Hersfelder Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
B«zugspr«is vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für Äe Redaktion verantwortlich Franz Funk in Hersfeld.
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für den Kreis Hersfeld
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Nr. 131.
Dienstag, den 8. Juni
1916
Amtlich« Teil
Bekanntlnachllns.
Die Zinsscheine Reihe IV Nr. 1 bis 20 zu den Schuldverschreibungen der preußischen konsolidierten 3'/sprozentigen Staatsanleihe von 1886 über die Zinsen für die zehn Jahre vom 1. April 1916 bis 31. März 1926 nebst den Erneuerungsscheinen für die folgende Reihe werden
vom 1. März d. Js. ab ausgereicht und zwar durch die Kontrolle der Staatspapiere in Berlin SW 68, Oranienstraße 92/94, durch die Königliche Seehandlung (Preußische Staatsbank) in Berlin W 56, Markgrafenstraße 38, durch die Preußische Central-Genossenschafts-Kasse in Berlin C 2, am Zeughaus 2.
durch sämtliche preußischen Regierungs-Hauptkassen, Kreiskassen, Oberzollkassen, Zollkassen und hauptamtlich verwalteten Forstkassen, durch sämtliche Reichsbankhaupt- und Reichsbankstellen und sämtliche mit Kasseneinrichtung versehenen Reichsbanknebenstellen.
Vordrucke zu den Verzeichnissen, mit welchen die zur Abhebung der neuen Zinsscheinreihe berechtigenden Erneuerungsscheine (Anweisungen, Talons) den Ausreichungsstellen einzuliefern sind, werden von diesen unentgeltlich abgegeben.
Der Einreichung der Schuldverschreibungen bedarf es zur Erlangung der neuen Zinsscheine nur dann, wenn die Erneuerungsscheine abhanden gekommen sind. Berlin, den 21. Februar 1916.
Hauptverwaltung der Staatsschulden WWWWWWWWMMMMMMWWWWWW
Hersseld, den 26. Mai 1916.
Wird veröffentlicht.
Tqb. No. I. 5746. Der Landrat.
J. V.:
v. H e d e m a n n, Reg.-Assessor.
Bus der Heimat«
* (Ergebnis der Werbetätigkeit von Schülern und Schülerinnen für die vierte Kriegs an leihe.) Zwei Gebiete waren es, durch die die Schule zur vierten Kriegsanleihe in Beziehung gesetzt wurde. Einmal wurde das bewährte Verfahren der Schulkriegsanleihe, wie bei der zweiten und dritten Kriegsanleihe, von neuem erprobt. Während hierbei die Schüler aus ihren eigenen Ersparnissen, insbesondere mit solchen unter 100 Mark, Kriegsanleihe zeichneten und bedeutende Erfolge erzielten, sollten sie einmal auf einem anderen Gebiet noch Größeres leisten. Sie wurden aufgefordert, als Werber für die Kriegsanleihe besonders die Landbevölkerung auf- zusuchen und sie zur Zeichnung anzuregen. Dieses Verfahren war bereits bei der zweiten Kriegsanleihe von zwei Anstalten eingeführt und bei der dritten von sieben Schulen nachgeahmt worden. Für die vierte Kriegsanleihe ist eine umfangreiche Werbetätigkeit auf breitester Grundlage entfaltet worden. Dem entsprach auch der Erfolg. Nach den bei der statistischen Stelle eingegaugenen Meldungen haben sich 307 höhere Schulen für die männliche Jugend, 126 Lehrerseminare und 69 Lyzeen und Studienanstalten an der Werbung beteiligt und dadurch 34,5 bezw. 9 und 3,5 Millionen Mark Kriegsattleihezeichnuttgen bewirkt. Im Ganzen sind also dieser Werbetätigkeit der Schulen für die vierte Kriegsanleihe 47 Millionen Mark zu danken. Neben dieser Werbetätigkeit haben sich die Schulen auch wieder durch eigene Zeichnungen kleinerer Beträge au der Kriegsanleihe beteiligt. Das Ergebnis betrug bei der dritten Anleihe 30 Millionen Mk. Es dürste diesmal wohl übertroffen worden sein.
