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Ein englischer Bericht über den letzten Zeppelinangriff.

Dientet meldet aus London: Das Pressebureau ver­öffentlicht eine Beschreibung des Schadens, der durch den letzten Zeppelinangriff verursacht wurde. Der Be­richt stammt von einem Beamten des Ministeriums des gnnern. Zunächst sagt der Verfasser, daß wegen der unkelheit und der Höhe, in der sich die Luftschiffe be­wegten, die Zeppeline nicht imstande waren, die wich­tigsten Punkte genau zu erkennen. Auch habe das Bom­bardement bei der Bevölkerung Londons keine Panik hervorgerufen. Der von den deutschen Luftschiffen an- gerichtete Schaden verteilt sich über fünf verschiedene Bezirke. In dem ersten Bezirk findet man fast nur Ge­schäftshäuser, die Straßen sind hier sehr breit. Von den hier abgeworfenen Bomben fielen vier auf Die Straße, die fünfte auf eilt Wohnhaus, wo sich eine An­zahl Menschen befand. Eine Bombe durchbohrte einen Tunnel für Gas- und-Wasserleitungen: es entstand ein Brand, der, obwohl er nicht weit um sich griff, mehrere Stunden dauerte. Diese Bombe verursachte viel scha­den: zahlreiche Gebäude wurden vernichtet, viele Spie­gel- und Fensterscheiben zerbrachen in weitem Umkreise. Auch wurden hier eine Anzahl Personen getötet, die auf die Straße gelaufen oder in Wohnzimmern geblie­ben waren. In dem zweiten Bezirk flog eine Brisanz- bombe auf einen Wohnhänserblock. Verschiedene Zim­mer und Etagen wurden gänzlich vernichtet. Eine an­dere Bombe fiel auf einen Häuserblock und verwüstete die ganzen ersten Stockwerke. In diesem Viertel wa­ren keine Verluste an Menschenleben zn verzeichnen, doch sind viele nur mit genauer Not dem Tode ent- kommen. In einem dritten Bezirk wurden zwei Bn- reangebLude, darunter ein ganz neues, das zudem in Beton gebaut war, vernichtet. Die Fensterscheiben und die Stukkatur der gegenüberliegenden Häuser gingen dabei in Trümmer. Eine andere Bombe fiel auf das Dach eines kleinen Hotels: drei Etagen wurden voll­ständig vernichtet. Da alle Menschen geflüchtet waren, waren keine Opfer zu beklagen. In dem vierten Be­zirk, der Vorstadt Jngelatz, wurden viel mehr Bomben abgeworfen, die Schaden an kleinen Geschäfts- und Privathäusern anrichteten. Ein Häuserblock wurde durch die Explosion einer einzigen Bombe vernichtet. Der fünfte Bezirk, der bombardiert wurde, liegt iu ei- uer Vorstadt, wo es weder Fabriken, Geschäftshäuser, Lagerhäuser, Verteidigungswerke noch militärische Ein­richtungen gibt. Aus irgendeinem Grunde wurde hier eine große Anzahl Bomben geworfen. Sie scheinen nach der Methode gefallen zu sein, die jüngst durch einen Zeppelinkommandanten als Zeppelin-Schnellfeuer be­zeichnet wurde. Die Beschießuug dauerte hier nur ein bis zwei Minuten. Fünf Bomben fielen in einem Ab- stand von 60 Metern, davon drei allein in einen kleinen Garten. Nur drei Häuser wurden getroffen.

Dieser amtliche englische Bericht soll selbstverstänö- lich nicht zur Aufklärung, sondern zur Verschleierung der Schäden dienen, die der letzte Zeppelinangriff in London angerichtet hat.

Die grötzte Schlacht der Weltgeschichte."

