HersMer Tagediatt
Nv. 48
Ssnnabend, den 28. 5e6mer
1920
? Erzbergers Ministerschicksal.
' •* Berlin, 27. Februar. M. U.) Die Feststellungen zm Helsterich-Prozetz und die Frage.waS wird ans «rz- fereet, beschäftigen die deutsche Oesfentttchkeit in Be* jonderem Maße. Es ist günstig. daß die Nationalver- sammlung wieder zusammenaetreten ist. Die Frage nach Erzbergers Minister- und Mbgeordnete«schicksal wird aber letzten Endes von den Fraktionen und Parteien entschieden werden. Natürlich bildete gestern nach- mittag in der Nationalversammlung Herrn Erzbergers Prozeß, der ihm in Moabit gemacht wird, das Saupt- thema der Abgeordneten. Die Demokraten scheinen schon ziemlich geschloffen vo« Erzberger abgerückt zu sein. In der sozialbemokratischen Fraktion ist die Kahl Derjenigen Abgeordneten im Wachsen begriffen, denen ein weiteres Festhalte« au Erzberger unmöglich erscheint. Bom Zentrum bat sich gestern der FraktionS-
Vorstand mit der Angelegenheit befaßt. Heute vormittag wird die Fraktion eine Sitzung abhalten, deren
Thema „Erzberger" heißt. t
Die folgende Drahtmeldung laßt allerdings die Ver- bandlungen der Fraktionen über den Fall Erzberger in in einem anderen Lichte erscheinen. Es hat jedoch den Anschein, als ob diese Meldung zu Gunsten Erzbergers gefärbt ist. , „ . __
** Berlin, 27. Februar. In der gestrigen Sitzung der Fraktionen der Nationalversammlung wurde zu der »«Gelegenheit Erzberger Stellung genommen. Es ergibt sich bis jetzt folgendes Bild: Die Demokraten haben eine Entscheidung ausgeschoben. Sie befaßten sich Nur mit den Stenervorlagen. Die Ansichten in der Fraktion sind geteilt. Besonders unter den westdeutschen Demokraten herrscht eine starke Strömung gegen, Erzberger. In der sozialdemokratischen Fraktron herrscht die Ansicht vor, daß Erzberger nach Beendl- gung der Untersuchung in der Steuererklarungsange- ttaenheit «ubedmst wieder in sein Amt zuruckk^ren Müsse. Weite Kreise dieser Partei sind aber der Mer- nuna, eine Demission des Ministers untre außerordentlich ratsam. Die Beschlüsse der Kentrumsfraktion werben streng geheim gehalten. Auch das Reichskabmett hat sich in mehreren Sitzungen mit der Affäre Erzberger beschäftigt. Auch hierüber wird strengstes Stillschweigen bewahrt.
Eröffnung der »oruntersuchuva ge«en Erzberger.
27. Februar. tH> * Äm Äurra« Stt ‘ Staatsanwaltschaft beim Landgericht I wurde in dem Ermittelungsverfahren gegen den Reichsnnanznnmster Erzberger wegen Verdacht der Steuerhruterzr^ung und der Vermögensverschiebung die Bornntersnchvng am gestrigen Tage eröffnet. Herr Erzberger ist als Beschuldigter für kommenden Dienstag zur ersten Ver- «ehmuna vorgeladen.
*
^»tm Fall Erzberger schreibt uns unser Berliner
M -Mitarbeiter:
Fumier mehr wird es zur Gewißheit, daß Herr Erz- berger auf Nimmerwiederkehr sich vom Amte hat sus- vendiereu lassen. Sein allzu kühner und mt recht skru- velloser Ausstieg würde dann ein Ende nehmen, das um dem Sprichwort illustriert werden könnte: „Der K^ug gehe so lange zu Wasser, bis er bricht." Die Waller, hie bisher auf Erzbergers Seite standen, mit Lust oder auch gezwungen nur, haben jetzt eine ganz andere Jle- lobte angestimmt, die recht gedampft klingt. De«. uftU Erzberger ist für die Mehrheitsparteien entschieden ein recht fataler. Und wenn es hieß, Latz Erzberger .relwil- lig darum gebeten habe, von semem Amte vorlaung iuy= pendiert zu inerden, so lüftet sich letzt unmer mehr und mehr der Schleier, und gewährt emen Blick hinter ^ie Kulissen. Und da stellt es fest, daß schon vor einigen A.a* geniE der Mehrheitsparteien eine Aktion vorbereitet worden war, die gegen den ReichsnnanzmiNi- ster sich richtete. Namentlich tobten die Demokraten alle Hebel in Bewegung, um Erzberger, der immer mehr im Helffertch-Vrozeß belastet zu werden schien, w rasch wie möglich schachmatt zu setzen. Und da war wieder die treibende Kraft Dr. Friedberg, der Erzberger nicht langer auf seinem Posten belassen zu können glauMe. ^ns Zentrum verhält sich immer noch abwartend. ^er tyall Er beraer kommt den Demokraten nicht ganz so ungc- leaen ivie man glauben sollte. Mit Erzbergero Fall würden sie sicher auf ihre Kosten kommen. Daß man mit ihm rechnet, geht fdwn daraus hervor, daß nmn be- «its von Erzbergers Nachfolger spricht. R,is dem Ken- ÄelnwMm,^ ?''^
K'W ÄI&Ä!^ S’Äö«“^ dem einen sich der Fall ereigne«, ban der ' . ^
so ehrlich war, sich Nicht die Rran trauen? ein solches gewagtes ’^spr0™^^ scher Art auszurichten, doch wieder vor eine aonucoe
Ausgabe gestellt wurde.