»(Keine Aufhebung der fleischlosen Tage.) Verschiedentlich war die Meldung verbreitet worden, daß die Aufhebung der fleischlosen Tage in Aussicht stehe. Demgegenüber erfährt ein Berliner Blatt, daß sich der Bundesrat, von dem die fleischlosen Tage fürs ganze Reich angeordnet worden sind, mit solchen Auf- hebnngsplänen nicht beschäftigt, da man in den amtlichen Reichsstellen der Ansicht ist, daß die Beibehaltung der fleischlosen Tage trotz der jetzigen Regelung der Fleischzuweisung verbrauchsvermindernd wirkt.
* (Die Schulen und der Krteg.) BomKultusminister ist eine Verfügung bezüglich der Beschaffenheit der Schulhefte erlassen worden. In dem Erlaß wird darauf hingewiesen, daß infolge der schwieriger zu beschaffenden Rohmaterialen die Schulhefte zu- weilen nichr ganz leimfcstes Papier haben, die Tinte dann leichter aus läuft und mehr durchschlägt als früher. Deratige Mitzstände waren bisher von Lehrern beanstandet und die Hefte den Papier
händlern zurückgegeben worden. Durch die an die Königliche Regierung gerichtete Verfügung sollen die Lehrer durch Schulleiter und Kreisschulinspektoren darauf aufmerksam gemacht werden, daß man während des Krieges auch mit weniger gut geleimten Papieren fürlieb nehmen und jeder feine Ansprüche im vaterländischen Interesse herbsetzen müsse. Der Minister spricht zum Schluß jdie Ueberzeugung aus, daß die Lehrerschaft den Umständen gern Rechnung tragen und durch Einwirkung auf die Schüler dazu beitragen wird, daß die Zurückweisung von Heften wegen schwachen Auslaufens und Durchschlagens der Tinte, soweit es angeht, unterbleibt.
* (Vereinfachung der Beköstignng.) W. T. B. meldet amtlich: Der Bundesrat beschloß in der Sitzung vom 31. Mai 1916 eine Verordnung zur Vereinfachung der Beköstigung. Danach dürfen in Gast-, Schank- und Speisewirtschaften zu einer Mahlzeit nicht mehr als zwei Fleichgerichte zur Auswahl gestellt werden. Zu einer Mahlzeit darf jedem Gaste nur ein Fleischgericht verabfolgt werden. Feste Spetsefolgen dürfen höchstens aus Suppe und zwei Gängen und dem Nachtisch bestehen. Auch sonst sind noch verschiedene Vereinfachungen vorgesehen. Die Verordnung tritt am 7. Juni in Kraft.
* Für die bevor st ehenden Erntezeiten sei den Landleuten das Zustandebringen von Arbeitsgemeinschaften empfohlen. Eine Beurlaubung der feldgrauen Landwirte in ähnlichem Umfange wie für die Frühjahrsbestellung kann für die Heu- usw. Ernte, auch für die Haupternte nicht erwartet werden.
* „Vision eines sterbenden Kriegers." Pulverdampf und Kampfgetümmel — „Zum Sturm Gewehr rechts — Hurra!" Den Deutschen ist der Sturmanlauf gelungen, mit blanker Waffe wurde der Feind von der beherrschenden Höhe vertrieben. Nun sucht er sein Heil in der Flucht, einige bemühen sich die zerfetzte Fahne zu retten, einer hebt flehend die Hände um sich zu ergeben. Vorwärts stürmt der wackere Mitstreiter gewesen. Der eine in den letzten Zügen, die Augen schon gebrochen, ein feindliches Bajonett ist ihm in die Seite gedrungen. Der andere, bereits mit dem eisernen Kreuze bedacht, das Bein vom feindlichen Geschoß zerschmettert, schleppt sich mühsam zu seinem Kameraden hinüber. Helfen will er ihm in treuer Freundschaft, er reißt ihm den Waffenrock auf, um nach der Wunde zu sehen. Linderung will er schaffen, waschen will er die Wunde, netzen die brennenden Lippen — aber o weh, beim Fall hat sich die Feldflache gelöst, dort drüben sieht er sie blinken. Wohl wühlt der Schmerz im zerschossenen Bein, wohl drohen die letzten Kräfte zu versiegen, um des