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1920
Der Erbfehler.
Es ist ein Miller des slawischen Naturells, sich nicht bescheiden AU können. Was das imperialistische Nuß- land in seiner Ervansionsvolitik gen Ost und West sün- digte, und dafür im russisch-japanischen wie im deutsch- russischen Krieae au Rückschlägen erfuhr, in die gleiche '.lttbefchcidenheit ließ sich der polnische Freistaat durch feilt ehemaliges musikalisches Oberhaupt Paderewski hinreißen, der mit einzigartiger politischer Talentlosig- feit auf deut Flügel des internationalen Konzertes her- umhantierte. Ja selbst die russische Sowjetrepublik konnte den: angestammten Fehler nicht entgehen und forderte sein Geschick in die Schranken, indem es getreu dem Versailler Vorbild dem geschlagenen polnischen Gegner in Minsk Bedingungen aufzuerregen suchte, die mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker im krassesten Widerspruch stehen. Der Rückschlag ist da. Geschlagen, nicht strategisch zurückgenommen. flutet der russische Nordflügel in den Raum von Wilna zurück, und die polnischen Delegierten in Minsk, ermutigt durch überraschende Waffenerfolge, brechen kurzerhand die Verhandlungen ab.
Daß England und Frankreich der polnischen Opposition in Minsk den Nacken steiften, ist nunmehr durchsichtig genug. Denn in Luzern ist dem Heldenvater des europäischen Theaters in Hitziger Erregung über die Maßlosigkeit der russischen Forderungen die Schminke vom Gesicht gelaufen und das wahre Gesicht Lloyd Georges ward sichtbar, indem er seine Einwilligung zur Oeffnung des Danziger Hafens zwecks Munitionseinfuhr nach Polen gab. Es ist abzuwarten, wie weit die Verwirklichung dieses Planes gedeihen wird, ob ganz, halb oder gar nicht, falls Rußland angesichts der an seine Grenzen im Westen und Süden anrennenden Gegner es vorziehen sollte, auf dem Boden gemäßigter Bedingungen den Polenfeldzug abzubauen. Wir wollen nicht im Unklaren darüber sein, daß letzten Endes das russische Unternehmen nicht, wie teilweise von deutscher Seite angenommen wird, auf eine Sabotic- rung des Versailler Vertrages zu Gunsten Deutsch- lanös ausläuft. Herr Radek ist ja dieser deutschen Annahme, die lediglich einen Wunsch darstellt, entgegenge- treten und hat freimütig betont, daß das Endziel des russischen Westkrieges die. Bossw .- ' " • ■ Bodens »and orn übrigen Westeuropa bedeute. Auch die in den Kämpfen am Sereth erbeuteten fünf russischen Propa- gandazüge rücken die Nebenabsicht der Moskauer Regierung ins rechte Licht. Rn dieser politisch wirtschaftlichen Enge zwischen Versailler Machtpolitik und russi- fchsr Diktatur sind die Schwierigkeiten der deutschen Siebenteaterunn nicht zu verkennen, zumal von beiden Seiten, Ost und West, mag sich das Kriegsglück wieder zu Rutzlad schlagen oder nicht, die deutsche Neutralität in keiner Weise gewährleistet ist.
Der Plan der hohen Allianz, den Danziger Hafen als Stützpunkt für die Versorgung der Polenarmee
freizugeben, beweist hinlänglich die von Lloud George bis gär Luzerner Besprechung gepredigte britische Neu- tralirZtSpolitik. Denn er bedeutet letzthin die Verge- waltsgung eines Freistaates, der im Versailler Frie- densoerirag sanktioniert wurde, die Knebelung eines VolkAwtllens, der in keinem RaKe zu einer polnischen Hilfsaktion bereit ist. Wenn schon in Mitteldeutschland, ferne der Grenzgebiete, in denen ja die nationalen Gegensätze infolge territorialer Berührung an sich schon schärfer hervortreten, die Arbeiterschaft mit allen Mitteln strikte Neutralität des Reiches aufrechtzuerhalten sucht, um wieviel mehr wird die Danziger Bevölkerung sich dem interalliierten Plane widersetzen, die doch den Urheber ihrer nationalen Isolierung einzig und allein in dem landbungrigen Polen sieht. Was die Reichsdeutschen der Grenzgebiete samt ihren Danziger Stam- mesbrüdern aus einem polnischen Siege droht, beweisen die polnischen Gewalttätigkeiten im Kattowitzer Gebiete znr Genüge, beweisen die Maßregelung der deutschen Bevölkerung Soldaus, die vor Wochen die siegreichen Russen mit offenen Armen empfing. Dieser typische MH einer verhängnisvollen Gefühlspolitik, sofern man überhaupt von Politik sprechen darf, sollte für das deutsche Volk eine Warnung sein, kühl unter Ausschaltung jeglichen Temperaments die Eutscheidung Wer Neutralität oder russenfreundliche Politik einzig und allein der kühlen Ueberleaung zu überlassen.
