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Nr. 128 (Erstes Blatt)

Sonnabend, den 5. Juni

1921

Die Lage im Innern.

N^ Besprechung mit den Generalen in Berlin.

* Berlin, 4. Juni. (T. u.) Bet der Aussprache mit den Generalen der Reichswehr in Anwesenheit des Reichspräsidenten betonte der Reichswehrminister Dr. Getzler, daß mit dem gesamten Volke auch die Reichs­wehr an den Folgen -er Putschtage zu tragen habe. Im Ofstzierkorps wie überhaupt in den Reichswehr dürfe die Gesinnungsschnüffelei keinen Platz haben. Niemand könne ein öffentliches Amt bekleiden, der nicht bereit sei, unter allen Umständen die dem Staate gegenüber Über- nommene Pflicht zu tun. Vom deutschen Volke müsse eine gerechte Beurteilung der schwierigen Lage seiner Wehrmacht verlangt werden. Der Reichswehrminister teilte mit, Satz er den Reichskanzler um Auskunft ge­beten habe, was er den Herren antworten solle, wenn an ihn die Frage gerichtet werde, was geschehen würde, wenn nach den Wahlen eine neue Regierung nicht gleich zustande komme. Darauf ist ihm Antwort geworden, unter allen Umständen wird eine verfassungsmäßige Re­gierung gebildet werden. Außerdem hat nach der Ver­fassung die oberste Kommandogewalt über alle Truppen der Reichspräsident. Schon aus diesem Grunde könnten aus der Frage der Regierungsbildung keinerlei Schwie­rigkeiten für die Reichswehr entstehen. Als Vertreter -er versammelten Generale richtete der Chef der Hee­resleitung. General von Seeckt, an den Reichspräsiden­ten eine Ansprache, in welcher als gemeinsames Ziel die Gcsnvdung und Wiederherstellung unseres Vaterlandes durch Ordnung und Arbeit bezeichnet wurde. Im Ra­uken der Generale gab er die Versicherung der entschlos­senen Treue zn der beschworenen Verpflichtung auf Gesetz und Verfassung ab. Der Reichspräsident dankte dem General von Seeckt.

Die Putschgefahr von links.

. ^ Berlin, 4. Juni. (Eia. Drahtn.) DieD. A. 3.* schreibt: Alle imB. T." erschienenen Berichte und Mel­dungen über einen bevorstehenden Putsch von rechts wer­den mit allen Einzelheiten und mit ausfälliger Schnellig­keit im Auslande, besonders in Frankreich, verbreitet. Außer dem genannten Blatt dienen der ausländi­schen Presse als Nachrichtenquelle auch die kvmmuuisti- schen Blätter Deutschlands. Es kann aber gesagt wer­den, daß die Berichte trotz aller Einzelheiten, welche die linksgerichteten Blätter über einen angeblich bevorste­henden Rechtsputsch geben, im Auslande keine« Ein-

druck «tacheL^^LLWWtWMMEare^e fuw ,agar sehr 7 genau von allen V^rgäNMn tu Deutschland unterrichtet. Sie wissen sehr gut, von Welcher Seite Deutschlau- die Hauptgefahr droht. Sie kennen die sämtlichen Organi- sationen, die Namen der Führer usw., welche den Ge- maltstreich vorbereiten, der aber nicht von den Rechts-, sondern von den Linksparteien ausgehe» soll. Die Mit­teilungen mancher Regierungsstellen in Berlin liefern den sozialistischen Blättern sensationelle Einzelheiten über einen vermeintliches! Rechtsputsch.

Ebert a» die Führer der Sicherheitspolizei.

** Berlin, 4. Juni. (T. U.) Der Reichspräsident Ebert erschien gestern nachmittag um 5 Uhr in Beglei­tung des Geheturrats v. Prtesdorff vom Ministerium des Innern und des Polizeipräsidenten Richter in der Alexanderkaserne, wo er von dem Kommandeur der Si­cherheitspolizei empfangen wurde. Der Reichspräsi­dent ließ sich die Abteilungsführer vorstellen und hielt an diese eine Ansprache, in der er betonte, daß er durch die gifte Disziplin und den guten Geist, von dem die Truppen erfüllt seien, erfreut sei.

Mllegewgder iiMchleswigschenFcage

Eine neue Vergewaltigung.