Freundes willen kriecht er hinüber, kriecht zurück, beinahe schon ist er wieder bei ihm. Da plötzlich ein wunderbar seltsamer Seufzer des Sterbenden, der ihn innehalten läßt. Mühsam richtet er sich auf und blickt hinüber zu ihm, dem er Er- guickung zu bringen besorgt ist. Und in diesem Augenblick erlebt er eine wundersame Vision: blitzartig durchzuckt sein Hirn die Erinnerung an die kleine Dorfkirche daheim, über deren: schlichtem Altar sich ein großes holzgeschnitztes Kruzifix erhebt. Der Gekreuzigte dort und der Tote hier — welche Fülle von Beziehungen! Derselbe brechende Blick, dieselbe Neigung des Hauptes, dieselbe Haltung der Arme, dieselbe offene Wunde an der Seite! „Etner der Kriegs- knechte öffnete seine Seite mit etnem Speer und alsbald-lief Blut und Wasser heraus." Dem einfachen Landmann freilich kommt's nur dämmerhaft ins Bewußtsein, was seinem Freunde eben das Sterben so leicht gemacht hat, aber dunkel fühlte er doch das Beseligende eines Opfers, das einer großen gerechten Sache gebracht wird. Wie jener auf Golgatha sein Leben lassen mußte um Ungezählten geistiges Leben zu geben, so ist dieser Feldgraue gestorben um mitzu- helfen, daß Millionen Deutsche deutsch bleiben, deutsch leben, deutsch streben, deutsch denken, deutsch lieben können — Heil, Deutschland, dir! Die Vision des sterbenden Kriegers hat der Stift des Zeichners fest- gehalten. Herb ist das Kunstwerk, das der Münchener Graphiker Adolf Schinnerer geschaffen, herb und ge- dankentief. Tod und Kampfesbraus sprechen aus der bedeutungsvollen Steinzeichuung. Und doch, wer sich in diese seltsame Verbindung von Symbolismus und Realistik hineinlebt, der fühlt sich emporgehoben über den Wust des Alltags, gestärkt durch den Gedanken an die Ueberwindung des Todes, an die Unsterblichkeit des Edlen, Schönen, Guten. Wuchtig hat Schinnerer die beiden Sterbenden gestaltet, dazwischen überragend die Christusfigur, der das Kampfgetümmel einen schauerlichen Hintergrund verleiht. Das als Kriegsgedenkblatt für das 2. Jnf.-Regt. gestiftete Kunstwerk ist bei Pilotn & Loehle, München erschienen, das Erträgnis kommt deu Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern dieses Regiments zu Gute.
* Die israelitischen Pfingsten fallen dieses Jahres auf den 7. und 8. Juni.
) :( Hersfeld, 5. Mai (Einschränkung des
F a h r a b v e r e y r ».) Zur Schonung unserer Gummi
bestände ist auf Veranlassung des KriegsministeriumS im hiesigen ebenso wie in allen anderen Korpsbezirken folgender Befehl erlassen worden: „Jede Benutzung von Fahrrädern zu Vergnügungsfahrten (Spazierfahrten und Ausflügen), ferner zu Sportzwecken wird hiermit verboten. Fahrradrennen auf Rennbahnen dürfen stattfinden, wenn sie mit vorrätigen sogenannten Rennreifen «geschlossener Gummireifen ohne Luftschlauch) ausgeführt werden. Jede Zuwiderhandlung oder Aufforderung oder Anreizung zur Zuwiderhandlung wird, soweit nicht die Gesetze eine schwerere Strafe androhen, mit Geängnis bis zu einem Jahre und beim Vorliegen mildernder Umstände mit Haft oder mit Geldstrafe bis zu fünfzehnhundert Mark bestraft." Zu dieser Verfügung sind noch Ergänzungen zu erwarten, die wahrscheinlich gewisse Erleichterungen für Benutzung von Fahrrädern im Berufsleben enthalten werden.
Gaffel, 5. Juni. Karl Ernst Knodt, der hessische Waldpfarrer feiert morgen seinen 60. Geburtstag. In Knodt verehrt ein großer Kreis einen Lyriker von starkem religiösem Gefühl, der durch seine Werke beigetragen hat, seine Zeit und ihre Menschen zu ver- innerlichen.