Der von unserer Obersten Heeresleitung veröffent­lichte Geheimbefehl des französischen Oberbefehlshabers Joffre spricht vonder allgemeinen Schlacht" und meint damit die Gesamtheit der großen Offensive,, die im Sep­tember gegen unsere Stellungen begann und noch an- dauert, ohne das von den Mächten des Bierverbands so sicher und sehnsüchtig erwartete Erge nis gehabt zu haben. Vor: den Regimentskommandeuren sollten ihren Verbänden die Zahlen bekanntgegeben, welche die Summe der eingesetzten Kräfte kennzeichnen. 36 Di­visionen unter General Castelnau, 18 unter General Foch. 13 englische Divisionen und 15 Kavalleriedivisionen mit 2000 schweren und 3000 Feldgeschützen sollten an dem Stoß teilnehmen, während hinter ihnen 12 Infanterie­divisionen und die belgische Armee zur Verfügung be­reit standen. Rechnet man mit den etatmäßigen Stärken, was zulässig ist, weil die Franzosen und Engländer ihre Verbände aufgefüllt hatten, so ergben sich bei 12000 Ge­wehren für eine Division 420 000 Mann in der Cham- pagne, 216 000 Mann bei Arras, und 156 000 Mann auf der englischen Front als Truppen erster Linie ohne die Reiter. 144 000 Mann und die blgische Armee, die man mit 30 000 Köpfe beziffern kann, waren dann noch zur Verwendung bereit.

Es i stnoch nicht möglich zu sagen, wie viel deutsche Truppen diesen Stoß auszuhalten hatten, jedenfalls wa= reu sie überall in der Minderzahl. Trotzdem waren sie imstande, den geplanten Durchbruch zu verhindern, als nach tagelange mFeuer schwerer nnd schwerster .Kaliber mit unerhörten Mengen von Munition Welle auf Welle gegen si eheranrollte. Immer aufs neue wurden frische Kräfte an die Stelle der zusammengeschossenen fran- zösischen Verbände gestellt, immer wieder begann der Geschotzhagel des Trommelfeuers, und schließlich sind wenige Kilometer auf einem schmalen Streifen der gan­zen Front der Gewinn, der mit dem Opfer von vielen Zehntaufenden erkauft wurde.

Nach einer solchen Leistung unserer tapferen Truppen kann man versthen, daß unsere Oberste Heeresletung es unternahm, im gleichen Augenblick mit der Offensive der Engländer und Franzosen noch den Einmarsch in Ser­bien zu beginnen, ohne sich durch den gewaltgien Stoß in ihren Anordnungen stören zu lassen. Nimmt man die Front in der Champagne auf 35 Kilometer an aus der Gegend von Prosnes bis Ville-sur-Tourbe, so kommt auf den Kilometer eine Division, auf den laufenden Meter also 12 Mann. Da es sich aber nicht um eine ununterbrochene Linie handelt, sondern größere und kleinere Lücken sich durch die Geländestellung ergeben, und schließlich der Kampf sich auf einzelne Punkte zu- sammendrängte, wächst dort die Zahl der auf den Meter eingesetzten Mannschaften noch bedeutend. Außerdem tritt, wie gesagt, noch die Artillerievorbereitung des Jn- fanteriesturmes noch hinzu. Unser Berichterstatter mel­dete, so entnehmen wir derKöln. Ztg.", daß auf der eigentlichen Kampffront von 25 Kilometer in der Stunde rund 900 000 Geschosse niedergegangen sind, sie war also mit Eisen wirklich gepflastert. In den letzten Tagen war eine gewisse Ruhe eingetreten, die Zähigkeit unserer Truppen konnte sie ausnutzen, um ihre Stellungen an verschiedenen Stellen durch Wegnahme feindlicher Grä­ben auszubessern. Jedenfalls ist die größte Schlacht der Weltgeschichte, wie ein englischer Führer sie in richtiger Voraussicht nannte, zu einem völligen Stillstand der allgemeinen Offensive geworden. Ob die Franzosen und Engländer si enoch einmal mit solcher Wucht wiederholen können, steht dahin.

ßtiegsalletteL

Unsere Tauchboote im Mittelweer.

. DerTemps" melbet aus Marseille: Der Post- dampferEugene Pereira" ist am vergangenen Sonn­abend in Marseille mit den Ueberlebenden des Post­dampfersAdmiral Hamelin" an Bord eingetroffen, der kürzlich von einem deutschen Uboot im Mittelmeer ver- ^rut wurde. Fünfzig Personen kamen dabei ums Leben, etwa LrLißia wurden vrrlLtzt.

Die Flucht in Serbien.