Die nächste Woche wird die ennche,öenbe sein,den« bann wird b öffentlich der Helfserick-Prozeß NGrabe «tragen werden. Vielleicht dann auch Er ^^erao ihm. Der vielgewandte und nielacfMfHoe Mann, J überall dabei war, wo etwas los war, wi>rde dann cm klägliches Ende genommen haben. ErzbergersKmüll feit !Md unerschöpfliche Arbeitskraft sind ermchnden oit beionndcrn, aber ebenso seine Fonglierkunst, die er oft in recht bebenflitber Weise arrzuwenden verstand, tzr war t>erwattdtu»g-käbia wie kaum ein ariderer^Pou- tiker, und das prägte sich namentlich in seinen Aeuue- runaen in oft recht widersprechender Weise aus. Heute Annexionist, morgen Pazifist; heute U-Boolverieidi-
krieg und morgen der Vater der Reichstags vom 19. Juli 1917. Wir sind an volttiscyen
schon seit mehr als einem Jahrzehnt Bettelt mehr aber an pollttschen Eharakteretr. Und d.. ... , Beweis dafür ist gerade Erzberger selber, der trotz aller Alrsechtungen einen so ungehemmten raschen Aufstieg nahm und der in seiner unheimlichen Betriebsamkeit nicht immer die Achtung ernstgesinnter Männer, auch im Kentrumslager nicht, genoß.
Der Fall Erzberger.
»* Berlin, 27. Februar. (B. T.) Während die Erz- berger-Angelegenheit in den letzten Tagen nur Gegenstand unverbindlicher Besprechungen innerhalb der Mehrheitsparteien gewesen ist, scheinen sich die Parteien jetzt offiziell mit der Frage Besassen zu wollen. Heute vormittag trat der Frakttonsvorstand der Zentrumspar- tei im Reichstagsgebäude zu einer vertraulichen.Besprechung zusammen. Heute abend wird sich daran eine Stt- zung der gesamten Kentrumsfraktion arvchlieffen. «Pa- testens morgen wird der interfraktionelle Ausschuß der Mehrheitsvarteien zusammentreten, um nach den Be- fchlüffen des Kentrums ein einheilliches Vorgehen in.die Wege zu leiten. Soweit sich bis jetzt übersetzen lässt, herrscht darüber Einmütigkeit unter den Parteren, daß Herr Erzberger nicht nur bis zur Klärung der Steuer- einschätzung, sondern bis zuur Abschluß, des ganzen Prozesses vom Amte des ReiHSfinanzmrmsters suspendiert bleiben muß. Man erwartet außerdem, daß er so lause auch nicht in den Reichstag kounneu werde. Es vt nicht ausgeschlossen, daß im Laufe der nächsten Keit das, eine oder andere Kabinettsmitgtted durch andere Männer ersetzt werden wird.
Erzberger un» das Zentrum.
h. Berlin, 27. Februar. lS. 6.) Aus maßgebenden parlamentarischen Kreisen wird der „Germarna unt- geteilt, daß der Vorstand der deutsche« Zcntrumspartei am Sonnabend in Berlin zu, einer Sitzung zuiauMen- treten wird. Wenn in verschiedenen alldeutschen Blattern behauptet worden ist, daß der Partelvornand wegen der Angelegenheit des Reichstinanzministers Erz- berger einberufen worden tot, so entspricht das tn. keiner Weise den Tatsachen. Die aauna des Partervor- stanb-K ’Xt tou toller schließlich der Aussühruna der BeschlÜf^ des Pc«ei- tages gewikmiet. Es handelt sich lediglich um Orgarn. sationsfrageu. Die Aufsassung in der Fraktwn über den Reichsnnanzmimster aeht dahin, daß die «kellung- nähme nicht früher erfolgen könne, alS Bt» das Urteil uK seine Bearünduna im HEerich-Prozeß sowie ba« wegen der Steuerangelegenheit schwebende
Verfahren abgeschloffen ist.