Cassel, 5. Juni. Die Preisgestaltung auf dem Gewürzmarkt steht naturgemäß unter dem Einfluß der Kriegszeiten. So kostet Pfeffer jetzt etwa das Zehnfache des Friedenspreises, der 50 Mark der Zentner war. Heute zahlt man 450 Mark d. Ztr., im Kleinhandel 5 Mark das Pfund. Mit der Einschränkung des Fleischgenusses hat allerdings auch der Bedarf an Gewürzen nachgelassen. Die Moststrichfabrikation ist infolge der fehlenden Senfzufuhr aus Rußland und Indien sehr eingeschränkt. Man zahlt jetzt schon 80 Pfg. für das Pfund Mostrich. Wenn unser Heeresbedarf an Lorbeeren auch in Feindesland bestens gedeckt wird, so sind doch in unseren Küchen die Lorbeerblätter ein rares und teures Gewürz, da die italienische Zufuhr fehlt und unsere östereichisch-
Hann.-Münden, 2. Juni. Die Leiche des am 26. Mai ertrunkenen Knaben Albert Müller, Sohn des Seilers Müller, ist gestern in der Fulda nicht weit von der Unglücksstelle geborgen.
Marburg, 3. Juni. Zum Gedächtnis der gefallenen Angehörigen des hiesigen Jägerbataillons wurde auf dem Ehrenfriedhof in Billy-Berelau auf dem westlichen Kriegsschauplatz ein Gedenkstein mit der Inschrift: „Seinen gefallenen Helden! Kurhessisches Jägerbataillon Nr. 11" enthüllt. — Exzellenz Professor Dr. med. v. Behring ist anläßlich seines Rücktrittes vom Lehramt der Stern zum Königlichen Kronenorden 2. Klasse verliehen worden.
Homberg, 3. Juni. Seit 1. Juni haben unsere hiesigen Gastwirte zwei bierlose Tage, Montag und Freitag, eingeführt. Auf dem platten Lande gibt es, wie wir zuverlässig erfahren, mehr der bierlosen Tage,' mehrere dieser Wirte haben auch schnapsfreie Tage eingerichtet. Sicherlich wird hierdurch die Mäßigkeitssache sehr gefördert. Als Ersatz für diese alkoholfreien Tage hat man vielfach Apfelwein als Erfrischungsgetränk eingeführt.
Göttingeu, 5. Juni. Das städtische Elektrizitätswerk hat einen nenzeitlichen Staubsauge-Apparat beschafft, den es stundenweise vermietet. Fortschritt in Kriegszeiten.
Schmalkalden, 3. Juni. In den hiesigen Volksschulen ist der Unterrichtsbeginn von heute an auf früh 8 Uhr gelegt worden. In den Schulen sind, wie es heißt, infolge derSommerzeit zahlreicheBerspütungen vorgekommen. Das hat wohl zur Späterlegung des Schulbeginns geführt.
Gelnhausen, 2. Juni. Auf originelle Weise ging ein hiesiger Einwohner, dem oftmals Eier geitonlen wurden, zur Entdeckung des Diebes vor. Er legte eine Klingelleitung vom Stall nach der Wohnung. Schow nach wenigen Stunden schellte es. Als man den Stall betrat, war gerade ein Schulbube mit dem Einsammeln der Eier beschäftigt.
Hanau, 3. Juni. Der Führer unserer Hochseeflotte in der siegreichen Nordseeschlacht, Vizeadmiral Scheer, ist ein Hanauer Kind, der Sohn des vor etwa 10 Jahren gestorbenen langjährigen Oberlehrers und Pfarrers der Oberrealschule, Professor Dr. Scheer.
Renzendors Oberhefsen, 2. Juni. Ein auf Urlaub heimgekehrter Landsturmmann hatte als Andenken eine noch nicht benutzte Handgranate mitgebracht und sie unbeaufsichtigt auf dem Tische liegen lassen. Hier nahm sie der elfjährige Sohn fort und hantrrte mir ihr herum. Plötzlich explodierte die Handgranate und fügte dem Jungen schwere Verletzungen im Gesicht, an den Händen usw. zu. Trotzdem der Knabe sofort der Klinik in Gießen zugeführt wurde, besteht wenig Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten.