Hers Wer Tageblatt
Amtlicher Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich für Hersfeld 1.50 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei Hersfeld. Für die Redaktion verantwortlich Franz Funk in Helsfeld.
Herslelder
für den Kreis Hersfeld
KreisblaN
Der Anzeigenpreis beträgt für die einspaltige Zeile 10 Pfennig, im amtlichen Teile 20 Pfennig, Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird Rabatt gewährt. Erscheint jeden Werktag nachmittags.
Nr. 271.
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung, betreffend Beschlagnahme, Behandlung, Verwendung und Meldepflicht von rohen Häuten und Fellen.
Nachstehende Bekanntmachung wird auf Grund des Gesetzes über den Belagerungszustand vom 4. Juni 1851 bezw. auf Grund des Bayerischen Gesetzes über den Kriegszustand vom 5. November 1912 in Verbindung mit der Allerhöchsten Verordnung vom 31. Juli 1914 hiermit zur allgemeinen Kenntnis gebracht mit dem Bemerken, daß jede Zuwiderhandlung, soweit nicht nach den allgemeinen Strafgesetzen höhere Strafen verwirkt sind, nach § 6*) der Bekanntmachung über die Sicherstellung von Kriegsbedarf vom 24. Juni 1915 (Reichs-Gesetzbl. S. 357) oder nach § 5**) der Bekanntmachung über Borratserhebungen vom 2. Febr. 1915 jReichs-Gesetzbl. S. 54) bestraft wird.
§ 1-
Von der Bekanntmachung betroffene Gegenstände.
Von dieser Bekanntmachung werden betroffen:
a) alle Großviehhäute und Kalbfelle, die als vollständige Haut mindestens folgendes Gewicht haben: grün . ... 10 Kilogramm, salzfrei ... 9 „ trocken ... 4 „
b) das ganze aus militärischen Schlachtungen stammende Gefälle von Schlachttieren aller Art, e) das in den besetzten feindlichen Gebieten und den Etappen- und Operationsgebieten gewonnene Ge-
Autzland nach fünfzehn lltiegsmonalen.
Eine^lebeudige Schilderung der in Rußland herr- ichenden Stimmung und Zustände sendet der Petersburger Berichterstatter der „Daily Mail", Hamilton Fyse, «einem Blatte. Wenn man bedenkt, daß der Schreiber
Engländer und Berichlcritarter einer Lon- Eer Tageszeitung ist, gewinnen die Bilder aus dem Mt fünfzehn Monaten im Kriege stehenden russischen Reiche ein noch erhöhtes Interesse:
„Als ich vor einem Jahre nach Rußland kam, begegnete ich überall der besten Stimmung und allgemei- ner Siegeszuversicht. Man sprach davon, daß der Krieg in wenigen Monaten beendet werden würde. Seitdem haben wir hier viele böse Tage durchgemacht. Wir haben den Wechsel des Kriegsglücks in all seinem wilden Auf und Nieder beobachten können. Es gab viele Stunden, die verdunkelt waren von Angst und Sorge, und viel Trauer über die Nachrichten von Niederlagen. Hierbei muß man die charakteristische Eigenart des russischen Soldaten in Erwägung ziehen. Er hat nicht die geistige Schnelligkeit und Gelenkigkeit des französischen ,.Pvilu" und auch nicht den starren Zynismus des englischen „Tommy". Er hat seine engen, sehr fest umrissenen Grenzen. Er ist so allgemein und so vollkommen von der Führung abhängig, daß man in Rußland sagen kann: wie der Offizier, so seine Leute. Das oberste Kommando liegt nunmehr, nach mehrfachen Aenderungen und Neuorganisationen, in den Händen von vier Generälen. Der Abgang des Großfürsten hat gezeigt, daß dieser Mann nicht so unbedingt notwendig war, wie man gedacht hatte. Es wurden ihm, aus Gründen, die jetzt hier nicht mehr verstanden werden, von den Engländern herverragende Eigenschaften zugesprochen, die er in Wirklichkeit keineswegs besaß. Die Legenden, die über ihn in Umlauf waren, verdeckten und verbargen die Wahrheit. Die Russen vertrautem ihm, sie sagten: „Ein Mann, der so reich ist, hat es nicht nötig, unehrlich zu sein!" Sie dachten, daß er als Großfürst keine Unregelmäßigkeiten und Unterschleife unter den Generälen dulden würde.
Das Leben in den russischen Städten ist nickst gerade arm an Entbehrungen. Das allgemeine Kriegselend macht sich ziemlich stark fühlbar. In allen Stadtvierteln sieht man lange Linien von Leuten, die darauf warten, in die Geschäfte eingelassen zu werden, um das Aller- notwendigste zu erstehen. Jeden Tag erfahre ich, vaß man sich eine neue Einschränkung auserlegen muß. Vorige Woche handelte es sich um Fleisch: gestern war es der Zucker: morgen i st's die Butter. Im vorigen Monat herrschte starker Brotmangel. Vielen Hausfrauen war es unmöglich, Backwaren zu erlangen. Das Holz, das hier allgemein als Heizmaterial gilt, ist doppelt und öret- iach im Preise gestiegen. Alles ist spärlich und teuer geworden. Die kleinen Unannehmlichkeiten im täglichen Leben sind sehr zahlreich. Die Tageszeitungen sind teu= ker geworden: sie kosten sechs Kopeken, gegen uns Kopeken im Frieden. Die Papierindustrie ist beträchtlich kostspieliger geworden. Auch in vielen anderen Fndu- vriezweigen ist der Geschäftsgang gestört. Wegen des Laviennaugels muß man die gekauften Gegenstände uneingepackt aus den Geschäften nach Hanse tragen. Manchmal hilft man sich auch, indem man die Gegenstände in Taschentücher einschlägt. Der Wagenmangel ist empfindlich. Autooroschken und selbst fleirfHtmeiu Pferdedroschken sind nicht zu sehen. Alan muß sich mit offenen, in der Kälte nicht sehr angenehmen Karren und den elektrischen Straßenbahnen begnügen. Hub beide Beförderungsmittel sind gerade jeyt übersüllt. Um dem Mangel an Kleingeld zu steuern, werden Heine mar- kenartige Papierdrucke ausgegeben. Hierfür verwendet Man auch nicht gummierte Postmarken.
_ Aber die Russen lasten sich alles gefallen, solange das Bolksgemüt nicht aufgebracht wird. Dies wäre aber fast der Fäll gewesen, als die Tumaangelegenbeit aufgerollt wurde und viele „rot zu ichen" vegauuen. Es ging aber noch ant ab, und das Volk wird wohl ruhig
Freitag, deu 19. November
fälle von Schlachttieren aller Art und Pferden.
Inländisches Gefälle.,
§2.
Beschlagnahme des inländischen Gefälles.
Alle im § 1 unter a bezeichneten Häute und Felle aus dem Jnlande werden hiermit beschlagnahmt.
8-i.
Beräußerungserlaubnis.
Trotz der Beschlagnahme ist die Veräußerung und Lieferung inländischen Gefälles, soweit es nicht aus militärischenSchlachtungen stammt, in folgenden Fällen erlaubt:
a) von einem Schlächter***), der Mitglied einer Häute- verwertungs-Vereinigung (Innung) ist, an die Hänteverwertungs-Vereinigung (Innung) innerhalb einer Woche nach dem Fallen der Haut oder des Felles:
b) von einem Schlächter, der nicht Mitglied einer Häuteverwertungs-Vereinigung (Innung) ist, an einen Händler (Sammler) innerhalb 4 Wochen nach dem Fallen der Haut oder des Felles;
c) von einem Händler (Sammler), dessen monatlicher Umsatz 100 der Beschlagnahme unterliegende Häute und Felle übersteigt, an einen von der Kriegs- Rohstoff-Abteilung des Königlich Preußischen Kriegsministeriums zugelassenen Großhändlers):
d) von einem Händler (Sammler), dessen monatlicher Umsatz 100 der Beschlagnahme unterliegende Häute und Felle nicht übersteigt, an einen zugelassenen Großhändler oder einen anderenHändler(Samm ler);
e) von einer Häuteverwertungs-Vereinigung (In-
bleiben, nur darf es tn tenter Weise gereizt werden. Heute hegt man in Rußland keine Illusionen mehr über den Krieg. Man weiß, daß der Feind noch ausdauernd und mächtig ist."
Eaglauö u^aet.
Während unsere Kriegsrechnung gemacht war, als man uns zwang, das Schwert zu ziehen, fingen unsere Gegner erst an, zu rechnen, als sie sahen, daß sie sich tu uns verrechnet hatten. England glaubte, mit einigen kleinen Hilsstruppen und seinen silbernen Kugeln den ganzen Kriegstribut bezahlen zu können, und soll nun hunderttauseude auf hnnderttausende Truppen stellen, ohne daß es wagen darf, seinem Volke die allgemeine Wehrpflicht zu präsentieren. Und so rechnet und rechnet ganz England, wie es es wohl anstellen kann, mit blauem Auge aus der peinlichen Lage seiner Kriegsverrechnung herauszukommen. Natürlich fehlt es in England nicht all den rosenroten Rechtlern, die wie Kit- chener die Millionen aus der Erde stampfen, aber die Zahl der kühleren Rechner nimmt immer mehr zu, und das englische Volk fängt an, die ungünstige Bilanz seiner kühlen Berechnungen mit einem aus Resignalion und Wut gemischten Gefühl aufzunehmen. So beschäftigt sich jetzt der „9t ew Statesman" mit der Frage: „Wie groß kann das eriglische Heer sein?" Wohl verstanden „kann", nicht etwa a la Kitchener „muß".
Das Blatt meint: „Die Londoner City ist gewöhn- lich außerordentlich patriotisch, und es ist wohl anzu- nehmen, daß sie mit großer Mehrheit für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht stimmen würde. Gleichzeitig jedoch wird sie in immer stärkerem Grade bennruhigi durch die wachsenden täglichen Kosten des Krieges. Die leitenden Bankiers beginnen sich zu fragen, ob das Kabinett imstande ist, die ganze (prüfte des finanziellen Problems zu ermessen. ES gilt, sich klar darüber zu werden, daß es eine Grenze gibr, über die hinaus die Armee nicht vermehrt werden kann. Man hat z. B. festgestellt, daß — abgesehen von der ionüuien Versorgung der Armee — aus sechs Soldaten im Felde mindestens ein Munitionsarbeiter zu Hause kommen muß, wenn die Zufuhr der Munition nicht stocken soll. Wir wissen ferner jetzt aus amtlicher Euclle daß England nicht nur für seine eigenen Millionen, sondern auch für drei Millionen verbündeter Truppen die Munition herstellt, so daß für diesen Zweck eine weitere beträchtliche Zahl von Arbeitskräften in Abzug gebracht werden muß. Manche finanzielle Sachverständige zweifeln, ob es möglich fein wird, mehr als drei tUtilhoneu unter diesen Umständen ins Feld zu stellen. Es ist aber unbedingt nötig, daß eine solche Berechnung mit urößter Kenntnis und Geschicklichkeit angestellt wird. Turm Anleihen verteilt man die Last, aber vermindert sie nicht, und durch Ausfuhr von Gütern kann man allerdings Englands Einnahmen bedeutend ver mehren. Dies würde aber voraussetzen, daß auch alle für die Ausfuhr tätigen Arbeiter von der Rekrutierung ausgenommen werden. Es ist jedoch sehr die »Frage, ob dieser Gesichis- punft genügend berücksichtigt wird. Weiter läßt sich durch Einschränkung des Verbrauchs im Jnlande sie Zahl der Arbeiter verringern, die für den inländischen Verbrauch unentbehrlich sind. Möglich wäre dies jedoch nur durch eine außerordentlich scharfe Anziehung der Steuerschraube, so daß unter den nötigen Einjchrän- kungen und Abstufungen die Steuer bis zu 75 Prozent des Einkommens «süns.ehn Schilling auf das Pfund« ginge. Der Appell an die Sparsamkeit allein id;etnt außerordentlich geringen Erfolg zu haben."
„Alle diese Faktoren müssen aufs eindringlichste berücksichtigt werden, bevor man die Armee ms Un- ßcmeffene vermehrt. Vernachlässigt man diese genauen Untersuchungen, so wird die Folge zunächst ein gewaltiges Ansteigen aller Preise fein, ferner ein Sinken des Sterlingkurses «vielleicht auf 420 oder darunter in Amerika« und eine dauernde Goldaussuhr, die unsern eigenen Borrat auss empfindlichste vermindert und auch kaum dadurch wieder ersetzt werden könnte, daß man
1915
nung), die einem Verband von.Hüuteverwertunas- Vereinigungen angehört, an oder durch diesen Verband, andernfalls an einen zugelassenen Großhändler ;
f) von einem Verband von Häuteverwertungs-Ver- einigungen oder einem zugelassenen Großhändler an die Sammelstelle (8 4);
g) von der Sammelstelle an die Berteilungsstelle (8 4); h) von der Berteilungsstelle an eine Gerberei.
Diese Veräußerungen und Lieferungen sind nur erlaubt, wenn dem Abnehmer gleichzeitig eine Rechnung über die gelieferten Häute oder Felle übergeben wird.
Jede andere Art der Veräußerung oder Lieferung von beschlagnahmten Häuten oder Fellen ist verboten, insbesondere der Ankauf von Hauten oder Fellen durch die Gerbereien von einer anderen Stelle als der Verteilungsstelle.
8 4.
Sammelstelle und Berteilungsstelle.
Sammelstelle für beschlagnahmte Häute und Felle ist die Deutsche Rohhaut-Akttengesellschast, Berlin W 8, Behrenstr. 28.
Verteilungsstelle ist die Kriegsleder-Aktiengesellschaft, Berlin W. 8, Behrenstr. 46.