Das letzte Wort im russisch-polnischen Konflikt und damit auch in der deutschen Ostfrage ist noch nicht gefallen. Die Geschichte des letzten halben Jahrzehnt hat bewiesen, daß VolkSgeschicke, wie z. B. das deutsche, nicht auf Schlachtfelder«, sondern an Konferenztischen entschieden werden. Noch ist der endgültige Abbruch der Minsker Verhandlungen nicht gemeldet. Vielmehr sind die polnischen Delegierten mit neuen Bedingungen ihrerseits an Rußland herangetreten. Ueber kurz oder lang werden sich, wie wir an dieser Stelle bereits betonten, westliche Staatsmänner mit den ntfftWicn Volkskommissaren zu Beratungen zusammenftttden. Dort wird sich eMscheiden, ob das polnische Mäßigung nachgeben oder dem b . ----- Wahnsinn, an dem der russische »tea zerbrach, seine Opfer zahlen wird. Versprechen wir uns nicht zu viel. In jedem Rolle wird, mögen die Minsker Verhandlungen gefallen wie sie wollen, das polnische Volk seinen Carkasnms die deutschen Grenzlande fühlen lassen, um so mehr, falls die polnischen Interessensphären gegen Rußland durch EInlenkn der EntentestaatIeute eyger gezogen werden denn in der sog. Curzon-Linie.
Nur allzugut wußten die Klempner des Versailler SchmortopseS, warum man mit dem polnischen Korridor ein Elsaß-Lothringen des Ostens schuf. Nur allzu Ifctn ist der Plan LesWnnen^dmch eine Verschärfung
ic Volk einer weisen
historischen Größen
der polnisch-deujschen Gegensätze auch für die Zukunft das Teuischtum im Westen zu desinteressiereu Wobt sieben zur Stunde die deutschen Ostlande im Sturmzeichen. Die Würfel werden fallen. Am Tage der Abstimmung und am rufsikch-polnischeu Verhandtz-aas- tische wird Polen zu beweisen haben, ob es der Mäßigung, der Grundbedingung jeder Kulturpolitik, das Wort redet, ohne daß damit den Herren vom Schlage Paberewskis und Korfantns das Recht zugestanden werde, sich als Träger völkerbeglückender Cultur oder Zivilisation aufzuspielen. Diese Fähigkeiten müssen bewiesen werden. Denn „viele sind berufen, wenige anserwählt." M. H.
Bündnis zwischen den Polen u. der Entente.
x Genf, 26. August. lS. EI Das Pariser „Journal" meldet: Die durch Funkspruch am Montag nach Moskau abgegangeue Note Englands in der russisch- polnischen Frage enthält einen Zusatz, daß die Alliierten ihre der polnische« Regierung gemachte Zusage vom 28. d. M für aufgehoben ansehen und daß sie den Bündnisfall für Polen als gegeben erachten.
Die Friedensbedingungen der Polen.
Die polnische Depeschenagentur verbreitet die Nachricht, daß die neuen militärischen Erfolge die polnischen Friedensbeöiugnnqen nicht beeinflussen werden. Diese Bedingungen sind: 1. Polen beansprucht nur die in der Mehrheit von polnischer und katholischer Bevölkerung bewohnten Gebiete. Die Rechtmäßigkeit dieses Gesichtspunktes ist übrigens von der gegenwärtigen russischen Regierung anerkannt. 2. Polen kann sich nicht desinteressiereu am Schicksal der Völker, die Mitglieder der ehemaligen polnischen Republik waren. Polen wird für diese Völker das Selbstbestimmungsrecht fordern. Die wiederholten, aber niemals verwirklichten Erklärungen der Sowjetregiernng über diese Punkte müssen durch Taten verbürgt werden.