Dem Vorsitzenden der deutschen Friedensdelsgation in Paris ist von dem französischen Ministerpräsidenten am 31. Mai eine Note betreffend die Grenzziehung in Schleswig und des Uebergangs der in Frage kommen­den nordschleswigschen Gebiete zugestellt worden. Eine Anlage zur Note enthält eine offizielle Mitteilung über die Beschreibung der zukünftigen Grenzlinie zwischen Deutschland und Dänemark. Die offizielle Mitteilung über die Grenzlinie soll erst in dem Augenblick erfol­gen, wo zwischen den Hauptmächten ein Vertrag über die Abtretung geschlossen ist, dessen Worlartt ebenfalls von Herw Millerand an den deutschen Delegierten übergeben worden ist. Deutschland soll binnen 10 Ta- gen eine Antwort auf den Vertragsentwurf,.der auch der dänischen Regierung mitgete.lt worden ist, geben. Die vorgesehene Grenze verläuft ungefähr wie die Elausenlinie mit einigen Abweichnuge« zuungunsten Dentschlands. Neu ist gegenüber dem Friedensvertrage, daß Dänemark nicht nur den deutschen Staatsbesitz, son- dern auch den ^Provinzialbesitz der Provinz Schleswig- Holstein und den Privatbesitz aller deutschen Mitglieder des früheren schleswig-holsteinischen Herzogshauses er- rverben soll. Alle Kauf-, Mied- oder Pachtverträge, die in bezug auf Staats- oder Prirrgigüter abgeschlossen sind, sollen null und nichtig sein, wenn Danemark nicht zustimmt.

Der Reichswirkschasksrak.

-^ Berlin, 4. Juni. (Eig. Drahtn.) DieD. A. Z." schreibt: Von unterrichteter Seite erfahren wir über die Fortschritte in der Zusammensetzung des Reichs- wirtschaftSvates folgendes: Im Gesetz war ursprüng­lich vorgesehen, daß die Vertreter. die von Wirtschaftö- «üb fachlichen Verbänden ernannt werden müssen, in­nerhalb 14 Tagen ernannt werden sollten. Dieie Frist,

die im letzten Drittel des Mai ablief, erwies sich als zu

SEs wurde bann eine neue Frist mit den Ber­

eu vereinbart, die am gestrigen Tage abgelaufen ist. Wir hören, daß die Ernennungen seitens der Wirtschafts- und fachlichen Verbände jetzt so gut wie vollständig vorliegen. Auch die Namen der 24 regiona­len Vertreter, die verordnungsgemäß erst nach den Er­nennungen seitens der Verbände festgesteUt werden sollten, liegen ebenfalls jetzt vor. Bestimmungsgemäß sollten der Reichsrat und die Reichsregleruna ihre Ver­treter erst dann benennen, wenn von Seiten der Ver­bände die Vertreter festgestellt sind. Die Regieruugs» «nd Reichsratsvertreter sind zur Zeit noch nicht oe- stimmt. Doch wird auch ihre Ernennung in Kürze er- folgen. Wir erfahren weiter, daß beabsichtigt wird, den Reichswirtschaftsrat möglichst bald, wahrscheinlich noch vor Ende dieses Monats, emzuberufe».

Die Verhandlungen mit fitaffin verschoben.

** Berlin, 4. Juni. (Eig. Drahtn.) Die Bespre­chungen des Wirtschastsbetrates mit Krassin in London wurden verschoben, da Krassin die verlangten schriftli­chen Aufzeichnungen über die russischen Exportwaren mit Angabe ihres Lagerungsortes, der Beschaffenheit und der Menge sowie über die von den verbündeten Ländern zu erwartenden Waren und die Sicherheit für ihre Begleitung zu spät einreichte. In einer Havasbe- mcrkuug wird festgestellt, daß die Aufnahme der tele­graphischen und postalischen Beziehungen mit Rußland erwogen werden. Die Aussichten für eine Wieder­aufnahme von Handelsbeziehungen seien jedoch gering, da auf russischer Seite keine Alistauschware« vorhan­den feien. Von den russischen Konsumgenossenschaften beständen heute überhaupt feine Vereinigungen mehr. Der Zweck von Krassins Entscndunq sei vor allem rein politisch. Rußland benötige vor allem driugend Loto- Motiven vnd Schieuengerät, um seine militärische« Operationen fortsetzen z« können.

Berlin, 4. Juni. (L.-A.) Die erste Konferenz des interalliierten Obersten Wirtschaftsrates mit Krassin wird am 11. Juni in London stattfinden.

* Lugano, 4. Juni. (L.-A.) Die TurinerStampa" meldet aus London, daß Krassin in einer Unterredung mit dem Präsidenten der italienischen Handelskommission in London erklärte, daß die Errichtung einer russischen Handelskammer in London vereinbart sei. Weitere rüte- russische Handelskammern würden in anderen europäi­schen HauiKstäoten errichtet werden.

b* Paris, 4. Juni. Die offiziellen Meldungen aus London beweisen, daß die ablehnende Haltung der ge­samten französischen Presse wegen der Verhandlungen zwischen Rußland und England einen tiefen Eindruck gemacht habe. In London wird Gewicht darauf gelegt, die französischen Besitzer russischer Besitztitel zu beruhi­gen. Die Beratungen in London werden zu keinem großen Erfolg führen. In Paris ist man noch immer der Ansicht, daß hinter den Verhandlungen die Rege­lung der polnischen Frage und das Vorrücken der Bol- schewisten in Zerfielt steckt.