Die PariserInformation" meldet and Athen: Es wird Hier bestätigt, daß der Staatsschatz der serbischen Nationalbank und die serbischen Staatsarchive nach Mo- nastir gebracht worden sind.

Vermischtes.

Höchstpreise für Butter in Berlin und Vrandenbnrg. Das WTB. verbreitet amtlich eine Befauntma-hunn des Oberbefehlshabers in den Marken, v. Kessel, in der es u. a. heißt: Auf Grund des 8 4 des Gesetzes über den Belagerungszustand vorn 4. Juli 1851 im Zusammen­hänge mit dem Reichsgesetz vom 4. August 1914 lReichs- gesetzblatt Seite 339) bestimme ich für das Gebiet der Stadt Berliu und der Provinz Brandenbnrg: Im Kleinverkauf darf der Preis für Butter den Betrag von 2 Mark und 80 Pfennig für das Pfund nicht über­schreiten. Dieser Preis gilt nur für beste Ware: für ge­ringere Ware ist der Preis entsprechend niedriger zn be­messen. Diese Vorschrift tritt sofort in Kraft, und gilt zunächst bis zum 31. Oktober 1915 einschließlich. Ueber» schreitungen des festgesetzten Höchstpreises werden gemäß § 4 des Reichsgefetzes vom 4. August 1914 mit Geld­strafe bis zu 3000 Mark, oder mit Gefängnis bis an 6 Monaten bestraft.

Weitere Butterhöchstpreise. Das Gouvernement Sölu hat angeordnet, daß im Stadtbezirk Cöln der Preis für ein Pfund Butter (beste Süßrahmbutter) im Klein­handel nicht 2,80 .//. überfteigen darf. Zuwiderhandelnde werden mit Geldstrafen bis zu 10 000 X Gefängnis­strafen bis zn einem Jahre und eventuell Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte bedroht. Der stellver­tretende Kommandierende General des 9. Armeekorps fetzte bis auf weiteres den Höchstpreis für Bittter bester Qualität auf 2,60 ,/Z das Pfund fest. Die Bestimmung gilt für die Städte Hamburg, Lübeck, Altoua und Wanösbek.

Empörende Behandlung von Gefangenen in Italien. Das WienerFremdenblatt" veröffentlicht auf Grund von Protokollen, die mit mehreren aus mehr­monatiger italienischer Gefangenschaft in ihre stiften» ländische Heimat zurückgekehrten Arbeitern aufgenom- men worden sind, eine Schilderung empörender Vor­gänge, die sich zu Beginn des Feldzuges an der küsten- ländischen Grenze abgespielt haben. Am 4. Juni be­setzten italienische Truppen die Ortschaften Amast und Kamno der Gemeinde Libusius bei Karfreit. Alle wehr­pflichtigen Männer wurden festgeuommen und in bar­barischer Weise über die Grenze abgeführt. Der Weg, den die Unglücklichen durch halb Italien zu uracheu hatten, gestaltete sich zu einem Leidenswege im wahrsten Sinne des Wortes. Die ihnen zuteil gewordene Be­handlung spricht jedem Begriff von Völkerrecht und Zi­vilisation Hohn. Ein höherer Offizier ließ den Trans­port in einem Gliede aufstellen und ganz ohne Ursache, ohne Erklärung und Verhör jeden zehnten Mann er­schießen. Die bedauernswerten Opfer werden in dem Protokoll mit Namen angeführt. In Karfreit auge- langt, zwang man die noch Ueberlebenhen, die nächste Nacht im Gefängnis mit der Leiche eines Leidengefähr­ten, der von den Soldaten buchstäblich totgeschlagen wor­den war, zuzubringen. Der Transport wurde nach Sardinien gebracht, von wo man alle nicht Wehrpflichtigen über die Schweiz in ihre Heimat entließ. Solche Dinge, schließt dasFremdeublatt" sind mitten in Suropa ge­schehen bei einem Volke, das den Anspruch erhebt, zn den Knlturnationen der Welt gezählt zu werden. ^Nit Entrüstung und Abscheu wendet sich die ganze zivilisierte Welt von solchen Greueln ab, wie mau sie noch höchstens aus den blutigen Kriegen mit Wilden und halbwilden Völker kennt, und voll Grauen und Ekel blickt sie auf ihre unmittelbaren und mittelbaren Urheber.