Die Minsker Konferenz.
x Genf, 26. August. Ueber die Friedensverhandlungen in Minsk ist noch immer keinerlei Bericht ein- getroffen. Am 17. August haben die Russen neue Bedingungen überreicht, die am 18. August von der pol- «M-e r Äjä^*
Teiles von vielen Forderungen der polnischen Regierung beantwortet wurde. Die polnische Regierung hat die Nachricht erhalten, daß diese Gegenforderungen überreicht sind. Seitdem hat man weiter noch nichts gehört. Inzwischen läßt sich also die englische Regierung über Moskau von dem weiteren Verlauf der Verhandlungen berichten. Sie habe gehört, daß die Russen die Auffasinng haben, als wollten die Polen die Verhandlungen in Minsk hinausschieben, weil sie diese nicht als ernstgemeinte Frtedcnsverhandlungen erachten. Die englische Regierung bat bei Polen den Wunsch ausgesprochen. daß Polen alles nliternehme, uni zum Frieden zn kommen.
t-t Genf, 26. August. (S. S.) Die Pariser Zeitungen melden aus Warschau, daß die Minsker Konferenz auf den 3. Septenrber abermals vertagt wurde. Eine Haimsmeldung besagt, daß die Polen nunmehr auf die Zuziehung der Alliierten für die Friedensverbandlun- gen bestehen, das eine lwchmalige Verzögerung der Beratungen notwendig gemacht hat.
Kriegsrat.
w Genf, 26. August. tS. EK „Echo de Paris" meldet: Der alliierte Kriegsrat ist zum polnisch-russischen Streitfall zu einer Sitzrmg auf den 30. d. M. ein- berufen worden.
Verlegung des Berhandlungsortes.
»- Warschau, 26. August. Ungeachtet aller bisherigen Beschwerden und Proteste bei der Sowjetregiernng wird der polnischen Delegation in Minsk nach wie vor jede Verständigungsmöglichkeit mit der Regierung in Warschau unterbunden. Die abgesandten Kuriere werden zurückgehalten. Bis jetzt ist kein einziger Kurier in Warschau angekomme«. Infolgedessen wünschell die Polen einen anderen BerhaWlnngsort.
Wilna besetzt.
• * Berlin, 26. August. (L. 91.) Laut „L.-A." haben litauische Truppen Wilna besetzt.
Grodno genommen.
^ Berlin, 26. August. lL. A.) Der „Matin" erfährt aus Warsachu, daß Abteilungeu der zweiten polnischen Dardedivision Grodno eingenommen haben.
Die Riemenlinie erreicht.
Genf, 2«. Angnst. tS. 6.) Der „Matin" meldet von der russischen Front: Der Rückzug der Russen ist immer noch nicht zum Stillstand gekourmem Die Offensive der polnischen Nordarmee gestaltet sich zu einer gänzlichen Umfassung der Sowjettnwpen. Grodno ist umgangen. Die Russen sieben am nördlichen Ufer des Riemen, von wo sie gleichfalls fliehend zurtickgehen.
Die russische Südfront wankt.
* * Genf, 26. Anglist. (S. EI Der „TempS" meldet m«s Warschau: Bon Brest-Litowsr aus sind polnische Truppen auf der Bahn nach Kowel vorgestoßen. Die Russen weichen auf der Südfront, nachdem der Angriff auf Lemberg mißglückt ist. Die Russen suchten die Bug-Linie zu halten. Der fUrSartiae Rückzug geht auf Kowel.
Polnischer Heeresbericht.
, •* Warschau, 26. August. (T. U.) Nordfront: Unsere Abteilungen der 4. und 5. Armee haben im weiteren Verlauf ihrer SäubcruugSaktion bolfcbewifHW Truppen, die den Anschluß an ihre Truppenteile verloren
haben, und in den Wäldern ziellos herumirren, abae- schuitieu. Ein Teil der feindlichen Truppen geh: n-ü sämtlichem Heeresgerät über die deutsche Grenze. Dos bostchewistifche Komitee in Soldan, das nach D"uiich- laud geflüchtet war, wurde urls wieder ausaeliesc^c und wird vor ein .striegSgertcht gestellt. Mittlere From- In den Kämpfen südlich von Ostroleuka würben von unserer 8. Infanteriedivision weitere Gefangene gemacht. Abteilungen des GO. Infanterieregiments haben am Dienstag an dem Flußchen Pisa Gefangene gemacht und Maschinengewehre erbeutet. Am 24. d. M. wurd^ Ossowice besetzt. An der übrigen Front örtliche Kämpfe. An der Südfront zersprengte unsere Kavallerie die 72. Sowjetbrigade, wobei der Stab der Brigade gefangen wurde. Ocstlich von Lemberg wurden kleinere Städte besetzt. Südlich davon örtliche Gefechte. Die Armee des Generals Pawlenko nimmt Stellung längs des Tnjesrr ein.
60 000 Russen überleiteten.
« -» Berlin, 26. August. T. U.) Die Zahl der über die deutsche Grenze in den letzten Tagen übergc- tretenen Rnssen beträgt 50 bis 60 000 Mann. Da Teil Mittwoch nachmittag weitere drei Divisionen im Ueber« treten begriffen sind, dürfte sich die Zahl auf 70 bis 80 000 Mann erhöhen.