Die Unterbrechung der Pariser Wirtschafts- Verhandlungen.

* * Berlin, 4. Juni. (S. E.» Die deutsch-ftanzö- sische Wirtschaftskommissiml in Paris hat sich nach er­gebnislosem Verlauf der bisherigen Besprechungen auf unbestimmte Zeit vertagt. Ob die demsche Delegation nach den Wahlen überhaupt nach Paris zurückkehren wird, ist noch fraglich.

kelveherabsetzuvgberKlieisevIschMMS

Antrag Deutschlands auf Revision der finanziellen Besttmmnngen.

Brüssel, 4. Juni. Deutschland hat offiziell für die Konferenz in Spaa den Antrag auf fi«anz,elle Re­vision des Versailler Friedensvertrages a« die Alliier­ten übermittelt. Ebenso wie England hat jetzt anch Frankreich eine Herabsetznng seiner Schadensersatzfor- derungen abgelehnt.

Italiens Entschädigungsansprüche.

* * Paris, 4. Juni. Nach einer Depesche des »Ma- tin" hat Nitti dem Vorsitzenden der ftalietttschen Abtei­lung der Wiedergutmachungskommiision, Bertolinl, er­klärt, Italien hatte den Anteil, der ihm bezüglich der von Deutschland zu letstenden Entschädigung zugeteilt worden sei, für ungenügend, da Italien keinen Anteil an den deutschen Kolonien und der deutschen stotte er­halten habe.

Die Entente verlangt Schließuug von Munitionsfabriken.

** Berlin, 4. Juni. (S. C.) Die Ententekommtssion hat in einer Mitteilung an die Reichsregierung die Schließung von 18 Munition herstellenden Fabriken des Reichs verlangt.

Die Ablieferung der Luftschiffe.

Berlin, 4. Juni. (Eig. Drahtn.) Die Abgabe der nach dem Friedensvertrage an die Entente auszu- liefernden Zcppelinlnftschtfse, die in den nächsten Wochen erfolgen sollte, stößt nach Frtcdrichshafener Meldungen auf Schwierigkeiten. Die Arbeiter des Luftschiffbaues Zeppelin und die Besatzungen der Dc- lag, die das Fertigmachen bezügl. der Ablieferung der Luftschiffe übernehmen sollten, weigern sich, dies zu tun, weil sie durch die Maßnahme« der Entente den deut­sche» Luftschiffbau und Luftschiffbetrieb bedroht scheu. Sie machen ihre Mitwirkung bei der Ablieferung der Luftschiffe insbesondere davon abhängig, daß die beiden VcrkehrslnftschiffsBodensee" undNordstern" Deutsch­land belassen werden und keine Zerstörung der Werkt-

anlage« verlangt wird, welche den Bau von LustschmrN auf lange Zett lahm legen würde.

Anklage« gegen französische Generale.

* Zürich, 4. Juni. Die parlameMarische Unterfu- chungskommtssion über die Schuld an der Preisgabe bep nordfranzösischen Gebiete im Jahre 1914 und über den Rückzug des französischen Heeres im August 1914 be­schloß, gegen 8 Generale der 2. Armee und 4 FestungS- kommandanten Anklage zu erheben.

Polen und Tschechen.

Die tschecho-slowaktsche Gesandtschaft in-Berlin hat das Gerücht dementtert, wonach zwischen Tschechien und Polen die diplomatischen Beziehungen abge­brochen sein sollten. Wenn demnach von einem ernsthaften Konflikt noch nicht die Rede fein kann, so ist dennoch die große Wahrscheinlichkeit eines solchen für die allernächste «Zukunft nicht von der Hand zu weisen. Die Gründe für die gegenwärtige tschecho-polnische Spannung liegen weit zurück und entspringen verschiedenen Ursachen. Im Vordergründe des Interesses sieht heute die Teschener Frage, die schon fast seit Abschluß des WafsensttllstandeS an den Hanptschauplätzen des Weltkrieges einen stän­digen Zankapfel zwischen den beiden slawischen Re­publiken bildet. Das Gebiet von Teschen ist durch seine Kohlenschätze wirtschaftlich ungeheuer wichtig, und daher ist es zu erklären, daß jeder der beiden beteiligten Staa­ten alles daran setzt, um in seinen Besitz zu gelangen. Was die Bevölkerunasfrage anbelangt, so läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob bet einer Abstimmung die eine oder die audere Partei den Sieg davontragen würde. Tatsache ist, daß man sowohl in Prag als auch in War­schau vor einer solchen Abstimmung eine gewisse Angst hat und daher bestrebt ist, eine solche zu verhindern unö mit anderen Mitteln zum Ziel zu gelangen. Ein Appell an den Obersten Rat würde ebenfalls nicht viel nützen, da dieser höchstwahrscheinlich bet einer allzu starken Zu­spitzung der Lage eine Neutraltsterüng des Teschener Gebietes beantragen würde, wodurch natürlich weder Polen noch Tschechien gedient wäre.