Englands schwere Stunde.

Als der Krieg ausbrach, behauptete England, es werde ihn leicht gewinnen, da es Die größere Anzahlsil­berner Äugeln" zu verschießen habe als irgend einer seiner Gegner.Die letzte Milliarde wird über den Krieg entscheiden", meinte der führende englische Staats­mann. Im 15. Monat des Krieges mußte England einen Pump in Amerika auslegen, zu Bedingungen, die einer verlorenen Schlacht gleichkommen. Doch die Gold­decke reichte immer noch nicht, und die Furcht wird immer größer und größer, Daß sich die letzte Milliarde in anderer Hand finden wird als in der Englands. In seiner Auf- sehen erregenden Erklärung sagte Finanzminister Mon- tagu im Unterhause:Nur wenige scheinen die Finanz- last des Krieges zu keimen. Das diesjährige Defizit wird auf 1285, das nächste auf 1438 Millionen Pfund Sterling geschätzt. Die Kriegskosten müssen durch Steu­ern und Anleihen gedeckt werden. Jeder Bürger muß bereit sein, mindestens das halbe Einkommen für Steu­ern und Entleiben dem Staate zur Berfügung zu stellen, wenn England imstande sein soll, den Krieg für sich und die Alliierten zu finanzieren. Das ganze Volk muß seine gesamte Lebensführung ändern."

Das klingt schon anders als die frivole Erklärung Greys vor wenig mehr als einem Jahre, daß England kaum mehr leiden werde, ob es nun neutral bleibe oder am Kriege teilnehme. Der englische Bürger soll in drohender Zwangsanleihe sein halbes Einkommen her­geben und das englische Volk seinegesamte Lebens­führung" ändern, wenn Albion den Krieg weiter zu finanzieren" imstande sein soll. Es fragt sich doch sehr, ob das Volk bereit ist, diese Opfer zu bringen. Sein Wi­derstand gegen die allgemeine Wehrpflicht entspringt doch letzten Endes auch nur der Abneigung, mit gewissen Le- bensgewohnheiten zu brechen. Vor allem aber ist kaum darauf zu rechnen, daß die englischen Bürger bereit sind, ihr halbes Sinfommen in einUnternehmen zu stecken, dessen schlechter Stand schon durch die abweiseude Hal­tung des amerikanischen Geldmarktes genügend gekenn­zeichnet wurde." . .

Als England glaubte, der Krieg werde ein gutes Geschäft für seine Söhne abgeben, war es mit Begeiste­rung dabei: wenn sich jetzt aber immer mehr heraus- stellt, daß das Gegenteil der Fall sein wird, schwindet die Begeisterung wie Butter an der Sonne. Die silbernen Kugeln werden matter und matter fliegen, und die Be­hauptungsaufstellung von der letzten Milliarde wird sich als eine erweisen, die nicht zugunsten beiseit gemacht ist, der sie zuerst aufstellte. Silberne Kugeln haben nur dann ihre große Wirkung, wenn sie von der Wucht der Waffen getragen werden. Auch dürfen sie nicht gegossen werden aus dem Silber, von dem der Engländer zu spei­sen das Borrecht vor allen Völkern zu haben glaubte. Dann wird er einsehen, daß er sich verrechnet hat, und die weitere Gefolgschaft verweigern So wars, als die Notwendigkeit an ihn herantrat, statt Gutzoll,auch Blut­zoll für den Krieg zu zahlen, und so wird es sein, da der Gutzoll von dem gezahlt werden muß, was der Englän­der alsenglische Lebensführung" betrachtet Es wird ihm nicht möglich sein, darauf zu verzichten, da er nach Parvenuart, im Gegensatz zu uns Deutschen, den Aen-

englischen Bürger bereit sind,

Parvenüart, im Gegemaß zu uns Deutschen, den Aen- ßerlichkeiten der Lebensführung eine fast kulturelle, na­tionale Bedeutung beimißt. .