Ausstände im Ruhrrevier.
Gegen Sie Ueberfchicht.
k* Esien, 27. Februar. (T. 1L) Auf der „Tannen^ baum"-Keche der Deuifch-Luremburgifchen Berawerks- unö Hüttenaktien-Geseüschaft.rubt ^t gestern Mittag der Betrieb vollständig. Die gesamte Belegschaft, die Hon am Montag die Leistung der vereinbarten Ueberschuht verweigert und passive ssiesistenz geübt ^tte. Jeätt. als die zweite Ueberfchicht anaekutwigi wurde. Sre Arbeit nieder und verließ die Kecke, dlux der Keche „Radbod hat sich die Belegschaft mit zwei Drittel-MelEit qe^ lien das Verfahren von lieberschichten erklärt. Die Belegschaft der Keche „Amalie" .bei. Esien ist wegen Kündigung eines Beiriebsratsmitaliedes in den »treu
oetTCtdL.
Acht-Stundenß ' s im sächsischen Bergbau.
Dresden, 27. Februar. (T. 1L) Nach neuen erfolgreichen Berhanölungen der Vertreter der Berg- fitbcitCT mit bcm SlTVcif^mititftCT ^^^^ .^^^^ ^^ . ^' März die 8-Sinude«schicht im sächsischen Bergbau wie
der einaeführt werden.
Neue Lohnforderungen der radikalen Eisenbahner.
»-•■ Berlin 27. Februar. tS. C > Auch in den Eisen bahn direktivnSbezirkcn Königsberg und Bresmu sind von radikalen @jtoitBaI)nemm^ Lohufordernugen ausgestellt worden, die mit der anbal- teuben Preissteigerung begründet werden.
Bcrfchärfnng des Streiks im Saargebiet.
Aus dem Saaraeviet^ wird.berickstet: Der Streik der Arbeiter des Saargebietes hat sich erheblich »e^ schärft. An Saargemünd und Umgebung befinden sich gegenwärtig etwa 5000 Arbeiter im Ausstand Die Streikleilurig bat der französischen Obcrtunehlssteitt gr- qenüber erklärt, daß sie jede Bcrgurwvnuutg Mr Kom- plikationen ablehnen müise, die durch das .viraitouven von militärischen Verstärkungen entstehen komit^t.
Das Loch im Westen.
Berlin. 27. Februar. In der Nationalversanm^ litiig gab der Reichsminister des Beußcrsi, Hermann Müller» auf eine Anfrage folgende Erklärung ab^ckon im Sommer vorigen Jahres wurde ^bet der Entente deutscherseits beantragt, unverzüglich die Bemtzilna^be« Horde anzuweisen, deutsche Grenzbeamte nicht bei der Handhabung der deutschen Ei«- «u» Auslubrverbote zu behindern. Ich erklärte mtS hibct zu Berbandlun- gen über Zulassnna der Einsubr einzelner Waren der Entente Bereit und fÄlu« vor, bierbet vor allem die bctciliaien Wirtschaftskreise Branche für Branche, nch mit einander aussprechen zu lasiern Anläßlich der ^er- Handlungen über das Rheislaudabkomme« wurde. Dralls von dem damaliaeu Lorsitzendeu der aeanertu&en
ausdrücklich erklärt, Haß ns nicht nur 6
6 tu Er«» mr
«
:ten
aegm
tonten leres
lich auf die schweren Folgen des r des Loches im Weste« üinaewtes Entente ist aber bis jetzt «och «ick ders ist auch unsere Anregung, d teressentenkreise unnstttelvar in Be von der anderen Seite nicht wei Frankreich hat zwar eine Liste be gestellt, bis es nach Deutschland hat diese Liste jedoch noch nicht i nicht übersehen werden, daß die des Loches im Westen keine heut sondern eine Frage zwischen Den liierten ist Die Bemühungen 1 Ministeriums haben gleichfalls zu führt. Wohl aber wurde kürzlick deutschen Ausfuhrverbote für L Die Einfuhr vo« für »vs über!
«u behindert fort.