Widersprechende Nachrichten.
w Kattowitz, 26. August. Oberst Lauchart erklärte gestern, daß sich im Kreise Katrowitz kein bewaffneter Pole mehr befindet. Im Gegensatz hierzu steht die Tatsache. daß in der vergangenen Nacht eine Bande von 50 Polen, die mit Maschinengewehren und Handgranaten bewaffnet waren, verschiedene Ucbersälle unternommen und geplündert haben. Die Bevölkerung wurde zumeist mißhandelt.
Die Flotteu-Konzentration in der Ostsee.
Nach einem Telegramm aus Skagen scheinen die Verbandsmächte in der Ostsee eine bedeutende Flotte versammeln zu wollen. Vor kurzem passierten 7 englische Kriegsschiffe in eiliger südlicher Fahrt Skagen. Tags darauf nahm ein großer französischer Kreuzer in Skagen einen Lotsen für die Fahrt bur b den Sund an Bord. Es wird in der Ostsee auch das Eintresfen eines uiHexi&iiifcuejt Ge«owaoer§ erwartet.
Aufmarsch der Russen gegen Wrangel.
Der Korrespondent des Dailo Erpreß in Konstan- tinovel drahtet, daß die Bolschewisten gegen die ganze Front des Generals Wrangel aufmarschieren. Die Streitkräfte, welche gegen den westlichen Flitgel aufae- boten sind, haben eine LMie 10 Kim. westlich der Eisenbahn Berdiatisk-Alerandrow erreicht. Erbitterte Gefechte haben westlich von Oriechew stattgefundem Ebenso auch in der Umgebung von Kanonka am Dnjepr.
Der südrussische Krieg.
Die georgische Delegation in London hat ein amtliches Telegramm erhalten, nach dem an der georgischen Grenze große Streitkräste zusammengezogen werden. Die Lage erscheint bedrohlich.
Angriff aus Odessa?
x Kronstadt, 26. August. Schiffskapitäue, die von Sebastopol und Batum kommen, melden, daß Vorbereitungen getroffen werden, um die Armee des Generals Wrangel zum Teil nach Odessa zu verschissen, wo sie die Kommnuisten vertreiben sollen. Vor dem Haien Sebastopol sind zahlreiche alliierte Kriegsschiffe gesichtet worden, die von großen Transportdampfern beglestet waren.
Bndjennys schwer verwandet.
* * Wien, 26. August. (T. U.) Aus Krakau wird gemeldet, nach Aussagen russischer Gefangener wurde General Bndjennys bei einem Rückzugsgefechte schwer verwundet.
Russische Armeereste.
x Königsberg, 26. August. lS. EI Nach einge- gangeneu Nachrichten ist mit dem Uebertrikt weiterer russischer Truppen zu rechnen. Bei Goldap sind 2104 Russen mit 210 Offizieren üßeraetreten. Soldaten und Offiziere waren fämmerlich bekleidet, meistenteils ohne jedes Schuhzeug. Damit werden die bisherigen Mcl- dnngen über die vortreffliche Ausrüstung der Sowjettruppen widerlegt.
Rußland gibt nach.
x Berlin, 26. August. (ß. 91.) Tschitlcherin hat in London mitteilen lassen, daß er ans die Bildung einer polnischen Arbeiterarmee verzichte.
Die Entente wartet ab.
x Breölau, 26. August. (S. E.i Bet Wotschnik wird der Uebertritt regulärer polnischer Truppen auf oberschlesisches Gebiet gemeldet. Auch bei Preußisch- Lissa sind mit der Bahn aus Czenstochau bewaffnete Polen einaetroffen. Der alliiertet Commission in Ovpcln wurde sofort von deutschen Vertretern Anzeige erstattet, ohne daß bis gestern abend Ptnßnahmcn der Entente' ergriffen waren.
x BreSlan, 26. August. lS. C.) Aus Oberfchle- sten wird gemeldet: Köntgshütte und Todrau sillü von den Polen besetzt. Die Truppen der EMente sind auf der Strecke Benthen-Kattowitz-Gletwitz wfammerae« zogen. Von Maßnahmen gegen die polnischen Insnr- aenten mir bisher in Ob^rschlesien nirgends etwas zu merken.
Polylsche WassenlgHer.
x Beuthen, 26. Augnst- (V. Z.) In Loslau dcckteik italienische Truppen in Versolg der Saubernngsaktion ein polnisches Waffertlager auf und beschlagnahmten zwei Geschütze und eit^ große Menge ^chutzjvaff«l. ^*