Auch wir Deutschen haben unendliche Opfer für die­sen uns aufgedrungenen Kviea gebracht. Wir haben in Tat. aletch bei Krieasanbruch. unsere gesamte Le-

bendführuna geändert und sie ganz allein auf die groM Aufgabe gestellt, die und die Geschichte übe raub. Wir wußten, es geht für uns um ein Sein ober Nichtsein. Dieser Gedanke lag den Engländern ganz fern, als sie uns den Krieg erklärten. Sie wollten neue Reichtümer aus dem Weltbraude ergattern, hatten also ihr ganzes Denken auf großen Gewinn nnd leichte Opfer gestellt: Opfer, die sie auch noch mehr als christlich mit ihren Ver­bündeten und farbigen Hilfstruppen zn teilen gewillt waren. Jetzt hat sich das Blatt gewendet, die Aussichteu auf Gewinn schwinden, nnd die Forderungen der Opfer mehren sich ins Riesengroße. Jetzt erst muß der Krieg für England das werden, was er für und von Anbeginn war, eine Aufgabe, der jeder Bürger sein letztes zu wei­hen bereit ist. Da England auf diese letzte Bereitschaft, im Gegensatz zn uns, nicht von vornherein eingestellt war, wird es ihm unmöglich sein, zu ihr den rechten Standpunkt zu finden. Der Engländer hatteedacht, die silbernen Kugeln, mit denen er den Krieg gemimten müsse, würden and den Reichtümern Indiens, aus Ka­rtadas, Australiens und Südafrikas Schätzeit gegossen werden, von wo er ja auch die Hauptbllltaltsfuhr erwar­tete: jetzt sollen seine Söhne selbst bluten, jetzt sollen die silbernen Äugeln gegossen werden, aus den Schüsseln, in denen dem seebeherrschelidelt Ueberbriten seine üppigen Herrerunahlzeitelt serviert wurden da wird seine Ste- geszitverficht einen gewaltigen Stoß erhalten. Der Hoff- mtugdlofe Ernst wird ihm dadurch fast näher gebracht sein als durch seine und seiner Verbündeten Niederlagen.

Die silbernen Äugeln aber hatte der Brite wohl nie nötiger als jetzt, da über den Balkan weg die Tritte feindlicher Bataillone nach Aegoptelt zn vernommen wer­den, und dadurch selbst Indien dem Kriegsschauplätze näher gerückt wird. Als die grüne Fahne des Heiligen Krieges vom Sultan entfaltet wurde, horchten 300 Milli­onen Mohammedaner auf. Ihre Ohren werden schärfer und schärfer werden, je schwächer Albions Tvrannenarm wird. So ist die Zeit gekommen, da sich fast mechanisch die Kräfte vermindern, auf die sich England stützte, und die Kräfte vermehren, die dasselbe England zerschlnet- tert zu haben glaubte oder au zerschmettern bereit war.

Der Abendslern.

DerKölnischen Volkszettung" ist die nachfolgende ergreifende Schilderung entnommen:

Der Krieg zog über die Lande, Menschen und allen» schenglück zerstörend, Dörfer und Städte eilmschernd. Besotlders die blühenden Gefilde Flanderns, nahe dem Meere, hat er nicht verschont, wo der wolkenlose Nacht­himmel, die Sterne so deutlich und klar hervortreten, besonders er, den Wagners Wolfram so innig besingt, der holde Abendstern. Was tümmertd ihn, daß die Ka­nonen dröhnen und die Mertzchen sich in furchtbarem Verntchtungsdrang gegeuüberfteben! Wie mitleidig, friedenverheißend blickt er so manchen Kameraden an, dessen Herz beklounnen ist, der vielleicht in Todesnot sehnsüchtigen Blickes an ihm hinauf schaut!

Friedlich liegen wir im Kreise im weichen Grase. Langsam senkt sich die Dämmerung hernieder und schafft einen Sternenhinimel, der manchen Blick nach anfwärtd lockt. Vereinzelt fallen Sternschnuppen, tu großem Bo­gen verlöschend nieder, so jäh, wie mancher Wackere, von einer Kugel getroffen, plötzlich darniedersinkt.