Neue Berhafllt»gen i« 1
w Frankfurt a. M., 27. Feh Mitteilung aus dem besetzten Geb behörden sich dort im Besitze ein, die Namen aller derer enthall, die
•nett ,Dr<
ist»
t in AuS iren wüul
schlank» und den J ReiciMvirtscho keine« Ergebnis
stet 'ollen die Ente er Kiste befinden, während des Srü
Die Besatzu haben, Hast 3
sollen den !Befehl erhalten r bezeichneter Personen in
B
Die Räumung Eal«iS' durch die Kngläud«.
>» Rotterdam, $7. Februar. jS. E ) ^T>aily Mail" meldet, daß der englische Kriessminister Churchill drs Ränrnuna Calais' von den dort tnxh befindlichen zw« schottischen Regituenlern zum 1. März angevrdnet HA Damit werden die letzten englischen Truppen franzofs schen Boden verlassen.
Eixberufuus der JahreSklaffe 1960 s« Fraukreich.
w Berli«, 27. Februar. W. g.) Die sranzösisck»
Tg gegen .
Stimmen zugesttunnt.
Der Rest der deutschen Kriegsflotte.
w> Hamburg, 27. Februar. (T. U.) Im Berei» deutscher Seeschisser in Hamburg wurde mttgeteiü, daß die noch abzuliefernden deutschen Kriegssahrzeuac demnächst mit Kapitänen und TÄiffsoffizieren der Handelsmarine besetzt und in der nächsten Woche schon an die Entente Wersührt werden sollen. In den Kreisen der Seeleute sind, der „Neuen Hamburger Zeitung" zufolge, die Meinungen sehr aeteiü. ob sich ein deutscher Seemann der Handelsmarine dazu hergeben würde, bieten SSergenbienst für die Entente zu leisten. ES handelt sich noch um etwa 120 Arieasfahrzenge, darunter acht Linienschiffe und eine Anzahl von Kreuzer«.
Bolschewistische Offensive gegen Polen.
Rotterdam, 27. Februar. (S C.i Die „Times" melden aus Warschau, an her gauzeu pol«,sche«
Grenze hat die Offensive der Roten Armee begonnen. Das rote Hanptquartier befindet sich hruter Brest-Lc- towsk. eine große alliierte Militärkommissiou ist am I Dienstag ans Paris über Deatschland nach WarsHast
ob geteilt.
i Die Voranssetzung für den Frieden mit Rußland.
w Rotterdam, 27. Februar. (S. 6.1 Nach einem ! Reuterbericht erklärte Ltond George im Unterlaufe, für England und Amerika sei der Friedenszunand mU Sowjetrutzland so lange nicht annehmbar, als bu Bob. I schewisten in ihrem Widerstand gegen eine aus aNgeinm- nen Wahlen hervorgegangene Volksvertretung mcht nachlafseu.
Beginn der Vernehmung der „Schuldigen".
►* Berlin, 27. F-ebruar. Der Oberreichsanwalt hat anqeordnet, daß die ersten 100 Beschnldiatcn bu^ b« zuständigen Landgerichte in ihrer veimar wnmmmex werben sollen. Die Verhandlungen sollen Anfang Mär»
beginnen. „
Deutsch-russische Gefa«ge«enverhaubtu»gem
w Berlin, 27. Februar. Die Reickszentralstelle Kriegs- uns ZiRlgefangene teilt mit: Die VeKand- lunaeit über die gegcnseitme Hcimschafsuna der Ses«« geucn mit den Vertretern der Sowietrepublik haben be« ' aomceli. Sie werden mit aller Beschleunigung gesuhrt, s» daß in Kürze mit der Untcrzeichnung des AbS«umc«S gerechnet werden kann. Indessen muß stets bernmiartar werk n, daß dir zu überwindenden tecksischen Sch-me» riakeitc» notb keine Bestimmung eines Kei.Minkies -n- lasten, ivann mit dem Abtrailsport der deustchrn Kriegs» gesungenen mit Sicherheit zu rechnen ist.
Der Vurbehalt L-dge^
Aus Washington wird gemeldet, ba« der vom SEt angenommene Vorbehalt des Senators Lodge sol^»« den Wortlaut hat: Die Voreiniaicn Staaten ^den fegende Aufsaffung über den Artikel 10 der.BotirrdMßM verfaffung: Im Falle eines Austritts aud bön Sä^iS bund bleiben die Bereinigten Staaten au»-^'chlaggeornse Richter über die Entscheid«««, ob von ihnen alle miev- nationalen Berpslichtungen und alle durch ben se^ ler Vertrag auserlegten Pflichten erfüL worden si»^ Der Anstrit! wird von einem glerchzenigen Brsitzt»H bethen Kammern vertttgt werd«. *