Dieser Streit ließe jedoch noch nicht den Satz er­klären, der heute zwischen Polen und Tschechen herrscht. Man geht nicht fehl, die Gründe hierfür tiefer zu suchen und findet sie alsbald, wenn man die heutige voWMe Lage näher untersucht Man ,oe'°ß, d.-ß vor dem Kriege nächst Petersburg und Belgrad Prag das stärkste Zen­trum der panslawisttschen Bewegung war, die nie so recht den Beifall der Polen gefunden hat. Von Warschan aus blickte man schon seit Jahrhunderten nach dem We­sten, und hatte nie ein richtiges Verständnis für die sla, wische Bewegung, die ihren Hauptsitz im Osten hatte, dem man im Lande des Weißen Adlers aus erklärlichen Gründen stets unfreundlich gegenüberstand. Das Re­sultat dieser Jahrhunderte langen Tradttton hat sich jetzt in der gegenwärtigen Offensive Polens gegen Rußland deutlich gezeigt. Ebenso wie eS sich herausgestellt hat, daß sowohl in Prag als auch in Belgrad jeder Angriff auf die russische Integrität mit einem gewissen Unbeha­gen ausgenommen wnrde, obzwar man auch dort der bolschewisttschen Bewegung selbstverständlich feindlich gegenübersteht. In der allerletzten Zeit Hat sich in Eu­ropa einer neuer Panftawismus gebildet, dessen Haupt- träger der tschecho-slowakische Staat und Jugoslawien sind. Daß Polen dieser neuen Bewegung des Slawen- ttrms jede Unterstützung versagt mcd bereit ist, auf eigene Faust seine Interessen wahrzunehmen, trägt ihm jetzt die erbitterte Feindschaft der beiden Schwester- naiionen ein, die erst gar keiner wirtschaftlichen Diffe­renzen bedarf, um zum offenen, blutigen Konflikt zu führen. Das erwähnte Dementi der tschecho-slowaki- ichen Gesandtschaft in Berlin bedeutet nur, daß die Ge- fahr augenblicklich noch nicht akut geworden ist. Schon die nächsten Tage müssen jedoch die Entscheidung brin­gen und wenn nicht alle Zeichen trügen, so stehen wir vor einem neuen Kriege. Was ein tschecho-polnischer Krieg im gegenwärtigen Augenblick bedeutet, da bereits Warschau von den roten Armeen bedroht ist, braucht nicht erst gesagt zn werden.

Bedrängte Lage Polen».

t-> Zürich, 4. Juni. Aus Paris wird berichtet, daß bereits Ende letzter Wocke ein Vertreter der polnischen Regierung in Paris einen Schritt für eine Jntervcnttoa im polnisch-russischen Kriege unternommen hat. Dabei wurde offen erklärt, daß Pole» sich höchstens bis Ende Juni noch halten könne. Träfe bis dahin nicht starke Hilfe ein, dann müsse Polen zusammenbrechen. Die polnische Niederlage würde die Folge sein. Binnen kur­zem wäre mit dem Einzug der roten Armee in Warschau zu rechnen. Im Widerspruch damit steht allerdings eine englische Meldung aus Warschau, wonach die Russen weiter zurückgehen. Reuter vieldet, daß 2000 russische Truppen mit dem Regimentsstabe zu den Polen über- gegangen seien.

Berdindnug E«ver Paschas mit den Bolschewisten.

Koustairtinopel, 4. Juni. Aus dem Kaukasus wird gemeldet, daß es Enver Pascha gelungen sei, die Verbindung mit den russischen Strestkräften herzustel­len, die in Persien operieren.

Bolschewisttscher Angriff anf Anueuie«.

** Basel, 4. Juni. (T. 11) Ein aus Tiflis in Lon­don verspätet eingetroffenes Telegramm bestätigt, Satz groei russische Kavallerieregimenter die armenische Grenze überschritten haben und in Armenien vorrücken. Die armenische Regrerung richtete einen offiziellen Protest nach Moskau und leitete Truppenbeweglingen aeaen den Feind ein.