8 ö.
Behandlung der Häute und Felle.
Verboten ist jede Verfügung über die'beschlagnahmten Häute oder Felle, wenn nicht die folgenden Vorschriften beobachtet werden oder worden sind:
Fortsetzung auf der 4. Seite.
tu ocngtano ote Lranrmge gegen eherne t>eruiniern, wu dies in Preußen 1813 geschah. Das letzte Ende der Entwicklung würde sein, daß die Nation auf bestimmte Rationen über Nahrung gesetzt würde, und daß der Punkt bald in Sicht käme, an dem England außerstande wäre, den Krieg noch weiterzuführen."
Klingt das nicht bedeutend anders, als mau eS bei Kriegsausbruch von England zu hörert gewohnt war? Da hieß es, England könne den Krieg aushalten, jo- lange es wolle. Mit jedem neuen Kstiegsjahr würden sich die Gewinnchancen Englands steigern — üeure sieht dasselbe England sich schon in der Nähe des Punktes, an dem es außerstande sein wird, den Krieg noch weiterzuführen.
Sie Sackgasse.
Im Hänse der Lords sind an einem Tage gleich drei Redner, Lorebnrn, Courtney und Milner, als Wahr- Heitsfucher und Wahrheitsverkünder aufgetreten. Lord Loreburn war bis vor wenigen Jahren noch Lord- kanzler im Kabinett Asgnith, Lord Conrincu ist ein hochbetagter gleichfalls liberaler Völkerrechtslehrer, während Lord Milner, der ehemalige Oberkommissar für Südafrika zur Zeit des Burenkrieges der konservativen Richtung angehört. Die Erscheinnug, daß im Oberhanse von zwei Seiten (Loreburn und Courtney) so deutliche Friedenswünsche geäußert werden und die dritte 'lMil- ner« sich in scharfer Kritik gegen das Kabinett Asquith ergeht, ist neu und fast überraschend, darf uns aber nicht verführen, ihre Bedeutung zu überschätze«. Namentlich, was die »Friedensredner betrifft, werden wir ant tun, uns mehr an das zu Halter«, was Asguith und Balfour am Tag darauf in der Guildhall zur Stärkung des Vertrauend in den eigenen Willen der vierfach Verbündeten, zusammen zu stehen oder zu fallen, vorbrach- ten, waren es zum Teil auch nur alte Ladenhüter, wie die Beharlptung, daß das Kriegsziel Englands sei, den kleineren Staaten Europas die Unabhängigkeit -u sichern.
Lord Milner tadelte vor allem die leeren Versprechungen, die Sir Edward Grey den Belkanstaatcri machte, sowie seinen Mangel an Voraussicht und an Entschlußkraft. Das beunruhigendste sei, daß die starken Atänner aus dem .Koalitiouskab^nett ausgeschiedeii seien, Carton ganz, K itchener wenigstens zeitweilig. Ueber Paris und Rom, dort um ntit dem eben erst aus London zurückgekehrten Jofsre zu beraten, hier um die Werbungen um Italiens Hilfe fortzuseyen, reift Ku- chener nach dem Balkan, und wenn er wiederkehrt, ist ungewiß. Inzwischen wird der Premierminister Asquith selbst die Kriegsangelegenheiten in England übernehmen. In der Mahnung einiger liberaler Greise zur Selbsteinkehr auf der einen Seite, in der scharfen Kritik der Balkanpolitik aus der anderen Seite, offenbart sich eine Unruhe und Zerfahrenheit, die noch 'erstarkt wird durch die Bildung eines Fünfmännerkolleginms als obersten Kriegsrats und die angesichts der verschlechterten .Kriegslage noch immer ungenügenden Ergebnisse des Terbyschen Werbesusteins. Die immer dringlicher gewordene Frage der Einführung des Dienstzwangs wird dem Liberalismus in England vollends den Rest geben.
Lord Loreburn sprach von einer Sackgasse, die darin bestehen soll, daß die Verwüstungen des Krieges fort- dauern, aber niemand ein (Sude machen wolle. Das kann nur heißen, daß der Lord nicht mehr ntit einem Siege Englands rechnet. Ein Asquith, Grey und Kitchener haben diese Erkenntnis der wahren Lage nicht oder wollen sie wenigstens nicht eingestehen. Damit ist der einzig mögliche Ausweg, nämlich die Umkehr, noch verschlossen. Was aber jetzt schon gewiß ist, das ist, daß das seit zwölf Fahren herrschende, mit der Schiltd der Einkreisungspolitik nnd der schweren Mitschuld am Kriege beladene liberale Regiment in der Sackgaffe zu (Grunde «eben wird.