Etwas weiter enfernt steht ein von KameradZtm- mermann" aus Stämmen junger Tannen kunstvoll er­bauter Musiktempel. Dort spielt unsere Kapelle fröh­liche nnd ernste Weisen. Jeder der Musiker hat sein No­tenpult vor sich und Darauf eine Kerze. Ganz nahe sind wir dem Feinde, bet günstigem Winde kann er deut­lich unsere Musik hören. Was schadet es? Mag auch in einer Entfernung von 300 Metern eine Granate etnschlagen, sie vertreibt uns nicht, hat vielleicht uns ntchi einmal gegolten. Wir liegen ja so friedlich beisammen, plaudern vom Graben und von der Heimat, und die Musik wirkt ihren wundersamen Zauber.

Jetzt klingt sie besonders friedlich, das Herz möchte überitromcu vor heißer Freude. Bekannte aöuc erklin­gen, Bilder und Srimterintgen der Jugend werden le­bendig. So nahe dem Tosen der Schlacht, tönt es Deut« ließ daher: Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen. Wagners Pilgerchor aus demTanllhänser< Das Herz jubelt laut. Und jetzt die Hymne an ihn, den wir alle kennen, der so freundlich und mild herniederblickt, dem wir oft so wehmütig nachschanten, und der jetzt mit Ruhe und Frieden Sinne und Herz so wohltuend säns- tigt: O, du mein golduer Abendstern!

Wieder ein Abelid mit prachtvollem Sternenhinimel und besonders hell strahlend der Abendstern. Im Helm und geputztem Anzug stehen lange Reihen leise flüstern­der Kameraden. Keiner wagt laut zn reden oder gar zu scherzen. Ernst schreitet der Divisionspfarrer Durch Die Reihen. Er geht auf ein Haus zu, wo sich bet seinem Erscheinen ein breites Tor öffnet. Und nun ein ergrei­fendes Bild: Sechs ÄameraDeit tragen auf ihren Schul­tern einen aus einfachen, weißen Brettern gezimmer­ten Sarg. Daraus liegt ein mächtiger K ranz, von treuen Freunden gewunden aus großen Eichenblättern und Diirdülochtcn mit Kornblumen. Es war das beste, was zu finden war. So schlich alles und doch so mächtig er­greifend Durch seine Einfachheit! Jetzt setzt sich der Zug in Bewegung. Tranerweisen spielend folgt zullächst Dem Sarg die Musik. Tief graben sich Die Klänge in die Seele: Wie sie so sanft ruhen, alle die Seligen! Dann folgen in langen Zügen die Kameraden: wortlos, den Blick gesenkt.

Kurz ist Der Weg zum Friedhof. Sein Eingangstor schmückt ein aus Holz geschnitztes Eisernes Kreuz, das kameradschaftliche Liebe den Gefallenen errichtet hat. Um den Zaun ranken frische junge Gewächse, und davor stehen kleine Bäumcbcn. Blumen und Grün zieren je­des Grab mit dem schlichten Holzkreuz, das Namen, Ge- burtsvrt, und Sterbedatum des Beerdigten angibt.

Lautlos umstehen wir Soldaten den frischen Erd­aufwurf. Larrgsam gleitet der Sarg nieder. Der Prie­ster spricht segnende Worte und die Musik intoniert: ..O, Haupt voll Blut und Wunden." Da riefelte einem jeden durch den Körper, und mancher zerdrückt eine Träne im y(uge. In Der Ferne grollt Kanonendonner, nnd am Himmel flackern in wunderbarem Scheine nn- zählige Sterne. Und wieder gerade über uns, aus allen n r-uragend, der Abendstern.__

Weitere Drahtnachrichten«

Heftiger Wahlkampf in Südafrika.

w= London, 19. Oktober. iWTB.) DieTimes" melden aus Kapstadt: Die Aufreaungeu des Wahl- kampfes sind bis zur Fieberhitze gestiegen. Nur 8 von 130 Sitzen sind unbestritten. Die alte afrikanische Partei ist völlig gespalten. Die nationalistischen Redner und Zeitungen führen mit äußerster Bosheit den Wahlkampf, der kaum minder england- wie bothafrenndlich ist. Die Engländer rechnen auf die Stimmen der Neger.

London, 19. Oktober. lWTB.) Neurer meldet aus Bloemfontein: Es laufen Gerüchte über böse Zwt, schenfälle bei den Wahlkämpfen ein. Ein ernstlicher Ära« wall entstand bei einer Versammlung der Nationalisten in Bethuli. Hierbei wurden eine Anzahl Personen er­heblich verwundet.