscheint.
Das ist ein seit langer Zeit von den Komponisten angewendeter Kunstgriff, dem wir oftmals an solchen Stellen ihrer Kompositionen begegnen, wo etwas Neberirdischesgemalt werden soll. jPalestrina,Wagner).
Die Stelle „Laß dein Sehnen, laß die Tränen"
ist ein neues Beispiel tonmalerischer Wirkung: der Sopran bringt die Wechselnote c, die im herben Kontrast zu dem des im Tenor «Dissonanz der gr. Septime) die Sehnsucht aller Mühseligen und Be- ladenen nach dem Himmelskönige überzeugend aus. drückt. Diese Wirkung wird durch die Tertwieder- holung „Laß dein Sehnen, laß die Tränen" und die damit verbundene Sequenz in allen Stimmen noch gesteigert. Der ganze erste Satz klingt in das Hauptmotiv „ES fiel ein Tau" auS, daS die logische Be- gründung zu dem vorher ausgesprochenen Gedanken enthält.
In der zweiten Strophe erscheint das Taumotiv in Achtelbewegung. Die Absicht deS Komponisten, daS sanfte Säuseln des Frühlingswindes zu malen «vergl. Text!) ist unverkennbar. Die Wiederholung deS Motivs durch die drei Oberstimmen stellt wiederum eine Bekräftigung der beabsichtigten Wirkung dar.
Am Eingang der dritten Strophe »„Macht hoch die Tür: der König ziehet ein !*) bringt das Taumotiv im forte, im zweiten Takte mit doppeltem Grundton im Baffe, das Ganze in lebhafterem Zeitmaße. Der Dichter redet nicht mehr in Bildern; er spricht vom Einzüge des Herrn selbst. Höchst bemerkenswert ist der Nachdruck, welchen der Komponist auf das Wort „König" legt «hohe Lage, dazu Hochklang aller Stimmen, ein ff und die majestätische Ruhe eines breit dahinfließenden ritenutol. Die Menge jubelt dem Herrn ihr „Hosianna" zu. Der Komponist wendet alle Mittel an, den Jubel der sich drängenden und schiebenden WetzMen zu malen : er verläßt den schlicht vierstimmigen Satz, der ihm für die Darstellung der beiden ersten Strophen genügte, und entwickelt sich allmählich zur vollen Achtstimmigkeit in dem großartigen Schlüsse: „Der König ziehet ein!"
Bruno Lehman«.